– Bündnisprotest am 10.7.2025 in Berlin fordert ökologisch-soziale GAP-Ausrichtung.
– EU-GAP senkte Biodiversitätsstandards, kostete 1 Mio Hektar Schutzflächen, gefährdet Klima.
– Forderung: Umwelt- und Tierschutzmaßnahmen wirtschaftlich attraktiv machen, Agrargelder gerecht verteilen.
„Wir haben es satt!“ fordert: Agrarwende jetzt – mehr Umwelt- und Tierschutz in der EU-Agrarpolitik
Am 10. Juli 2025 richtet sich das Bündnis „Wir haben es satt!“ mit Nachdruck gegen geplante Rückschritte in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU. Anlass ist die Sonder-Agrarministerkonferenz in Berlin, bei der die deutschen Agrarministerinnen eine gemeinsame Position zur GAP nach 2027 festlegen wollen. Das Bündnis, das Bäuerinnen und Bauern, Verbraucherinnen sowie Umwelt-, Tier- und Klimaschützer*innen vereint, prangert an, dass trotz der drängenden Klima- und Artenkrise wichtige ökologische Mindeststandards der GAP in den vergangenen Jahren deutlich abgesenkt wurden. So wurden bereits 2024 mindestens eine Million Hektar Agrarflächen zum Schutz der Biodiversität aufgegeben, was der Fläche von etwa 1,4 Millionen Fußballfeldern entspricht. Die mögliche Reduktion des Schutzes von Dauergrünland lässt befürchten, dass rund 125 Millionen Tonnen zusätzliches CO₂ freigesetzt werden.
Das Bündnis kritisiert vor allem die unveränderte Förderungspraxis: „**Nach wie vor gilt das Motto: Wer viel Land hat, bekommt viele Fördermittel.*“ Die daraus resultierende Ungerechtigkeit schwächt jene Bäuerinnen wirtschaftlich, die bereits besonders ressourcenschonend und tiergerecht wirtschaften. Im Zentrum der Forderungen steht deshalb, Umwelt-, Klima- und Tierschutz für Landwirt*innen wirtschaftlich attraktiv zu machen und bestehenden Fördermechanismen stärker auf Nachhaltigkeit auszurichten.
Die gesetzten Forderungen lauten unter anderem: „*Umwelt-, Klima- und Tierschutz müssen sich für Bäuerinnen lohnen – Ökoregelungen sowie Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen ausbauen statt abschaffen!“ Dabei soll der Ausbau von umweltfreundlichen Maßnahmen Vorrang vor deren Abbau haben. Gefordert wird ebenfalls „für gerechte Erzeugerinnenpreise – Bäuerinnen am Markt stärken statt ausbremsen, Vertragspflicht umsetzen!“ Dies soll sicherstellen, dass die Erzeuger*innen fair entlohnt werden und nicht weiterhin von mächtigen Handelskonzernen benachteiligt werden. Zudem soll eine „sozialverträgliche Agrarpolitik – Fördergelder endlich gerecht vergeben statt nach dem Gießkannenprinzip!**“ umgesetzt werden, denn eine Gleichverteilung der Gelder ohne Fokus auf Nachhaltigkeit und soziale Aspekte hält das Bündnis für ineffektiv und unfair.
Dazu ergänzt das Bündnis: „**Fördergelder nur für gute ökologische, soziale und Tierschutzstandards – Grundanforderungen effizient gestalten statt permanent schleifen!**“ Es geht also um eine klare Verknüpfung der finanziellen Unterstützung mit strengen Umwelt- und Sozialstandards, um dauerhafte Verbesserungen zu erreichen.
Jan Plagge, Präsident von Bioland, unterstreicht die zentrale Rolle der GAP: „Die GAP ist eines der zentralen Instrumente nicht nur zur Sicherung der Ernährung und zur Stärkung des ländlichen Raums, sondern auch zur Erreichung ökologischer und gesellschaftlicher Ziele. Dieser Hebel muss in Zukunft viel stärker als bisher genutzt werden, indem Landwirtinnen für ihre Bemühungen, nachhaltig zu wirtschaften, einkommenswirksam entlohnt werden… Gesellschaftliche Leistungen für Umwelt-, Klima- und Tierschutz müssen viel stärker als bisher einkommenswirksam ausgestaltet werden.*“ Er fordert einen politischen Willen zur Freisetzung von Mitteln, die eine nachhaltige Transformation der Agrarpolitik ermöglichen.
Kritik an verbreiteten Subventionspraktiken übt auch Reinhild Benning von der Deutschen Umwelthilfe (DUH): „Einige Agrarministerinnen wollen Umweltstandards schleifen und mehr pauschale Hektarprämien. Das mästet jedoch einseitig Großgrundbewirtschafterinnen und Großgrundbesitzerinnen… Wir fordern einen Stopp für pauschale Hektarsubventionen, den konsequenten Einsatz öffentlicher Gelder für Umwelt- und Tierschutz sowie eine Pflicht zu schriftlichen Verträgen und kostendeckenden Preisen für die Erzeuger*innenbetriebe, damit diese in höhere Standards investieren.*“ Dabei kritisiert sie auch den Einfluss großer Konzerne und deren Marktmacht, die Erzeugerpreise drücken und zugleich über Subventionen profitieren.
Ähnliche Kritik erhebt Ottmar Ilchmann, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL): „*Die Verteilung eines Großteils der GAP-Mittel nach dem Gießkannenprinzip ist unfair und uneffektiv… Der Erhalt vieler und vielfältiger Betriebe ist eine Voraussetzung für den sozialen Zusammenhalt im ländlichen Raum und für die Krisenfestigkeit einer regionalen Versorgung mit hochwertigen Lebensmitteln.*“ Er plädiert für eine gezielte Förderung kleiner und mittlerer Betriebe durch gestaffelte Prämien.
Olaf Bandt, Bundesvorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), bringt die Forderungen auf den Punkt: „*Öffentliche Gelder gehören in die Förderung gesellschaftlicher Leistungen – für Klima, Artenvielfalt und Tierschutz. Das schützt nicht nur bäuerliche Betriebe, sondern auch unser Trinkwasser, unsere Lebensmittelqualität und die Natur, die viele Menschen in Stadt und Land schätzen.“ Er mahnt die Agrarministerinnen, den erreichten Konsens der Zukunftskommission Landwirtschaft nicht zu verwässern, sondern konsequent umzusetzen.
Die Kritik an der aktuellen Agrarpolitik ist klar: Zwischen 2021 und 2027 investiert die EU rund 385 Milliarden Euro in die Landwirtschaft, ein Drittel ihres gesamten Haushalts. Doch trotz dieser enormen Mittel fließen zu wenige Gelder in konkrete Umwelt-, Klima- und Tierschutzmaßnahmen der Bäuerinnen und Bauern. Das Bündnis sieht in der kommenden GAP-Reform eine entscheidende Chance, die Förderung stärker an den Bedürfnissen von Klima, Biodiversität und sozialer Gerechtigkeit auszurichten und Bäuer*innen für nachhaltiges Wirtschaften angemessen zu entlohnen.
Gerechte Agrarpolitik als Schlüssel für eine nachhaltige Gesellschaft und Umwelt
Die Zukunft der Landwirtschaft ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die weit über die Höfe hinausreicht. Die laufende Debatte um die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union betrifft nicht nur die Landwirtinnen selbst, sondern auch Verbraucherinnen, die Umwelt und das ökologische Gleichgewicht. In der aktuellen Diskussion steht die Frage im Mittelpunkt, wie Agrarförderungen sozial gerecht verteilt und gleichzeitig effektiver zum Umwelt- und Klimaschutz eingesetzt werden können.
Die derzeitigen Strukturen der GAP bevorzugen überwiegend große Betriebe, die den Löwenanteil der Fördergelder erhalten – meist in Form pauschaler Flächenprämien. Das führt zu erheblichen Nachteilen für kleine und mittlere Betriebe, die oft besonders umweltfreundlich und tiergerecht wirtschaften. Zugleich erschwert die Marktmacht großer Handelsketten wie Aldi den Bäuer*innen, faire Erzeugerpreise zu erzielen, was die gesamte Wertschöpfungskette unter Druck setzt.
Ökologische Probleme wie das Artensterben, die Klimakrise und der Verlust von Schutzflächen verschärfen die Lage zusätzlich. Bereits heute sind von der Agrarpraktik bedingte Veränderungen für den Verlust von mindestens einer Million Hektar Biodiversitätsflächen verantwortlich – das entspricht etwa 1,4 Millionen Fußballfeldern. Wenn die EU-Kommission plant, Umweltregeln weiter zu lockern, könnten dadurch allein durch Veränderungen beim Dauergrünland hunderte Millionen Tonnen CO₂ zusätzlich freigesetzt werden.
Diese Herausforderungen zeigen: Die GAP muss sich radikal ändern, um soziale und ökologische Ziele gleichzeitig zu erreichen. Landwirtschaftlichen Betrieben muss es möglich sein, durch nachhaltiges Wirtschaften ein auskömmliches Einkommen zu erzielen und somit ihre soziale Stabilität zu sichern. Das betrifft nicht nur die Landwirt*innen, sondern letztlich das gesamte Gesellschaftsgefüge und die Zukunftsfähigkeit der Ernährungsversorgung.
Warum gerechte Fördergelder die Landwirtschaft sichern
Gerechte Fördermittel sind entscheidend, um die Vielfalt und die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft in Deutschland und Europa zu erhalten. Aktuell fließen Gelder zu stark nach dem Gießkannenprinzip, was vor allem Großbetriebe bevorzugt. Dadurch verlieren kleinere Höfe ihre Wettbewerbsfähigkeit und sind zunehmend von Landverlust und Betriebsschließungen bedroht.
Die gerechte Verteilung von Fördergeldern trägt
- zur Stärkung kleiner und mittlerer Betriebe bei,
- zur Erhöhung der sozialen Stabilität im ländlichen Raum,
- zur Sicherung regionaler Lebensmittelversorgung,
- und zu einem ehrlichen Ausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie.
Jan Plagge, Präsident von Bioland, bringt es auf den Punkt: „Gesellschaftliche Leistungen für Umwelt-, Klima- und Tierschutz müssen viel stärker als bisher einkommenswirksam ausgestaltet werden.“ Damit steigen nicht nur der Anreiz und die Wirtschaftlichkeit für nachhaltige Landwirtschaft, sondern auch die Chancen für langfristige Ernährungssouveränität.
Wege zu nachhaltigen Agrarstrukturen
Um die Landwirtschaft zukunftsfähig zu gestalten, sind umfassende Reformen der GAP notwendig. Dabei geht es um folgende zentrale Ansätze:
- Effizientere und zielgerichtete Fördermittel: Weg von pauschalen Hektarsubventionen hin zu gestaffelten Prämien, die besonders kleine und nachhaltige Betriebe unterstützen.
- Ökologische Mindeststandards als Grundvoraussetzung: Fördergelder sollten konsequent an ökologische, soziale und Tierschutzanforderungen gekoppelt werden, um einen echten Mehrwert zu schaffen.
- Stärkung von fairen Preisen für Erzeuger*innen: Vertragspflichten und kostendeckende Preise helfen, die Marktmacht großer Handelsketten zu brechen und Landwirt*innen wirtschaftlich zu entlasten.
- Integration gesellschaftlicher Leistungen: Landwirtschaft muss als Dienstleisterin für Umwelt, Klima und Biodiversität anerkannt und entsprechend entlohnt werden.
In Europa verfolgen mehrere Länder ähnliche Reformkonzepte. Sie zeigen, dass gezielte Förderanreize und die Rückbindung an ökologische Standards nicht nur die Umwelt schützen, sondern auch die Lebensqualität auf dem Land stärken können.
Bedeutung für Verbraucher*innen und Gesellschaft
Die Ernährungssicherheit und die Qualität der Lebensmittel hängen unmittelbar von einer nachhaltigen Landwirtschaft ab. Die GAP-Entscheidungen bestimmen, ob Umwelt- und Klimaschutz im Agrarsektor effektiv vorankommen – oder ob die Krise weiter verschärft wird. Zudem beeinflussen diese Entscheidungen den sozialen Zusammenhalt im ländlichen Raum erheblich.
Die Marktmacht einiger weniger Handelsunternehmen – vier Konzerne kontrollieren rund 85 Prozent des Lebensmittelhandels in Deutschland – verstärkt die Konflikte in der Wertschöpfungskette. Discounter können Preise drücken, während sie selbst hohe Gewinne erzielen. Dadurch verlieren viele Bäuer*innen ihre wirtschaftliche Basis trotz harter ökologische Arbeit.
Die Wirkung eines nachhaltigen Wandels in der Agrarförderung auf einen Blick
- Erhalt und Stärkung von Familienbetrieben und kleineren Höfen
- Reduktion der Umweltbelastungen durch Landwirtschaft
- Verbesserung des Tierwohls durch gezielte Förderungen
- Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe
- Langfristige Sicherung der Ernährungssouveränität
- Flexiblere und sozialverträglichere Strukturen im ländlichen Raum
Die aktuelle GAP-Phase bis 2027 umfasst ein Investitionsvolumen von etwa 385 Milliarden Euro auf EU-Ebene – ein Drittel des Gesamtbudgets der Union. Werden diese Mittel weiterhin vorwiegend als Flächenprämien verteilt, bleiben die dringend notwendigen Fortschritte in Klima- und Umweltschutz aus.
Bleibt die Agrarpolitik in ihrer bisherigen Form bestehen, drohen ein verstärktes Artensterben, der Verlust von bäuerlicher Landwirtschaft und eine weitere Destabilisierung ländlicher Regionen. Andersherum birgt eine veränderte, gezielt auf Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit ausgerichtete Förderpolitik das Potenzial, ökologische Herausforderungen wirksam anzugehen und soziale Verantwortung zu stärken.
Die politischen Entscheidungen zur GAP nach 2027 werden daher maßgeblich bestimmen, ob Landwirtschaft und Gesellschaft gemeinsam zukunftsfähig bleiben – oder ob bestehende Probleme sich weiter zuspitzen.
Alle Informationen und Zitate dieses Beitrags stammen aus der Pressemitteilung von Slow Food Deutschland e. V.
9 Antworten
„Ein Drittel des EU-Haushalts in die Landwirtschaft zu stecken klingt viel! Aber wie wird es tatsächlich genutzt? Ich hoffe auf mehr Transparenz in der Verteilung der Gelder.“
„Umwelt-, Klima- und Tierschutz müssen sich für Bäuerinnen lohnen“ – das ist ein absolut entscheidender Punkt! Was denkt ihr über die Vorschläge zur Förderung kleiner Betriebe? Glaubt ihr daran?
„Wir haben es satt“ ist ein starker Slogan! Ich frage mich jedoch, ob das wirklich Veränderungen bewirken kann. Welche konkreten Schritte können denn unternommen werden?
„Änderungen kommen oft langsam. Aber wenn genug Leute sich engagieren und drängen, kann es möglich sein. Wir müssen gemeinsam für unsere Umwelt eintreten!
Die Diskussion um die GAP ist echt spannend! Die Forderung nach gerechten Erzeugerpreisen finde ich super wichtig. Wie können wir als Verbraucher dazu beitragen? Vielleicht durch mehr regionale Produkte?
Ich denke auch, dass regionale Produkte unterstützen eine gute Idee ist! Aber was können wir tun, um das Bewusstsein bei anderen zu schärfen?
Definitiv! Wenn mehr Menschen verstehen würden, wie wichtig diese Themen sind, könnten wir vielleicht eine größere Veränderung bewirken.
Ich finde es wichtig, dass die GAP reformiert wird. Das Gießkannenprinzip ist nicht fair und benachteiligt kleine Betriebe. Wie können wir sicherstellen, dass die Gelder gerechter verteilt werden? Ich hoffe, dass mehr Aufmerksamkeit auf den Umweltschutz gelegt wird.
Ja genau! Es ist traurig zu sehen, wie große Betriebe immer mehr profitieren. Was denkt ihr über die Idee, die Subventionen an ökologische Standards zu koppeln? Das könnte helfen!