– Protestaktion von VIER PFOTEN am 23. Juli 2025 vor Wiesenhof-Mastbetrieb in Hebertsfelden
– Bilder und Videos zeigen tote, kranke und bewegungsunfähige Masthühner in engen Ställen
– VIER PFOTEN fordert Wiesenhof zu Verantwortung und tiergerechter Haltung mit reduzierten Tierzahlen auf
Protest vor Wiesenhof: Eindrücke und Forderungen gegen Tierleid in der Geflügelmast
Am 23. Juli 2025 haben Aktivist:innen von VIER PFOTEN mit einem fünf mal zwanzig Meter großen Banner vor einem Wiesenhof-Vertragsmastbetrieb in Hebertsfelden eindrucksvoll gegen die dort herrschenden schlechten Haltungsbedingungen demonstriert. Das zugespielte Video- und Bildmaterial zeigt verstörende Szenen: Tote, kranke und bewegungsunfähige Hühner, die inmitten des Lärms tausender Artgenossen liegen. „Dieser Vertragsmastbetrieb steht exemplarisch dafür, dass Wiesenhof seinen Konsument:innen eine schöne heile Welt verkauft, während die grausame Realität anders aussieht. Auf dem uns zugespielten Material liegen inmitten des tosenden Lärms zigtausender Hühner sichtbar erschöpfte und tote Artgenossen. Wiesenhof hat nicht nur die Verantwortung, sondern auch die Möglichkeit, den Tieren ein besseres Leben zu ermöglichen – wir stehen heute hier in Hebertsfelden, um den Konzern nachdrücklich an diese Verantwortung zu erinnern“, erklärt Vanessa Schilke, Campaignerin bei VIER PFOTEN Deutschland.
Das vorliegende Material dokumentiert insbesondere Zustände in Haltungsstufen 2 und 3 – zwei der verbreitetsten Standards der Masthühnerhaltung in Deutschland. Die Bilder zeigen eng gedrängte Tiere, oft mit Entzündungen, Verletzungen oder krankheitsbedingter Lähmung, teils sind sie bewegungsunfähig oder bereits tot. „Die uns anonym zugespielten Bilder sind nichts für schwache Nerven, sie zeigen Zustände in Vertragsmastbetrieben von Wiesenhof, die sich an der Initiative Tierwohl beteiligen: Wenn man sieht, wie eng die Tiere aneinander stehen, dann bekommt man ein beklemmendes Gefühl. Doch Haltungsform Stufe 2 ist die Realität für rund 90 Prozent der Masthühner in Deutschland und bedeutet unter anderem, dass die Tiere nur minimale Beschäftigungsmöglichkeiten wie Picksteine oder Stroh erhalten. Unglaublich, aber das entspricht den Voraussetzungen, um das Label der Initiative Tierwohl zu erhalten“, sagt Schilke.
Auch in Stufe 3, die Wiesenhof mit sogenannten „Privathöfen“ ausbaut, sind Verbesserungen nur begrenzt spürbar. Zwar haben die Hühner mehr Platz, doch einen echten Auslauf gibt es nicht. Auch hier sind kranke und tote Tiere zu sehen. „Es stimmt, die Tiere haben [in Haltungsform Stufe 3] mehr Platz als in Haltungsform Stufe 2, aber auch keinen Freilauf und die Bilder zeigen ebenfalls kranke und tote Tiere. Das ist weit entfernt von einer artgerechten Haltungsform. Den Tieren geht es vielleicht besser, aber nicht gut“, betont die Kampagnenverantwortliche.
Einer der zentralen Kritikpunkte ist der Einsatz schnell wachsender Qualzucht-Rassen, die für die Masthühner lebensbedrohliche Gesundheitsprobleme verursachen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Knochendeformationen oder Lähmungen sind häufige Folgen. Die Tiere werden meist nach nur 28 bis 42 Tagen geschlachtet, ein Zeitraum, in dem sie kaum Lebensqualität erfahren. VIER PFOTEN fordert deshalb unter anderem: „Keine Verwendung schnell wachsender Qualzuchtrassen, eine Reduktion auf maximal 4.800 Hühner pro Stall, nicht mehr als 10 Tiere pro Quadratmeter und 4 qm Freilauf pro Tier sowie eine starke Reduktion des Einsatzes von Antibiotika durch eine Verbesserung der Haltungsbedingungen“. Die Stiftung für Tierschutz richtet dabei eine klare Botschaft an Wiesenhof: „Wiesenhof als größter Geflügelproduzent in Deutschland, sollte mit gutem Beispiel vorangehen und endlich Verantwortung übernehmen, damit die Geflügelleidindustrie auf Kosten der Hühner ein Ende findet.“
Mit einem eigens gestarteten E-Mail-Protest ruft VIER PFOTEN die Bevölkerung dazu auf, Wiesenhof zum Handeln zu bewegen. Begleitendes Bild- und Videomaterial ist öffentlich zugänglich und zeigt die Missstände in den Haltungsbetrieben anschaulich. Ziel ist es, die Öffentlichkeit für die Realität hinter den Marketingversprechen des Geflügelriesen zu sensibilisieren und den Druck auf den Konzern zu erhöhen, nachhaltige Verbesserungen in der Tierhaltung umzusetzen.
Warum die Debatte um Tierhaltung in der Geflügelwirtschaft weit über Bayern hinausreicht
Die aktuelle Diskussion um die Massentierhaltung von Geflügel in Bayern entfacht eine bundesweite Debatte über die ethischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Grundlagen der Tierhaltung in Deutschland. Die Proteste gegen die Zustände in Wiesenhof-Mastbetrieben machen deutlich: Es geht um weit mehr als regionale Missstände. Die Geflügelbranche steht im Mittelpunkt eines grundlegenden Wandels, der Fragen nach Tierwohl, Verbraucherverhalten und der Rolle von Siegeln und Labels aufwirft.
In Deutschland leben und sterben jährlich Millionen Masthühner unter Bedingungen, die viele Verbraucherinnen und Verbraucher zunehmend hinterfragen. Die meisten dieser Tiere werden in Haltungsform Stufe 2 gehalten, die laut den verantwortlichen Organisationen minimalen Tierschutz garantiert, aber in der Praxis oft wenig mit artgerechter Haltung zu tun hat. Dabei bedeutet Stufe 2 vor allem eines: Tiere auf engem Raum, häufig bis zu 24 Hühnern pro Quadratmeter, und kaum Beschäftigungsmöglichkeiten. Trotz dieser beengten Haltung erhalten Betriebe mit diesen Mindestanforderungen oftmals das Label der Initiative Tierwohl.
Nur eine kleine Minderheit von 1,4 Prozent der Masthühner hat Zugang zu Freilauf, während nahezu alle Tiere in großen Ställen mit meist mehr als 10.000 Tieren ohne Auslauf leben müssen. Die sogenannte Haltungsstufe 3 bietet etwas mehr Platz und verbesserte Bedingungen, jedoch ohne Freigang. Selbst in diesen sogenannten „Privathöfen“, wie Wiesenhof sie nennt, zeigen Videoaufnahmen und Berichte immer wieder kranke, bewegungsunfähige oder tote Tiere, was die Tierschützer:innen vehement kritisieren.
Ein zentraler Aspekt dieser problematischen Tierhaltung ist die Verwendung von schnell wachsenden Qualzuchtrassen. Diese hochgezüchteten Geflügelrassen erreichen innerhalb von wenigen Wochen ihr Schlachtgewicht, tragen jedoch ein hohes Risiko für gesundheitliche Probleme wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Knochendeformationen und Entzündungen. Die Folgen sind oft Bewegungsunfähigkeit und frühes Verenden – viele Tiere erleben keine gesunde Lebensspanne, sondern ein anhaltendes Leiden.
Der gesellschaftliche Wandel spielt in der Debatte ebenfalls eine wichtige Rolle. Verbraucherinnen und Verbraucher achten heute verstärkt auf Nachhaltigkeit und Tierwohl. Die Zahl der Menschen, die sich kritisch mit Herkunft und Haltung ihres Geflügelfleischs auseinandersetzen, wächst beständig. Die vielfältigen Siegel und Labels, die moralische Sicherheit suggerieren sollen, führen allerdings oft zu Verwirrung und Überschätzung des tatsächlichen Tierwohls. Die Haltungsstufen sind zwar ein Schritt zu mehr Transparenz, doch sie garantieren keineswegs ein Leben, das dem natürlichen Verhalten der Tiere gerecht wird.
Die wichtigsten Haltungsstufen im Überblick:
- Stufe 1 (gesetzliche Mindestanforderungen): Enge Haltung ohne Auslauf, minimale Anforderungen an Beschäftigungsmöglichkeiten und Tierwohl.
- Stufe 2 (Initiative Tierwohl oder vergleichbar): Geringfügig mehr Platz und kleine Verbesserungen, aber keine Freilandhaltung.
- Stufe 3 (Premiumstufe, z. B. „Privathöfe“): Mehr Platz, bessere Beschäftigungsmöglichkeiten, jedoch weiterhin ohne Auslauf.
- Stufe 4 und höher (Bio, Freilandhaltung): Tiere haben Zugang zum Freigelände und bessere Haltungsbedingungen.
Die Wirtschaft steht dabei vor großen Herausforderungen. Unternehmen wie Wiesenhof kommen nicht ohne Kritik davon, wenn sie nach außen hin Nachhaltigkeit versprechen, während interne Zustände ein anderes Bild zeichnen. Die Forderungen von Tierschutzorganisationen nach weniger Tieren pro Stall, mehr Platz und der Abschaffung von Qualzuchtarten zeigen kommende politische und wirtschaftliche Trends auf, die den Geflügelsektor nachhaltig verändern könnten.
Die Proteste in Bayern sind deshalb kein lokales Phänomen. Sie repräsentieren eine breitere Bewegung, die sich bundesweit für bessere Bedingungen der Nutztiere einsetzt und das Verbraucherverhalten stärker auf ethische Standards ausrichten will. Die Auseinandersetzung um Tierhaltung in der Geflügelwirtschaft reflektiert damit grundsätzliche gesellschaftliche Fragen rund um Nachhaltigkeit, Verantwortung und den Umgang mit Lebewesen in der industriellen Landwirtschaft. Sie verdeutlicht, wie eng ökologische, ökonomische und ethische Aspekte heute miteinander verknüpft sind und welchen Druck der Wandel gerade in einem der größten Wirtschaftsbereiche Deutschlands erzeugt.
Hintergrundinformationen und Zitate in diesem Beitrag stammen aus einer Pressemitteilung von VIER PFOTEN – Stiftung für Tierschutz.