Erwerbsminderungsrente: Nur 1% Rückkehrquote – DEGEMED fordert Reformen für 1,8 Millionen Betroffene

Beim DEGEMED-Dialog am 11. November 2025 in Berlin diskutierten Politik und Reha-Experten über die steigende Zahl von Erwerbsminderungsrenten. Aktuell beziehen 1,8 Millionen Menschen eine EM-Rente, was etwa 20 Prozent aller Neurentner ausmacht. Die Rückkehrquote in den Beruf lag 2022 bei nur einem Prozent – ein Alarmsignal für das Reha-System.
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Inhaltsübersicht

– DEGEMED-Dialog diskutierte am 11. November 2025 Reha-Politik in Berlin.
– Nur 1 % der Erwerbsminderungsrentenbezieher kehren 2022 in den Beruf zurück.
– Experten fordern bessere Finanzierung und Prävention für Teilhabe am Arbeitsleben.

DEGEMED-Dialog: Politik und Reha-Branche fordern Kurswechsel

Am 11. November 2025 trafen sich im Bristol Hotel Berlin hochrangige Vertreter aus Politik und Rehabilitation, um über die Zukunft der beruflichen Teilhabe zu diskutieren. Unter dem Motto „Teilhabe und Beschäftigung sichern“ debattierten auf dem Podium Lars Ehm (CDU/CSU), Angelika Glöckner (SPD), die damalige DEGEMED-Vorsitzende Dr. Constanze Schaal und Dr. Maik Fischer, heute Vorstandsvorsitzender der DEGEMED. Moderiert von Andrea Hansen entwickelte sich der Austausch zu einem deutlichen Appell für grundlegende Reformen im Reha-System.

Die aktuellen Zahlen unterstreichen die Dringlichkeit: 1,8 Millionen Menschen beziehen gegenwärtig eine Erwerbsminderungsrente (Stand: 13.11.2025, Pressemitteilung DEGEMED). Das entspricht rund 20 % aller Neurentner_innen (Stand: 13.11.2025, Pressemitteilung DEGEMED). Besonders alarmierend ist die niedrige Rückkehrquote in den Arbeitsmarkt – sie lag im Jahr 2022 durchschnittlich bei lediglich 1 % (Stand: 2022, Pressemitteilung DEGEMED)*.

Die Diskutanten formulierten klare Forderungen:

  • Lars Ehm betonte: „Prävention und Rehabilitation sind entscheidend für nachhaltige Teilhabe am Arbeitsleben. Die niedrige Rückkehrquote von EM-Rentner_innen in den Beruf ist fatal niedrig – das ist ein Alarmsignal für unser Reha-System. Wenn wir wollen, dass Menschen länger im Erwerbsleben bleiben, brauchen wir passgenaue, wohnortnahe und individuell beratende Angebote. Die Digitalisierung kann uns dabei unterstützen, aber nur, wenn wir Datenschutz und Datenvernetzung klug miteinander verbinden.“

  • Angelika Glöckner verwies auf die wirtschaftlichen Konsequenzen: „Zu viele Menschen fallen derzeit durchs Raster, und das können wir uns weder gesellschaftlich noch volkswirtschaftlich leisten. Die Boomer-Generation scheidet bald aus dem Arbeitsmarkt aus und bereits jetzt ist der Fachkräftemangel akut. Wir müssen jetzt präventiv tätig werden und Schnittstellenprobleme zwischen den Systemen lösen.“

  • Dr. Constanze Schaal kritisierte die Finanzierungslücke: „Investitionen in Reha und Prävention lohnen sich, das haben wir als DEGEMED und Reha-Einrichtungen oft genug bewiesen. Reha-Maßnahmen erhalten die Erwerbsfähigkeit der Beitragszahler und entlasten somit langfristig die Sozialsysteme. Dennoch ist die Finanzierung der Reha-Maßnahmen nicht auskömmlich. Wir fordern deshalb einen atmenden Reha-Budgetdeckel. Wir dürfen nicht an der medizinischen Reha sparen, sondern müssen mit der Prävention und Reha an Krankheitskosten sparen!“

  • Dr. Maik Fischer ergänzte: „Wir werden neue Vernetzungen und Schnittstellen in der Gesundheitsversorgung entwickeln müssen, ohne die bestehenden Strukturen aus den Augen zu verlieren. Reha-Einrichtungen sind leistungsfähige Gesundheits-Kompetenzzentren, die auch Prävention hervorragend umsetzen können, wie das Produkt ‚RV fit‘ der DRV zeigt. Wir brauchen eine bedarfsgerechte Finanzierung, um diese Angebote mit einem starken Nutzen für Lebensqualität, Teilhabe und der Wirtschaft in Deutschland zu stärken.“

Der DEGEMED-Dialog machte deutlich: Nur durch gemeinsames Handeln von Politik, Leistungsträgern und Reha-Branche lässt sich die Teilhabe am Arbeitsleben nachhaltig sichern.

Erwerbsminderungsrente: Stabile Zugänge, minimale Rückkehrquoten

Die Erwerbsminderungsrente bildet für viele Menschen die letzte finanzielle Absicherung, wenn gesundheitliche Einschränkungen eine dauerhafte Berufstätigkeit unmöglich machen. Unabhängige Studien zeigen ein klares Bild zur Entwicklung dieser Rentenart: Die jährlichen Zugänge in die Erwerbsminderungsrente liegen seit über einem Jahrzehnt stabil bei etwa 180.000 neuen Fällen pro Jahr (Stand: 2022)*.

Langfristige Rückkehrmöglichkeiten

Während die Zugangszahlen konstant bleiben, offenbart die Langzeitbetrachtung der Rückkehrquoten ein ernüchterndes Bild. Für die Kohorten 2011, 2014 und 2017 lag die Rückkehrquote von Erwerbsminderungsrentnerinnen und -rentnern in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zehn Jahre nach Rentenbeginn bei nur rund 0,5–0,6 Prozent (Stand: 2020)*. Diese Langsschnittbefunde aus umfangreichen Datensätzen der Deutschen Rentenversicherung verdeutlichen die nachhaltigen Hürden für eine Rückkehr ins Erwerbsleben.

Die zeitliche Abfolge der verfügbaren Daten zeigt unterschiedliche methodische Ansätze und Erhebungszeitpunkte auf. Während die Langzeitstudien bis 2020 durchgängig Werte unter einem Prozent dokumentieren, verweist die DEGEMED in ihrer aktuellen Pressemitteilung auf eine Rückkehrquote von einem Prozent für das Jahr 2022*. Diese Differenz könnte auf verschiedene Erhebungsmethoden, unterschiedliche Betrachtungszeiträume oder tatsächliche Veränderungen in der Rückkehrstatistik zurückgehen.

Die empirischen Befunde machen deutlich: Der Übergang von der Erwerbsminderungsrente zurück in eine dauerhafte Beschäftigung gelingt nur äußerst selten. Die geringen Rückkehrquosen über einen Zeitraum von mehreren Jahren unterstreichen die nachhaltigen Herausforderungen, vor denen Betroffene stehen – und die Bedeutung präventiver sowie rehabilitativer Maßnahmen, um den Eintritt in die Erwerbsminderungsrente möglichst zu vermeiden.

Finanzierung, Politik und Reformen

Die Diskussion um medizinische Rehabilitation bewegt sich im Spannungsfeld zwischen medizinischer Notwendigkeit und wirtschaftlicher Machbarkeit. Während die Bedeutung von Reha-Maßnahmen für den Erhalt der Erwerbsfähigkeit unbestritten ist, stellt die Finanzierung dieser Leistungen die Verantwortlichen vor komplexe Herausforderungen.

Kosten und Ausgabenentwicklung

Die finanziellen Dimensionen der Rehabilitation sind beträchtlich: Im Jahr 2023 hat die Deutsche Rentenversicherung nach Angaben des Handelsblatts rund sechs Milliarden Euro für medizinische Rehabilitation aufgewendet*. Diese Ausgaben unterliegen einem dynamischen Wachstum.

Jahr Indikator Wert Einheit Quelle/Stand
2023 Ausgaben DRV für medizinische Rehabilitation rund 6 Milliarden EUR Handelsblatt (Stand: 2023)

RE-REHA und Reformbedarf

Als Reaktion auf die wachsenden Anforderungen im Reha-Bereich trat am 1. Juli 2025 die Rahmenempfehlung Vorsorge und Rehabilitation (RE-REHA) in Kraft*. Diese Reform zielt darauf ab, Transparenz und Qualität in der Reha-Versorgung zu erhöhen.

Die wirtschaftliche Rechtfertigung für Investitionen in Rehabilitation wird durch Studien gestützt: Für jeden in medizinische Rehabilitation investierten Euro gewinnt die Gesellschaft rechnerisch etwa fünf Euro zurück*. Trotz dieser positiven volkswirtschaftlichen Bilanz kritisieren Fachverbände wie die DEGEMED die aktuelle Budgetierungspraxis. Sie weisen darauf hin, dass die Deckelung des Reha-Budgets der Deutschen Rentenversicherung zu Finanzierungsengpässen führt und fordern einen flexibleren Budgetansatz, der dem wachsenden Bedarf gerecht wird.

Reha als gesellschaftliche Aufgabe: Perspektiven und Handlungsoptionen

Die Debatte um medizinische Rehabilitation berührt zentrale gesellschaftliche Fragen: Wie erhalten wir Arbeitskraft und Teilhabe in einer alternden Gesellschaft? Welche Investitionen lohnen sich langfristig für Sozial- und Wirtschaftssysteme? Die unterschiedlichen Positionen von Politik, Verbänden und Leistungsträgern zeigen sowohl Konsens als auch Konfliktlinien auf. Während alle Akteure den hohen Stellenwert von Reha-Maßnahmen betonen, bleiben Fragen der Finanzierung und Koordination kontrovers.

Die wirtschaftlichen Folgen niedriger Rückkehrquoten in den Beruf betreffen nicht nur die Betroffenen selbst. Für den Arbeitsmarkt bedeutet jeder ausgefallene Fachkraftjahrgang zusätzlichen Druck in ohnehin angespannten Branchen. Die Sozialsysteme sehen sich mit steigenden Ausgaben bei gleichzeitig sinkenden Beitragseinnahmen konfrontiert. Forschungsergebnisse belegen regelmäßig den ökonomischen Nutzen von Reha-Investitionen – doch dieser langfristige Perspektive scheitert oft an kurzfristigen Budgetrestriktionen.*

Aus den Diskussionen ergeben sich konkrete Handlungsoptionen, die Politik und Leistungsträger jetzt angehen sollten:

  • Bessere Schnittstellen zwischen Akutmedizin, Rehabilitation und Nachsorge schaffen
  • Wohnortnahe Reha-Angebote systematisch ausbauen und fördern
  • Einen atmenden Budgetdeckel für Reha-Leistungen verhandeln
  • Digitalisierung datenschutzkonform für vernetzte Versorgung nutzen
  • Präventionsangebote deutlich stärken und früher ansetzen

Die politische Debatte wird sich voraussichtlich mit der weiteren Umsetzung von RE-REHA intensivieren. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die erkannten Probleme in konkrete Maßnahmen münden, die Rehabilitation als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe stärken.

Die Inhalte in diesem Beitrag beruhen auf einer Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation e.V. (DEGEMED).

Weiterführende Quellen:

10 Antworten

  1. Ich habe das Gefühl, dass Prävention oft vernachlässigt wird in der Diskussion. Wir sollten uns darauf konzentrieren, bevor es überhaupt zu einer Erwerbsminderung kommt.

  2. Die niedrigen Rückkehrquoten sind alarmierend! Ich hoffe auf schnelle Maßnahmen und Reformen im Reha-System. Welche konkreten Schritte sollten als nächstes unternommen werden?

  3. Die Forderung nach besserer Finanzierung ist absolut notwendig! Ich finde es bemerkenswert, wie engagiert die Experten hier sind. Woher sollen die Mittel kommen? Vielleicht sollte mehr über private Versicherungen nachgedacht werden.

  4. Die Diskussion um die Reha-Politik ist wirklich wichtig! Die aktuellen Zahlen zeigen, wie viel Handlungsbedarf besteht. Ich frage mich, ob die Digitalisierung wirklich helfen kann oder ob das nur ein Buzzword ist.

    1. Ich glaube, dass digitale Lösungen viel Potenzial haben. Aber wir müssen sicherstellen, dass sie auch für alle zugänglich sind und nicht nur für eine privilegierte Gruppe.

    2. Wäre interessant zu wissen, wie andere Länder mit ähnlichen Problemen umgehen. Gibt es da erfolgreiche Modelle?

  5. Ich finde es sehr besorgniserregend, dass nur 1 % der Menschen in Erwerbsminderungsrente zurück in den Job kommen. Was können wir tun, um diese Quote zu erhöhen? Es braucht dringend Lösungen!

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