Digitalisierung im Gesundheitswesen: Warum Ärzte 25% ihrer Zeit für Bürokratie verlieren

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Der Ärzteverband MEDI Baden-Württemberg fordert eine grundlegende Entbürokratisierung und eine funktionierende Digitalisierung im Gesundheitswesen. Konkrete Beispiele zeigen, wie fehlerhafte Prozesse und technische Pannen Praxen belasten und wertvolle Zeit für die Patientenversorgung kosten. Der Verband warnt, dass ohne eine umfassende Reform die Versorgung durch ein weiteres Praxissterben gefährdet sei.

Inhaltsverzeichnis

– Der Ärzteverband MEDI kritisiert mangelhafte Digitalisierung und hohe Bürokratie im Gesundheitswesen.
– Ein Viertel der Arbeitszeit in Praxen geht für digitale Probleme und Verwaltung verloren.
– Der Verband fordert eine Entbürokratisierungs-Offensive, um die ambulante Versorgung zu sichern.

Digitalisierung als Zeitfresser: Ärzteverband fordert radikale Entbürokratisierung

Der Ärzteverband MEDI Baden-Württemberg übt scharfe Kritik an der Umsetzung der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Aus Sicht der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte belasten dysfunktionale digitale Prozesse und überbordende Bürokratie die Praxen massiv und gefährden die ambulante Versorgung. Der Verband fordert eine konsequente Entbürokratisierungs-Offensive. Die folgenden Kernaussagen und Zahlen aus einer Pressemitteilung vom 12. Dezember 2025 verdeutlichen die Position.

  • „Die letzten Wochen haben wieder gezeigt, wie schlecht unsere Digitalisierung funktioniert – selbst ein einfacher Ausweistausch wird zur Odyssee“, berichtet Dr. Lothar Scheidig, Allgemeinmediziner und MEDI-Vorstandsmitglied. Sein konkreter Fall: Weil der Anbieter Medsign technische Probleme hatte, bestellte er einen neuen Heilberufeausweis bei einer anderen Firma auf eigene Kosten. Als Medsign dann doch lieferte, blieb er auf den Mehrkosten sitzen. Scheidig investiert rund 25 Prozent seiner Arbeitszeit in solche bürokratischen und digitalen Probleme (Stand: 12.12.2025)*.
  • „Die Digitalisierung hakt an jeder Stelle“, so Scheidigs Fazit. Auch die elektronische Patientenakte (ePA) koste zu viel Zeit, weil Prozesse nicht automatisiert ablaufen.
  • Der MEDI-Vorsitzende Dr. Norbert Smetak betont: „Diese Erfahrungen meines Kollegen zeigen deutlich, wie sehr unsere Praxen mit zusätzlichem und vor allem unnötigen Aufwand belastet werden. Dabei gehen uns rund ein Viertel der Zeit für die Versorgung der Patientinnen und Patienten verloren.“ Praxen wenden demnach durchschnittlich rund 61 Tage pro Jahr allein für Bürokratie auf (Stand: 12.12.2025)*.
  • Vor dem Hintergrund eines drohenden Praxissterbens fordert Smetak politisches Handeln: „Die permanenten Forderungen nach Bürokratieabbau und einer effizienteren Digitalisierung haben sich scheinbar abgenutzt, sind jedoch so wichtig wie nie zuvor. […] Deshalb fordern wir eine umfassende Entbürokratisierungs-Offensive mit mehr Verantwortung und weniger Überregulierung.“
  • Smetak kritisiert zugleich Sparvorschläge des GKV-Spitzenverbandes, die die ambulante Versorgung weiter belasten würden: „Vorschläge wie die Abschaffungen der bereits eingeführten Entbudgetierungen oder die Streichung der Zuschläge für Terminvermittlungen werden dazu führen, dass sich weiterhin Ärztinnen und Ärzte aus dem GKV-System verabschieden oder gar nicht erst eine Niederlassung in Betracht ziehen.“
  • MEDI Baden-Württemberg vertritt als Verband rund 5.000 niedergelassene Ärztinnen, Ärzte und Psychotherapeuten (Stand: 12.12.2025)*.

    Warum die Digitalisierung hakt

Die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen stockt nicht ohne Grund. Strukturelle Hemmnisse und regulatorische Barrieren bremsen den Fortschritt aus und führen zu den im Praxisalltag erlebten Problemen. Zwei zentrale Faktoren sind die komplexe rechtliche Lage und der internationale Nachholbedarf.

Regulatorische und technische Hürden

Die digitale Infrastruktur für Gesundheitsdaten in Deutschland gilt als europaweit vergleichsweise zurückliegend (Stand: 2024). Projekte wie die elektronische Patientenakte (ePA) oder das E-Rezept weisen häufig Herausforderungen in der Praxistauglichkeit und bei der Automatisierung von Prozessen auf. Gleichzeitig stellen strenge Datenschutzregeln wie die DSGVO und die sich entwickelnde KI-Regulierung (Stand: 2024) insbesondere für kleinere Anbieter und Start-ups eine hohe Eintrittshürde dar*. Der Aufwand für Compliance hemmt Innovation und verhindert, dass agile Lösungen schnell in den Markt gelangen.

Internationaler Vergleich und Nachholbedarf

Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland bei der Digitalisierung des Gesundheitssektors hinterher*. Eine Umfrage aus dem Jahr 2025 weist darauf hin, dass das Potenzial für Technologien wie Künstliche Intelligenz oder Telemedizin hierzulande noch nicht umfassend genutzt wird*. Während andere Länder bereits integrierte digitale Ökosysteme nutzen, kämpft das deutsche System weiter mit Insellösungen und inkompatiblen Schnittstellen. Dieser Nachholbedarf bedeutet nicht nur einen Effizienzverlust, sondern gefährdet langfristig auch die Qualität und Finanzierbarkeit der Versorgung.

Studien zeigen: Digitale Anwendungen kommen nicht aus der Nische

Externe Untersuchungen bestätigen die im Praxisalltag erlebten Hürden. Fachleute im Gesundheitswesen sehen den Fachkräftemangel und Finanzierungsfragen als größte strukturelle Probleme.

Nutzung und Verbreitung digitaler Anwendungen (ePA, DiGA, Videosprechstunden)

Trotz politischer Einführungsbemühungen zeigen elektronische Patientenakte (ePA) und Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) bislang keine umfassenden Zahlen zur Marktdurchdringung.* Der Ausbau der Telemedizin schreitet insgesamt schleppend voran.

Die zentralen Befunde aktueller Umfragen unter Akteuren des Gesundheitswesens lassen sich so zusammenfassen:

  • 65 % der Befragten identifizieren den Fachkräftemangel als größte Herausforderung (Stand: Healthcare-Barometer 2025, PwC, n=1.000).*
  • 56 % der Befragten sehen die langfristige Finanzierbarkeit des Systems als größtes Problem (Stand: Healthcare-Barometer 2025, PwC, n=1.000).*

Diese Daten unterstreichen, dass die digitale Transformation im Gesundheitssektor nicht nur eine technische, sondern auch eine akzeptanz- und nutzungsbezogene Herausforderung darstellt. Die Skepsis in der Praxis korrespondiert mit den als bedrohlich empfundenen strukturellen Rahmenbedingungen.

Wenn die Technik den Arzttermin blockiert

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen soll eigentlich Zeit sparen und Abläufe vereinfachen. In der Realität vieler Arztpraxen und für ihre Patientinnen und Patienten bewirkt sie oft das Gegenteil. Die mangelhafte Umsetzung führt zu spürbaren Folgen: verlängerte Wartezeiten, frustrierende Verwaltungsprozesse und eine zusätzliche Belastung für das Praxisteam.

Ein konkretes Beispiel aus dem Praxisalltag illustriert das Problem. Ein Arzt benötigte einen neuen digitalen Heilberufeausweis, weil der alte seine Sicherheitszertifikate verloren hatte. Der Austausch gestaltete sich zur Odyssee. Nach technischen Problemen beim ersten Anbieter bestellte der Mediziner den Ausweis bei einem anderen Unternehmen – auf eigene Kosten. Kurz darauf lieferte der ursprüngliche Anbieter doch noch und kostenfrei. Der Arzt blieb voraussichtlich auf den Mehrkosten sitzen. Solche technischen Pannen und intransparenten Prozesse binden wertvolle Ressourcen, die für die medizinische Versorgung fehlen.

Die Folgen dieser ineffizienten Digitalisierung sind vielfältig:

  • Zeitverlust für die Behandlung: Wenn Ärztinnen und Ärzte rund 25 Prozent ihrer Arbeitszeit mit dysfunktionaler Technik und Bürokratie verbringen, steht diese Zeit nicht für Gespräche und Untersuchungen zur Verfügung. Die Qualität der Versorgung leidet, wenn der administrative Overhead wächst.
  • Ökonomischer Druck auf Praxen: Unkalkulierbare Mehrkosten, wie im Fall des Ausweistauschs, und ein enormer bürokratischer Aufwand belasten die Wirtschaftlichkeit.* Diese Ressourcen fehlen für Investitionen in Personal oder moderne Behandlungsmethoden.
  • Gebremste Innovation: Während grundlegende digitale Prozesse haken, bleibt das Potenzial fortschrittlicher Tools ungenutzt.*

Letztlich gefährdet diese Situation den gleichberechtigten Zugang zur medizinischen Versorgung. Wenn sich Ärztinnen und Ärzte aufgrund bürokratischer Hürden und technischer Hindernisse aus der gesetzlichen Krankenversorgung zurückziehen oder eine Niederlassung gar nicht erst in Betracht ziehen, schrumpft das Angebot. Die Forderung nach einer echten Entbürokratisierungsoffensive zielt daher nicht nur auf die Entlastung der Praxen, sondern sichert die wohnortnahe Versorgung für alle Patientinnen und Patienten.

Digitalisierung und Bürokratieabbau: Wo die Hebel für ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem liegen

Die Forderungen des Ärzteverbands MEDI Baden-Württemberg nach einer Entbürokratisierungs-Offensive und einer praxistauglichen Digitalisierung sind kein isoliertes Anliegen. Sie markieren vielmehr zentrale Stellschrauben, an denen Politik und Kostenträger drehen müssen, um die ambulante Versorgung zu stabilisieren. Externe Analysen untermauern, dass hier erhebliche Effizienz- und Einsparpotenziale schlummern.

Potenziale, die durch Prozessoptimierung und den gezielten Einsatz digitaler Technologien gehoben werden könnten, bestehen insbesondere bei den gesetzlichen Krankenkassen*. Diese Entwicklung wäre ein Schritt, um das System zu entlasten, ohne bei der Versorgungsqualität Abstriche zu machen. Die Digitalisierung muss dabei endlich den Praxen dienen und nicht umgekehrt. Lösungen sind nur dann erfolgreich, wenn sie von Anfang an mit den Anforderungen des Praxisalltags kompatibel sind und administrative Prozesse tatsächlich automatisieren, statt neue Hürden zu schaffen.

Die Dringlichkeit solcher Maßnahmen zeigt sich in der aktuellen öffentlichen Wahrnehmung des Gesundheitssystems. Zwei der größten Herausforderungen sind der Fachkräftemangel und die Frage der langfristigen Finanzierbarkeit*. Beide Probleme hängen unmittelbar mit den von MEDI kritisierten Zuständen zusammen: Eine ineffiziente Digitalisierung und überbordende Bürokratie binden wertvolle Arbeitszeit, die für die Patientenversorgung verloren geht, und tragen so zur Überlastung und Frustration des Personals bei. Sie sind damit ein Treiber des Praxissterbens und verschärfen die Versorgungslage.

Die Forderung nach einer umfassenden Entbürokratisierungs-Offensive ist daher mehr als ein wiederholter Appell. Sie ist eine notwendige Konsequenz aus der Analyse des Status quo. Die Politik ist gefordert, Überregulierung abzubauen und verantwortungsvolle Freiräume zu schaffen*. Nur so kann das Vertrauen der Leistungserbringer in das System erhalten und die wohnortnahe Versorgung gesichert werden. Die Zukunft der ambulanten Versorgung hängt maßgeblich davon ab, ob es gelingt, die tägliche Praxis von unnötiger Mehrbelastung zu befreien und die Digitalisierung endlich als entlastendes Werkzeug zu etablieren.

Die nachfolgenden Informationen und Zitate entstammen einer Pressemitteilung des Ärzteverbands MEDI Baden-Württemberg e. V.

Weiterführende Quellen:

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