Ein Arzneimittelmarkt kann günstig sein und trotzdem unter Druck geraten. Genau diesen Widerspruch beschreibt ein neuer Branchenreport: Generika sichern nach Angaben von Pro Generika 81 Prozent der Versorgung, stehen aber nur für knapp 6 Prozent der Ausgaben.
Für Patientinnen und Patienten, Krankenkassen und Apotheken ist das mehr als eine Statistik. Je stärker der Preisabstand zwischen günstigen Wirkstoffen und patentgeschützten Präparaten wächst, desto drängender wird die Frage, wie lange sich die Produktion unter diesen Bedingungen noch rechnet.
Wer hinter dem Report steht – und warum die Zahlen politisch relevant sind
Veröffentlicht hat die Übersicht der Verband Pro Generika e.V., der die Interessen von Generika- und Biosimilarunternehmen in Deutschland vertritt. Der am 22. Juni 2026 vorgestellte Report „Generika in Zahlen 2025“ soll zeigen, wie groß der Beitrag dieser Arzneimittel zum Versorgungssystem inzwischen ist – und wie stark der Kostendruck auf den Herstellern lastet.
Nach Angaben des Verbands kostet eine Tagesdosis mit Generika im Durchschnitt nur 6 Cent. Das sei halb so viel wie 2010. Zugleich stiegen die Einsparungen durch Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Herstellern laut Report von 1,3 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf 6,7 Milliarden Euro im Jahr 2025.
Pro Generika wertet diese Entwicklung als Risiko für die wirtschaftliche Lage der Unternehmen. Das ist nachvollziehbar, weil steigender Preisdruck in einem Markt mit ohnehin niedrigen Margen schnell an die Substanz gehen kann. Es bleibt jedoch eine Verbandsposition und keine unabhängige Marktanalyse.
„Wer dauerhaft immer mehr trägt und dafür immer weniger bekommt, kann irgendwann nicht mehr liefern.“
So begründet Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika, die Sorge des Verbands. Nach seiner Darstellung steigen Hersteller bereits aus der Versorgung aus, weil wirtschaftliche Produktion nicht mehr möglich sei. Ob und in welchem Umfang das für den Markt insgesamt gilt, lässt sich aus der Mitteilung allein nicht prüfen.
Warum Generika für die Versorgung so wichtig sind
Dass Generika im deutschen Arzneimittelmarkt eine zentrale Rolle spielen, zeigt auch der Blick auf externe Daten. Die OECD kommt in Health at a Glance 2025: Germany für das Jahr 2023 zu dem Ergebnis, dass 84 Prozent des von Drittzahlern gedeckten Arzneimittelvolumens auf Generika entfielen. Gleichzeitig machten Generika nur 29 Prozent der Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung aus.
Diese Werte messen Unterschiedliches: Das Volumen beschreibt den Anteil der abgegebenen Arzneimittel, die Ausgaben den Geldbetrag, den die Kassen dafür aufwenden. Beides ist nicht direkt gleichzusetzen, zeigt aber denselben Trend: Viele Medikamente werden günstig über Generika abgedeckt, während teurere Arzneien einen deutlich größeren Teil des Budgets binden.
Auch das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) liefert ein passendes Bild. Im generikafähigen Markt lag der durchschnittliche Packungspreis 2023 bei 34,85 Euro. Patentgeschützte Arzneimittel kosteten im Schnitt 587,72 Euro pro Packung. Die Differenz macht deutlich, wie stark sich die Preisstruktur im Arzneimittelmarkt unterscheidet.
Für die gesetzliche Krankenversicherung ist das nicht nur eine Kostenfrage, sondern auch eine Frage der Steuerung. Je mehr Wirkstoffe im Generikabereich verfügbar sind, desto stärker kann das System auf günstigere Alternativen ausweichen. Das spart Geld, macht die Versorgung aber zugleich abhängiger von stabilen Lieferketten.
Was Rabattverträge im Alltag bedeuten
Im Zentrum des Konflikts stehen die Rabattverträge. Dahinter steckt ein einfaches Prinzip: Krankenkassen vereinbaren mit Herstellern Preisnachlässe für bestimmte Wirkstoffe, damit die Versorgung möglichst günstig bleibt. Der AOK-Bundesverband hält solche Verträge weiterhin für ein zentrales Instrument, um Versorgung und Wirtschaftlichkeit zu sichern.
Für Apotheken bedeutet das oft mehr Wechsel zwischen Herstellern und Präparaten. Für Patientinnen und Patienten ist vor allem entscheidend, dass das verordnete Medikament verfügbar bleibt. Genau hier setzt die Kritik von Pro Generika an: Wenn der Preisdruck zu hoch wird, könnten sich einzelne Hersteller aus der Belieferung zurückziehen.
Die Mitteilung verweist außerdem auf eine mögliche Abhängigkeit von außereuropäischen Lieferketten. Auch das ist ein wichtiger Punkt, denn bei Arzneimitteln können schon kleine Störungen große Folgen haben. Gleichzeitig nennt der Verband keine konkreten Wirkstoffe, keine betroffenen Hersteller und keine regionalen Engpässe. Wie groß das Risiko in der Praxis tatsächlich ist, lässt sich aus den vorliegenden Angaben deshalb noch nicht beurteilen.
Die Balance zwischen Preis und Lieferfähigkeit
Der Report zeigt vor allem eines: Generika sind für die bezahlbare Arzneimittelversorgung unverzichtbar. Gerade weil sie einen so großen Teil der Versorgung abdecken, ist ihr Preisniveau politisch relevant.
Genauso wichtig ist aber die andere Seite der Rechnung. Niedrige Preise sichern noch keine stabile Produktion, wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu eng werden. Für Politik, Krankenkassen und Hersteller bleibt damit die Frage offen, wie sich Sparziele und Versorgungssicherheit in ein belastbares Gleichgewicht bringen lassen.
Ob die vorgelegten Zahlen am Ende zu Kurskorrekturen führen, ist offen. Klar ist nur: Ein System, das auf günstige Generika angewiesen ist, funktioniert auf Dauer nur dann, wenn auch ihre Lieferfähigkeit verlässlich bleibt.