In Teilen der Industrie läuft es wieder besser, doch für Beschäftigte ist das noch keine Entwarnung. Mehr Betriebsräte melden eine gute Auslastung und freundlichere Aussichten, zugleich bauen viele Betriebe weiter Personal ab.
Das zeigt eine aktuelle Betriebsrätebefragung der IG Metall. Für die Gewerkschaft ist die Lage damit gemischt: Es gibt Erholungssignale, aber noch keine klare Wende hin zu stabiler Beschäftigung.
Bessere Auslastung, aber keine Entwarnung
Nach Angaben der IG Metall melden 63 Prozent der Betriebsräte eine gute oder sehr gute Kapazitätsauslastung. Das sind sechs Prozentpunkte mehr als im Herbst 2025. 58 Prozent berichten zudem von guten bis sehr guten Aussichten für die kommenden drei bis sechs Monate.
Die Zahlen deuten auf eine spürbare Entspannung in Teilen der Industrie hin. Gleichzeitig zeigt sich: Eine bessere Auslastung bedeutet noch nicht automatisch sichere Arbeitsplätze oder verlässliche langfristige Planung.
Wo die Lage bereits freundlicher aussieht
Besonders positiv fällt laut Befragung der sonstige Fahrzeugbau mit Schiffen, Schiene und Flugzeugen sowie die Elektrotechnik auf. Auch Hersteller für die Elektromobilität profitieren demnach von steigender Nachfrage. In der Rüstungsbranche sorgen nach Angaben der IG Metall zusätzliche staatliche Ausgaben für Impulse.
Zurückhaltender ist das Bild in der Autoindustrie. Dort bleibt die Entwicklung durchwachsen. In den Bereichen Stahl und Metallerzeugung liegt die Lage noch hinter dem Durchschnitt zurück. Die Erholung konzentriert sich damit auf einzelne Branchen und erreicht die Industrie nicht überall im gleichen Tempo.
Warum der Personalabbau trotzdem weiterläuft
Für Beschäftigte ist vor allem dieser Widerspruch entscheidend: Selbst in Betrieben mit guten oder sehr guten Aussichten wird weiter Personal abgebaut. Nach Angaben der IG Metall betrifft das jedes sechste Unternehmen mit positiver Lage. Vor drei Jahren lag dieser Anteil noch bei 5 Prozent.
Die Gewerkschaft spricht außerdem davon, dass 15 Prozent der Betriebe die Situation für Stellenabbau nutzen. Ob davon einzelne Standorte, ganze Belegschaften oder nur bestimmte Bereiche betroffen sind, geht aus der Mitteilung nicht hervor. Klar wird aber: Bessere Geschäftszahlen kommen bislang nicht zuverlässig bei der Beschäftigung an.
Auch die Frühindikatoren auf dem Arbeitsmarkt zeigen eher eine vorsichtige Bewegung als eine breite Entspannung. Bei Betrieben mit Leihbeschäftigten überwiegt erstmals seit 2023 wieder der Aufbau: 28 Prozent bauen dieses Personal auf, 22 Prozent bauen ab. Leihbeschäftigte sind Beschäftigte, die über Zeitarbeitsfirmen eingesetzt werden und deshalb oft als Erste auf Schwankungen reagieren.
Ähnlich ist das Bild bei den Arbeitszeitkonten, also den Plus- und Minusstunden, die Betriebe und Beschäftigte über längere Zeit ausgleichen. Hier melden 16 Prozent einen übermäßigen Aufbau und 12 Prozent einen übermäßigen Abbau. Auch hier überwiegt erstmals seit dem Frühjahr 2023 wieder der Aufbau. Das kann ein frühes Zeichen für mehr Arbeit sein, sagt aber noch nichts über dauerhafte Einstellungen aus.
Eine regionale Auswertung aus Baden-Württemberg vom 7. April 2026 zeigt zudem, wie angespannt die Lage weiterhin sein kann: Dort bauten 48,8 Prozent der Betriebe Personal ab, neue Stellen entstanden nur in 11 Prozent. Das ist keine bundesweite Gesamtzahl, macht aber sichtbar, dass sich die Erholung regional sehr unterschiedlich anfühlen kann.
Die Transformationsfrage bleibt der Engpass
Besonders deutlich wird die Unsicherheit dort, wo Betriebe ihren Umbau noch nicht überzeugend organisiert haben. In nicht einmal der Hälfte der Unternehmen, nämlich in 47 Prozent, erkennen die Betriebsräte eine glaubwürdige Transformationsstrategie. Gemeint ist damit ein nachvollziehbarer Plan, wie Betrieb, Produkte und Qualifikationen an neue Marktbedingungen angepasst werden sollen.
Schon in der Frühjahrsbefragung vom 23. März 2026 hatten die Betriebsräte als Hauptprobleme zu geringe Investitionen und langsame interne Entscheidungswege genannt. In der Herbstbefragung 2025 verfügten nur 45 Prozent der unter Anpassungsdruck stehenden Betriebe über eine Transformationsstrategie. Außerdem bearbeiteten damals lediglich 38 Prozent Innovations- und Produktionsfragen gemeinsam mit dem Betriebsrat. Die Grundprobleme scheinen also bekannt, gelöst sind sie offenbar noch nicht.
„Trotz eines global schwierigeren Umfelds haben wir gute Gründe für vorsichtigen Optimismus – erst recht, wenn endlich mehr Geld in Investitionen und Kaufkraft fließt“, sagte Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall. Sie warnt zugleich davor, dass der Standort und die Beschäftigten schlechtgeredet werden und Krisenstimmung für Prekarisierung ausgenutzt wird.
Für Beschäftigte, Betriebsräte und Vorstände in den Unternehmen ist genau das der kritische Punkt: Eine bessere Auftragslage hilft nur dann dauerhaft, wenn daraus Investitionen, Qualifizierung und tragfähige Personalplanung werden. Fehlt eine solche Strategie, bleibt die Entspannung oft oberflächlich.
Mehr Bewegung, aber noch keine Entwarnung
Die aktuelle Befragung zeigt damit zwei Seiten derselben Entwicklung. Die Industrie ist in vielen Bereichen wieder besser ausgelastet, und auch auf dem Arbeitsmarkt gibt es erste Anzeichen einer Stabilisierung. Gleichzeitig laufen Personalabbau, Unsicherheit und fehlende Zukunftspläne weiter nebeneinander her.
Für Beschäftigte ist das eine wichtige Unterscheidung: Bessere Zahlen in den Betrieben bedeuten noch keine verlässliche Entwarnung. Entscheidend wird sein, ob Unternehmen die Phase der Erholung nutzen, um in neue Produkte, moderne Abläufe und Beschäftigung zu investieren – oder ob sie die verbesserte Lage nur kurzfristig mitnehmen.
Genau daran dürfte sich in den kommenden Monaten zeigen, ob aus vorsichtigem Optimismus tatsächlich mehr wird als nur ein Zwischenstand.
Quellen
- IG Metall-Betriebsrätebefragung vom 23.03.2026
- IG Metall-Betriebsrätebefragung vom 23.10.2025
- Regionale Auswertung Baden-Württemberg vom 07.04.2026





