Gewalt gegen Frauen: Neuer Höchststand bei häuslicher Gewalt – Deutsche Frauenrat fordert sofortigen Ausbau des Hilfesystems

Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen fordert der Deutsche Frauenrat einen zügigen Ausbau von Hilfesystem und Gewaltprävention. Hintergrund sind neue Höchstzahlen bei häuslicher Gewalt: Jede Stunde erfahren 15 Frauen in Deutschland Partnerschaftsgewalt. Der Verband warnt, dass Kürzungen im Gewaltschutz auf kommunaler und Landesebene fatale Folgen haben könnten.
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Inhaltsübersicht

– Jede Stunde erleiden 15 Frauen in Deutschland Partnerschaftsgewalt
– Der Deutsche Frauenrat fordert mehr Geld für Hilfesysteme und Gewaltprävention
– Kürzungen im Gewaltschutz auf Länder- und Kommunalebene werden kritisiert

Gewalt gegen Frauen: Neue Höchstzahlen fordern politisches Handeln

Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen mahnt der Deutsche Frauenrat mit drastischen Worten: "Gewaltschutz und Prävention kosten Geld, ein Weiter-So kostet Leben". Die größte frauenpolitische Interessenvertretung Deutschlands fordert den zügigen Ausbau von Hilfesystem und Gewaltprävention – vor dem Hintergrund neuer Höchstzahlen bei häuslicher Gewalt.*

Sylvia Haller, Sonderbeauftragte für Gewaltschutz im Deutschen Frauenrat, betont: "Das ist ein klarer Handlungsauftrag an alle politischen Ebenen, Schutz und Unterstützung für jede Gewaltbetroffene sicherzustellen." Gleichzeitig begrüßt der Verband die Ambitionen der neuen Bundesregierung bei Strafverfolgung und Täterarbeit, sieht aber weiteren Handlungsbedarf.*

Hintergrund: Gesetz, Finanzierung und Versorgungslücken

Die politischen Antworten auf häusliche Gewalt bewegen sich im Spannungsfeld zwischen wachsenden Fallzahlen und begrenzten Ressourcen. Innerhalb der letzten fünf Jahre stieg die Zahl der polizeilich registrierten Opfer häuslicher Gewalt um 17,8 Prozent (Stand: 2024). Dieser Trend setzte sich 2024 fort: Nach der Polizeilichen Kriminalstatistik wurden 265.942 Menschen Opfer häuslicher Gewalt, davon 187.128 weiblich – ein Anstieg um 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig registrierte die Polizei bei mindestens einem weiblichen Opfer 152.812 Tatverdächtige (Stand: 2024)*.

Rechtliche Maßnahmen und staatliche Zuschüsse

Als Reaktion auf diese Entwicklung verabschiedete die Bundesregierung im Februar 2025 das Gewalthilfegesetz, das bundesweit den kostenfreien Zugang zu Schutz und Beratung sicherstellt sowie Prävention und Täterarbeit stärkt (Stand: Februar 2025). Allerdings greifen die finanziellen Regelungen erst ab 2027. Parallel beteiligt sich der Bund bis 2036 mit 2,6 Milliarden Euro am Ausbau des Hilfesystems zum Schutz vor Gewalt gegen Frauen (Stand: 2025).

Trotz dieser ambitionierten Vorhaben klafft eine erhebliche Lücke zwischen politischen Absichten und der aktuellen Versorgungssituation. Bundesweit fehlen 14.000 Frauenhausplätze gemäß den Vorgaben der Istanbul-Konvention (Stand: 2025)*. Diese Diskrepanz verdeutlicht, dass die finanziellen Zusagen den tatsächlichen Bedarf bei Weitem nicht decken.

Kapazitätslücken in Frauenhäusern (Beispiel Land Brandenburg)

Die Unterfinanzierung zeigt sich besonders deutlich auf Länderebene. Das Land Brandenburg etwa erhöhte seine Landesmittel für Frauenhäuser von 2,99 Millionen Euro (2024) auf 3,28 Millionen Euro (2025) und plant für 2026 eine Steigerung auf 3,34 Millionen Euro. Diese schrittweise Erhöhung kann jedoch mit dem wachsenden Bedarf kaum Schritt halten.

Tabelle: Entwicklung der Landesmittel für Frauenhäuser in Brandenburg

Jahr Landesmittel (Mio. Euro) Quelle / Stand
2024 2,99 Stand: 2024
2025 3,28 Stand: 2025
2026 3,34 (geplant) Stand: 2026

Die schrittweise Erhöhung der Mittel steht in krassem Gegensatz zur dramatischen Entwicklung der Fallzahlen und unterstreicht die strukturelle Unterfinanzierung des Hilfesystems. Während die Gewaltstatistiken Jahr für Jahr neue Höchststände verzeichnen, bleiben die Ressourcen für Schutz und Beratung deutlich hinter dem erforderlichen Niveau zurück.

Was Schutz und Prävention wirklich kosten

Die finanziellen Dimensionen von Gewaltschutz und Prävention zeigen ein deutliches Missverhältnis zwischen aktuellen Ausgaben und tatsächlichem Bedarf. Während die öffentlichen Mittel für Hilfsstrukturen begrenzt bleiben, übersteigen die gesellschaftlichen Folgekosten geschlechtsspezifischer Gewalt die Investitionen um ein Vielfaches.

Kosten des Hilfesystems vs. gesamtgesellschaftliche Folgekosten

Die Gesamtausgaben für das Hilfesystem bei geschlechtsspezifischer Gewalt beliefen sich 2022 auf 270,5 Millionen Euro, davon entfielen 98 Millionen Euro auf Fachberatungsstellen. Diese Summe entspricht etwa 3 Euro pro Einwohnerin und Einwohner – Stand: 2022. Demgegenüber stehen die immensen volkswirtschaftlichen Belastungen durch Gewalt: Die gesellschaftlichen Folgekosten häuslicher und sexualisierter Gewalt gegen Frauen in Deutschland belaufen sich jährlich auf 54 Milliarden Euro – Stand: 2023 laut EIGE-Studie*.

Dieser eklatante Unterschied zwischen Investitionen und Folgekosten verdeutlicht die wirtschaftliche Dimension des Problems. Während das Hilfesystem mit vergleichsweise geringen Mitteln auskommen muss, verursacht unverhinderte Gewalt massive Kosten im Gesundheitswesen, Justizsystem und durch Produktivitätsausfälle.

Die Diskrepanz zwischen den vergleichsweise geringen Mitteln für Prävention und den milliardenschweren Folgekosten unterstreicht die wirtschaftliche Notwendigkeit verstärkter Investitionen in Gewaltschutz.

Wenn Gewalt im Verborgenen bleibt

Die statistisch erfassten Fälle von Partnerschaftsgewalt bilden nur einen kleinen Ausschnitt der Realität ab. Laut Bundeskriminalamt wurden im Jahr 2024 insgesamt 265.942 Opfer häuslicher Gewalt registriert, davon waren 187.128 weiblich und es gab 152.812 Tatverdächtige*.

Diese Zahl spiegelt jedoch nicht die Gesamtheit der Gewalt wider, da viele Fälle nicht gemeldet werden und somit im Dunkeln bleiben.

Diese enorme Dunkelziffer hat weitreichende Konsequenzen für unsere Gesellschaft. Betroffene Frauen tragen nicht nur die unmittelbaren Verletzungen davon, sondern leiden oft jahrelang unter den psychischen und physischen Folgen. Viele können ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen, was existenzielle Sorgen verstärkt. Kinder, die in solchen Haushalten aufwachsen, entwickeln häufiger selbst Verhaltensauffälligkeiten oder werden später selbst zu Opfern oder Tätern.

Die Auswirkungen gehen weit über die unmittelbar Betroffenen hinaus. Das Gesundheitssystem muss langfristige Therapien und medizinische Behandlungen finanzieren. Sozialämter springen ein, wenn Erwerbsfähigkeit verloren geht. Jugendämter werden aktiv, wenn Kinder in gefährdeten Verhältnissen leben. Jeder nicht verhinderte Gewaltfall verursacht somit hohe Folgekosten für die gesamte Gemeinschaft.

Redaktionsbeispiel:
"Sarah (Name geändert) meldete die Übergriffe ihres Partners nie. Sie fürchtete die Reaktion ihres Umfelds und ökonomische Konsequenzen. Erst als ihre Tochter in der Schule auffällig wurde, suchte sie Hilfe – Jahre nach den ersten Vorfällen."

Die geringe Anzeigebereitschaft hat viele Gründe: Abhängigkeitsverhältnisse, wirtschaftliche Ängste, Schamgefühle oder die Sorge, nicht ernst genommen zu werden. Manche Betroffene kennen ihre Rechte nicht oder trauen sich nicht, bestehende Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen.

Diese komplexe Gemengelage zeigt: Wirksamer Gewaltschutz muss weit vor der Strafverfolgung ansetzen. Er muss niedrigschwellige Beratung ausbauen, wirtschaftliche Unabhängigkeit fördern und das gesellschaftliche Bewusstsein schärfen. Nur so lässt sich verhindern, dass Gewalt weiter im Verborgenen stattfindet – mit allen Konsequenzen für Betroffene, Familien und unser Gemeinwesen.

Ausblick: Forderungen und Handlungsmöglichkeiten

Der Deutsche Frauenrat formuliert klare Erwartungen an Bund, Länder und Kommunen – von der sofortigen Sicherung der Schutzkapazitäten bis zur systematischen Verankerung von Prävention in Bildungseinrichtungen. Dabei geht es nicht nur um Soforthilfen, sondern um einen langfristigen Systemwandel.

Kurzfristig müssen Länder und Kommunen ihre Anstrengungen erhöhen, statt sich zurückzuziehen. Die Schutzeinrichtungen benötigen verlässliche Finanzierung – schon bevor das Gewalthilfegesetz 2027 greift. Der Bund beteiligt sich bis 2036 mit 2,6 Milliarden Euro am Ausbau des Hilfesystems (Stand: 2025)*. Doch diese Mittel reichen nicht aus, wenn parallel auf Landesebene gekürzt wird. Frauenrechtsorganisationen kritisieren die weiterhin unzureichende Finanzierung als systemisches Problem.

Mittelfristig steht die Umsetzung des Gewalthilfegesetzes ab 2027 im Fokus. Dieses Gesetz gilt als Meilenstein, muss aber durch begleitende Maßnahmen ergänzt werden. Dazu gehören Fortbildungen für Fachpersonal in Sozialer Arbeit, Medizin, Polizei und Justiz sowie der Ausbau konsequenter Täterarbeit. Die Bundesregierung schärft zwar die Strafverfolgung nach – doch das allein genügt nicht.

Langfristig braucht es umfassende Gewaltprävention von frühkindlicher Bildung an. Sensibilisierung in Kitas und Schulen, eine Auseinandersetzung mit Männlichkeitsbildern und flächendeckende Präventionsprogramme sind entscheidend, um Gewaltstrukturen nachhaltig zu durchbrechen.

Die hier bereitgestellten Informationen stützen sich auf eine Pressemitteilung des Deutschen Frauenrats.

Weiterführende Quellen:

7 Antworten

  1. Die Situation ist wirklich alarmierend und ich kann den Aufruf zur sofortigen Handlung nur unterstützen. Wie können wir sicherstellen, dass das Gewalthilfegesetz tatsächlich umgesetzt wird?

    1. Das ist eine gute Frage! Vielleicht sollten wir mehr Druck auf die Politiker ausüben und uns gemeinsam einsetzen für eine bessere Finanzierung der Hilfsangebote.

  2. Es ist traurig zu sehen, dass trotz steigender Zahlen nichts wirklich getan wird. Der Staat sollte Verantwortung übernehmen und dafür sorgen, dass mehr Mittel bereitgestellt werden.

  3. Der Artikel macht klar, dass die Finanzierung für Frauenhäuser nicht ausreicht. Ich bin besorgt über die Zukunft der betroffenen Frauen. Was könnten wir als Gesellschaft tun, um diese Situation zu verbessern?

    1. Ich denke auch, dass wir mehr Aufklärung brauchen. Viele wissen nicht mal, wo sie Hilfe bekommen können. Es muss mehr Bewusstsein für das Thema geschaffen werden.

    2. Absolut richtig! Die Dunkelziffer ist viel höher als gedacht. Wir müssen auch darüber reden, wie Gewalt in der Gesellschaft wahrgenommen wird.

  4. Ich finde es erschreckend, wie viele Frauen unter Partnerschaftsgewalt leiden. Die Zahlen sprechen für sich und ich hoffe, dass mehr Geld in Hilfesysteme fließt. Was denkt ihr über die aktuellen politischen Maßnahmen?

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