Im Gesundheitswesen arbeiten überwiegend Frauen. In den Führungsetagen ist davon allerdings deutlich weniger zu sehen: Destatis nennt für das Gesundheitspersonal einen Frauenanteil von 74,4 Prozent. Bei den Beschäftigten der landes- und bundesunmittelbaren Sozialversicherungsträger liegt der Anteil laut Bundesfamilienministerium bei 74 Prozent beziehungsweise über 70 Prozent, in Führungspositionen aber nur bei 27 Prozent beziehungsweise 24 Prozent. Für viele Beschäftigte zeigt sich damit eine bekannte Schieflage: Frauen tragen einen großen Teil der Arbeit, kommen an der Spitze aber viel seltener vor.
Vor diesem Hintergrund ist die Vorstandswahl bei den Healthcare Frauen mehr als ein routinemäßiger Vereinsakt. Der Verein hat bei seiner virtuellen Mitgliederversammlung am 19. Juni einen neuen Vorstand gewählt und damit den Kurs für die kommenden zwei Jahre bestätigt. Entscheidend ist dabei nicht nur, wer das Netzwerk künftig führt, sondern auch, welche Rolle es in einer Branche spielt, die bei Gleichstellung und Führung noch sichtbar hinterherhinkt.
Was die Wahl bei Healthcare Frauen bedeutet
Gewählt wurden Stefanie Anders, Sevilay Hüsman-Koecke, Katharina Schmidtke, Angela Steere und Cornelia Wanke. Katharina Schmidtke bleibt Vorstandsvorsitzende. Für den Verein bedeutet das vor allem Kontinuität: Die Leitung des Netzwerks bleibt in den Händen eines Teams, das die bisherigen Linien fortsetzen kann.
Auch weitere Gremien wurden neu oder erneut besetzt. Der Aufsichtsrat der HCF GmbH wurde für eine weitere Amtszeit wiedergewählt. Ihm gehören Andrea Biebl, Anne Demberg, Norma Klett, Prof. Dr. Clarissa Kurscheid, Christel Röttinger und Katrin Wenzler an. Zudem bestellten die Mitglieder Marion Fürst und Ulrike Geppert-Orthofer zu neuen Kassenprüferinnen. Solche Personalentscheidungen wirken unspektakulär, sind für die Steuerung eines Vereins aber wichtig, weil sie Zuständigkeiten, Kontrolle und Kontinuität sichern.
Warum das Netzwerk für weibliche Karrieren relevant bleibt
Healthcare Frauen e. V. wurde 2007 gegründet und versteht sich als Netzwerk von weiblichen Führungskräften in der deutschsprachigen Gesundheitsbranche. Der Verein beschreibt sich als Plattform für fachlichen, persönlichen und geschäftlichen Austausch. Vereinfacht gesagt geht es um Kontakte, Erfahrung und gegenseitige Unterstützung in einer Branche, in der Karrierewege oft nicht nur von Leistung, sondern auch von Zugängen und Strukturen abhängen.
Ein zentrales Instrument ist das Mentoring-Programm. Dabei begleiten erfahrene Führungspersönlichkeiten aufstiegswillige junge Frauen auf ihrem Karriereweg. Nach Angaben des Vereins haben mehr als 80 Unternehmen der Gesundheitsbranche dieses Angebot bislang genutzt. Für die Praxis heißt das: Netzwerke wie HCF ersetzen keine strukturellen Reformen, können aber Orientierung geben, Sichtbarkeit schaffen und den Einstieg in Führungsrollen erleichtern.
Mentoring hilft, doch die Strukturfrage bleibt offen
Wie groß die Lücke zwischen Beschäftigung und Leitung ist, zeigen auch andere Zahlen. Das Bundesfamilienministerium weist für den Stand 30. Juni 2024 bei den Beschäftigten der landes- und bundesunmittelbaren Sozialversicherungsträger einen Frauenanteil von 74 Prozent beziehungsweise über 70 Prozent aus. In Führungspositionen liegen die Werte dort jedoch nur bei 27 Prozent beziehungsweise 24 Prozent. Der Abstand ist damit deutlich.
Auch im ärztlichen Bereich geht es nur langsam voran. Der Deutsche Ärztinnenbund kommt für 2024 in der deutschen Universitätsmedizin auf einen Frauenanteil von 14 Prozent bei Klinikdirektorinnen. Gegenüber 2016 mit 10 Prozent und 2019 beziehungsweise 2022 mit jeweils 13 Prozent ist das nur ein kleiner Anstieg. Als zentrale Hemmnisse nennt der Verband fehlende flexible Arbeitszeiten, unzureichende Kinderbetreuung, ungleiche Care-Arbeit und zu geringe Parität in Berufungskommissionen. Als mögliche Antwort werden unter anderem Topsharing und familienfreundlichere Strukturen genannt. Topsharing bedeutet, dass sich zwei Personen eine Führungsrolle teilen.
Eine Evaluation des medizinischen Mentorinnen-Netzwerks aus dem Jahr 2020 zeigt, dass solche Begleitung durchaus Wirkung haben kann: Damals nahmen 257 Mentees und 152 Mentorinnen teil. 73 Prozent bewerteten die Tandembeziehung als hilfreich oder sehr hilfreich. Das spricht dafür, dass Mentoring den Weg in Führungsrollen erleichtern kann. Ob daraus am Ende auch mehr Frauen in den Spitzenpositionen werden, hängt allerdings von den Strukturen in den Häusern und Organisationen selbst ab.
Entscheidend wird nun, was dem Mandat folgt
Die neue Spitze der Healthcare Frauen will Frauen in Führung im Gesundheitswesen sichtbarer machen und Strukturen verändern. Der Anspruch ist klar formuliert. In der Mitteilung bleiben jedoch konkrete neue Projekte, Fristen oder messbare Zielmarken offen. Genau daran wird sich zeigen, wie viel aus der Wahl im Alltag tatsächlich folgt.
Für Beschäftigte im Gesundheitswesen, für ehrenamtlich Engagierte in Berufsverbänden und für alle, die Gleichstellung nicht nur als Schlagwort verstehen, bleibt die Entwicklung damit relevant. Eine Vorstandswahl setzt einen Rahmen, verändert aber noch keine Karrierewege. Ob Healthcare Frauen im neuen Mandat mehr als ein Signal setzen, wird davon abhängen, wie konsequent das Netzwerk seine eigenen Ansprüche in konkrete Schritte übersetzt.
Quellen
Destatis: Gesundheitspersonal in Deutschland
Bundesfamilienministerium: Frauen in Führungspositionen bei Sozialversicherungsträgern
Deutscher Ärztinnenbund: Update zu Frauen in der Medizin 2024
Deutscher Ärztinnenbund: Evaluation des medizinischen Mentorinnen-Netzwerks