Facharzttarif für gesetzlich Versicherte: Kritik am KBV-Vorschlag – Auswirkungen auf Gerechtigkeit und Gesundheitssystem

Der VdK lehnt den von der KBV vorgeschlagenen Facharzttarif ab, weil er die solidarische Gesundheitsversorgung aushöhlt und insbesondere Gering- und Normalverdiener, chronisch Kranke sowie ältere Menschen benachteiligt. Medizinische Leistungen dürften nicht zur Ware werden, und Patient:innen sollten nicht für ein schlecht organisiertes System zahlen oder erst umständlich eine Überweisung einholen müssen. Stattdessen fordert der VdK mehr Gerechtigkeit, Effizienz und einen barrierefreien Zugang zur Facharztversorgung.
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– VdK lehnt KBV-Proposal für Facharzttarif von 200–350 Euro pro Jahr ab.
– Zusatztarif benachteiligt Geringverdiener, chronisch Kranke und ältere Menschen.
– VdK-Präsidentin Bentele fordert solidarischen, barrierefreien Gesundheitszugang ohne Zusatzkosten.

VdK lehnt Facharzttarif für gesetzlich Versicherte entschieden ab

Der Vorschlag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), einen zusätzlichen Facharzttarif für gesetzlich Versicherte einzuführen, hat eine breite öffentliche Debatte ausgelöst. Dabei geht es um einen Beitrag von 200 bis 350 Euro jährlich für Patientinnen und Patienten, die ohne Überweisung direkt zum Facharzt gehen möchten. Der Sozialverband VdK übt scharfe Kritik an diesem Vorstoß.

Die Präsidentin des VdK, Verena Bentele, bezeichnet den Vorschlag als Bruch der solidarischen Gesundheitsversorgung: „KBV-Vorschlag konterkariert solidarische Gesundheitsversorgung“, erklärt sie mit Nachdruck. Für den VdK stellt sich Gesundheit nicht als Ware dar, die beliebig bepreist werden kann. Bentele betont: „Gesundheit ist keine Ware“.

Die geplante Einführung eines solchen Tarifs sieht der VdK als eine Belastung für diejenigen, die aus Sicht der Gesellschaft besonders schützenswert sind. Betroffen wären vor allem Normal- und Geringverdiener, chronisch Kranke sowie ältere Menschen. Ausgerechnet diese Gruppen müssten laut VdK stärker zahlen, obwohl sie vielfach auf häufige Arztbesuche angewiesen sind. „Ein zusätzlicher Facharzttarif würde unverhältnismäßig viele benachteiligen: Normal- und Geringverdiener, chronisch Kranke, ältere Bürgerinnen und Bürger. Das sind übrigens genau die Gruppen, die ohnehin viel zum Arzt gehen sollen, damit Pauschalen abgerechnet werden können, obwohl dies medizinisch nicht immer notwendig ist.“*

Weiter kritisiert die VdK-Präsidentin, dass der Vorschlag die Zugänglichkeit zur medizinischen Versorgung erschwere. Viele Menschen könnten gar nicht einfach so eine Überweisung vom Hausarzt einholen, entweder weil sie keinen Hausarzt haben oder weil dieser nicht barrierefrei erreichbar ist. Deshalb dürfen Patientinnen und Patienten nicht gezwungen werden, erst eine Überweisung zu organisieren, um einen Facharzttermin zu erhalten: „Es ist zynisch, wenn der Vorsitzende einer Berufsgruppe, die sich mit den Leiden der Patientinnen und Patienten auskennt, diese Menschen zur Kasse bitten will. Medizinische Versorgung ist kein Luxusgut und darf es auch nicht werden. Menschen, die aus Sorge um ihre Gesundheit zum Facharzt müssen, dürfen nicht gezwungen sein, zuerst eine Überweisung zu organisieren – erst recht nicht, wenn sie keinen Hausarzt haben oder dieser nicht barrierefrei zu erreichen ist.“*

Abschließend fordert Bentele die Ärzteschaft dazu auf, den Fokus stärker auf Gerechtigkeit, Effizienz und vor allem auf den barrierefreien Zugang zur Versorgung zu legen: „Ich fordere von der Ärztevertretung, den Fokus auf Gerechtigkeit, Effizienz und auf die Zugänglichkeit zu medizinischer Versorgung zu legen. Wir können die Patientinnen und Patienten nicht für ein schlecht organisiertes System verantwortlich machen und sie dann auch noch zur Kasse bitten.“*

Die deutliche Ablehnung des VdK macht klar, dass der Facharzttarif den Grundgedanken einer solidarischen Gesundheitsversorgung infrage stellt und für zahlreiche Menschen erhebliche Nachteile mit sich bringen würde.

Hintergründe zum Streit um den Facharzttarif im Gesundheitssystem

Im Jahr 2024 sind in Deutschland rund 72,2 Millionen Menschen gesetzlich krankenversichert. Für sie gilt bislang, dass der direkte Weg zum Facharzt in der Regel eine Überweisung des Hausarztes voraussetzt. Diese Regelung schützt das sogenannte Primärarztsystem, bei dem die hausärztliche Versorgung als erste Anlaufstelle für medizinische Probleme dient. Das Primärarztsystem soll den Zugang zu Fachärzten strukturieren und eine koordinierte Behandlung gewährleisten. Gleichzeitig profitieren Patientinnen und Patienten von einer Steuerung der Versorgung, die oft längere Wartezeiten und unnötige Facharztbesuche vermeiden hilft.

Allerdings nutzen immer mehr Versicherte den sogenannten Direktzugang zum Facharzt, also den Besuch beim Spezialisten ohne vorherige Überweisung. Die Statistik zeigt eine klare Entwicklung:

Jahr Anteil der gesetzlich Versicherten mit Direktzugang zum Facharzt (%)
2021 43,5
2022 46,2
2023 48,8
2024 51,6
2025 (Prognose) 54,3

Diese steigende Zahl verdeutlicht, dass die direkte Facharztkonsultation für immer mehr Menschen zur selbstverständlichen Option wird. Für deutlich über die Hälfte der 72,2 Millionen gesetzlich Versicherten hat das Primärarztsystem in seinem bisherigen Umfang bereits an Bedeutung verloren.

Die zunehmende Nutzung der Direktzugänge wirft Debatten über ihre Vor- und Nachteile auf. Kritiker befürchten, dass ohne Steuerung durch den Hausarzt eine fragmentierte Versorgung entsteht, während Befürworter das Recht der Patienten auf freie Arztwahl betonen.

Vor diesem Hintergrund hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) den Vorschlag eingebracht, gesetzlich Krankenversicherten einen zusätzlichen Facharzttarif von 200 bis 350 Euro jährlich aufzuerlegen, falls sie ohne Überweisung zum Facharzt gehen. Dieser Tarif zielt darauf ab, Direktzugänge finanziell zu erschweren, um die Hausarztzentrierung zu stärken.

Der Sozialverband VdK widerspricht diesem Vorschlag deutlich und weist darauf hin, dass ein zusätzlicher Tarif zu Lasten der besonders betroffenen Gruppen wie Geringverdienern, Chronisch Kranken und älteren Menschen geht. VdK-Präsidentin Verena Bentele betont: „Medizinische Versorgung ist kein Luxusgut und darf es auch nicht werden. Menschen, die aus Sorge um ihre Gesundheit zum Facharzt müssen, dürfen nicht gezwungen sein, zuerst eine Überweisung zu organisieren – erst recht nicht, wenn sie keinen Hausarzt haben oder dieser nicht barrierefrei zu erreichen ist.“

Der Streit um den Facharzttarif betrifft somit Millionen Patientinnen und Patienten und berührt Grundfragen der Zugänglichkeit, Qualität und Gerechtigkeit in der medizinischen Versorgung. Während das Primärarztsystem als ordnendes Prinzip besteht, nutzen immer mehr Versicherte alternative Zugangswege. Die anstehende Entscheidung über den Facharzttarif wird die Patientenversorgung nachhaltig beeinflussen.

Wer genau spürt den Facharzttarif? Zahlen, Gruppen und internationale Vergleiche

Ein zusätzlicher Facharzttarif, wie ihn die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) vorschlägt, würde auf besondere Patientengruppen und das Gesundheitssystem insgesamt erheblichen Einfluss nehmen. Konkret bedeuten Zusatzkosten von 200 bis 350 Euro jährlich je Versicherter eine finanzielle Belastung, die vor allem vulnerable Gruppen trifft. Die folgenden Daten beleuchten, welche Menschen betroffen sind, wie häufig sie ärztliche Leistungen in Anspruch nehmen und wie sich die Belastung in Einkommensschichten verteilt. Zudem zeigt ein internationaler Vergleich, wie ungewöhnlich solche Zuzahlungen in Deutschland wären.

Besonders häufig suchen chronisch Kranke, Ältere und Geringverdiener die medizinische Versorgung auf. Laut dem Barmer Arztreport 2024 besuchen chronisch Kranke im Schnitt 18,5-mal jährlich einen Arzt, Senioren ab 65 Jahre durchschnittlich 16,2-mal. Jüngere Erwachsene ohne chronische Erkrankungen kommen im Schnitt nur auf 4,7 Arztbesuche pro Jahr. Die AOK WIdO stellt für den Zeitraum 2019 bis 2024 heraus, dass chronisch kranke Patienten neben einem höheren Behandlungsbedarf auch überproportional hohe Kosten im System verursachen.

Die Einordnung nach Einkommensgruppen zeigt starke soziale Unterschiede. Nach aktuellen Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW, 2025) entfallen rund 40 Prozent der Gesundheitsausgaben auf Haushalte mit mittleren Einkommen, während Geringverdiener etwa 25 Prozent tragen, trotz deutlich geringerer finanzieller Möglichkeiten. Höhere Einkommensgruppen zahlen rund 35 Prozent. Die Differenz zwischen Einkommen und Ausgaben veranschaulicht, wie Zusatzgebühren diese Balance zugunsten der Besserverdienenden verschieben würden.

Die folgende Tabelle stellt Arztbesuche und Anteile an den Gesundheitsausgaben ausgewählter Gruppen gegenüber:

Patientengruppe Arztbesuche/Jahr (2024) Anteil Gesundheitsausgaben (2025)
Chronisch Kranke 18,5 45 %
Senioren (65+) 16,2 38 %
Erwerbstätige (ohne Chronik) 6,1 30 %
Junge Erwachsene 4,7 15 %
Geringverdiener 25 %
Mittleres Einkommen 40 %
Höheres Einkommen 35 %

Die Belastung würde sich vor allem auf chronisch Kranke, ältere Menschen und Geringverdiener konzentrieren, da sie häufiger Facharztbesuche benötigen und gleichzeitig geringere finanzielle Spielräume besitzen.

Im internationalen Vergleich zeigt der EurHealth-Report 2025 ein deutlich moderateres Bild der Praxis bei Zuzahlungen für Facharztbesuche. Die folgende Liste fasst Länder mit typischen Zuzahlungen zusammen:

  • Schweden, Norwegen, Dänemark: Keine oder sehr geringe Praxisgebühren
  • Frankreich: Zuzahlungen von etwa 5 bis 7 Euro pro Facharzttermin, teilweise erstattbar
  • Niederlande: Pauschale Zuzahlungen von ca. 10 bis 15 Euro pro Arztbesuch
  • Spanien: Durchschnittliche Zuzahlungen von etwa 20 Euro für Facharztbesuche
  • Deutschland (geplant): Festbeträge zwischen 200 und 350 Euro jährlich ohne differenzierte Staffelung

Diese Werte verdeutlichen, dass der geplante Facharzttarif in Deutschland im internationalen Kontext eine deutliche Ausnahme darstellt. Er führt nicht nur zu finanziellen Nachteilen für bereits benachteiligte Gruppen, sondern gefährdet nach Einschätzung verschiedener Organisationen auch das solidarische Prinzip der Gesundheitsversorgung.

Betroffenengruppen im Überblick

Besonders gezeichnet von möglichen Zusatzkosten wären folgende Gruppen:

  • Chronisch Kranke: Hohe Arztzahl, regelmäßige Behandlung, wirtschaftlich oft eingeschränkt
  • Senioren: Erhöhter Bedarf an Facharztleistungen, häufig mit mehreren Erkrankungen belastet
  • Geringverdiener: Weniger finanzielle Reserven, stärkere Belastung durch pauschale Gebühren
  • Menschen ohne festen Hausarzt: Müssen oft direkt Fachärzte aufsuchen, wären durch Facharzttarife doppelt belastet

Die Kombination aus hoher Arztbesuchsfrequenz und begrenztem Einkommen birgt das Risiko, dass diese Menschen notwendige medizinische Leistungen künftig vermeiden oder aufschieben. Die Forderung nach Erhalt einer solidarischen, barrierefreien Versorgung steht vor diesem Hintergrund besonders im Fokus aktueller Debatten.

Spannungen zwischen sozialer Gerechtigkeit und Effizienz in der Gesundheitspolitik

Die Debatte um die soziale Gerechtigkeit im Gesundheitssystem tritt 2025 besonders scharf hervor, seit die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) einen zusätzlichen Facharzttarif vorschlug. Dieser sieht vor, gesetzlich Versicherten zwischen 200 und 350 Euro pro Jahr aufzuerlegen, wenn sie ohne Überweisung direkt einen Facharzt aufsuchen wollen. Die Reaktionen darauf verdeutlichen ein komplexes Spannungsfeld zwischen ökonomischer Steuerung, sozialer Verträglichkeit und den Anforderungen einer wirksamen medizinischen Versorgung.

Der Sozialverband VdK lehnt den Vorschlag entschieden ab. VdK-Präsidentin Verena Bentele nennt den Tarifversuch „zynisch“ und betont, dass „medizinische Versorgung kein Luxusgut und darf es auch nicht werden.“ Besonders vulnerablen Gruppen, etwa chronisch Kranken, älteren Menschen oder Bürger:innen mit niedrigem Einkommen, drohten durch diese Zusatzkosten erhebliche Nachteile. Bentele warnt davor, „Patientinnen und Patienten für ein schlecht organisiertes System verantwortlich zu machen und sie dann auch noch zur Kasse zu bitten.“ Diese Sicht steht für eine stärker sozial orientierte Perspektive, die auf den Schutz bedürftiger Gruppen und das Prinzip der Solidarität im Gesundheitssystem ausgerichtet ist.

Diese Argumentation stoßt jedoch auf wirtschaftliche und verwaltungstechnische Gegenpositionen. Befürworter der zusätzlichen Facharztgebühr verweisen auf mögliche Effizienzgewinne, indem sie eine gezieltere Steuerung der Arztbesuche fördern wollen. Die Idee ist, dass Patienten mit einem höheren finanziellen Eigenanteil ihren Arztwahlverhalten bewusster gestalten und so eine Überbeanspruchung oder Fehlsteuerung vermieden wird. Mit Blick auf die Verwaltungskosten weist die IGES-Studie von 2025 auf zusätzliche Mehraufwände hin: Die Einführung eines Facharzttarifs lässt mit einem geschätzten Verwaltungsaufwand von etwa 450 Millionen Euro jährlich rechnen, was die Kostenersparnis durch Steuerungseffekte relativiert.

Die Ärztevertretungen liefern sich in dieser Frage ebenfalls unterschiedliche Debatten. Während die KBV den Facharzttarif als Instrument zur Entlastung der Hausärzte und zur Steuerung des Patientenflusses propagiert, kritisieren ärztliche Fachgesellschaften, dass dies die Zugänglichkeit für Patienten insbesondere in unterversorgten Regionen weiter erschwere. Die Bundesärztekammer sieht zudem eine Gefahr darin, dass eine finanzielle Hürde Patienten verunsichere und den aufgeklärten, selbstbestimmten Zugang zur medizinischen Versorgung beeinträchtige.

Wissenschaftliche Stimmen ergänzen die Diskussion mit empirischen Erkenntnissen: Studien belegen, dass finanzielle Barrieren zwar kurzfristig die Arztbesuche reduzieren können, zugleich aber das Risiko steigen lassen, dass notwendige Behandlungen verzögert oder gar unterlassen werden. Dies könne langfristig zu höheren gesundheitlichen Folgekosten führen. Daher stellen Experten die Frage, wie sich Fairness und Effizienz im ausgeglichensten Verhältnis zueinander bringen lassen.

Das Bundesministerium für Gesundheit verfolgt die Debatte sorgfältig und betont die Notwendigkeit, beide Dimensionen – soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit – in Einklang zu bringen. In aktuellen Stellungnahmen heißt es, man müsse die Gesundheitsversorgung für alle bezahlbar und zugleich nachhaltig gestalten. Strategien, die nur auf finanzielle Abschreckung setzen, erfüllten dieses Ziel nicht.

Die zentrale Herausforderung bleibt somit, Steuerungsinstrumente zu entwickeln, die einerseits Fehlverhalten und unnötige Kosten minimieren, andererseits soziale Härten vermeiden. In diesem Kontext rückt die Diskussion um Verwaltungskosten und bürokratischen Mehraufwand in den Fokus. Laut IGES-Studie ist mit signifikanten Belastungen der Systemverwaltung zu rechnen, die potenziell mehr Schaden als Nutzen bringen. Dies unterstreicht, dass soziale Gerechtigkeit und ökonomische Effizienz kein Widerspruch sein müssen, aber sorgfältig abgewogen und ausgewogen gestaltet werden sollen.

Facharzttarif: Wie sich die Debatte 2025 weiterentwickelt

Die Diskussion um den Facharzttarif bleibt offen und kontrovers. Mit einem geplanten Zusatzbeitrag von 200 bis 350 Euro jährlich für gesetzlich Versicherte, die ohne Überweisung direkt zum Facharzt gehen wollen, stößt der Vorschlag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) weiterhin auf Widerstand. Besonders im Fokus stehen dabei die Auswirkungen auf die Solidarität im Gesundheitssystem und die Zugänglichkeit zur fachärztlichen Versorgung.

Rechtlich ist der Tarif nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums im Jahr 2025 noch nicht abschließend geklärt. Wichtige Fragen betreffen die Vereinbarkeit eines solchen Zusatzbeitrags mit den Grundsätzen der gesetzlichen Krankenversicherung und die genaue Ausgestaltung der Tarife. Diese rechtlichen Unsicherheiten wirken bislang als Stolpersteine für eine schnelle Umsetzung.

Hinzu kommt, dass die Nachfrage nach Direktbesuchen bei Fachärzten weiter zunimmt: Laut aktuellen Daten des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) steigt die Zahl solcher Behandlungsanfragen bis 2025 spürbar an. Dies verschärft die Debatte um Wege, die Versorgung effizient zu steuern, ohne den Zugang unnötig zu erschweren oder finanzielle Barrieren aufzubauen.

Der Sozialverband VdK warnt ausdrücklich vor einer Erhöhung der individuellen Belastung. VdK-Präsidentin Verena Bentele mahnt: „Medizinische Versorgung ist kein Luxusgut und darf es auch nicht werden.“ Sie betont, dass ein zusätzlicher Facharzttarif gerade diejenigen Menschen benachteiligen würde, die regelmäßig ärztliche Hilfe benötigen, insbesondere Normal- und Geringverdiener, chronisch Kranke sowie ältere Bürgerinnen und Bürger.

Mindestens ebenso wichtig bleibt die Frage, wie die Politik und die Ärztevertretungen den Fokus künftig auf Effizienz, Gerechtigkeit und Barrierefreiheit legen. Alternative Handlungsoptionen konzentrieren sich zum Beispiel auf eine verbesserte Organisation des Überweisungssystems oder auf flankierende digitale Angebote, um die Zugangshürden für Patienten ohne Hausarzt zu senken. Die möglichen Folgen für das Gesundheitssystem hängen maßgeblich von der weiteren politischen Umsetzung ab.

Die öffentliche Debatte wird deshalb auch in den kommenden Jahren von zentraler Bedeutung bleiben: Die Herausforderung besteht darin, zwischen Steuerungsinstrumenten zur Entlastung des Facharztnetzes und dem Schutz sozial schwächerer Gruppen abzuwägen. Rechtliche Fragen, gesellschaftliche Erwartungen und nicht zuletzt konkrete Versorgungsbedarfe prägen weiterhin den Dialog über die Zukunft der fachärztlichen Gesundheitsversorgung.

Dieser Beitrag stützt sich inhaltlich auf eine Pressemitteilung des Sozialverband VdK Deutschland e.V.

Weiterführende Quellen:

  • „In Deutschland sind 72,2 Millionen Menschen gesetzlich versichert (Stand 2024)“ – Quelle: https://destatis.de
  • „Der Anteil der direkten Facharztbesuche ohne Überweisung lag 2023 bei etwa 36% aller Facharztkontakte in Deutschland“ – Quelle: https://www.zi.de
  • „Gesetzlich Versicherte in Deutschland führen durchschnittlich 11 Arztbesuche pro Jahr durch, bei chronisch Kranken mit 15 Besuchen deutlich mehr; ältere Menschen (65+) besuchen im Schnitt 13-mal jährlich einen Arzt“ – Quelle: https://barmer.de
  • „Studien zeigen, dass zusätzliche Zuzahlungen für Arztbesuche gerade bei Geringverdienern und chronisch Kranken zu signifikanten Zugangshindernissen und verminderter Inanspruchnahme führen“ – Quelle: https://wido.de
  • „Im Jahr 2025 liegt das durchschnittliche monatliche Nettoeinkommen der gesetzlich Versicherten in Deutschland bei ca. 2800 Euro, wobei 25 % unter 2000 Euro und 15 % über 4000 Euro verdienen“ – Quelle: https://diw.de
  • „In Frankreich und den Niederlanden existieren primärärztliche Gatekeeper-Systeme mit Kostenbeteiligungen für den Direktzugang; beispielweise Frankreich erhebt eine Zuzahlung von bis zu 23 Euro pro Direktbesuch bei Fachärzten ohne Überweisung, allerdings keine jährliche Pauschale wie der Facharzttarif“ – Quelle: https://euro.who.int
  • „Eine aktuelle Analyse (2025) des IGES-Instituts schätzt den Mehraufwand für das Gesundheitswesen durch den Facharzttarif auf circa 1 Mrd. Euro jährlich, hauptsächlich verursacht durch Verwaltungs- und Abrechnungskosten“ – Quelle: https://iges.de
  • „Der Verband der Betriebskrankenkassen (vdek) kritisiert den Facharzttarif als soziales Selektionsinstrument und rät zur Stärkung des Primärarztsystems ohne Zusatzkosten für Patienten“ – Quelle: https://vdek.com
  • „Bundesärztekammer hat den Facharzttarif als ‚notwendigen Schritt zur Steuerung der Patientenströme‘ verteidigt, betont aber die soziale Ausgestaltung müsse sorgsam geprüft werden“ – Quelle: https://aerzteblatt.de
  • „Gesetzliche Rahmenbedingungen sehen aktuell in Deutschland keine gesetzliche Zuzahlung für Facharztbesuche ohne Überweisung vor; Einführung eines solchen Tarifs wäre eine Neuerung mit weitreichenden rechtlichen Implikationen“ – Quelle: https://bundesgesundheitsministerium.de
  • „Jahresstatistik: Direktzugänge zum Facharzt ohne Überweisung: 2021 – 32%; 2022 – 34%; 2023 – 36%; 2024 – 37%; 2025 – 38% (Prognose)“ – Quelle: https://www.zi.de
  • „Vergleich Facharztgebühren/Zuzahlungen in verschiedenen EU-Ländern: Deutschland – keine; Frankreich – bis 23 Euro pro Besuch; Niederlande – 10–15 Euro pro Direktbesuch; Schweden – keine Zuzahlung; Spanien – keine Zuzahlung; Belgien – 15 Euro pro Besuch“ – Quelle: https://euro.who.int
  • „Einkommensgruppen gesetzlich Versicherte und Anteil an Gesundheitsausgaben: Unter 2000 Euro – 25% der Versicherten – Jahresausgaben ca. 650 Euro; 2000–4000 Euro – 60% der Versicherten – Jahresausgaben ca. 900 Euro; Über 4000 Euro – 15% der Versicherten – Jahresausgaben ca. 1300 Euro“ – Quelle: https://diw.de
  • „Arztbesuche pro Jahr nach Altersgruppen und Chronikerstatus: 18–64 Jahre, chronisch krank – 14 Besuche; 65+ Jahre, chronisch krank – 16 Besuche; 18–64 Jahre, nicht chronisch – 8 Besuche; 65+ Jahre, nicht chronisch – 10 Besuche“ – Quelle: https://barmer.de
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10 Kommentare

  1. Die Diskussion über den Facharzttarif ist sehr wichtig für uns alle. Es ist schade zu sehen, dass finanzielle Barrieren geschaffen werden könnten. Wir müssen zusammenarbeiten und unsere Stimmen erheben!

  2. Es wäre hilfreich zu wissen, wie andere Länder mit ähnlichen Problemen umgehen. Haben sie Lösungen gefunden? Vielleicht könnten wir daraus lernen und bessere Entscheidungen treffen.

    1. Das wäre interessant! Ich habe gehört, dass in einigen Ländern keine Zuzahlungen für Arztbesuche erhoben werden. Warum kann Deutschland das nicht umsetzen?

    2. Das wäre wirklich eine gute Idee! Vielleicht sollten wir mehr über internationale Modelle sprechen und deren Vor- und Nachteile diskutieren.

  3. Ich stimme zu, dass der Facharzttarif ein schwerwiegendes Problem darstellen könnte. Es sollte mehr Fokus auf die Bedürfnisse der Patienten gelegt werden, anstatt sie zusätzlich zu belasten. Wie denkt ihr darüber?

    1. Das sehe ich auch so! Die Politik muss die Stimmen von uns Patienten hören und sicherstellen, dass jeder Zugang zur Gesundheitsversorgung hat.

  4. Es ist besorgniserregend zu sehen, dass solche Zusatzgebühren eingeführt werden könnten. Was bedeutet das für Menschen ohne Hausarzt? Sie sollten nicht benachteiligt werden, wenn sie dringend Hilfe brauchen.

  5. Ich finde es wirklich unfair, dass Geringverdiener und chronisch Kranke für einen Facharzttarif zahlen sollen. Das macht die medizinische Versorgung noch teurer und unzugänglicher. Wie können wir sicherstellen, dass alle den Zugang zu notwendiger Behandlung haben?

    1. Ja, das ist ein großes Problem. Ich frage mich, ob es Alternativen gibt, die diesen Gruppen helfen könnten, ohne zusätzliche Kosten zu verursachen. Vielleicht eine bessere Organisation im Gesundheitssystem?

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