Ende November. Im Büro stapeln sich Mitgliedsanträge, die E-Mail-Flut hört nicht auf, im Posteingang blinkt „Frist Erinnerung Kassenprüfung“ – und im Kalender liegt er wie ein bunter Post-it: GivingTuesday.
Wir kennen das aus Gesprächen mit Vorständen und Geschäftsstellen:
„Müssen wir da mitmachen?“ – „Passt das überhaupt zu unserem Verein?“ – „Wir schaffen doch jetzt schon kaum das Jahresende…“
Unsere klare Antwort:
GivingTuesday kann entweder Stressverstärker sein – oder der Startknopf für eine richtig gute Jahresendkampagne.
Der Unterschied? Planung. Und die Frage: Nutzt ihr GivingTuesday als extra Aktion – oder als clever eingebauten Baustein eurer Jahresend-Strategie?
Was ist GivingTuesday eigentlich – und wie „deutsch“ ist das?
Kurzer Realitätscheck:
GivingTuesday kommt zwar aus dem internationalen Kontext, hat sich aber längst in Deutschland etabliert. Er findet jeweils am Dienstag nach dem „Black Friday“-Wochenende statt – also genau dann, wenn alle sowieso auf Angebote, Aktionen und News achten.
Für uns ist GivingTuesday vor allem eins: Ein Fixpunkt im Kalender, um Aufmerksamkeit auf Engagement, Spenden und Ehrenamt zu lenken.
Und genau hier liegt der Trick:
Wir sehen GivingTuesday nicht als Ein-Tages-Feuerwerk, sondern als Auftakt für:
- eure Jahresend-Spendenkampagne
- eure Mitgliederansprache zum Jahreswechsel
- eure Dankesrunde an Unterstützer:innen
Eine Kampagne statt fünf Baustellen
Viele Vereine machen am Jahresende alles gleichzeitig – nur nicht miteinander verbunden:
- separate GivingTuesday-Aktion
- eigene Weihnachtsmail
- separater Spendenbrief
- Jahresbericht „irgendwann im Januar“
- Social-Media-Posts nach Bauchgefühl
Das Ergebnis: viel Arbeit, verstreute Botschaften, wenig rote Linie.
Was wir in der Praxis sehen, wenn es gut läuft:
Vereine denken GivingTuesday konsequent als Start ihrer Jahresendkampagne. Ein Thema, ein Leitmotiv, verschiedene „Kapitel“.
Zum Beispiel so:
- Ende November: GivingTuesday – Geschichte und Einstieg
- Anfang/Mitte Dezember: Brief oder längere E-Mail mit konkretem Spendenaufruf
- Vor Weihnachten: Erinnerung & kleines Update („Wo stehen wir?“)
- Januar: Dank & Ergebnis, vielleicht mit Mini-Ausblick
Plötzlich ist GivingTuesday keine Extrabelastung mehr, sondern euer Kick-off.
Früh dran sein: Warum Timing im Dezember über Erfolg entscheidet
Wir erleben es jedes Jahr:
Vereine verschicken ihren Spendenbrief am 20. Dezember. Gut gemeint, aber oft zu spät.
Im Dezember passiert gleichzeitig:
- Menschen planen Urlaub, Familienbesuche, Feiern
- der Kopf ist voll mit To-dos (Geschenke, Jahresabschluss, Steuerordner suchen…)
- Post und Zustellungen brauchen länger
Unser Fazit aus vielen Kampagnen:
Wer früher dran ist, ist im Vorteil.
Unser grober Fahrplan
GivingTuesday (Ende November):
eure erste, emotionale Geschichte – ohne großen Druck, eher: „Schau, was mit deiner Unterstützung möglich ist.“Ab 5.–10. Dezember:
Versand von Spendenbriefen oder ausführlichen E-Mails. Hier könnt ihr konkret werden: Betrag, Ziel, Projekt.Eine Woche vor Weihnachten:
kurze, freundliche Erinnerung. Kein Betteln, eher: „Wir sind fast da – helft ihr uns, die Zielgerade zu schaffen?“
Digitale Kanäle (Newsletter, Social Media) lassen sich natürlich spontaner einsetzen. Aber auch hier gilt: Lieber rechtzeitig planen, statt last minute zwischen Weihnachtsfeier und Inventur noch schnell einen Post rauszuhauen.
Story first: Zahlen sind nett, Geschichten bewegen
Wir sehen es in so vielen Vereinen: Projekte, die wirklich großartig sind – aber in Texten klingen wie ein Fördermittelantrag.
Die Jahresendkampagne ist nicht der Ort für:
- sperrige Fachbegriffe
- fünf Seiten Hintergrund
- Verwaltungsdeutsch
Sie ist der Moment für eine starke Geschichte:
- ein Kind, das durch euren Sportverein Anschluss gefunden hat
- eine ältere Person, die durch euren Besuchsdienst nicht mehr vereinsamt
- ein Naturschutzgebiet, das dank eures Einsatzes erhalten bleibt
- ein Jugendlicher, der durch eure Kulturarbeit plötzlich eine Bühne bekommt
Wie wir das oft strukturieren
Wir arbeiten gern mit diesem einfachen Dreiklang:
- Vorher – Wie war die Situation ohne eure Arbeit?
- Wende – Was ist passiert, wer hat sich eingesetzt, wo war der Knackpunkt?
- Nachher – Wie sieht das Leben/die Situation jetzt aus – auch dank Unterstützung?
Und ganz wichtig:
Immer klar machen, welche Rolle Spender:innen und Mitglieder in dieser Geschichte spielen. Sie sind nicht Statisten – sie sind Mit-Held:innen.
Social Proof: Andere zeigen, dass Geben normal ist
Ein bisschen Psychologie schadet nie. Menschen entscheiden oft danach, was „andere so machen“. Das gilt auch fürs Spenden.
In der Praxis heißt das für uns:
Zitate von Ehrenamtlichen:
„Warum engagiere ich mich hier?“Kurzstatements von Spender:innen (mit Einwilligung):
„Ich unterstütze den Verein, weil …“Fotos von echten Menschen statt Stockbildern
kleine Zahlen wie:
„Schon 87 Menschen haben uns dieses Jahr unterstützt – hilfst du mit, dass wir die 100 knacken?“
Wichtig:
DSGVO nicht vergessen. Wer mit Namen, Bild oder direktem Zitat auftaucht, braucht eine saubere Einwilligung.
Unser Tipp aus der Praxis: Ein einfaches Formular oder eine Einzeiler-Freigabe per E-Mail wirkt Wunder, wenn man es direkt von Anfang an in die Abläufe einbaut.
Matching statt Lotterie: Anreize, die rechtssicher funktionieren
Im US-Kontext sieht man häufig „Raffles“ oder große Gewinnspiele. In Deutschland ist das deutlich komplizierter: Lotterien, Tombolas & Co. bewegen sich schnell im Bereich von Glücksspiel- und Steuerrecht.
Wir raten daher:
Lieber mit anderen Anreizen arbeiten, die rechtlich entspannt sind – und psychologisch trotzdem stark.
Matching-Spenden – wenn 1 Euro plötzlich 2 Euro wert ist
Ein Klassiker, der auch bei kleineren Vereinen gut funktioniert:
- Ein Großspender, ein Unternehmen oder der Vorstand sagt zu:
„Alle Spenden bis zu X Euro, die bis zum 31.12. eingehen, werden verdoppelt.“
Das kann auch moderater sein:
- „Jeder Euro wird um 50 % aufgestockt“
- „Wir matchen bis zu einer Gesamtsumme von 5.000 Euro“
Worauf wir dabei achten:
- Transparenz: Wer matched? Bis zu welcher Summe? Für welches Projekt?
- Dokumentation: Vorstandsprotokoll, klare Zusagen, saubere Buchhaltung.
- Kommunikation: Klar sagen, ob das Matching zeitlich oder betragsmäßig begrenzt ist.
Und ja: Im Zweifel bitte mit Steuerberatung oder eurer Vereinsberatung klären, wie ihr das sauber abbildet. Aber grundsätzlich ist Matching deutlich unkomplizierter als jede Form von Gewinnspiel.
Symbolische Dankeschöns statt Geschenke-Orgie
Bei „Incentives“ wird es ebenfalls schnell heikel, wenn der Wert zu hoch ist – Stichwort Gemeinnützigkeit und Spendenabzug.
Was wir im Vereinsalltag gut funktionieren sehen:
- persönliche Dankesbriefe (handschriftlicher Zusatz wirkt Wunder)
- Nennung im Jahresbericht oder auf der Website – z. B. „Förderkreis 2024“
- Einladung zu einem Supporter-Treffen oder kleinem Empfang
- ein symbolisches kleines Geschenk mit geringem Wert (z. B. Postkarte, Sticker, Vereinsmagazin)
Goldene Faustregel:
Danke von Herzen, aber nicht mit Luxus.
GivingTuesday als emotionaler Prolog
Wir nutzen GivingTuesday gern als emotionalen Einstieg, ohne direkt „Spendenziel 30.000 Euro“ auf die Stirn zu schreiben.
Ein Beispiel, wie das inhaltlich aussehen kann:
- Ihr erzählt eine konkrete Geschichte aus dem Vereinsjahr.
- Ihr zeigt mit 2–3 Bildern, was möglich wurde.
- Ihr baut ein kurzes Zitat ein – von einer betroffenen Person, einem Ehrenamtlichen oder eurer Vorsitzenden.
- Am Ende: ein sanfter Hinweis
„Wenn du möchtest, dass wir genau solche Momente im nächsten Jahr noch öfter erleben, kannst du uns heute unterstützen.“
Kein Druck, keine Panikmache, eher: „Das ist unser Warum. Du kannst Teil davon sein.“
Und: Diese Geschichte könnt ihr später in eurem Dezember-Spendenbrief oder der Weihnachtsmail wieder aufgreifen, vertiefen oder mit aktuellen Zahlen ergänzen. Ein Text, mehrere Einsätze – euer Zeitkonto freut sich.
Der gute alte Brief: analog schlägt oft digital
So digital wir alle unterwegs sind – im Fundraising erleben wir immer wieder:
Ein echter Brief im Briefkasten wirkt oft stärker als die zehnte E-Mail.
Vor allem bei:
- älteren Mitgliedern
- langjährigen Unterstützer:innen
- Menschen, die euren Verein eher „traditionell“ wahrnehmen (Kultur, Sozial, Kirche, Sport)
Was sich bewährt hat:
- klare, einfache Sprache (kein Behördendeutsch)
- maximal 2 Seiten, besser 1,5
- ein konkretes Ziel („Wir möchten 50 neue Fördermitglieder gewinnen.“ / „Wir brauchen 12.000 Euro für die Sanierung des Trainingsraums.“)
- ein gut sichtbarer Spendenweg (Bankverbindung, QR-Code, Online-Spendenlink)
- Hinweis auf Spendenbescheinigung
(„Ab X Euro stellen wir automatisch eine Spendenbescheinigung aus. Für kleinere Beträge reicht der Kontoauszug als Nachweis.“)
Und: Wer es schafft, am Ende noch zwei, drei persönliche Grüße handschriftlich zu ergänzen – gerade bei langjährigen Unterstützer:innen – sieht oft direkte Effekte in der Resonanz.
Dank ist kein Nachsatz, sondern Teil der Strategie
Man sieht es sofort, wenn ein Verein Dank nur als Pflichtübung versteht. Standardmail, Standardbrief, Copy-Paste.
Wir haben irgendwann im Team beschlossen:
„Dank“ ist ein eigenes Projekt. Kein Anhängsel.
Was das konkret bedeuten kann:
- Im Januar gezielt eine Danke-Runde fahren: E-Mails, Briefe, Social Media.
- Nicht nur sagen, dass gespendet wurde, sondern zeigen, wofür das Geld eingesetzt wird oder eingesetzt werden soll.
- Unterstützer:innen überraschen – z. B. mit einem kleinen Video aus dem Verein, einer Sprachnachricht im Newsletter, einem „Behind the Scenes“ aus der Geschäftsstelle.
Diese Phase ist nebenbei Gold wert für eure Bindung:
- Wer sich gesehen und wertgeschätzt fühlt, bleibt oft länger dabei.
- Wer mitgenommen wird, erzählt eher anderen vom Verein.
- Wer die Wirkung erlebt, spendet beim nächsten GivingTuesday sehr viel überzeugter.
Typische Stolperfallen – und wie wir sie umgehen
Ein paar Dinge sehen wir im Beratungsalltag so oft, dass wir sie hier nicht verschweigen wollen:
Stolperfalle 1: „Alle Zielgruppen in einem Text“
Ein Schreiben, das gleichzeitig Mitglieder, Unternehmen, Großspender:innen und gelegentliche Online-Spender ansprechen soll, endet meist in weichgespültem Nichts.
Unser Tipp:
Lieber zwei bis drei Varianten, leicht angepasst, als ein Text, der niemanden wirklich trifft.
Stolperfalle 2: „Zu viel Rechtfertigung, zu wenig Vision“
Viele Vereine erklären seitenlang, warum sie Geld brauchen („Gestiegene Kosten“, „Wegfall von Zuschüssen“…). Das ist legitim – aber Spenden folgen oft eher positiven Bildern als Defizitlisten.
Also:
Ja, erläutern, warum zusätzliche Mittel nötig sind.
Aber genauso stark: zeigen, was möglich wird, wenn Menschen geben.
Stolperfalle 3: DSGVO ignorieren
Fotos von Teilnehmenden, Zitate von Jugendlichen, Namen von Spender:innen – all das braucht eine saubere Einwilligung.
Wir erleben leider immer wieder, dass Vereine hier unbewusst ins Risiko laufen. Besser:
- kurze Einverständniserklärungen (z. B. im Aufnahmeformular, beim Projektstart)
- klare Info, wo und wie etwas veröffentlicht wird
- leicht erreichbare Stelle für Widerruf und Nachfragen
Das klingt bürokratisch, ist aber im Alltag machbar – und schützt euch.
Unser Fazit: GivingTuesday als Startknopf nutzen
Wenn wir eine Sache aus den letzten Jahren mitnehmen, dann diese:
GivingTuesday ist kein Pflichttermin.
Aber er ist eine starke Chance, euer Jahresende strategischer zu denken.
Statt:
- spontanem Hauruck-Post
- spät versandtem Spendenbrief
- einzeln schwirrenden Aktionen
lieber:
- eine klare Kampagne,
- ein durchgängiges Thema,
- kluge Zeitpunkte und
- ehrliche, persönliche Kommunikation.
Und wenn ihr beim nächsten November denkt: „Oh nein, GivingTuesday schon wieder…“ – vielleicht ist genau das der Moment, an dem sich etwas ändern darf.
Nicht mehr „noch eine Aufgabe“, sondern der Moment, an dem eure Jahresendstrategie startet.
9 Antworten
…vielleicht sollten wir auch mal einen Workshop dazu organisieren? Ein bisschen Austausch könnte helfen, um sicherer in der Kommunikation zu werden!
…das ganze Thema rund um DSGVO finde ich ziemlich kompliziert. Wie geht ihr damit um? Gibt es da einfache Lösungen oder Best Practices?
Ich habe den Eindruck, dass viele Vereine den Druck am Ende des Jahres nicht richtig managen. Was denkt ihr über die Bedeutung der Planung im Voraus? Ist das wirklich so entscheidend?
Absolut, Planung ist alles! Wenn man frühzeitig anfängt, hat man weniger Stress und kann kreativer sein.
…und man hat die Möglichkeit, auf unerwartete Ereignisse besser zu reagieren!
Die Idee von einer durchdachten Jahresendkampagne finde ich klasse! Was haltet ihr von der Idee, Geschichten von Spendern einzubauen? Hat das schon mal jemand ausprobiert?
Das klingt nach einer guten Idee! Geschichten machen alles greifbarer und emotionaler. Vielleicht könnten wir eine Art Wettbewerb daraus machen?
Ich finde es super, wie GivingTuesday hier dargestellt wird. Es ist so wichtig, die Spendenaktionen gut zu planen. Welche Erfahrungen habt ihr mit den verschiedenen Kampagnen gemacht? Ich würde gerne mehr darüber hören.
Ja, das interessiert mich auch! Ich frage mich, wie andere Vereine den Übergang vom GivingTuesday zu Weihnachten gestalten.