Integration und Einbürgerung: Warum sich Geflüchtete in Deutschland weniger willkommen fühlen – aktuelle Zahlen, Herausforderungen und Chancen

Zehn Jahre nach Merkels „Wir schaffen das“ fühlen sich laut aktuellen DIW-Studien viele Geflüchtete in Deutschland weniger willkommen und berichten vor allem bei der Wohnungs- und Arbeitssuche von Diskriminierung. Dennoch streben fast alle zwischen 2013 und 2019 Angekommenen eine Einbürgerung an, was sich in einem Anstieg der Einbürgerungsquote von 2,1 % (2021) auf 7,5 % (2023) und einer Antragsquote von 25,7 % widerspiegelt. Die Entwicklungschancen ihrer in Deutschland geborenen Kinder hängen der Studie zufolge weniger von der Fluchterfahrung als von sozialen Bedingungen wie Bildung und psychischer Gesundheit der Mütter ab. Geplante Reformen verkürzen zwar die Aufenthaltszeit für Einbürgerungen, erhöhen aber die wirtschaftlichen Voraussetzungen und könnten besonders vulnerable Gruppen von einer vollen Teilhabe ausschließen.
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– Sinkendes Willkommensgefühl, stärker wahrgenommene Fremdenfeindlichkeit unter Geflüchteten in Deutschland
– 98 % der Geflüchteten von 2013–2019 streben Einbürgerung an, Reformen erschweren vulnerable Gruppen
– Entwicklungschancen geflüchteter Kinder hängen von sozialen Bedingungen, nicht Fluchterfahrung der Mütter ab

Zehn Jahre nach „Wir schaffen das“: Geflüchtete fühlen sich weniger willkommen, doch Einbürgerung bleibt ein klarer Wunsch

Zehn Jahre nach dem historischen Satz „Wir schaffen das“ von Angela Merkel zeigt sich eine ambivalente Stimmung unter Geflüchteten in Deutschland. Das Willkommensgefühl ist seit 2018 deutlich gesunken, während Ängste vor Fremdenfeindlichkeit gestiegen sind. Drei aktuelle Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), die Geflüchtete untersuchten, die zwischen 2013 und 2019 nach Deutschland kamen, offenbaren eine besorgniserregende Entwicklung: Diskriminierung auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt ist für viele zur spürbaren Alltagserfahrung geworden. So berichten etwa drei von zehn Geflüchteten bei der Wohnungssuche von Benachteiligungen – vor allem wegen ethnischer Herkunft, Religion oder äußerlicher Merkmale. Besonders Geflüchtete Männer nehmen diese Diskriminierung in Ostdeutschland stärker wahr als in Westdeutschland. Studienautorin Ellen Heidinger fasst zusammen: „Wahrgenommene Diskriminierung ist für Geflüchtete kein Einzelfall – besonders bei der Wohnungssuche. Das gefährdet nicht nur ihre Integration, sondern auch das gesellschaftliche Miteinander.“

Trotz dieser Herausforderungen ist die Bereitschaft zur Einbürgerung auffallend hoch. Nahezu alle Befragten, die in diesem Zeitraum nach Deutschland gekommen sind, streben eine deutsche Staatsangehörigkeit an. Der Anteil der Eingebürgerten stieg von 2,1 Prozent im Jahr 2021 auf 7,5 Prozent im Jahr 2023, während die Einbürgerungsanträge sich auf über ein Viertel (25,7 Prozent) verdreifachten und weitere 65,4 Prozent eine Einbürgerung planen. Nur etwa zwei Prozent wollen diesen Schritt nicht gehen. Doch das geplante Staatsangehörigkeitsrechtsreformpaket für 2024 bringt eine gemischte Bilanz mit sich: Zwar wird die Aufenthaltsdauer bis zur Einbürgerung verkürzt, gleichzeitig werden aber die Anforderungen an die wirtschaftliche Selbstständigkeit verschärft. Besonders vulnerable Gruppen, wie Alleinerziehende oder weniger Qualifizierte, könnten dadurch ausgebremst werden. Jörg Hartmann, Studienautor, warnt: „Die Einbürgerung ist ein zentraler Schritt zur gesellschaftlichen Teilhabe. Doch die Reform droht gerade jene auszuschließen, die am meisten davon profitieren würden. Das verschenkt wertvolle Integrationschancen.“

Ein weiterer zentraler Befund der DIW-Studien betrifft die in Deutschland geborenen Kinder von Geflüchteten. Diese zeigen bei der Geburt keine Unterschiede zu Kindern anderer Bevölkerungsgruppen – weder beim Geburtsgewicht, noch bei der Länge, der Häufigkeit von Kaiserschnitten oder dem Stillverhalten. Im Kleinkindalter treten jedoch Entwicklungsunterschiede in Sprache, Motorik und sozialem Verhalten auf. Diese sind aber nicht auf die Fluchterfahrung der Mütter zurückzuführen, sondern hängen maßgeblich von sozialen und strukturellen Bedingungen ab. Faktoren wie die mentale Gesundheit, Bildung, Erwerbstätigkeit der Mutter und der Zugang zu institutioneller Betreuung spielen hier eine entscheidende Rolle, erklärt die Studienautorin Sabine Zinn: „Nicht die Fluchterfahrung der Mütter selbst, sondern soziale und strukturelle Lebensbedingungen sind entscheidend für die Entwicklungschancen.“

Ein Blick auf den Arbeitsmarkt zeigt ebenfalls differenzierte Entwicklungen: Während die Mehrheit der männlichen Geflüchteten inzwischen eine Beschäftigung gefunden hat, sind insbesondere geflüchtete Frauen noch deutlich weniger erwerbstätig. Die strukturellen Barrieren, darunter mangelnde Bildungschancen und fehlende gezielte Arbeitsmarktintegration, erschweren vielen Geflüchteten die volle Teilhabe an der Gesellschaft, so Sabine Zinn. Doch die klare Mehrheit der Geflüchteten signalisiert mit ihrem Einbürgerungswunsch einen langfristigen Bleibewillen und den Willen, Teil der Gesellschaft zu werden.

Die Erkenntnisse basieren auf der IAB-BAMF-SOEP-Befragung, die eine belastbare Datenbasis für die Untersuchung von Integrationsprozessen und Entwicklungschancen Geflüchteter in Deutschland liefert. So betont DIW-Fellow Cornelia Kristen: „Integration verläuft in verschiedenen Bereichen unterschiedlich schnell – erst mit einer längeren Aufenthaltsdauer können bestimmte Entwicklungen wie das Einbürgerungsverhalten oder das Aufwachsen der zweiten Generation untersucht werden. Dank belastbarer Daten ist dies nun möglich.“ Die Studien zeichnen damit ein detailliertes Bild aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen und bieten eine wichtige Grundlage für Politik und Öffentlichkeit.

Alltag, Integration, Perspektiven – Wie sich Deutschlands Stimmung wandelt

Die Stimmung gegenüber Geflüchteten in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert. Während noch vor einigen Jahren eine breite Willkommenskultur zu beobachten war, nehmen heute Unsicherheiten und Sorgen vor Fremdenfeindlichkeit zu. Diese Veränderungen sind Ausdruck komplexer gesellschaftlicher und politischer Hintergründe, die mit Herausforderungen in der Integration, im Arbeits- und Wohnungsmarkt sowie mit aktuellen Debatten um die Einbürgerung eng verbunden sind.

Geflüchtete, die zwischen 2013 und 2019 nach Deutschland kamen, berichten zunehmend von Diskriminierungserfahrungen – insbesondere bei der Wohnungssuche und bei der Jobsuche. Drei von zehn Geflüchteten fühlen sich bei der Wohnungssuche benachteiligt, oft aufgrund von Herkunft, Religion oder äußerlichen Merkmalen. Solche Barrieren erschweren nicht nur die individuelle Integration, sondern belasten auch das gesellschaftliche Zusammenleben. Besonders ausgeprägt sind diese Probleme im ostdeutschen Raum und bei Männern mit niedrigem Bildungsstand. Gleichzeitig wächst die Bereitschaft zur Einbürgerung: Fast 98 Prozent der Geflüchteten wünschen sich eine deutsche Staatsbürgerschaft, was ihre klare Absicht zeigt, langfristig hier zu bleiben und gesellschaftlich teilzuhaben.

Trotz dieser hohen Motivation zeigen sich durch die 2024 in Kraft getretene Einbürgerungsreform neue Hürden. Zwar wird die notwendige Aufenthaltsdauer verkürzt, gleichzeitig verschärfen sich die Anforderungen an die wirtschaftliche Selbstständigkeit. Das trifft vor allem vulnerable Gruppen wie Alleinerziehende oder geringqualifizierte Geflüchtete, die dadurch bei der Einbürgerung ausgebremst werden. Wie Studienautor Jörg Hartmann betont: „Die Einbürgerung ist ein zentraler Schritt zur gesellschaftlichen Teilhabe. Doch die Reform droht gerade jene auszuschließen, die am meisten davon profitieren würden.“

Zielgerichtete Integrationsarbeit gewinnt deshalb weiter an Bedeutung. Dabei sind besonders Geflüchtete Frauen und Kinder als besonders schutzbedürftige Gruppen hervorzuheben. Die Entwicklungschancen der in Deutschland geborenen Kinder hängen vor allem von sozialen und strukturellen Lebensbedingungen ab, nicht von der Fluchterfahrung ihrer Mütter. Der Zugang zu Bildung, gesundheitlicher Versorgung und institutioneller Betreuung spielt eine entscheidende Rolle für den Start ins Leben und die spätere gesellschaftliche Teilhabe.

Was Integration erschwert – systemische und gesellschaftliche Hindernisse

  • Diskriminierung auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt, oft basierend auf Herkunft, Religion oder äußerlichen Merkmalen
  • Regionale Unterschiede, etwa erhöhte Wahrnehmung von Diskriminierung in Ostdeutschland
  • Ungleiche Chancen für Frauen im Erwerbsleben – geflüchtete Frauen sind deutlich seltener berufstätig
  • Fehlende zielgerichtete Bildungsangebote und Integrationsförderung

Diese Faktoren verlangsamen den Integrationsprozess und erhöhen die gesellschaftliche Distanz, was sich negativ auf das Willkommensgefühl auswirkt.

Chancen und Risiken der Einbürgerungsreform

Die Gesetzesänderungen aus 2024 bieten die Chance, Einbürgerungen zu erleichtern und den Zugang zur Staatsbürgerschaft zu beschleunigen. Die Verkürzung der Aufenthaltsdauer signalisiert Offenheit und Anerkennung. Doch die zugleich gestiegenen Anforderungen an die wirtschaftliche Selbstständigkeit wirken für viele Geflüchtete wie eine zusätzliche Barriere. Diese Doppelwirkung könnte dazu führen, dass gerade diejenigen, die auf Unterstützung angewiesen sind, von der Einbürgerung ausgeschlossen bleiben – ein Ergebnis, das der gesellschaftlichen Integration entgegenläuft.

Dringende Herausforderungen auf einen Blick:

  • Erhalt und Ausbau transparenter und diskriminierungsfreier Zugangswege zu Wohnraum und Arbeitsmarkt
  • Bessere Unterstützung und gezielte Förderprogramme für geflüchtete Frauen und Alleinerziehende
  • Verbesserte Vereinbarkeit von Integration und Lebensalltag in unterschiedlichen Regionen
  • Förderung frühkindlicher Angebote, die gleichen Entwicklungsbedingungen ermöglichen

Der gesellschaftliche Umgang mit Migration und Integration wird in den kommenden Jahren erheblich von diesen Faktoren geprägt werden. Die aktuellen Studien zeigen eindrücklich, dass Integration keine Einbahnstraße ist, sondern ein Prozess, der von Rahmenbedingungen und aktivem gesellschaftlichem Handeln abhängt. Dabei sind Weichenstellungen im rechtlichen Bereich, wie bei der Einbürgerung, ebenso wichtig wie die Schaffung sozialer Chancen und der Abbau von Barrieren im Alltag. Die gesellschaftliche Fragilität spiegelt sich im individuellen Erleben vieler Geflüchteter wider – gezielte Unterstützung und klare Perspektiven bleiben unverzichtbar für ein harmonisches Zusammenleben.

Die hier dargestellten Informationen und Zitate basieren auf einer Pressemitteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

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17 Kommentare

  1. Die hohe Bereitschaft zur Einbürgerung ist ein positives Signal! Aber es gibt so viele Hürden… Was könnte Politik hier unternehmen? Wir sollten darüber nachdenken.

  2. „Der Zusammenhang zwischen sozialen Bedingungen und der Entwicklung von Kindern ist wirklich alarmierend. Was können wir tun, um bessere Rahmenbedingungen für geflüchtete Familien zu schaffen? Vielleicht sollten wir mehr über Bildung sprechen!

    1. Bildung spielt definitiv eine Schlüsselrolle! Wie wäre es mit Programmen zur frühkindlichen Förderung? Das könnte helfen.

  3. Die Statistiken zur Einbürgerung sind beeindruckend! Es zeigt den Willen vieler Geflüchteter zur Integration. Aber was denkt ihr über die neuen Anforderungen? Wird das nicht viele davon abhalten? Ich frage mich, wie dies die langfristigen Integrationsziele beeinflussen wird.

    1. Ich teile deine Bedenken! Besonders vulnerable Gruppen könnten benachteiligt werden. Es wäre gut zu wissen, wie wir diese Herausforderungen angehen können.

    2. „Wären nicht niedrigere Anforderungen für wirtschaftlich schwächere Gruppen sinnvoller? Ich glaube, dass Unterstützung und gezielte Förderprogramme wichtig sind.

  4. Es ist erschreckend zu lesen, wie das Willkommensgefühl abgenommen hat. Mich würde interessieren, welche konkreten Maßnahmen ergriffen werden können, um diese Diskriminierung zu verringern. Gibt es Modelle aus anderen Ländern, die erfolgreich waren?

    1. Das wäre in der Tat interessant! Ich denke auch, dass wir uns mehr über erfolgreiche Integrationsmodelle austauschen sollten. Welche Programme könnten in Deutschland adaptiert werden?

    2. Ein weiterer Punkt ist die Rolle der Medien in dieser Diskussion. Wie können sie dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und ein positives Bild von Geflüchteten zu vermitteln?

  5. ‚Wir schaffen das‘ scheint nicht mehr zu gelten! Es ist traurig zu lesen, wie sich das Willkommensgefühl verändert hat. Was kann jeder Einzelne tun, um dagegen anzukämpfen?

  6. Es ist ermutigend zu sehen, dass so viele Geflüchtete eine Einbürgerung anstreben. Aber die Reformen scheinen eher hinderlich zu sein. Wie können wir sicherstellen, dass niemand ausgeschlossen wird?

    1. Das ist eine wichtige Frage! Vielleicht sollten wir mehr Lobbyarbeit leisten, um auf diese Themen aufmerksam zu machen.

  7. Der Artikel thematisiert sehr gut die Herausforderungen für geflüchtete Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Warum gibt es so wenig Unterstützung für diese Gruppe? Das muss sich ändern!

  8. Ich finde es besorgniserregend, dass viele Geflüchtete sich nicht willkommen fühlen. Der Artikel bringt wichtige Punkte zur Diskriminierung auf den Wohnungsmarkt. Was denkt ihr, wie kann man die Situation verbessern?

    1. Ich stimme zu, die Diskriminierung ist ein großes Problem! Vielleicht sollten wir mehr Aufklärung in Schulen machen, um Vorurteile abzubauen.

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