Mit dem Hiroshima-Jahrestag rückt erneut eine Frage in den Mittelpunkt, die lange eher im Hintergrund stand: Welche Rolle sollen Atomwaffen heute noch spielen? Während der BUND den deutschen Beitritt zum UN-Atomwaffenverbotsvertrag fordert, hält die Bundesregierung an der nuklearen Abschreckung fest.
Zum bevorstehenden 81. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki warnt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) vor einer schleichenden Normalisierung atomarer Bedrohung. Der Verband sieht in der aktuellen Lage einen Anlass, den deutschen Kurs grundsätzlich zu hinterfragen.
Warum der BUND jetzt den Beitritt fordert
Der BUND begründet seine Forderung mit der internationalen Sicherheitslage. Nach Angaben des schwedischen Friedensforschungsinstituts SIPRI ist die Phase nuklearer Abrüstung beendet; stattdessen zeichnet sich ein neuer Rüstungswettlauf ab. Atommächte modernisieren und erweitern demnach ihre Arsenale, zugleich wird das Drohen mit Atomwaffen wieder sichtbarer als politisches Druckmittel.
Der Verband fordert deshalb von der Bundesregierung, das globale Atomwaffenverbot zu stärken und dem UN-Atomwaffenverbotsvertrag beizutreten. Nach eigenen Angaben zählt der BUND mit mehr als 676.000 Mitgliedern und Unterstützerinnen und Unterstützern zu den größten Umweltverbänden in Deutschland.
„Atomwaffen sind kein legitimes Mittel zur Selbstverteidigung“, sagt Olaf Bandt, Vorsitzender des BUND. Er kritisiert die Logik der Abschreckung als gefährliche Illusion, die keinen Schutz biete, sondern das Wettrüsten weiter antreibe.
Die Bundesregierung argumentiert anders. Nach ihrer Darstellung spricht gegen einen Beitritt unter anderem die nukleare Abschreckung im Rahmen der NATO sowie die Bindung an den Nichtverbreitungsvertrag und den Zwei-plus-Vier-Vertrag. Deutschland bleibt damit bei seiner bisherigen Linie, obwohl der internationale Vertrag gegen Atomwaffen seit Jahren in Kraft ist und weiter Unterstützung gewinnt.
Die Aufrüstung bleibt messbar
Dass die Warnungen nicht losgelöst von der Realität sind, zeigen aktuelle Zahlen aus dem SIPRI Yearbook 2024. Demnach verfügte Russland Anfang 2024 über 5.580 Atomwaffen, die USA über 5.044 und China über 500. Die Bestände verdeutlichen vor allem die Größenordnung der Arsenale, die in der internationalen Sicherheitsdebatte eine zentrale Rolle spielen.
SIPRI schrieb auch 2025, dass die Ära der Reduzierung nuklearer Waffen beendet zu sein scheint und ein neuer qualitativer Rüstungswettlauf droht. Gemeint ist damit nicht nur die Zahl der Sprengköpfe, sondern auch die Modernisierung von Trägersystemen, Waffen und Einsatzdoktrinen. Für die politische Debatte heißt das: Es geht längst nicht mehr nur um historische Abrüstung, sondern um den Umgang mit nuklearen Drohpotenzialen in der Gegenwart.
Die jüngsten UN-Daten vom 18. Juli 2026 zeigen zugleich, dass der Atomwaffenverbotsvertrag weiter in Kraft ist. Zuletzt ratifizierte Ghana den Vertrag, Kirgisistan unterzeichnete ihn. Das ändert zwar nichts an den Sicherheitsinteressen der Weltmächte, zeigt aber, dass der Vertrag politisch keineswegs an Bedeutung verloren hat.
Was der Atomwaffenverbotsvertrag konkret bedeutet
Der Atomwaffenverbotsvertrag wurde unter dem Dach der Vereinten Nationen ausgehandelt. Er verpflichtet die beitretenden Staaten, auf Atomwaffen zu verzichten und ihre Abrüstung voranzubringen. Bislang haben 95 Staaten ihn unterschrieben, 75 Staaten haben ihn bereits ratifiziert oder sind ihm beigetreten. Die Atomwaffenstaaten und auch Deutschland gehören nicht dazu.
Wichtig ist der Unterschied zwischen den Begriffen: Eine Unterzeichnung zeigt zunächst die politische Absicht, macht den Vertrag aber noch nicht rechtlich bindend. Erst eine Ratifikation oder ein Beitritt schafft völkerrechtliche Verbindlichkeit. Genau an diesem Punkt setzt die Debatte in Deutschland an, denn der Vertrag bleibt für die Bundesregierung eine Grundsatzfrage der Sicherheitspolitik.
Auch die Internationale Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen (ICAN) spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle. Das Bündnis ist ein Zusammenschluss von Nichtregierungsorganisationen in mehr als 100 Ländern und erhielt 2017 den Friedensnobelpreis. Der BUND und die japanische Partnerorganisation Friends of the Earth Japan sind dort beteiligt und verbinden damit Abrüstungsforderungen mit der Erinnerung an die Folgen nuklearer Gewalt.
Akiko Yoshida, Atom-Expertin bei FoE Japan, verweist auf Hiroshima und auf den Reaktorunfall in Fukushima Daiichi: „Die Schäden durch die freigesetzte Radioaktivität werden noch viele Jahrzehnte anhalten.“
Mit diesem Verweis rückt auch die Perspektive der Opfer und der langfristigen Folgen von Radioaktivität in den Mittelpunkt. FoE Japan engagiert sich seit Jahrzehnten gegen die zivile Atomkraft und für das Gedenken an die Atombombenopfer. Die aktuelle Debatte über den Verbotsvertrag steht damit nicht nur für eine außenpolitische Frage, sondern auch für den Umgang mit den Folgen nuklearer Technologien.
Zwischen Erinnerung und Sicherheit bleibt die Entscheidung offen
Der Hiroshima-Jahrestag erinnert an die verheerenden Folgen von Atomwaffen. Gleichzeitig zeigt die politische Gegenwart, dass der Streit um Abschreckung und Abrüstung keineswegs beendet ist. Die Bundesregierung hält an ihrer sicherheitspolitischen Linie fest, der BUND fordert einen klaren Bruch mit dieser Logik.
Ob Deutschland sich dem Atomwaffenverbotsvertrag eines Tages anschließt, bleibt offen. Klar ist nur: Die Frage ist nicht bloß symbolisch. Sie berührt die Grundsatzentscheidung, ob Sicherheit über nukleare Drohpotenziale definiert wird oder über deren schrittweise Ächtung.
Quellen
- UNODA: Treaty on the Prohibition of Nuclear Weapons – new ratification and signature
- UN Treaty Collection: Treaty on the Prohibition of Nuclear Weapons
- Bundesregierung: Regierungspressekonferenz vom 22. Juli 2026
- SIPRI Yearbook 2025 Summary
- SIPRI Yearbook 2024 Summary