– ver.di-Innovationsbarometer 2023 zeigt kritische Personalengpässe in systemrelevanten Dienstleistungsbranchen.
– Demografische Abgänge der Babyboomer-Jahrgänge erreichen Ende der 2020er Jahre ihren Höhepunkt.
– Umfrage: 91 % fordern gesunde Arbeit, 90 % bessere Vereinbarkeit, 85 % mehr Weiterbildungen.
Personalengpässe in systemrelevanten Dienstleistungsbranchen: Ein Alarmsignal aus dem ver.di-Innovationsbarometer 2023
Die neuesten Ergebnisse des ver.di-Innovationsbarometers 2023 zeichnen ein besorgniserregendes Bild von zunehmenden Personalengpässen in den systemrelevanten Dienstleistungsbranchen. Im Rahmen einer umfassenden Umfrage unter 579 Betriebs-, Personal- und Aufsichtsratsmitgliedern wurde die Lage der Fachkräftesicherung im Dienstleistungssektor analysiert. Das Ergebnis ist eindeutig: Der Arbeits- und Fachkräftemangel hat mittlerweile ein kritisches Ausmaß erreicht und gefährdet die Qualität vieler wichtiger Dienstleistungen. Dabei wirken sich die demografischen Veränderungen massiv aus. Rebecca Liebig, Mitglied des Bundesvorstands von ver.di, bringt die Lage auf den Punkt: „Die Probleme sind enorm, denn die Angehörigen des zahlenstärksten Babyboomer-Jahrgangs 1964 werden in diesem Jahr sechzig Jahre alt. Die demografisch bedingten Abgänge aus dem Arbeitsmarkt werden Ende der 2020er Jahre ihren Höhepunkt erreichen.“
Der Fachkräftemangel betrifft alle Qualifikationsstufen – von Angelernter Tätigkeit über duale Ausbildung bis hin zu Hochschulabschlüssen. Die Branchen unterschieden sich jedoch stark in ihrem Bedarf: Während Ver- und Entsorgungsunternehmen, der Finanzdienstleistungssektor sowie die öffentliche Verwaltung vor allem hochqualifizierte Fachkräfte dringend benötigen, zeigt sich im Gesundheits- und Sozialwesen sowie in der öffentlichen Verwaltung ein verstärkter Bedarf an dual Ausgebildeten. Arbeitskräfte für angelernte Tätigkeiten werden besonders im Verkehrs- und Logistikbereich gesucht.
Die Situation im Gesundheits- und Sozialwesen ist besonders alarmierend: 81 Prozent der befragten Interessenvertreter:innen berichten von Qualitätsverlusten durch Personalmangel, und bei 59 Prozent wurde eine Reduktion des Angebots festgestellt. Rebecca Liebig unterstreicht die Tragweite: „Es ist kein Zufall, dass die Liste der Engpass-Berufe von systemrelevanten und zukunftssichernden Tätigkeiten angeführt wird. Am deutlichsten wird dies im Gesundheits- und Erziehungsbereich, wo Qualitätseinbußen immer auch Gefährdungen der Gesundheit, Bildungsrückstände und soziale Benachteiligung erzeugen“.
Neben der demografischen Herausforderung spielen die Arbeitsbedingungen eine entscheidende Rolle. Viele Beschäftigte sehen die Arbeitsbedingungen kritisch, was die Personalproblematik zusätzlich verschärft. Die Umfrageteilnehmer:innen machen deutlich, dass bisher zu wenig gegensteuert wird – teilweise sogar das Falsche. Ein Großteil sieht in der Förderung von gesunder und nachhaltiger Arbeit eine notwendige Maßnahme: 91 Prozent der Befragten halten dies für wichtig. 90 Prozent fordern eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familienarbeit, und 85 Prozent wünschen sich mehr Angebote zur Weiterbildung. Trotz dieser klaren Forderungen geben nur 26 Prozent an, dass ihre Unternehmen eine vorausschauende Personal- und Qualifizierungspolitik verfolgen.
Diese Zahlen belegen, dass dringender Handlungsbedarf besteht – nicht nur, um den aktuellen Engpässen entgegenzuwirken, sondern auch, um den Herausforderungen durch die demografische Entwicklung wirksam zu begegnen. Ein Ignorieren der Situation könnte nach Ansicht der Gewerkschaft nicht nur einzelne Unternehmen gefährden, sondern die Stabilität ganzer Branchen und damit grundlegende gesellschaftliche Funktionen infrage stellen.
Fachkräftemangel als gesellschaftliche Zerreißprobe – Wege aus der Krise
Der Fachkräftemangel ist längst kein isoliertes wirtschaftliches Problem mehr, sondern eine gesellschaftliche Zerreißprobe mit weitreichenden Folgen. Im Kern steht der demografische Wandel, der die Erwerbsbevölkerung schrumpfen und altern lassen wird. Gleichzeitig verändert sich die Arbeitswelt durch die Digitalisierung und Globalisierung, die den Wettbewerb um qualifizierte Talente zusätzlich verschärfen. Insbesondere die Dienstleistungsbranchen, geprägt von systemrelevanten Berufen, sehen sich mit strukturellen Herausforderungen konfrontiert. Diese Branchen weisen häufig Besonderheiten auf, wie einen hohen Anteil an Tätigkeiten mit direktem Kundenkontakt, die nur schwer automatisierbar sind, und diverse Anforderungen an soziale Kompetenzen.
Die Attraktivität von Berufen und die Gestaltung der Arbeitsbedingungen gewinnen deshalb zunehmend an Bedeutung, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Denn gute Bezahlung allein reicht oft nicht aus. Flexible Arbeitsmodelle, Weiterbildungsangebote und ein positives Arbeitsumfeld sind wichtige Faktoren für Beschäftigte. Die gesellschaftlichen Risiken beim Fachkräftemangel sind vielfältig: Von einer schlechteren Versorgung in sozialen und gesundheitlichen Dienstleistungen bis hin zu einer Gefährdung der Innovationsfähigkeit von Unternehmen.
Die Herausforderungen zeigen sich auch beispielhaft in der Pflege oder im Bildungssektor, wo Personalengpässe die Qualität und Kontinuität der Leistungen beeinträchtigen können. Hinzu kommt, dass globale Fachkräftebewegungen und digitale Plattformen den Wettbewerb um Talente neu gestalten. Unternehmen und Organisationen stehen dadurch vor der Aufgabe, sich gegenüber internationalen Wettbewerbern zu behaupten und gleichzeitig die Bedürfnisse der eigenen Mitarbeitenden individuell zu berücksichtigen.
Um dem Fachkräftemangel wirksam zu begegnen, sind gezielte Maßnahmen auf mehreren Ebenen erforderlich:
- Ausbau und Förderung von Weiterbildungsmöglichkeiten zur Anpassung der Qualifikationen an sich wandelnde Anforderungen
- Verbesserung der Arbeitsbedingungen, insbesondere in systemrelevanten Berufen
- Förderung der Attraktivität von Ausbildungsberufen und Lebensarbeitsmodellen
Diese Handlungsfelder bergen zugleich Chancen: Die aktive Gestaltung des Arbeitsmarkts ermöglicht eine flexiblere, diversitätsorientierte Personalpolitik, die das Potenzial aller Arbeitskräfte besser ausschöpft. Technologiegestützte Lösungen können administrative Aufgaben erleichtern und Beschäftigte entlasten, während internationale Fachkräfte gezielt integriert werden können. Der Weg aus der Krise verlangt ein umfassendes Vorgehen, das dem demografischen Druck, den strukturellen Besonderheiten der Branchen und dem globalen Wettbewerb Rechnung trägt. So können die Weichen für eine nachhaltige Sicherung der Fachkräftebasis gestellt werden.
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Medien-Info: ver.di-Innovationsbarometer 2023: Arbeits- und Fachkräftemangel …
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10 Antworten
Das Thema Fachkräftemangel oder auch Personalmangel ist sehr oft selbst verschuldet. Unternehmen, die gute Arbeitsbedingungen, ein passendes Gehalt und auch selbst ausbilden haben einen Startvorteil. Leider machen es auch bürokratische Prozesse uns schwer Personal aufzunehmen (id est ein Beharren auf Deutschkenntnisse B2) in Branchen in denen wenig Kommunikation notwendig ist oder das Umfeld sehr international geprägt ist.
Ich konnte einige spannende Infos z.B. im Friseurbereich sammeln. Die Gehälter sind in Österreich sehr niedrig. Es handelt sich um eine Trinkgeldbranche.
Ich verstehe nicht, warum es so viele Probleme gibt. Kann man nicht einfach mehr Leute einstellen? Das wäre doch eine Lösung, oder?
Es ist schon komich. Wiso sind die Arbeitsbädingungn so schlecht und keiner tut was? Das muss sich doch mal ändern!
Versteh ich nicht, warum die Betriebe nicht besser planen. Es ist doch klar das die Leute älter werden und irgendwann aufhören zu arbeiten!
Der Beitrag sagt das die Babyboomer bald in Rente gehen. Aber was ist mit den junge Leute? Gibt es nicht genug davon um die Jobs zu machen?
Junge leute wollen oft nicht die harten Jobs machen, die älteren nehmen!
Vielleicht sollte man mehr Weiterbildung für alle anbieten, damit sie die Jobs machen können.
Ich finde es wichtig, dass man mehr für Beruf und Familie machen muss. Wenn das besser klappt, will auch mehr leute arbeiten.
Und bessere Arbeitsbedigungen, damit die Leute nicht so schnell kaputt gehen!
Ja, das stimmt! Mehr Unterstützung für Familien ist wichtig.