Wenn der Benefizlauf plötzlich auf Twitch stattfindet
Neulich saßen wir mit dem Vorstand eines Sportvereins zusammen, der seit Jahren einen großen Spendenlauf organisiert. Klassisches Bild: Laufshirts, Streckenposten, Kuchentheke. Läuft.
„Wir hätten da ein paar junge Leute, die streamen den ganzen Tag auf Twitch“, meinte jemand aus der Jugendabteilung. „Die würden auch gern was für unseren Lauf machen – aber laufen wollen die nicht.“
Da war er, dieser Moment, in dem zwei Welten kurz aufeinanderprallen: der klassische Benefizlauf und die Content-Creator-Welt. Und genau an dieser Stelle wird es für Vereine spannend – und ehrlich gesagt auch richtig chancenreich.
Wir merken in vielen Projekten:
Vereine, die Content Creator (egal ob Gaming, DIY, Musik, Podcasts oder Insta-Accounts) clever in ihre Peer-to-Peer-Aktionen einbinden, bekommen:
- mehr Reichweite,
- jüngere Zielgruppen
- und oft überraschend hohe Spendensummen.
Aber: Das klappt nur, wenn wir unsere Modelle an sie anpassen – nicht andersrum.
Was Content Creator können, was eure Läufer:innen (meist) nicht tun
Wir sehen bei Creator-Kooperationen immer wieder drei Stärken, die für Fundraising Gold wert sind:
1. Sie bringen ihre eigene Bühne mit
Ob Twitch, YouTube, Instagram oder TikTok – Creator haben oft schon eine Community, die ihnen vertraut.
Wenn so jemand sagt: „Ich mache heute einen 12-Stunden-Stream für unseren örtlichen Hospizverein“, dann fühlt sich das für die Community nicht wie Werbung an, sondern wie ein gemeinsames Projekt.
2. Sie sind Meister:innen der kleinen Anreize
Creator denken in:
- Meilensteinen („Bei 500 € ziehe ich das verrückte Trikot an“),
- Belohnungen („Bei 1.000 € spiele ich das Spiel, vor dem ich mich eigentlich drücke“),
- Umfragen („Wollt ihr, dass ich weitermache? Dann spendet und stimmt ab“),
- Challenges („Pro 10 € mache ich 5 Liegestütze“).
Das ist im Kern nichts anderes als klassisches Peer-to-Peer-Fundraising – nur viel spielerischer.
3. Sie sind extrem gut im „Dranbleiben“
Wo bei einem Benefizlauf oft nach einem Tag Schluss ist, können Creator:
- mehrere Abende streamen,
- zwischendurch Updates posten,
- den Spendenlink in jede Story packen,
- ihre Community wochenlang mitziehen.
Die Energie ist da.
Die Frage ist: Kommt sie auch bei eurem Verein an?
Wo unsere klassischen Fundraising-Modelle im Weg stehen
Aus unserer Arbeit mit Vereinen kennen wir ein Muster:
Content Creator sind neugierig, haben Lust – und steigen dann an unseren Prozessen aus.
Typische Stolperfallen:
„Ihr müsst erst ein Team beim Spendenlauf anlegen und Startnummern abholen.“
(Creator: „Ähm… ich sitz zu Hause vorm PC.“)„Wir arbeiten mit einer Plattform, da müsst ihr ein eigenes Profil als Läufer:in anlegen, dann euch selbst eine Spendenaktion erstellen.“
(Creator: „Warum ist das komplizierter als mein Onlinebanking?“)„Die Spenden können nur über unser klassisches Formular laufen, Kartenzahlung geht nicht, nur SEPA.“
(Creator-Community: „Kein PayPal? Kein Apple Pay? Schade.“)
Wir sagen es mal klar:
Viele Peer-to-Peer-Setups sind für Content Creator einfach nicht gebaut. Kein Wunder, dass sie dann lieber „für sich“ sammeln – ohne Verein – oder gar nicht erst anfangen.
Drei Dinge, die Vereine jetzt anpacken sollten
Damit Creator nicht an unseren Strukturen scheitern, sehen wir drei Baustellen:
- Einstiegspunkte
- Tools & Erlebnisse
- Organisation & Datenfluss
1. Einstiegspunkte: Wie Creator bei euch überhaupt „andocken“
Das klingt banal, ist aber der Knackpunkt:
Wie startet eine Person, die streamt oder Content macht, ihre Spendenaktion für euren Verein?
Aktuell sehen wir oft nur diese Option:
„Mach mit bei unserem Spendenlauf, registriere dich als Läufer:in.“
Für Creator ist das wie eine Einladung zu einer Party, auf der niemand ihre Sprache spricht.
Mehr als nur „Lauf mit uns“
Baut bewusst verschiedene Einstiegspunkte:
- „Starte deinen eigenen Livestream-Spendenaufruf für unseren Verein.“
- „Mach eine 24h-Gaming-Nacht für unser Projekt.“
- „Verknüpfe dein nächstes Release, Video oder Podcast-Special mit einer Spendenaktion.“
Im Idealfall habt ihr dafür:
- eine einfache Seite auf eurer Website mit Erklärung „Spendenaktion starten“ – inkl. Extra-Abschnitt für Content Creator,
- ein kurzes PDF oder One-Pager: „So startest du deinen Charity-Stream für uns“,
- eine Ansprechperson mit Mailadresse, die wirklich antwortet und nicht nach drei Wochen.
In einem Verein, den wir begleitet haben, kam der Wendepunkt, als sie ihren „Spendenlauf“ intern umbenannt haben in „Aktionswochen“.
Laufgruppen blieben, aber plötzlich war auch Platz für:
- einen „Gaming-Marathon für den Waldspielplatz“,
- einen „Kreativ-Livestream“ einer Illustratorin,
- und einen „Karaoke-Abend“ einer Schulband auf YouTube.
Das war nicht „nice to have“, das war der Boost.
2. Tools: Was Creator brauchen, um richtig aufzudrehen
Die gute Nachricht: Ihr müsst kein eigenes Twitch bauen.
Aber: Eure Spendeninfrastruktur muss Creator-tauglich sein.
Was wir in der Praxis als besonders hilfreich sehen:
Klare, verlinkbare Spendenziele
Creator brauchen:
- einen Link, über den ihre Community direkt für euren Verein spenden kann,
- idealerweise eine Aktionsseite, die:
- das Spendenziel zeigt („1.000 € für neue Musikinstrumente“),
- den aktuellen Stand live anzeigt,
- im besten Fall später automatisch eine Zuwendungsbestätigung verschickt.
Viele Vereine nutzen dafür z. B.:
- betterplace.org (Spendenprojekt + Aktionsseiten),
- das eigene Online-Spendenformular mit Tracking-Parameter für die Aktion,
- internationale Creator-Tools mit Spendenanbindung, vorsichtig geprüft auf DSGVO und rechtliche Rahmenbedingungen.
Features, die Creator lieben (und eure Plattform haben sollte)
Je mehr davon ihr anbieten könnt (direkt oder über eine Plattform), desto leichter wird’s für Creator:
- Meilensteine/Etappenziele:
Spendenziel in Stufen („Bei 250 €, 500 €, 1.000 € passiert XY“) - Belohnungen („Rewards“):
bestimmte Beträge lösen Aktionen aus (Song wünschen, Spiel aussuchen, Gruß im Stream) - Umfragen/Polls:
Spenden gegen Entscheidungen („Wenn wir 300 € schaffen, spiele ich Level auf schwer“) - Live-Fortschritt:
Balken, der sich füllt, wenn Spenden reinkommen – am besten einbindbar im Stream - Team-Funktion:
mehrere Creator können gemeinsam auf ein Ziel hin sammeln
Kleine Randnotiz aus einem Projekt:
Eine mittelgroße Jugendorganisation hat einfach ein Google Sheet mit manueller Fortschrittsanzeige im Stream genutzt. War nicht hübsch, aber extrem wirkungsvoll.
Technik perfekt ist nett – sichtbarer Fortschritt ist wichtiger.
Zahlungsarten: Frustbremse Nummer 1
Wenn wir Creator nach der Aktion fragen: „Was hätte besser laufen können?“, kommt fast immer:
- „Viele wollten spenden, hatten aber kein SEPA parat.“
- „Einige wollten mit PayPal oder Kreditkarte spenden, ging aber nicht.“
- „Mobile Payment wäre mega gewesen.“
Heißt: Prüft eure Spendenwege.
Je mehr gängige Zahlungsarten, desto weniger verliert ihr von der Community, die spontan bereit ist.
3. Organisation & Datenfluss: Hinter den Kulissen aufräumen
Jetzt wird’s unsexy, aber entscheidend:
Was passiert im Verein, wenn Creator für euch sammeln?
Wir sehen häufig dieses Bild:
- Die Öffentlichkeitsarbeit freut sich über Reichweite.
- Das Fundraising versucht rauszufinden, wie viel dabei rumgekommen ist.
- Die Buchhaltung schiebt PDFs.
- Und im CRM landet… gar nichts oder nur ein Teil.
Typischer Fehler: Spenden „versanden“ lassen
Ein Beispiel, das wir mehrfach erlebt haben:
- Creator-Aktion läuft über eine externe Plattform.
- Am Ende gibt es eine Gesamtsumme als Überweisung an den Verein.
- Einzelne Spender:innen sind (theoretisch) in einer CSV-Liste verfügbar.
- Niemand fühlt sich verantwortlich, die Daten DSGVO-konform zu prüfen, zu importieren und letztlich Kontaktmöglichkeiten zu nutzen.
Ergebnis:
- Ihr wisst nicht, wer euch unterstützt hat.
- Ihr könnt niemandem gezielt danken.
- Ihr baut keine langfristigen Beziehungen auf.
Kurz: Aus einem Fundraising-Feuerwerk wird ein Strohfeuer.
Bessere Variante: Einen klaren Prozess schaffen
Was wir Vereinen empfehlen – und was in der Praxis gut funktioniert:
a) Zuständigkeit klären
Wer ist intern „Owner“ von Peer-to-Peer- und Creator-Aktionen?
- Fundraising?
- Geschäftsstelle?
- Digitalteam?
Wichtig ist: Es gibt eine Stelle, die das Thema wirklich in der Hand hat.
b) Datenwege definieren
Vor Start der Aktion klären:
- Über welche Plattform laufen die Spenden?
- Welche Daten bekommen wir zurück?
- Wie werden diese ins Spendenverwaltungsprogramm/CRM importiert?
- Wie stellen wir sicher, dass DSGVO und Spendenrecht passen?
- Wer verschickt wann Zuwendungsbestätigungen?
c) Dank & Community-Bindung planen
Noch bevor der erste Euro reinkommt:
- Welche Art Dank bekommt der Creator? (Video, kleines Paket, Social-Media-Post, gemeinsame Auswertung)
- Wie bedanken wir uns bei den Spender:innen? (sofern Daten vorliegen)
- Welche Anschlussangebote machen wir?
z. B. Newsletter, Einladung zur Mitgliedschaft, Info zur Folgeaktion
Praxisbeispiel: Vom Vereinslauf zum Creator-Festival
Ein mittelgroßer Kulturverein in einer deutschen Großstadt stand mit uns vor genau dieser Frage:
Der traditionelle Spendenlauf für die Musikschule wurde immer schwächer, die Alterskurve immer steiler nach oben.
Was sie gemacht haben:
- Aus dem „Spendenlauf“ wurde eine „Woche der 1.000 Takte“.
- Klassischer Lauf blieb, aber es kamen dazu:
- ein DJ-Livestream auf Twitch,
- ein „Songwriting-Marathon“ auf Instagram Live,
- ein Let’s-Play-Stream, bei dem pro gespendetem Betrag bestimmte Songs im Game nachgespielt wurden.
- Für alle Aktionen gab es:
- eine gemeinsame Aktionsseite auf betterplace,
- klare Spendenziele pro Format,
- eine Person in der Geschäftsstelle, die sich nur um die Creator kümmerte.
- Nach der Woche:
- Strukturierter Datenimport ins CRM,
- personalisierte Dank-Mails,
- Einladung in eine „Freundeskreis“-Runde per Onlineformat.
Spannender Effekt:
Die älteren Vereinsmitglieder fanden das Ganze zunächst „wild“, waren aber nach den ersten Zahlen plötzlich sehr offen. Und: Einige Jugendliche, die nur über Twitch dazukamen, sind später tatsächlich Mitglieder geworden.
Und wie fängt man an, ohne sich zu überfordern?
Wir hören oft: „Klingt alles super, aber wir sind kein Medienhaus. Wie sollen wir das schaffen?“
Unser Rat aus der Praxis:
1. Einen Creator, nicht gleich ein Dutzend
Sucht euch einen motivierten Creator aus eurem Umfeld:
- jemand aus der Jugendgruppe,
- ein Elternteil mit YouTube-Kanal,
- eine befreundete Streamerin.
Mit dieser Person setzt ihr eine Pilotaktion um. Keine Großveranstaltung, sondern ein kontrolliertes Experiment.
2. Ein klares, einfaches Setup
- Eine Plattform fürs Spenden (z. B. betterplace-Projekt oder euer Onlineformular),
- ein realistisches Ziel (z. B. 500–2.000 €),
- ein Zeitfenster (z. B. ein Wochenende oder eine Themenwoche),
- vorher intern abgesprochen: Wer macht was, wenn’s losgeht?
3. Nach der Aktion wirklich hinsetzen
Nicht einfach „Haken dran, war nett“.
Sondern:
- gemeinsam mit dem Creator durchgehen:
Was lief gut? Was war nervig? - intern klären:
Wo hakte es bei uns? Plattform? Daten? Kommunikation? - das Ganze als Blaupause speichern – für die nächsten zwei, drei Creator.
So entsteht langsam, aber sicher ein Funktionsmodell, das zu eurem Verein passt.
Warum sich der Aufwand lohnt
Wir merken in fast allen Beratungen:
Sobald Vereine Content Creator nicht mehr als „Zugabe“ zum bestehenden Fundraising sehen, sondern als eigenen Kanal mit eigenen Bedürfnissen, passiert etwas Spannendes:
- Fundraising wird jünger und bunter.
- Ehrenamt bekommt neue Formen – digital und kreativ.
- Alte Formate (wie der klassische Benefizlauf) bekommen neuen Schwung, statt langsam zu verblassen.
Am Ende ist es wie bei einem guten Orchester:
Der Spendenlauf ist die Trommel, Creator sind eher die E-Gitarre.
Beides einzeln kann laut sein – zusammen wird es spannend.
Und genau da wollen wir hin: Vereine, die nicht nur brav jährliche Läufe organisieren, sondern mit Creator:innen, Communities und digitalen Formaten neue Bühnen für ihr Anliegen bauen.

8 Antworten
[…] Ich finde das Ganze sehr inspirierend! Aber ich mache mir Gedanken über die technische Umsetzung. Wer kümmert sich um den Support für Creator? Gibt es da jemanden im Verein?
Ich sehe großes Potenzial in der Verbindung von klassischen und modernen Fundraising-Methoden. Wie kann man die Kommunikation zwischen den verschiedenen Gruppen verbessern? Gibt es hier konkrete Tipps?
[…] Vielleicht könnte eine regelmäßige Besprechung oder ein Newsletter helfen, um alle auf dem Laufenden zu halten.
[…] Eine gemeinsame Plattform für alle Mitglieder könnte auch helfen, die Informationen zu bündeln und Missverständnisse zu vermeiden.
Ich finde es toll, dass ihr digitale Formate stärker einbezieht! Aber was ist mit den traditionellen Mitgliedern? Fühlen sich diese ausgeschlossen? Das könnte ein heikles Thema sein.
Die Ansätze sind wirklich innovativ! Ich frage mich jedoch, ob ältere Mitglieder des Vereins ebenfalls für solche digitalen Formate begeistert werden können. Welche Strategien habt ihr da gesehen?
Ich finde die Idee, Content Creator in Benefizläufe einzubinden, wirklich spannend. Aber wie können wir sicherstellen, dass sie sich wirklich mit dem Verein identifizieren? Gibt es Beispiele, wo das gut funktioniert hat?
Ich denke, es ist wichtig, dass Creator auch eine persönliche Verbindung zu den Themen haben. Vielleicht sollten wir mehr über ihre Erfahrungen sprechen und wie sie die Spendenaktion gestalten möchten.