Hohe Preise, Sorgen um den Arbeitsplatz und sehr unterschiedliche Betriebslagen: Mit einer Befragung von 267.000 Beschäftigten in 2.300 Betrieben bereitet die IG Metall ihre nächste Tarifrunde vor. Für viele geht es dabei nicht nur um mehr Geld, sondern zugleich um Sicherheit im Job und im Alter.
Der Zeitpunkt ist dabei entscheidend: Der Vorstand der Gewerkschaft will die bundesweite Forderung am 23. September beschließen. In der Metall- und Elektroindustrie arbeiten bundesweit mehr als 3,7 Millionen Beschäftigte. Welche Linie die IG Metall dann festlegt, dürfte die Gespräche in den kommenden Wochen maßgeblich prägen.
Warum die Umfrage mehr ist als ein Stimmungsbild
Die Befragung ist nach Angaben der IG Metall keine unabhängige Branchenstudie, sondern die direkte Vorstufe der Forderungsdebatte in den regionalen Tarifbezirken. Der Fragebogen wurde bewusst kurz gehalten und im Betrieb per QR-Code oder auf Papier verteilt. So will die Gewerkschaft früh erkennen, welche Themen die Beschäftigten für besonders dringend halten.
Für die Tarifpolitik ist das relevant, weil sich die Forderung nicht allein an wirtschaftlichen Kennzahlen orientiert. Auch die Erwartungen der Mitglieder und anderer Beschäftigter fließen in die Diskussion ein. Wie stark die Gewerkschaft diese Rückmeldungen am Ende gewichtet, zeigt sich erst mit dem Beschluss am 23. September.
Die Lage in der Branche ist alles andere als einheitlich
Ein Ergebnis der Befragung sticht besonders hervor: Die wirtschaftliche Lage wird in der Metall- und Elektroindustrie sehr unterschiedlich wahrgenommen. 31,7 Prozent der Befragten bewerten die Situation im eigenen Betrieb als gut, 14,5 Prozent sogar als sehr gut. Gleichzeitig sagen 32,2 Prozent, es gehe ihrem Unternehmen „geht so“. 16,9 Prozent sehen die Lage als schlecht, 4,7 Prozent als sehr schlecht.
Auch zwischen den Teilbranchen gibt es deutliche Unterschiede. Positiver fällt die Einschätzung vor allem in der Luft- und Raumfahrt, in der Rüstung, im Schiffbau und im Energiesektor aus. Kritischer sehen Beschäftigte in der Autoindustrie und bei Dienstleistern ihre Lage. Für die anstehende Tarifrunde heißt das: Eine einheitliche Ausgangslage gibt es in dieser Branche nicht.
Geld, Gesundheit und Absicherung stehen nebeneinander
Bei den Sorgen der Beschäftigten steht die Lebenshaltung an erster Stelle. 68,9 Prozent nennen die gestiegenen Kosten als größtes Problem. Dahinter folgen die Gesundheit mit 58,5 Prozent und die Absicherung im Alter mit 58,1 Prozent. Mehr als die Hälfte sorgt sich zudem um die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes (56,3 Prozent) und um die Zukunft des Betriebs (56,7 Prozent).
IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner ordnet diese Ergebnisse als Signal für die gesamte Tarifrunde ein. Sie sagte:
„Die Beschäftigten haben ein sehr feines Gespür für die drängendsten Themen im Land: gute Reallöhne, zukunftsfähige Arbeitsplätze und soziale Sicherheit.“
Für Beschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie verknüpft die Gewerkschaft damit drei Ebenen: die Entgeltfrage, die Beschäftigungssicherung und die soziale Absicherung. Benner verwies zugleich auf Produktion und Wertschöpfung in Deutschland als Grundlage für sichere und zukunftsfähige Arbeitsplätze. Aus ihrer Sicht braucht es dafür neben Tarifpolitik auch Industrie- und Sozialpolitik sowie eine gute Unternehmensführung.
Auch bei den Erwartungen an die Entgelterhöhung zeigt sich ein klares Bild. 47,8 Prozent rechnen mit einer moderaten Erhöhung, 35,0 Prozent mit einer kräftigen. Nur 13,1 Prozent halten eine kleine Erhöhung für angemessen, 4,1 Prozent gar keine. Die Lohnfrage wird damit nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil einer breiteren Debatte über faire Beteiligung und Sicherheit.
IG-Metall-Tarifvorständin Nadine Boguslawski fasste die Lage so zusammen:
„Die Beschäftigten erleben keine einheitliche Krise, sondern eine wirtschaftlich stark unterschiedliche Lage.“
Sie kündigte zugleich eine selbstbewusste Tarifbewegung an und verwies auf die faire Beteiligung der Beschäftigten an betrieblichen Gewinnen. Damit macht die Gewerkschaft deutlich, dass sie in der kommenden Runde nicht nur auf die Belastung durch höhere Preise blickt, sondern auch auf die wirtschaftliche Entwicklung in den einzelnen Unternehmen.
Was der 23. September für die Betriebe bedeutet
Mit der Befragung beginnt nun die eigentliche Forderungsdebatte in den regionalen Tarifbezirken. Erst der Beschluss des IG-Metall-Vorstands am 23. September soll festlegen, mit welcher bundesweiten Linie die Gewerkschaft in die Verhandlungen geht. Dann wird auch klarer, wie die sehr unterschiedlichen Lagebilder in der Branche in eine gemeinsame Forderung übersetzt werden.
Für die Betriebe ist das vor allem deshalb wichtig, weil die Metall- und Elektroindustrie so heterogen aufgestellt ist. Was in einem Unternehmen als stabile Lage gilt, kann in einem anderen bereits mit Unsicherheit verbunden sein. Genau diese Spannweite dürfte die Gespräche in den kommenden Wochen prägen.
Ob die IG Metall am Ende eine Forderung formulieren kann, die die verschiedenen Interessen zusammenführt, wird sich erst mit dem Beschluss zeigen. Die Befragung liefert dafür immerhin ein deutliches Signal: Die Beschäftigten erwarten keine reine Lohnrunde, sondern Antworten auf Geld, Jobs und Sicherheit zugleich.
Quellen
- IG Metall: Tarif Metall- und Elektroindustrie
- IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen: Befragung per QR-Code oder Papier im Betrieb





