Neulich saßen wir mit einem kleinen Kulturverein am Tisch. Knapper Haushalt, viele Ehrenamtliche, ein verteilter Vorstand, der sich oft eher auf WhatsApp als im Büro trifft. Auf die Frage, wie sie entscheiden, wen sie um eine höhere Spende bitten, kam die Antwort:
„Naja… Bauchgefühl. Und wer uns halt so einfällt.“
Genau da wird’s spannend. Denn während viele Vereine noch nach Gefühl agieren, liegen in ihren E-Mail-Listen, Newsletter-Tools und CRMs längst kleine Goldadern: Öffnungen, Klicks, Spendenverläufe, Veranstaltungsanmeldungen. Also jede Menge digitale Fußspuren.
Wir merken immer wieder: Wer lernt, diese Spuren zu lesen, entscheidet plötzlich fundierter, persönlicher – und oft erfolgreicher. Ganz ohne Glaskugel, aber mit System.
Was in euren Daten schon alles steckt (ohne dass jemand hinschaut)
In fast jedem Verein sehen wir dasselbe Muster:
Es gibt eine E-Mail-Liste, teilweise ein CRM, ein Spenden-Tool. Und überall fallen Daten an:
- Wer öffnet Mails regelmäßig – und wer nie?
- Wer klickt auf Projektberichte, wer auf Mitmachangebote?
- Wer spendet einmal im Jahr, wer mehrmals?
- Wer meldet sich für Veranstaltungen oder Webinare an?
- Wer ist Mitglied, wer „nur“ Spender:in?
Diese Infos liegen meistens einfach so herum. Ein bisschen wie Kartons auf dem Vereinsboden, die keiner auspackt. Dabei kann man daraus:
- Personas ableiten (Typen von Unterstützer:innen),
- ein einfaches Scoring aufsetzen (Punkte für Engagement),
- und darauf basierend Automatisierungen und gezieltere Kampagnen bauen.
Nicht als fancy KI-Spielerei, sondern sehr konkret für den Alltag:
Wen bitten wir um eine höhere Spende? Wer bekommt eher eine Einladung zum Ehrenamt? Wer braucht erstmal mehr Hintergrundinfos?
Personas: Aus der „E-Mail-Liste“ wird ein echter Freundeskreis
Im Fundraising wird seit Jahren über Personas gesprochen. Also über typische „Charaktere“ in der Zielgruppe. In Vereinen klingt das dann so: „Unsere Unterstützer:innen sind… äh… Menschen, die unsere Arbeit gut finden.“
Geht besser.
Wie wir Personas aus E-Mail- und Spenden-Daten bauen
Wir machen das in Projekten gern mit ein paar simplen Schritten:
- Daten sichten
- Wer öffnet (fast) jede Mail?
- Wer klickt häufig auf Projektberichte?
- Wer spendet regelmäßig – auch kleinere Beträge?
- Wer ist schon lange dabei, aber selten aktiv?
- Typen benennen
Wir geben diesen Gruppen Namen, die wir uns merken:
- „Die Dauerinteressierten“: Öffnen fast alles, klicken viel, spenden aber selten.
- „Die Stillen Förderer“: Spenden regelmäßig, interagieren aber kaum digital.
- „Die Aktiven“: Sind bei Veranstaltungen, unterschreiben Petitionen, machen mit.
- „Die Neuen“: Kürzlich dazugekommen, wenige Daten, aber frische Aufmerksamkeit.
- Hypothesen bauen
Zum Beispiel:
- „Dauerinteressierte“ brauchen klarere Spendenanlässe und konkrete Beträge.
- „Stille Förderer“ reagieren gut auf Dankeschön- und Wertschätzungs-Kommunikation.
- „Aktive“ sind vielleicht offen für Ehrenamt oder Gremienarbeit.
- „Neue“ brauchen Orientierung: Was machen wir eigentlich genau? Wo können sie andocken?
Auf einmal sprechen wir intern nicht mehr abstrakt über „unsere Liste“, sondern über Typen, mit denen man recht intuitiv arbeiten kann.
Scoring: Punkte vergeben, Klarheit gewinnen
Jetzt wird’s ein bisschen nerdig – aber sehr hilfreich.
Scoring heißt: Wir geben bestimmten Aktionen Punkte.
Beispiel für ein einfaches Engagement-Scoring:
- E-Mail geöffnet: 1 Punkt
- E-Mail-Klick: 3 Punkte
- Teilnahme an Veranstaltung: 5 Punkte
- Spende im letzten Jahr: 10 Punkte
- Mehrere Spenden im Jahr: +5 Punkte extra
- Mitgliedschaft: +8 Punkte
Das muss nicht perfekt sein. Es muss nur konsistent sein.
Am Ende haben wir Zahlen, mit denen wir arbeiten können:
- 0–5 Punkte: Kaum aktiv
- 6–20 Punkte: Moderat aktiv
- 21+ Punkte: Hoch engagiert
Und jetzt wird’s interessant:
Wir müssen nicht mehr raten, wen wir für eine Upgrade-Anfrage (höhere Spende, regelmäßige Spende, Mitgliedschaft) ansprechen.
Wir können sagen:
- Hoch engagiert → gezielte, stärkere Bitten
- Moderat aktiv → eher Infos + niedrigschwellige Bitten
- Kaum aktiv → erstmal Wertschätzung, Storytelling, Einstieg erleichtern
Automatisierung: Wenn die E-Mail endlich zum richtigen Moment kommt
Das Wort Automatisierung klingt oft nach Großkonzern.
Im Vereinsalltag bedeutet es meistens: Das Newsletter-Tool verschickt eine vorbereitete Serie an Mails, sobald jemand etwas Bestimmtes tut.
Zum Beispiel:
1. Die Willkommensstrecke
Jemand meldet sich für euren Newsletter an. Statt „Sie sind jetzt im Verteiler“ und Funkstille könnt ihr:
- Tag 1: Willkommensmail – Kurzvorstellung, schön, dass du da bist.
- Tag 4: Ein Blick hinter die Kulissen – Geschichte aus einem Projekt, Fotos.
- Tag 9: Mitmach-Optionen – Mitglied werden, spenden, Veranstaltung.
- Tag 20: Check-in – „Was interessiert dich besonders?“
Alles einmal aufgesetzt, später läuft es automatisch.
Der Clou: Wer bestimmte Mails öffnet oder klickt, kann anders angesprochen werden als jemand, der alles ignoriert.
2. Die Dankes-Strecke nach einer Spende
Eine Spende ist kein Ende, sondern der Anfang einer Beziehung.
Typische einfache Strecke:
- Direkt nach Spende: Persönliche Dankesmail (gern von einer echten Person im Verein).
- Nach 1–2 Wochen: Reporting – Kurzes Update, wofür das Geld eingesetzt wird.
- Nach 4–6 Wochen: Vertiefung – Einladung zu einem digitalen Infoabend, einem Rundgang, einer Bildergeschichte.
- Später im Jahr: Passende Bitte – z. B. regelmäßige Förderung, wenn das Verhalten dazu passt.
Und nein, man muss dafür keine 10-köpfige Fundraising-Abteilung haben. Viele Vereine starten mit einer einfachen automatisierten Strecke und bauen dann langsam aus.
DSGVO, Tracking & Co.: Was wir dürfen – und was gar nicht geht
Spannender Teil, manchmal auch der nervigste. Aber nötig.
Bevor wir über „Daten nutzen“ reden, müssen wir darüber sprechen, was in Deutschland überhaupt erlaubt ist.
Ein paar Grundlinien, die sich bei unseren Projekten bewährt haben:
Einwilligung ist König
Für Newsletter und personalisierte Kommunikation brauchen wir eine klare, dokumentierte Einwilligung. Double-Opt-In ist Standard.Transparenz
In der Datenschutzerklärung muss nachvollziehbar stehen:Welche Daten erheben wir?
Wozu nutzen wir sie?
Wie lange speichern wir sie?
Welche Tools setzen wir ein?
Profiling light
Ein einfaches Engagement-Scoring innerhalb des eigenen CRMs, auf Basis von Aktionen, die Menschen bewusst bei euch ausführen (Newsletter, Spenden, Anmeldungen), ist in der Regel machbar – wenn:ihr eine Rechtsgrundlage habt (berechtigtes Interesse oder Einwilligung),
und eure Verarbeitung transparent ist.
Vorsicht bei externem „Wealth Screening“
In den USA gibt es einen eigenen Markt dafür, mit Fremddaten Vermögende zu identifizieren.
In Deutschland sollte man hier:sehr zurückhaltend sein,
rechtliche Beratung einholen,
und sich fragen: Brauchen wir das wirklich – oder reichen uns eigene Indikatoren (Spendenhistorie, Engagement, ggf. freiwillig angegebene Berufsdaten)?
Unser Fazit aus vielen Diskussionen:
Lieber solide, transparente interne Datenarbeit als rechtlich wackelige Hightech-Spielereien.
Von der Datenidee zur echten Maßnahme: Ein realistischer Fahrplan
Wir kennen das: Nach so einem Artikel denkt man schnell „Ja, klingt alles sinnvoll… aber wer soll das machen?“
Also ein Vorschlag, wie man das machbar angeht.
Schritt 1: Einen Bereich auswählen
Nicht alles auf einmal. Nur eins:
- nur Newsletter,
- oder nur Spendenkommunikation,
- oder nur die Willkommensstrecke.
Schritt 2: Ein einfaches Scoring testen
Beispiel: Im Newsletter-Tool:
- Öffnung = 1 Punkt
- Klick = 3 Punkte
- Spende (wenn verknüpft) = 10 Punkte
Dann:
- einmal im Monat in die Daten schauen,
- die „Top 50“ mit den meisten Punkten markieren,
- und diesen Menschen eine leicht andere Mail schicken:
- persönlicher,
- konkretere Bitte,
- klarer nächster Schritt.
Schritt 3: Eine Persona richtig „ausmalen“
Sucht euch eine Persona, z. B. „die Dauerinteressierten“:
- Typische Merkmale notieren (Öffnungsrate, Klickverhalten, Spenden).
- Überlegen: Was brauchen diese Menschen, um den nächsten Schritt zu gehen?
- Zwei, drei Mails oder eine kleine Serie exakt auf sie zuschneiden.
Schritt 4: Kleine Automatisierung einführen
Zum Beispiel:
- Eine Willkommensmail, die automatisch bei Anmeldung versendet wird.
- Später daraus eine 2- oder 3-teilige Serie machen.
Wichtig: Nicht gleich eine Monster-Automation bauen, die keiner mehr versteht.
Lieber klein starten, beobachten, verbessern.
Konkrete Beispiele aus unserer Praxis
Beispiel 1: Der Umweltverein mit „stillen Fans“
Ein Umweltverein hatte einen erstaunlich vollen Newsletter-Verteiler, aber schwache Spendenergebnisse.
Beim Blick in das Newsletter-Tool fiel uns auf:
- Viele Leute öffnen fast jede Mail,
- klicken auf Fotos und Hintergrundartikel,
- spenden aber so gut wie nie.
Wir haben sie als Persona „die stillen Fans“ bezeichnet.
Maßnahmen:
- Spezielle Mail nur für diese Gruppe:
- persönliche Einleitung,
- eine konkrete Projektgeschichte,
- ein sehr klar formulierter Spendenanlass,
- plus: „Auch 5 oder 10 Euro helfen uns wirklich weiter, weil…“
Ergebnis nach wenigen Wochen:
Deutlich mehr Erstspenden aus genau dieser Gruppe – nicht in Millionenhöhe, aber so spürbar, dass der Vorstand das Thema Daten plötzlich sehr ernst nahm.
Beispiel 2: Förderverein mit vielen Langzeit-Mitgliedern
Ein Förderverein hatte viele ältere Mitglieder, wenig digitale Interaktionen, aber solide Jahresbeiträge.
Im CRM sah man:
- Teil der Mitglieder: seit über 10 Jahren dabei,
- immer pünktliche Zahlungen,
- aber keinerlei sonstige Aktivität.
Wir haben hier kein aggressives Fundraising empfohlen, sondern:
- eine wertschätzende Briefaktion,
- kombiniert mit einer E-Mail-Serie für diejenigen, von denen eine E-Mail-Adresse vorhanden war,
- mit Infos zu:
- Nachlassgestaltung,
- Möglichkeiten, den Verein im Testament zu berücksichtigen,
- Kontaktangebot für ein vertrauliches Gespräch (mit Hinweis auf rechtliche Beratung).
Wichtig: Sehr sensibel formuliert, ohne Druck.
Dass solche Themen im deutschsprachigen Raum sehr fein dosiert behandelt werden müssen, ist uns dabei nochmal bewusst geworden. Aber:
Das Ergebnis war nicht spektakulär, aber genau richtig: ein paar wenige, sehr wertvolle Rückmeldungen – und eine viel bewusster geführte Kommunikation mit langjährigen Unterstützer:innen.
AI & fancy Tools: Muss das sein?
Viele fragen uns: „Brauchen wir jetzt unbedingt KI fürs Fundraising?“
Unsere nüchterne Antwort nach einigen Experimenten:
- Nein, um anzufangen, ganz sicher nicht.
- Ein sauberes CRM, klare Personas, einfaches Scoring und durchdachte Texte wirken oft stärker als das nächste Buzzword-Tool.
- KI kann an späterer Stelle helfen:
- Prognosen verfeinern,
- Muster erkennen,
- Texte testen.
Aber ohne ein Grundverständnis für die eigenen Daten wird auch die beste KI nur hübsche Diagramme malen, die niemand nutzt.
Worauf es am Ende wirklich ankommt
Wenn wir all das auf einen Nenner bringen, dann diesen:
Digitale Daten sind kein Selbstzweck. Sie sind nur dann wertvoll, wenn wir dadurch menschlicher, passender und ehrlicher kommunizieren.
Das spürt man im Vereinsalltag ziemlich schnell:
- Spender:innen fühlen sich gesehen, nicht bespielt.
- Ehrenamtliche bekommen Angebote, die wirklich zu ihnen passen.
- Vorstände entscheiden bewusster, wo Energie und Budget hingehen.
- Und Teams merken: „Unser Bauchgefühl ist wichtig – aber mit Daten wird es treffsicherer.“
Wir erleben immer wieder, wie sich die Stimmung ändert, wenn ein Verein die ersten positiven Effekte sieht.
Plötzlich sind Daten nicht mehr „das Excel-Ungeheuer“, sondern eine Art Kompass, der hilft, im Alltag weniger im Nebel zu navigieren.
Und ja, das alles funktioniert auch mit kleinen Teams, nebenberuflichen Vorständen und knappen Ressourcen – solange man klein, pragmatisch und neugierig startet.
Ein bisschen so, wie bei einem guten Training: Nicht gleich Marathon. Erstmal eine Runde um den Block. Aber eben regelmäßig.
5 Antworten
Der Punkt zur DSGVO ist super wichtig! Viele scheuen sich vor der Nutzung von Daten aus Angst vor rechtlichen Problemen. Wie geht ihr damit um? Gibt es Tipps für den Einstieg?
Ich finde die Ansätze zur Automatisierung von Kommunikation sehr nützlich! Gerade im Ehrenamt hat man oft wenig Zeit. Hat jemand von euch schon Erfahrung mit automatisierten Mail-Kampagnen?
Das Scoring-System klingt wirklich hilfreich! Ich kann mir vorstellen, dass es vielen Vereinen helfen könnte, die richtigen Spender:innen anzusprechen. Welche Tools nutzt ihr dafür?
Die Digitaliserung ist wirklich ein großes Thema für Vereine heutzutage. Ich frage mich, wie viele kleine Vereine wirklich wissen, welche Daten sie haben und wie sie diese nutzen können. Was denkt ihr?
Ich finde die Idee mit den Personas echt spannend! Es ist wichtig, dass wir unsere Unterstützer:innen besser verstehen, um zielgerichteter zu kommunizieren. Habt ihr Erfahrungen mit der Umsetzung gemacht?