Im deutschen Eiskunstlauf verschiebt sich der Schwerpunkt deutlich in Richtung Paarlauf und Eistanz. Die neue Bundeskaderliste der Deutschen Eislauf-Union für die Saison 2026/2027 macht das sichtbar: 36 Athlet*innen stehen im Olympia-, Perspektiv-, Ergänzungs- und Nachwuchskader 1, weitere 26 im Nachwuchskader 2.
Im Zentrum stehen erneut Minerva Hase und Nikita Volodin. Das Paar führt den Olympiakader an, während auch Annika Hocke und Robert Kunkel ihren Weg in den nächsten Olympiazyklus fortsetzen. Die Liste ist damit mehr als eine Nominierungsliste. Sie zeigt, wohin die Leistungssportstrategie bis zu den Olympischen Winterspielen 2030 in Frankreich zielt.
Was die DEU mit der Kaderliste festlegt
Die Deutsche Eislauf-Union (DEU) hat den Kader nach eigenen Angaben vom Präsidium, den Athletensprecher*innen und dem Deutschen Olympischen Sportbund bestätigen lassen. Hinter den Kürzeln steckt die gewohnte Leistungssportlogik: OK steht für Olympiakader, PK für Perspektivkader, EK für Ergänzungskader, NK1 und NK2 bezeichnen die Nachwuchskader 1 und 2.
Für die Sportlerinnen und Sportler ist diese Einordnung wichtig, weil sie nicht nur die aktuelle Rolle im Verband beschreibt, sondern auch mit Förderung, Trainingsplanung und sportlicher Begleitung verbunden ist. Der Kader entscheidet damit auch darüber, wo die DEU ihre begrenzten Ressourcen bündelt.
Die Liste gehört zugleich zum neuen Olympiazyklus. Gemeint ist damit der vierjährige Planungszeitraum bis zu den nächsten Olympischen Winterspielen. In dieser Phase versucht der Verband, die sportliche Entwicklung früh zu ordnen und Talente so zu steuern, dass sie rechtzeitig auf internationalem Niveau ankommen.
Warum Paarlauf und Eistanz an Gewicht gewinnen
Der eigentliche Kurswechsel steckt in dem Hintergrundpapier der DEU vom 5. Juni 2026 zum Olympiazyklus 2030. Darin setzt der Verband auf einen langfristigen Ausbau der Paardisziplinen. Gut ausgebildete Einzelläufer*innen sollen leichter in den Paarlauf oder den Eistanz wechseln können, wenn sich dafür eine sportliche Perspektive ergibt.
Für diese Übergangsphase hat die DEU einen neuen Transferstatus mit dem Kürzel „T“ geschaffen. Er soll den Disziplinwechsel organisatorisch abbilden. Wie häufig dieser Status im Alltag greift und wie reibungslos der Wechsel zwischen den Disziplinen funktioniert, lässt sich aus der Mitteilung noch nicht ablesen.
Das Ziel formuliert der Verband klar: Bei den Olympischen Winterspielen 2030 in Frankreich will die DEU in allen Eiskunstlauf-Disziplinen vertreten sein. Ob dieser Anspruch aufgeht, hängt jedoch nicht nur von einzelnen Spitzenpaaren ab, sondern auch von der Breite dahinter. Genau dort liegt die eigentliche Herausforderung.
Was sich für Talente und Vereine daraus ableiten lässt
Ein Beispiel für diesen Strukturwandel ist Julia Grabowski. Die Deutsche Meisterin im Damen-Einzel ist kürzlich in den Paarlauf gewechselt und bildet nun mit dem NRW-Läufer Lukas Gneiding ein neues Duo. Solche Wechsel sind im Eiskunstlauf anspruchsvoll, weil Technik, Timing und Abstimmung erst zusammenwachsen müssen.
Auch andere neu formierte Paare zeigen, wie international diese Entwicklung inzwischen ist. Sara Kishimoto und Michail Savitskiy trainieren an der Ice Academy of Montreal in Kanada und am Bundesstützpunkt Oberstdorf. Seit Anfang Mai besitzen sie das internationale Startrecht für Deutschland. Savitskiy, der bereits zweimal Junioren-WM-Bronze gewonnen hat, hat mit Kishimoto eine neue Partnerin gefunden.
Bei Darya Grimm und Grigorii Rodin schaut der Verband ebenfalls auf die Juniorenebene. Das Paar startet in der kommenden Saison nochmals in der Juniorenklasse und gilt für die Junioren-WM 2027 in Sofia als aussichtsreich. Für Vereine und Stützpunkte zeigt sich daran: Nachwuchsarbeit endet nicht an der Grenze zwischen Einzel- und Paardisziplin. Gerade dort entscheidet sich oft, ob aus einem Talent ein konkurrenzfähiges Duo wird.
Hinzu kommt der Rahmenterminplan für 2026/2027. Darin sind Off-Ice-Lehrgänge, sportmotorische Tests, Physioscreenings und Qualifikationstestläufe fest eingeplant. Off-Ice meint das Training außerhalb des Eises, also etwa Kraft, Beweglichkeit oder Koordination. Die DEU setzt damit stärker auf begleitete Sichtung und Diagnose. Wie belastbar dieses System ist, wird sich aber erst im Saisonverlauf zeigen.
Die Saison zeigt, ob der Umbau trägt
Für den deutschen Eiskunstlauf stehen nun zwei internationale Höhepunkte im Mittelpunkt: die Europameisterschaften in Lausanne vom 27. bis 31. Januar 2027 und die Weltmeisterschaften in Tampere vom 17. bis 21. März 2027. Zuvor richtet sich der Blick auf die Junioren-WM in Sofia vom 24. bis 28. Februar 2027.
Die Kaderliste selbst ist deshalb nur der Startpunkt. Erst auf dem Eis zeigt sich, ob die neue Schwerpunktsetzung auf Paarlauf und Eistanz tatsächlich mehr Stabilität und Breite bringt. Für die Verantwortlichen, die Athlet*innen und auch für die Strukturen dahinter beginnt jetzt die eigentliche Bewährungsprobe.