Wenn Grundschulkinder im Radio über Anne Frank sprechen, Kinder einen Comic gegen Gewalt entwickeln und eine 16-Jährige Hilfe für krebskranke Kinder organisiert, wird Beteiligung greifbar. Genau solche Projekte hat der Deutsche Kinder- und Jugendpreis 2026 ausgezeichnet. Die Preisvergabe erzählt damit mehr als einzelne Erfolgsgeschichten: Sie zeigt, wie junge Menschen eigene Themen setzen und praktisch umsetzen.
Drei Orte, drei Themen, ein bundesweiter Preis
Bei der Verleihung am 22. Juni im Europa-Park in Rust wurden Projekte aus Dresden, Hannover und Obershausen in Hessen mit den Hauptpreisen ausgezeichnet. Jedes der drei Vorhaben erhielt 6.000 Euro. Zusätzlich ging der mit 3.000 Euro dotierte Publikumspreis Europa-Park JUNIOR CLUB Award an das Dresdner Projekt.
Lobende Erwähnungen mit jeweils 3.000 Euro gingen an Projekte aus Hamburg, Torgau in Sachsen und Wittmund in Niedersachsen. Insgesamt ist der Preis mit 30.000 Euro ausgestattet. Nach Angaben des Deutschen Kinderhilfswerks handelt es sich um den höchstdotierten bundesweiten Preis für Kinder- und Jugendbeteiligung.
Vergeben wurde die Auszeichnung in den Kategorien Solidarisches Miteinander, Politisches Engagement und Kinder- und Jugendkultur. Relevant ist die Ehrung auch über die Preisvergabe hinaus, weil hier Projekte im Mittelpunkt stehen, in denen Kinder und Jugendliche ihre Lebenswelt aktiv mitgestalten.
Warum gerade diese drei Projekte auffallen
Die prämierten Vorhaben unterscheiden sich deutlich in Thema und Form. Gemeinsam ist ihnen, dass Kinder und Jugendliche nicht einfach teilnehmen, sondern Inhalte und Umsetzung maßgeblich mitbestimmen.
In Dresden haben Grundschulkinder der 147. Grundschule im Alter von sechs bis zehn Jahren in der Nachmittagsbetreuung mit pädagogischer Unterstützung die Radiosendung „Kinderstimmen für die Demokratie – eine Radiosendung von Kindern für Kinder“ gestaltet. Darin erklären sie, was Nationalsozialismus bedeutet, erzählen die Geschichte von Anne Frank und sprechen darüber, was Demokratie für sie im Alltag heißt.
Das Hannoveraner Projekt „Gut getroffen“ entstand in einem Comic-Workshop des Spielparks Linden in den Sommerferien 2025. Kinder zwischen sechs und 13 Jahren entschieden selbst, welches Kinderrecht behandelt werden sollte, welche Inhalte vorkommen und in welcher Sprache der Comic erzählt wird. Das Ergebnis wurde als Minibuch gedruckt und zum Weltkindertag sowie in Schulen und anderen Einrichtungen verteilt.
In Obershausen geht es um solidarische Hilfe im direkten Umfeld. Die 16-jährige Leonie hat die „Pieksekiste“ im Rahmen einer Schulprojektprüfung in der 9. Klasse initiiert und organisiert Planung, Durchführung und Nachbereitung nach Angaben des Deutschen Kinderhilfswerks eigenständig. Die Idee gibt es in ähnlicher Form bereits in Kliniken und Hospizen; Leonie griff sie für ihr eigenes Projekt auf und setzte sie mit Unterstützung lokaler Unternehmen vor Ort um.
Beteiligung heißt hier: mitentscheiden statt nur mitmachen
Entscheidend ist laut dem Deutschen Kinderhilfswerk, wie stark Kinder und Jugendliche an Planung und Durchführung beteiligt sind. Erik Lierenfeld, Vorstandsmitglied der Organisation, nennt diese Mitwirkung ein zentrales Kriterium. Der Preis knüpft damit an die UN-Kinderrechtskonvention an, also an das internationale Abkommen, das Kindern Schutz-, Förder- und Beteiligungsrechte zuschreibt.
Diese Logik spiegelt sich auch im Auswahlverfahren. Nach Angaben des Kinderhilfswerks gibt es zunächst eine Vorauswahl durch eine Fachjury. Die Endentscheidung trifft anschließend der Kinder- und Jugendbeirat der Organisation, dem derzeit zehn junge Menschen aus ganz Deutschland angehören.
Für die Einordnung ist das mehr als ein organisatorisches Detail. Der Preis stellt Beteiligung ins Zentrum und verankert junge Perspektiven zugleich in der Entscheidung über die Preisträger.
Was Vereine und Initiativen daraus mitnehmen können
Im Vereinsalltag wird Beteiligung oft mit bloßer Anwesenheit verwechselt: Kinder und Jugendliche sind dabei, Erwachsene treffen die eigentlichen Entscheidungen. Die drei ausgezeichneten Projekte legen einen anderen Maßstab nahe. Beteiligung beginnt dort, wo junge Menschen Themen, Sprache oder Ablauf selbst bestimmen und Erwachsene eher begleiten als vorgeben.
Das zeigt sich in sehr unterschiedlichen Rahmen: in einer Nachmittagsbetreuung an einer Grundschule, in einem Ferienworkshop und in einer Schulprojektprüfung mit lokaler Unterstützung. Für Vereine und Initiativen ist das relevant, weil echte Mitbestimmung keine feste Projektgröße braucht. Wichtiger ist, ob Kinder und Jugendliche sichtbar Einfluss auf Inhalt und Umsetzung haben.
Zugleich machen die Beispiele deutlich, dass Beteiligung Unterstützung braucht. In Dresden gab es pädagogische Begleitung, in Hannover einen organisierten Workshop, in Obershausen halfen lokale Unternehmen bei der Umsetzung. Selbstbestimmung ersetzt also keine verlässlichen Strukturen.
Preisgeld schafft Spielraum, Verstetigung bleibt offen
Das Preisgeld verschafft den ausgezeichneten Projekten zunächst finanziellen Spielraum. Nach den FAQ zum Preis wird die Summe nach der Auszeichnung ausgezahlt; eine Abrechnung ist demnach nicht erforderlich. Gerade für kleinere Initiativen oder Vorhaben mit wenig Verwaltungsaufwand kann das den Umgang mit der Förderung erleichtern.
Die größere Frage reicht über die Preisverleihung hinaus. Aus den vorliegenden Angaben geht nicht hervor, wie die prämierten Vorhaben nach der Ehrung weiter begleitet werden oder welche dauerhafte Reichweite sie entfalten. Sichtbarkeit und Geld helfen sofort, ob daraus längerfristige Strukturen entstehen, dürfte sich aber erst im weiteren Verlauf zeigen.
Gerade darin liegt der Kern der diesjährigen Auszeichnung: Sie rückt Beispiele ins Licht, in denen Kinder und Jugendliche gesellschaftliche Themen in eigener Sprache bearbeiten. Für Verbände, Vereine und Initiativen ist das weniger ein Anlass zur Feier als eine konkrete Erinnerung daran, was Beteiligung im Alltag bedeutet.
Quellen
Weitere Informationen und Bestätigungen zu Gewinnern, Auswahlverfahren und FAQ finden sich hier: