– 7,4 km Deich verlegt, 420 ha Elbaue renaturiert als Vorreiterprojekt 2002–2011
– Evaluation zeigt: Hochwasserspitzen gesenkt, vielfältiger Artenreichtum und erhöhter Kohlenstoffspeicher
– Intakte Flussauen bremsen Hochwasser, fördern Biodiversität und natürlichen Klimaschutz wirkungsvoll
Erste große Deichrückverlegung in Deutschland zeigt nachhaltigen Erfolg für Natur, Klima und Hochwasserschutz
Die erste umfassend evaluierte Deichrückverlegung in Deutschland markiert einen wichtigen Schritt im ökologischen Hochwasserschutz und Naturschutz. Auf einer Fläche von 420 Hektar, das entspricht in etwa 587 Fußballfeldern, wurde in der Lenzener Elbaue genutztes Grünland an die Elbe zurückgegeben und in eine vielfältige Auenwildnis verwandelt. Diese naturnahe Renaturierung ist mehr als bloß Landschaftspflege: Sie bringt nachweislich ökologische, klimatische und gesellschaftliche Vorteile.
Das Projekt, das vor gut zehn Jahren abgeschlossen wurde, belegt nach aktueller wissenschaftlicher Prüfung eindrücklich seinen besonderen Stellenwert. So führte die Deichrückverlegung zu einem um 50 Zentimeter niedrigeren Hochwasserstand, als es mit dem ursprünglichen Deichverlauf möglich gewesen wäre. Dieser Effekt war sogar noch im 25 Kilometer entfernten Wittenberge zu spüren, wo das Hochwasser um 8 Zentimeter abgefedert wurde. Besonders angesichts zunehmender Wetterextreme, wie Starkregen und Dürreperioden, gewinnt dieser Hochwasserschutz an Bedeutung.
Auch die Artenvielfalt hat sich bemerkenswert entwickelt: Heute finden sich in dem renaturierten Gebiet 63 Brutvogelarten, darunter seltene und bedrohte Vögel wie der Kiebitz und der Seeadler sowie zahlreiche Braunkehlchen. Die Fischfauna ist mit knapp 30 nachgewiesenen Arten ebenfalls vielfältiger geworden, etwa mit gefährdeten Arten wie dem Bitterling, Schlammpeitzger und Zander. Darüber hinaus stieg die Zahl der Amphibien im Gebiet deutlich an. Diese Zunahme an Biodiversität zeigt, dass naturnahe Auen wertvolle Rückzugsräume und Lebensräume bleiben.
Auch für den Klimaschutz spielt die renaturierte Aue eine wichtige Rolle: regelmäßig überflutete Auen speichern bis zu 30 Prozent mehr Kohlenstoff als ehemals vom Fluss abgetrennte Altauen. Besonders die Auenwälder binden dabei erheblich mehr CO₂ als ein durchschnittlicher Wald in Deutschland. Damit leisten diese Flussauen einen direkten Beitrag zur Reduzierung von Treibhausgasen.
Der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt betont die Bedeutung des Projekts für die Kombination von Hochwasserschutz, Landwirtschaft und Naturschutz: „Mit der Deichrückverlegung bei Lenzen hat der BUND ein Mut-machendes Projekt umgesetzt. Wenn Hochwasserschutz, Landwirtschaft und Naturschutz konkret in der Fläche Hand in Hand arbeiten, können vielfältige Synergien entstehen, von denen Klima, Mensch und Natur gleichermaßen profitieren. Dies zeigen die Erfolgskontrollen eindrücklich.“ Gleichzeitig weist er auf die zukünftige Bedeutung intakter Auen für die Wasserverfügbarkeit hin: „Angesichts der zunehmenden Wasserknappheit in weiten Teilen Deutschlands brauchen wir mehr intakte Auen, denn als natürliche Wasserspeicher nehmen sie große Mengen Wasser auf und geben es langsam wieder ab.“
Die Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz (BfN), Sabine Riewenherm, hebt die Förderwirkung des Projekts hervor: „Jeder Hektar Auenrenaturierung zählt. Das untersuchte Projektgebiet umfasst allein 10 Prozent der seit 2009 zurückgewonnenen Flussauen Deutschlands. Intakte, also regelmäßig vom Fluss überflutete Auen bremsen Hochwasserspitzen ab, sind ein wichtiger Kohlenstoffspeicher und zählen zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas. Die von Bund und Ländern hier eingesetzten Fördermittel können sich allein beim Hochwasserschutz in Zukunft vielfach auszahlen, da dadurch Schäden vermieden werden könnten.“ Darüber hinaus sieht sie das Projekt als Modell: „Es braucht deutlich mehr große Deichrückverlegungen wie diese hier in Lenzen. Zusammen mit dem BUND konnte das BfN hier Pionierarbeit leisten und zeigen, dass Projekte dieser Art realisierbar sind und vielfach positive Wirkungen entfalten. Die vorliegenden Ergebnisse zur Deichrückverlegung sind auch für zukünftige Vorhaben und Prozesse wichtig. Die im Juni 2024 in Kraft getretene Wiederherstellungsverordnung setzt neue Impulse für die Renaturierung von Ökosystemen und kann von den hiesigen Erfahrungen profitieren.“
Die erste große Deichrückverlegung bei Lenzen ist somit ein Musterbeispiel dafür, wie eine Rückgabe ehemals regulierter Flussauen an natürliche Überflutungsprozesse Schutz vor Hochwasser bieten, die Artenvielfalt fördern und den Klima- und Wasserschutz stärken kann. Die politischen Förderprogramme und gesetzlichen Rahmenbedingungen stehen vor dem Hintergrund dieser positiven Erkenntnisse vor neuen Herausforderungen und Chancen, den naturnahen Hochwasserschutz bundesweit auszuweiten.
Auen als zentrale Schlüssel für Klima- und Biodiversitätsvorsorge
Flussauen verbinden ökologische Vielfalt, Wasserrückhalt und Hochwasserschutz in einer einzigartigen Weise. Angesichts der zunehmenden Klima- und Biodiversitätskrisen spielen intakte Auen eine herausragende Rolle für Umwelt und Gesellschaft. Sie wirken als natürliche Puffer bei extremen Wetterereignissen, speichern Kohlenstoff und bieten lebendige Lebensräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Doch die Realität zeigt, dass in Deutschland nur noch ein Bruchteil der ursprünglichen Auen bestehen und nur wenige davon in einem ökologisch funktionsfähigen Zustand sind. Inmitten dieses Defizits haben Projekte wie die Deichrückverlegung an der Elbe bei Lenzen beispielhaft verdeutlicht, wie Auen als gestaltbare Landschaftsflächen dem Hochwasserschutz und der biologischen Vielfalt zugutekommen können.
Warum intakte Flussauen heute unverzichtbar sind
Flussauen sind mehr als nur Überschwemmungsflächen. Sie sind leistungsstarke natürliche Systeme, die Starkregen und Hochwasser abmildern, indem sie Wasser zurückhalten und so Überschwemmungsspitzen spürbar reduzieren. Das Lenzer Projekt konnte zeigen, dass nach der Flächenrückgewinnung für die Elbaue der Hochwasserstand um bis zu 50 Zentimeter sank – ein Effekt, der selbst auf Städte im Umkreis spürbar blieb. Überflutete Auen speichern zudem deutlich mehr Kohlenstoff als trockene Flächen und leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Gleichzeitig bieten sie Lebensraum für eine Vielzahl seltener und bedrohter Arten wie Kiebitz, Seeadler oder Zander. Diese Vielfalt macht Auen zu Hotspots im Natur- und Artenschutz.
Neben ihrem ökologischen Wert sorgen intakte Auen auch für eine Stabilisierung der Grundwassersituation, was angesichts der verbreiteten Wasserknappheit in vielen Regionen Deutschlands zunehmend an Bedeutung gewinnt. Trotz ihres hohen Nutzens werden die Ziele zur Renaturierung und Wiedergewinnung von Überschwemmungsflächen bislang kaum erreicht, was den Handlungsdruck auf Politik und Gesellschaft deutlich macht.
Trends und Visionen für nachhaltigen Hochwasserschutz
Die Integration von Auenrenaturierung in den Hochwasserschutz reflektiert einen Wandel hin zu naturnahen und nachhaltigen Strategien. Die Deichrückverlegung in Lenzen ist ein Meilenstein, der zeigt, dass gemeinsames Handeln von Naturschutz, Landwirtschaft und Kommune zu vielfältigen positiven Effekten führt. Diese Erfahrungen haben den Weg für weitere Projekte bereitet und liefern wichtige Erkenntnisse für künftige Vorhaben.
Politisch gewinnt die Auenrenaturierung zunehmend Aufmerksamkeit, wie die im Juni 2024 in Kraft getretene Wiederherstellungsverordnung verdeutlicht. Sie stellt neue Impulse für die Wiederherstellung von Ökosystemen bereit und basiert auf wissenschaftlich begleiteten Leuchtturmprojekten. Dennoch fordern Umweltverbände eine verbesserte finanzielle und personelle Ausstattung zentraler Förderprogramme, um das Potenzial der naturnahen Wasserräume umfassend auszuschöpfen.
Internationale Beobachtungen zeigen, dass Renaturierungsprojekte in vielen europäischen Ländern Teil eines wachsenden Trends sind. Gemeinsamkeiten lassen sich in folgenden Punkten feststellen:
- Vermehrte Deichrückverlegungen und die Schaffung von Überflutungsflächen zur Minderung von Hochwassergefahren
- Stärkere Einbindung von Biodiversitätszielen in die Wasserwirtschaft
- Nutzung natürlicher Kohlenstoffspeicher zur Klimaresilienz
Diese Entwicklungen demonstrieren, dass naturnahe Flusslandschaften international als essenzielle Bausteine in der Kombination von Umwelt- und Klimaschutz anerkannt sind.
Auen bleiben damit Schlüsselräume für den Umgang mit den aktuellen ökologischen Herausforderungen. Ihre Wiederherstellung und der Schutz ihrer Funktionen stärken nicht nur den Natur- und Artenschutz, sondern sichern auch die Resilienz von Gesellschaften gegenüber Klimaextremen. Die fortlaufende Diskussion über die Bedeutung der Auen bietet Raum für neue Konzepte, die ökologische, soziale und wirtschaftliche Belange in Einklang bringen.
Die hier präsentierten Informationen zur Deichrückverlegung basieren auf einer Pressemitteilung des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).