– Produktion im ersten Halbjahr 2025 um 1 % rückläufig, Umsatz um 0,5 % gesunken
– Keine Wachstumsprognose für 2025, Beschäftigtenzahl mit rund 480.000 stabil
– 40 % der Unternehmen leiden unter Auftragsmangel, Auslastung der Anlagen bei 80 %
Halbjahresbilanz 2025: Chemisch-pharmazeutische Industrie stoppt Abwärtstrend, steht aber weiter unter Druck
Die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland hat die rasante Talfahrt der vergangenen Jahre im ersten Halbjahr 2025 zwar gestoppt, bleibt aber wirtschaftlich weiterhin in einer angespannten Lage. Die Produktion liegt mit einem Minus von einem Prozent zum Vorjahr nur leicht darunter, während der Gesamtumsatz um 0,5 Prozent zurückging. Beschäftigtenzahlen bleiben stabil bei rund 480.000 Mitarbeitenden, die Erzeugerpreise zeigen keine nennenswerte Veränderung.
Allerdings stehen die Zeichen noch nicht auf Erholung: Die Branche produziert im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2018 immer noch rund 15 Prozent weniger. Besonders der Chemiebereich kämpft mit einem Rückgang der Produktion um drei Prozent sowie einem Umsatzminus von zwei Prozent, während die Pharmaindustrie mit einem Plus von zwei Prozent bei der Produktion und fünf Prozent beim Umsatz eine positivere Entwicklung verzeichnet. Intensiver Gegenwind entsteht vor allem durch den anhaltenden Auftragsmangel – etwa 40 Prozent der VCI-Mitgliedsunternehmen klagen darüber, dass ihre Auftragsbücher nicht ausreichend gefüllt sind.
Die Auslastung der Produktionsanlagen liegt mit rund 80 Prozent weiterhin unter der Rentabilitätsschwelle, und das nun bereits im dritten Jahr hintereinander. Diese Kombination führt dazu, dass zahlreiche Unternehmen bereits Anlagenschließungen und personelle Einschnitte angekündigt haben. Die Branche sieht sich mit einer steigenden Zahl an Insolvenzen konfrontiert. Die Handelsbilanz spiegelt die Herausforderungen wider: Chemieexporte gingen zurück, während die Importe um zwei Prozent zunahmen.
Vor diesem Hintergrund warnt VCI-Präsident Markus Steilemann: „Die Lage bleibt angespannt. Unsere Branche produzierte im ersten Halbjahr rund 15 Prozent weniger als im Vorkrisenjahr 2018. Auch in anderen bedeutenden Wirtschaftszweigen sehen wir zweistellige Rückgänge. Für 2025 zeichnet sich in unserer Industrie keine Trendwende ab.“ Er macht deutlich, dass der Standort Deutschland im internationalen Vergleich zu teuer ist und nennt als Hauptursachen: die überbordende Bürokratie, zu hohe Steuern, nicht wettbewerbsfähige Energiepreise, hohe Arbeitskosten und steigende Rohstoffpreise. Deshalb schieben viele Unternehmen dringend notwendige Investitionen auf.
Die Perspektiven bleiben herausfordernd, denn Deutschland steht inzwischen in der dritten Rezession in Folge. Produktionsstilllegungen und die Verlagerung von Investitionen ins Ausland gehören bereits zur Realität. Dennoch besteht eine grundsätzliche Investitionsbereitschaft: „Die Industrie ist bereit, die Politik muss liefern.“ Zwei Drittel der Unternehmen aus der chemisch-pharmazeutischen Industrie geben an, bei verbesserten Standortbedingungen wieder investieren zu wollen.
Die politische Agenda reagiert auf diese Lage: Die junge Regierungskoalition hat mit ihrem Sofortprogramm einen ersten Schritt gemacht, um die Hemmnisse anzugehen. Im Koalitionsvertrag wurde das Ziel festgeschrieben, Deutschland zum führenden Standort für Chemie, Pharma und Biotechnologie zu machen. Steilemann fordert eine gemeinsame Kraftanstrengung für eine wichtige Chemieagenda: „Arbeiten wir zusammen an einer kraftvollen Chemieagenda. Einem Masterplan, der zur Blaupause für eine industriepolitische Gesamtstrategie werden könnte.“
Die Pressekonferenz zur Halbjahresbilanz fand am 17. Juli 2025 statt. Fotos von der Veranstaltung stehen ab 12 Uhr unter folgendem Link zur Verfügung: https://vci.canto.de/v/VCIHalbjahresPkPresse.
Die Bilanz der chemisch-pharmazeutischen Industrie: Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft
Die aktuelle Halbjahresbilanz der chemisch-pharmazeutischen Industrie zeigt ein Bild, das auf den ersten Blick Stabilität vermittelt, bei genauerer Analyse jedoch deutlichen strukturellen Druck offenbart. Zwar liegen Produktion (-1 %) und Gesamtumsatz (-0,5 %) nur leicht im Minus, und die Beschäftigtenzahlen bleiben mit rund 480.000 stabil. Doch diese scheinbare Ruhe verdeckt tiefgreifende Herausforderungen für den Industriestandort Deutschland, die Beschäftigten und Verbraucher sowie für die künftige Wettbewerbsfähigkeit.
Deutschland als Produktionsstandort sieht sich einem Mix aus steigenden Kosten und globalem Wettbewerb gegenüber. Hohe Energiepreise, überbordende Bürokratie und erhebliche Steuerlasten zählen laut VCI-Mitgliedsunternehmen zu den entscheidenden Belastungen, die Investitionen bremsen und die Wettbewerbsfähigkeit verringern. Die Auslastung der Anlagen liegt mit 80 % bereits seit drei Jahren unter der Rentabilitätsschwelle, was direkte Folgen für Investitionsentscheidungen und Arbeitsplätze hat. Produktionsstilllegungen und Verlagerungen ins Ausland spiegeln diesen negativen Trend wider.
Industriestandort unter Druck: Treiber, Folgen und Europa-Vergleich
Der Standort Deutschland befindet sich im internationalen Vergleich im Nachteil. Die Kombination aus hohen Arbeits- und Rohstoffkosten sowie komplizierten Genehmigungsverfahren macht es Unternehmen schwer, Marktentwicklungen schnell und flexibel zu begegnen. Im Gegensatz zu anderen Regionen, die von günstigeren Rahmenbedingungen profitieren, sind deutsche Betriebe in einem starken Anpassungsdruck. Dies bestätigt auch VCI-Präsident Markus Steilemann: "Der Standort Deutschland ist im internationalen Vergleich zu teuer." Die Folge sind rückläufige Chemieexporte und gleichzeitig gestiegene Importe.
Folgende Hauptursachen belasten den Standort:
- Überbordende Bürokratie, die laut ifo-Institut jährlich rund 146 Milliarden Euro volkswirtschaftliche Leistung schmälert.
- Hohe Energiepreise, die die Produktionskosten massiv erhöhen.
- Steuerbelastungen, die Investitionsspielräume einschränken.
- Arbeitskosten und Fachkräftemangel, die ebenfalls die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen.
- Volatile Rohstoffpreise und Lieferkettenprobleme.
Diese Rahmenbedingungen setzen nicht nur Unternehmen unter Druck, sondern betreffen unmittelbar die Arbeitsplatzsicherheit für rund eine halbe Million Beschäftigte. Die Branche steht vor dem Risiko, dass personelle Einschnitte und Standortschließungen zunehmen.
Innovation, Beschäftigung und Markttrends: Was kommt auf die Gesellschaft zu?
Die chemisch-pharmazeutische Industrie ist eine Schlüsselbranche für Innovation und Versorgungssicherheit in Deutschland. Die pharmazeutische Sparte beispielsweise wuchs im ersten Halbjahr 2025 trotz der Krise um 2 Prozent in der Produktion und 5 Prozent beim Umsatz. Damit trägt sie maßgeblich zur Stabilität im Gesundheitssektor und zur Forschung neuer Medikamente bei. Dennoch schwächelt die Chemiesparte mit einem Produktionsrückgang von 3 Prozent, was die Vielfalt der innovativen Produkte für Industrie und Verbraucher tangiert.
Die Versorgungslage bleibt trotz der angespannten Lage bisher stabil, da die Branche Versorgungssicherheit auch in Krisenzeiten gewährleisten muss. Allerdings steigt der Druck auf Unternehmen, durch Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen konkurrenzfähig zu bleiben. Die Zahl der Insolvenzen in der Branche nimmt zu, was auch Auswirkungen auf das Angebot und die Beschäftigung hat.
Für die Zukunft ist entscheidend, welche Weichen die Politik und Wirtschaft für die Branche stellen. Das Sofortprogramm der jungen Regierungskoalition sowie ein angestrebter „Masterplan“ für Chemie, Pharma und Biotechnologie sollen den Standort stärken. Die Herausforderungen liegen vor allem in der Gestaltung einer Energiepolitik, die Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Bezahlbarkeit in Einklang bringt, sowie in einem konsequenten Bürokratieabbau. Nur so kann die Innovationskraft der Branche erhalten und ausgebaut werden, um künftige Markttrends wie nachhaltige Chemikalien, Digitalisierung und neue Arzneimitteltechnologien zu bedienen.
Zwei Drittel der Unternehmen sind bereit, bei verbesserten Rahmenbedingungen wieder zu investieren. Es wird darauf ankommen, ob diese Chancen genutzt werden können, um Arbeitsplätze zu sichern, die wirtschaftliche und technologische Resilienz zu stärken sowie die Versorgung der Gesellschaft langfristig zu gewährleisten. Die nächsten Entscheidungen im Bereich Energie- und Steuerpolitik werden maßgeblich über den Erfolg dieses Transformationprozesses entscheiden.
Dieser Beitrag basiert auf Informationen und Zitaten aus einer Pressemitteilung des Verbands der chemischen Industrie (VCI).