– Bessere Translationsstruktur: Aufbau von Translationszentren, digitalen Plattformen, Partnerschaftsmodellen.
– Flexible Karrierewege und unternehmerisches Mindset durch Praktika, Ausgründungsanerkennung und Gründungsberatung.
– Innovationsfreundliche Regulatorik mit einheitlichem Datenschutz, internationalen Standards und regulatorischen „Sandboxes“.
Innovationssprung für Gesundheit: Neues Papier fordert bessere Brücken zwischen Forschung und Praxis
Deutschland gilt als eine der führenden Forschungsstandorte für Medizin und Gesundheit – doch viele Innovationen verpuffen, bevor sie in der Versorgung ankommen. In einem gemeinsamen Innovationspapier setzen sich die TMF, der Verband forschender Pharma-Unternehmen (vfa) und der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) gezielt dafür ein, diesen Transfer entscheidend zu beschleunigen. Dabei stehen Translationszentren an Universitätskliniken, digitale Datenplattformen sowie neue Partnerschaftsmodelle zwischen Forschung und Industrie im Mittelpunkt. Die Organisationen bringen ihre Expertise zusammen, um Deutschland als Innovationsstandort im Gesundheitswesen stark zu verankern.
Das Papier formuliert klare Forderungen: Es braucht einen gezielten Aufbau von Translationszentren, um das sogenannte „Death Valley of Translation“ zu überwinden, in dem viele wertvolle Forschungsergebnisse bislang stecken bleiben. Ebenso wichtig sind ein Ausbau von Public-Private-Partnerships, der rechtsicher gestaltete Datenaustausch über digitale Plattformen sowie eine intensivere Nutzung von Biobanken und Registern. Begleitet wird das durch moderne Finanzierungsinstrumente, Anreize zum Schutz geistigen Eigentums und eine belebte Gründungskultur in der akademischen Medizin.
Auch die beruflichen Laufbahnen der Forschenden sollen flexibler werden: Praktika und Forschungsaufenthalte in der Industrie, die Anerkennung von Ausgründungen und Unternehmensengagement sowie Beratungsangebote an Hochschulen sollen das unternehmerische Denken fördern – ein essenzieller Schritt, um eine neue Kultur der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu etablieren.
Neben diesen strukturellen Veränderungen betonen die Verbände den hohen Bedarf an klaren, praktikablen und harmonisierten regulatorischen Rahmenbedingungen. Konkret fordern sie eine Vereinheitlichung der Datenschutzbestimmungen im Gesundheitswesen, die konsequente Umsetzung internationaler Datenstandards, die Einführung regulatorischer Reallabore („Sandboxes“) und eine stärkere Ausrichtung der Bewertungssysteme auf digitale und datengetriebene Innovationen. Gerade für Start-ups und kleine Unternehmen müsse das Prinzip der „Ermöglichung statt Verhinderung“ gelten – auch über Europa hinaus.
Natalie Gladkov vom BVMed erklärt unmissverständlich: „Um den Transfer von Ergebnissen aus der Grundlagenforschung in marktreife Produkte und Dienstleistungen im Gesundheitswesen zu realisieren und zu beschleunigen, braucht es Rahmenbedingungen, die Innovationen fördern. Bürokratie und regulatorische Hürden müssen im Hinblick auf die Förderung des Gesundheitsforschungs- und Wirtschaftsstandorts aktiv überwunden werden.“ Marcel Weigand, Initiator des Innovationspapiers, ergänzt: „Innovationen kommen nur dann schneller in die Anwendung, wenn Forschung und Industrie in vertrauensvollen, strukturierten Partnerschaften zusammenarbeiten – offen, verlässlich und mit dem Willen, Silos zu überwinden.“ Und Dr. Matthias Meergans vom vfa mahnt: „Wenn Deutschland wieder zu einem führenden Standort für pharmazeutische Innovation werden soll, braucht es geeignete Anreizsysteme und neue Kooperationsmodelle.“
Die Bedeutung der Medizintechnikbranche für den Innovationsstandort Deutschland unterstreichen aktuelle Zahlen. Im Jahr 2024 beschäftigte die Branche über 212.000 Menschen und erwirtschaftete eine Bruttowertschöpfung von 19,7 Milliarden Euro. Insgesamt gab es 1.510 Hersteller mit mehr als 20 Beschäftigten, die einen Umsatz von über 41 Milliarden Euro erzielten – der Anteil von Kleinstunternehmen erhöht diesen Wert auf rund 55 Milliarden Euro. Rund 68 Prozent des Umsatzes stammt aus dem Auslandsgeschäft, und immerhin 9 Prozent werden in Forschung und Entwicklung investiert. Von den Unternehmen sind 93 Prozent kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Damit stellt die Medizintechnik einen erheblichen Treiber für Innovation und Wachstum im Gesundheitssektor dar.
Das gemeinsame Innovationspapier bündelt diese Perspektiven und kann ausführlich unter www.bvmed.de/innovationspapier eingesehen werden. Es bietet einen praxisnahen Fahrplan, um Deutschland als führenden Standort für Gesundheitsforschung und wirtschaftliche Innovation nachhaltig zu stärken.
Innovation im Gesundheitswesen: Warum der Transfer von Forschung zur Anwendung stockt
Die Translation medizinischer Forschungsergebnisse in Praxis und Produkte bleibt ein zentrales Hindernis für den Fortschritt im Gesundheitswesen – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Trotz einer exzellenten Forschungslandschaft verpuffen viele potenzielle Innovationen im sogenannten „Death Valley of Translation“. Warum gelingt es so selten, aus vielversprechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen schnell funktionierende Therapien, Geräte oder digitale Anwendungen zu entwickeln? Diese Frage führt direkt zu strukturellen, regulatorischen und kulturellen Herausforderungen.
Was bremst den Weg von der Idee zur Anwendung?
Die Ursachen für den stockenden Transfer sind vielfältig. Zum einen fehlt es häufig an geeigneten Strukturen, die den Brückenschlag von der Grundlagenforschung zur praktischen Umsetzung erleichtern. Forschungsergebnisse bleiben in akademischen Silos gefangen, ohne klare Wege zu einer industriellen oder klinischen Verwertung. Hinzu kommen starre Regulierungen, die den Innovationsprozess ausbremsen, besonders wenn unterschiedliche Datenschutzbestimmungen und komplexe Zulassungsverfahren den Austausch und Einsatz neuer Technologien erschweren.
Darüber hinaus ist die Kultur zwischen Forschung und Industrie oft von Distanz geprägt. Ein mangelndes unternehmerisches Mindset bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern behindert die zügige Gründung von Start-ups oder Kooperationen. Fehlende Anerkennung von Ausgründungen und zu wenig flexible Karrierewege verstärken diese Trennung.
Wichtige Ansätze, die den Transfer unterstützen könnten, sind daher:
- Der Aufbau spezialisierter Translationszentren an Universitätskliniken, die Forschung und Versorgung direkt verbinden.
- Öffentliche-private Partnerschaften, welche auf Vertrauen und strukturiertem Austausch basieren.
- Digitale Plattformen, die einen rechtssicheren Umgang mit Gesundheitsdaten ermöglichen.
- Die bessere Nutzung von Biobanken und Registern, um datengetriebene Innovationen zu fördern.
Zukunftsperspektiven für den Innovationsstandort Deutschland
Im internationalen Vergleich verliert Deutschland als Innovationsstandort zunehmend an Dynamik. Andere Länder profitieren von einfacheren regulatorischen Rahmenbedingungen und einer stärkeren Vernetzung zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesundheitsversorgung. Hier besteht dringender Nachholbedarf, um wettbewerbsfähig zu bleiben und gesellschaftlichen Nutzen schnell zu realisieren.
Eine zentrale Stellschraube ist die Regulatorik: Klare, harmonisierte und innovationsfreundliche Regeln würden nicht nur den Marktzugang erleichtern, sondern auch startenden Unternehmen und kleinen Innovatoren Sicherheit geben. Modelle wie regulatorische Reallabore („Sandboxes“) können experimentelles Testen neuer Technologien unter kontrollierten Bedingungen ermöglichen.
Zudem braucht es einen Wandel in der Wissenschaftskultur hin zu mehr Praxisorientierung. Flexible Karrierewege, die Unternehmergeist fördern, und eine bessere Unterstützung von Gründungsinteressierten können Brücken schlagen. Dabei sind finanzielle Anreize sowie Schutz geistigen Eigentums wichtige Bausteine einer innovationsfreundlichen Umgebung.
Der gesellschaftliche Gewinn könnte erheblich sein: Schnellere Entwicklungen neuer Therapien und digitaler Lösungen verbessern die medizinische Versorgung und eröffnen neue wirtschaftliche Chancen. Doch erst wenn Deutschland die „Translation“ als integralen Teil seines Innovationssystems verankert, wird es gelingen, die Brüche zwischen Forschung und Anwendung nachhaltig zu überwinden.
Damit steht der Innovationsstandort künftig vor der Frage: Schaffen wir die richtigen Rahmenbedingungen, um das enorme Potenzial unserer Gesundheitsforschung auch praktisch zu entfalten? Die Antwort darauf wird entscheidend darüber bestimmen, wie schnell und effektiv neue Erkenntnisse in den Alltag der Patientinnen und Patienten einfließen.
Die Informationen und Zitate in diesem Beitrag stammen aus der gemeinsamen Pressemitteilung der TMF, des Verbands Forschender Pharma-Unternehmen (vfa) und des Bundesverbands Medizintechnologie (BVMed).