– Gesetzlich Versicherte geben jährlich mindestens 2,4 Mrd. Euro für IGeL aus, 397 Mio. Euro Orthopädie.
– IGeL-Monitor bewertet Hyaluronsäure-Injektionen als „negativ“ mit erhöhtem Risiko unerwünschter Ereignisse.
– Stoßwellentherapie bei Tennisarm und Kalkschulter „unklar“ bewertet wegen widersprüchlicher Evidenz.
Individuelle Gesundheitsleistungen: Millionenaufwand mit fraglichem Nutzen
Gesetzlich Versicherte geben jedes Jahr mindestens 2,4 Milliarden Euro für Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) aus, die sie selbst bezahlen müssen. Dabei fließen rund 400 Millionen Euro allein in orthopädische Anwendungen wie Hyaluronsäure-Injektionen oder Stoßwellentherapien. Doch die aktuelle Bewertung dieser Angebote zeigt eine alarmierende Bilanz: Viele IGeL erfüllen nicht die Versprechen, mit denen sie beworben werden, und manche können den Patientinnen und Patienten sogar mehr schaden als nutzen. „Die jüngsten Bewertungsergebnisse des IGeL-Monitors zeigen erneut, dass viele IGeL nicht halten, was sie versprechen: Viele Selbstzahlerleistungen schaden mehr als sie nützen. Uns besorgt, dass die Patientinnen und Patienten in den ärztlichen Praxen oftmals nicht über das Schadensrisiko aufgeklärt werden. Die Praxen sollten verpflichtet werden, unabhängig erstellte wissenschaftsbasierte Bewertungen und Informationen regelhaft anzubieten“, heißt es dazu klar.
Besonders kritisch wird die Anwendung von Hyaluronsäure-Injektionen bei Knie- und Hüftgelenksarthrose beurteilt. Studien belegen, dass „der Schaden den Nutzen überwiegt“, da „das Risiko für unerwünschte Ereignisse deutlich erhöht ist. Die damit verbundene Schmerzreduktion ist so minimal, dass sie klinisch nicht von Bedeutung ist“. Zu den schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen zählen unter anderem Gelenkentzündungen oder Herzbeschwerden, die durch den medizinischen Eingriff ausgelöst werden können. Trotz dieser Risiken zählen solche Anwendungen zu den oft in Anspruch genommenen IGeL, mit erheblichen Kosten für Versicherte.
Auch die Extrakorporale Stoßwellentherapie bei Beschwerden wie Tennisarm oder Kalkschulter steht in der Kritik. Die wissenschaftliche Datenlage ist unzureichend und liefert widersprüchliche Ergebnisse. Insgesamt fällt die Bewertung dieser Therapieangebote daher „unklar“ aus, was bedeutet, dass bisher keine belastbare Evidenz vorliegt, die einen eindeutigen Nutzen belegt.
Insgesamt hat der IGeL-Monitor aktuell 60 Gesundheitsleistungen bewertet. Von diesen wurden 31 mit „tendenziell negativ“ oder „negativ“ eingestuft, während bei 26 der Nutzen als „unklar“ gilt. Nur drei der untersuchten Leistungen erhielten ein „tendenziell positives“ Ergebnis, eine Bewertung „positiv“ hat keine Leistung erreicht. Besonders hohe Ausgaben entstehen in den Fachbereichen Augenheilkunde (544 Millionen Euro), Gynäkologie (543 Millionen Euro) und Orthopädie/Unfallchirurgie (397 Millionen Euro).
Angesichts dieser Zahlen wächst die Forderung nach mehr Transparenz und seriöser Beratung. Unabhängige, wissenschaftsbasierte Informationen zu IGeL müssen verpflichtend in Praxen verfügbar sein, damit Patientinnen und Patienten fundierte Entscheidungen treffen können. Denn ohne verlässliche Aufklärung bleibt das Risiko bestehen, Geld in fragwürdige Leistungen zu investieren, deren gesundheitlicher Mehrwert zweifelhaft ist.
Individuelle Gesundheitsleistungen: Zwischen Markt und medizinischer Verantwortung
Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) sind ein schwieriges Feld, in dem medizinische Versprechen, wirtschaftliche Interessen und Patientensouveränität oft aufeinandertreffen. Jährlich geben gesetzlich Versicherte in Deutschland mindestens 2,4 Milliarden Euro für IGeL aus – Selbstzahlerleistungen, die außerhalb der regulären Kassenversorgung liegen. Doch die Evidenz für viele dieser Angebote ist dünn oder zeigt teils sogar negative Effekte. Die Verantwortung für eine unabhängige und sachgerechte Aufklärung von Patient:innen über Nutzen und Risiken dieser Leistungen bleibt dabei eine zentrale Herausforderung – und die gesellschaftliche Debatte um IGeL gewinnt angesichts dieser Faktoren immer wieder an Bedeutung.
Die Forschungslage zu vielen IGeL verändert sich kaum: Zahlreiche wissenschaftliche Bewertungen zeigen über Jahre hinweg, dass manche Angebote den Patient:innen mehr schaden als nutzen. So wird etwa die Anwendung von Hyaluronsäure-Injektionen bei Knie- und Hüftgelenksarthrose als „negativ“ bewertet, da das Risiko schwerwiegender Nebenwirkungen die minimalen Schmerzen, die gelindert werden, überwiegt. Andere Verfahren wie die Stoßwellentherapie bei Kalkschulter oder Tennisarm stehen auf unsicherem, oft widersprüchlichem wissenschaftlichem Fundament. Trotz dieser Erkenntnisse werden viele IGeL weiterhin häufig angeboten.
Die politische und wirtschaftliche Dimension dieser Problematik ist erheblich: Aus Sicht der Gesundheitssysteme stehen Patientensicherheit und transparente Informationspolitik im Fokus. Zugleich ist der IGeL-Markt lukrativ, was Interessen von Anbietern und Praxen prägt. Ein Kernproblem bleibt die ungerechte Informationslage für Patient:innen, die häufig nicht auf evidenzbasierten Daten, sondern auf ärztlichen Empfehlungen ohne hinreichende Risikoabschätzung beruhen. Daraus entsteht eine Doppelrolle: Patient:innen sollen als mündige Selbstzahler:innen selbstbestimmt entscheiden – doch ohne unabhängige, leicht zugängliche Beratung ist die Souveränität oft eingeschränkt.
Ungleiche Informationslage: Wer trägt die Verantwortung?
Die Frage nach der Verantwortung für eine unabhängige Aufklärung über IGeL bleibt zentral. Die Studien zeigen: Viele Praxen informieren nicht ausreichend über mögliche Risiken und den fehlenden Nutzen. Der Medizinische Dienst Bund fordert daher eine gesetzliche Verpflichtung für Praxen, wissenschaftlich gesicherte und unabhängige Informationen bereitzustellen und IGeL erst mit zeitlicher Verzögerung nach dem Angebot auch zu erbringen.
Patient:innen treffen auf eine unübersichtliche Mischung aus kommerziellen Angeboten und medizinischen Empfehlungen, oft ohne klare Differenzierung. Dies erzeugt Unsicherheit und führt zu einer erheblichen Belastung der Versicherten – sowohl finanziell als auch gesundheitlich.
Die politische Debatte dreht sich daher zunehmend um Fragen wie:
- Wie kann die Evidenzbasierung von IGeL verbessert und transparent kommuniziert werden?
- Welche Rolle sollen Ärzt:innen im Informationsprozess einnehmen?
- Welche Anforderungen braucht es an regulatorische Rahmenbedingungen, um Patientensicherheit zu gewährleisten?
Die Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen im Gesundheitsmarkt und dem Schutz der Patient:innen ist eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen.
Blick in die Zukunft: Anforderungen an Beratung und Transparenz
Für eine zukunftsfähige Handhabung von IGeL sind klare Standards bei der Beratung unverzichtbar. Patientensouveränität setzt evidenzbasierte Informationsangebote voraus, die das Risiko von Fehlinvestitionen und gesundheitlichen Schäden minimieren. Gleichzeitig gilt es, die Komplexität der Entscheidungssituation verständlich darzustellen.
Internationale Ansätze bieten hierzu Impulse. Dazu gehören unter anderem:
- Schweiz: Strenge Regulierung mit verpflichtenden Aufklärungspflichten und einer zentralen Datenbank für Selbstzahlerleistungen
- Niederlande: Integration von IGeL in Qualitätsprogramme mit systematischer Nutzen-Risiko-Abwägung
- Schweden: Förderung patientenorientierter Informationsportale und unabhängiger Beratung
- Großbritannien: Einführung verbindlicher Patienteninformationsstandards in Praxen
- Kanada: Zentrale Evidenzquellen und verstärkte Kontrollmechanismen für Anbieter von Selbstzahlerleistungen
Diese Modelle zeigen: Eine konsequente wissenschaftliche Bewertung gekoppelt mit umfassender Transparenz und Beratung stärkt die Patientensicherheit und die informierte Entscheidungsfindung.
Mögliche nächste Schritte und Entwicklungen auf nationaler Ebene könnten sein:
- Gesetzliche Vorgaben für unabhängige Aufklärung und ein zeitliches Fenster zwischen Angebot und Erbringung von IGeL
- Ausbau neutraler Informationsplattformen und Beratungsangebote für Patient:innen
- Intensivierung der Forschung zur Evidenzlage von häufig genutzten IGeL
- Einbindung von Patientenvertretungen und Fachverbänden in die Gestaltung von Qualitätsstandards
Die Debatten über die Reform des IGeL-Bereichs stehen am Anfang, doch das Thema gewinnt durch die wirtschaftliche Bedeutung und mögliche Risiken zunehmend an Brisanz. Politik, Verbände und Patient:innen müssen gemeinsam darauf achten, dass Informationsdefizite nicht zulasten der Patientensicherheit gehen und die Selbstzahlerleistungen nicht zu einer Belastung ohne gesicherten Nutzen werden.
Die nachfolgenden Informationen und Zitate basieren auf einer Pressemitteilung des Medizinischen Dienstes Bund.
8 Antworten
„Die Evidenzlage zu vielen IGeL ist unklar“ – das macht mir Sorgen! Welche Informationen fehlen den Ärzten oder den Praxen? Sollte nicht jeder Patient umfassend aufgeklärt werden?
…und das sollte wirklich Pflicht sein! Ich hoffe, dass sich da bald etwas tut und wir eine bessere Informationslage bekommen.
Es ist beunruhigend zu sehen, dass viele IGeL als negativ eingestuft werden. Wie gehen andere Länder mit solchen Leistungen um? Gibt es erfolgreiche Modelle zur Verbesserung der Aufklärung?
Gute Frage! In der Schweiz gibt es strenge Regeln für die Aufklärung. Vielleicht könnten wir solche Maßnahmen auch hier einführen.
Das wäre ein Ansatz! Aber wie könnte man das konkret umsetzen? Ich denke, wir sollten auch Patientenorganisationen stärker einbeziehen.
Die hohen Ausgaben für IGeL sind echt schockierend. Warum wissen so viele Patienten nicht über die Risiken Bescheid? Vielleicht sollten wir mehr über alternative Therapien sprechen und uns austauschen.
Ich finde es wirklich besorgniserregend, wie viel Geld für IGeL ausgegeben wird, ohne dass der Nutzen klar ist. Wie können wir sicherstellen, dass Patienten besser informiert werden? Gibt es Initiativen, die mehr Transparenz fordern?
Ja, das wäre wichtig! Vielleicht könnte eine gesetzliche Regelung helfen, die Ärzte verpflichtet, über Risiken aufzuklären. Wo könnten wir uns dafür einsetzen?