– Produktion, Umsatz und Preise der Chemie-Pharma-Branche sinken weiter.
– Hohe Kosten und schwache Exporte belasten die wirtschaftliche Lage.
– Für 2025 wird bestenfalls Stagnation ohne Trendwende erwartet.
Chemie- und Pharmaindustrie im dritten Quartal 2025 mit deutlichen Rückschlägen
Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie steuert mit anhaltenden Problemen auf das Jahresende zu. Das dritte Quartal 2025 brachte der Branche erneut sinkende Produktion, fallende Preise und rückläufige Umsätze. Die wirtschaftliche Lage hat sich weiter verschlechtert, während die Kapazitätsauslastung deutlich unter der Rentabilitätsschwelle verharrt. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die Unternehmen selbst, sondern hat direkte Auswirkungen auf Beschäftigung, Verbraucherpreise und die Exportstärke Deutschlands.
VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup kommentiert die Situation mit deutlichen Worten: "Die Industrie taumelt Richtung Jahresende. Gerade in der Chemie hakt es an allen Ecken. Produktion, Umsatz, Preise, Auslastung: Alles steht im Minus." Er ergänzt: "Was hilft, ist ein sofortiger industrieller Befreiungsschlag. Passiert nichts, wird die Industrie am Standort Deutschland zwischen Transformationskosten und Bürokratie weiter zerrieben. Der Knock-out rückt immer näher."
Chemieindustrie unter Druck – eine komplexe Gemengelage
Die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie steckt in einer tiefgreifenden Krise, die sich im Jahresverlauf 2025 zunehmend verschärft hat. Während die ersten sechs Monate noch leichte Einbußen brachten, zeigen die aktuellen Quartalszahlen eine deutliche Verschlechterung der Gesamtsituation. Die Branche kämpft gleichzeitig mit mehreren strukturellen Problemen: internationale Überkapazitäten, hohe Standortkosten in Deutschland, volatile Energiepreise und zunehmend protektionistische Handelspolitiken.
Warum die Chemie besonders trifft
Die chemische Industrie als Grundstoffbranche reagiert besonders empfindlich auf konjunkturelle Schwankungen. Die Produktion lag im Juli 2025 bereits rund 7 Prozent unter dem Vorjahresniveau, während der Auftragseingang um 10 Prozent einbrach* . Die Exportabhängigkeit der Branche wird zum Problem, denn auf Märkten außerhalb Europas gingen die Umsätze deutlich zurück, während das Europageschäft stagnierte. Gleichzeitig sinken trotz hoher Kostenbelastung die Erzeugerpreise – im dritten Quartal 2025 um 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal.
Pharma: Zwiespältige Halbjahresdaten
Die Pharmaindustrie zeigt ein gespaltenes Bild. Noch im ersten Halbjahr 2025 verzeichnete sie positive Entwicklungen: Die Produktion stieg um 1,8 Prozent, die Erzeugerpreise um 2,0 Prozent und der Gesamtumsatz wuchs um 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr* . Der Auslandsumsatz erhöhte sich um 2,8 Prozent* . Diese vergleichsweise robusten Zahlen aus der ersten Jahreshälfte kontrastieren jedoch stark mit der aktuellen Einschätzung des VCI vom November 2025.
Der Verband beschreibt nun auch für Pharma erhebliche Probleme: "Preis- und Kostendruck im Inland sowie höhere Zölle und Zolldrohungen im wichtigen US-Markt bremsen das Geschäft." Dieser zeitliche Versatz zwischen den positiven Halbjahresdaten und der aktuellen düsteren Quartalsbilanz unterstreicht die rapide Verschlechterung der Gesamtsituation in der zweiten Jahreshälfte.
Die Diskrepanz zwischen den noch positiven Pharma-Zahlen des ersten Halbjahres und der aktuellen negativen Gesamtbilanz lässt sich durch mehrere Faktoren erklären: den zeitlichen Versatz von fast einem halben Jahr, unterschiedliche Betroffenheit von Branchensegmenten sowie die zunehmenden Handelshemmnisse insbesondere auf dem wichtigen US-Markt in der jüngeren Vergangenheit. Während die Pharmaindustrie den Produktionsrückgang in der Chemie teilweise kompensieren kann, reicht dies nicht aus, um die Gesamtbranche aus der Talsohle zu führen.
Zahlenbild der chemisch-pharmazeutischen Industrie 2025
Die wirtschaftliche Entwicklung der deutschen Chemie- und Pharmabranche zeigt im Jahr 2025 ein differenziertes Bild. Während einige Bereiche unter erheblichem Druck stehen, verzeichnen andere Segmente weiterhin Wachstum. Die aktuellen Kennzahlen dokumentieren diese gemischte Lage.
Ausgewählte Branchenkennzahlen im Überblick:
| Zeitraum | Kennzahl | Wert | Quelle/Stand |
|---|---|---|---|
| erstes Halbjahr 2025 | Umsatz chemisch-pharmazeutische Industrie | 107 Milliarden Euro | Quelle: finanzen.ch* (Stand: erstes Halbjahr 2025) |
| erstes Halbjahr 2025 | Pharmaproduktion | +1,8 % gegenüber Vorjahr | Quelle: wir-hier.de* (Stand: erstes Halbjahr 2025) |
| Juli 2025 | Chemieproduktion | -7 % gegenüber Vorjahr | Quelle: chemieindustrie-online.de* (Stand: Juli 2025) |
| 3. Quartal 2025 | Konzernumsatz Alzchem Group | +6 % gegenüber Vorjahresquartal | Quelle: Alzchem Quartalsmitteilung* (Stand: 3. Quartal 2025) |
| Gesamtjahr 2025 (Prognose) | Branchenumsatz | 221 Milliarden Euro | Quelle: Presseinformation VCI* (Stand: 11. November 2025) |
Die Entwicklung zeigt die zunehmenden Herausforderungen. Während die Pharmaindustrie im ersten Halbjahr 2025 mit einem Wachstum von 1,8 Prozent punkten konnte, zeichnet sich im weiteren Jahresverlauf eine Eintrübung ab. Die Chemieproduktion lag im Juli 2025 7 Prozent unter dem Vorjahresniveau, begleitet von einem Auftragsrückgang um 10 Prozent.
Trotz der branchenweiten Schwierigkeiten gibt es auch positive Signale. Das Spezialchemieunternehmen Alzchem Group meldete für das dritte Quartal 2025 einen Konzernumsatzanstieg um 6 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal bei gleichzeitigem EBITDA-Wachstum von 19 Prozent. Diese Entwicklung unterstreicht die anhaltende Nachfrage in bestimmten Spezialchemie-Segmenten.
Für das Gesamtjahr 2025 prognostiziert der Verband der Chemischen Industrie (VCI) einen Branchenumsatz von etwa 221 Milliarden Euro. Die Produktion dürfte damit bestenfalls stagnieren, wobei die Chemieproduktion voraussichtlich um 2 Prozent sinkt, während die Pharmaindustrie diesen Rückgang teilweise kompensieren kann.
Wirtschaftlicher Abschwung trifft Beschäftigte und Standorte
Die anhaltende Krise in der chemisch-pharmazeutischen Industrie zeigt konkrete Auswirkungen auf Arbeitsplätze und die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Standorte. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in der Branche entwickelte sich rückläufig: Ende Juni 2025 arbeiteten rund 556.000 Personen in der Chemieindustrie, gegenüber 559.500 Personen im Juni 2024. Dieser leichte, aber signifikante Rückgang betrifft insbesondere Regionen mit traditionell starker chemischer Industrie wie das Rhein-Main-Gebiet, Ludwigshafen oder das mitteldeutsche Chemiedreieck. Für diese Standorte bedeutet jeder verlorene Arbeitsplatz nicht nur weniger Einkommen vor Ort, sondern auch geringere Steuereinnahmen und geschwächte Zuliefernetzwerke.
Beschäftigungssituation unter Druck
Die rückläufige Beschäftigtenzahl spiegelt die angespannte Geschäftslage wider. Wenn Unternehmen ihre Produktion drosseln und Kapazitäten nur noch zu 70 Prozent auslasten, wirkt sich das unmittelbar auf den Personalbedarf aus. Besonders betroffen sind häufig qualifizierte Fachkräfte, deren Know-how langfristig für die Transformation der Branche benötigt wird. Der schleichende Abbau von Arbeitsplätzen gefährdet nicht nur die regionale Wirtschaftskraft, sondern auch das Innovationspotenzial der gesamten Branche.
Energie- und Standortkosten als Wettbewerbsnachteil
Die hohen Energiekosten in Deutschland verschärfen die Situation zusätzlich. Der Strompreisindex für die Industrie lag im August 2025 bei 129 Punkten – gemessen am Basisjahr 2015. Damit kostet Industriestrom hierzulande etwa 13 Prozent mehr als noch 2023. Im internationalen Vergleich wird das Problem deutlich: Während deutsche Unternehmen 129 Punkte zahlen müssen, liegen Frankreich bei 88, die USA bei 64 und China sogar nur bei 41 Punkten. Diese Diskrepanz beeinträchtigt die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Chemieunternehmen erheblich, besonders bei energieintensiven Grundchemikalien.
Dennoch gibt es Lichtblicke in spezialisierten Segmenten. Die Alzchem Group verzeichnete im 3. Quartal 2025 einen Konzernumsatzanstieg um 6 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Noch deutlicher fiel das EBITDA-Plus von 19 Prozent aus, was auf wachsende Nachfrage in bestimmten Spezialchemie-Sparten hindeutet. Diese Entwicklung zeigt, dass Nischenplayer trotz schwieriger Rahmenbedingungen erfolgreich agieren können, wenn sie sich auf hochwertige Spezialprodukte konzentrieren.
Die aktuelle Krise trifft die chemische Industrie damit nicht nur in ihren Kernbereichen, sondern hat spürbare soziale und regionale Konsequenzen. Während einige Spezialchemie-Unternehmen Wachstum generieren, kämpft die Breite der Branche mit strukturellen Herausforderungen, die langfristig die industrielle Basis in Deutschland gefährden könnten.
Perspektiven für die chemisch-pharmazeutische Industrie
Die aktuelle Lage der chemisch-pharmazeutischen Industrie zeigt deutlich, dass eine rasche Entspannung unwahrscheinlich ist. Die strukturellen Herausforderungen – von hohen Energiekosten über weltweite Überkapazitäten bis zu handelspolitischen Unsicherheiten – erfordern gezielte politische Maßnahmen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland zu erhalten.
Kurzfristige Entlastungsoptionen
Eine mögliche Stellschraube bilden handelspolitische Vereinbarungen. Ende Juli 2025 verständigten sich USA und EU auf eine temporäre Zollaussetzung für ausgewählte Pharma- und Chemieprodukte, während Diskussionen über US-Preisregulierungen weiter andauern. Solche gezielten Handelserleichterungen könnten Exporthemmnisse reduzieren und Planungssicherheit erhöhen. Parallel dazu bieten Energiepreisentlastungen für die energieintensive Industrie ein weiteres Instrument. Gezielte Netzentgelte-Rabatte oder steuerliche Kompensationen für CO₂-Kosten würden unmittelbar die Kostenseite entlasten und Produktionsverlagerungen verhindern.
Beispiele resilienter Nischen
Trotz der branchenweiten Schwächephase zeigen bestimmte Segmente bemerkenswerte Stabilität. Die Alzchem Group verzeichnete im 3. Quartal 2025 einen Konzernumsatzanstieg um 6 Prozent, während das EBITDA sogar um 19 Prozent zulegte. Dies unterstreicht die Nachfragestärke in spezialisierten Chemiesegmenten, die weniger konjunkturanfällig sind. Solche Nischenmärkte mit hoher Wertschöpfung und technologischer Spezialisierung beweisen, dass auch in schwierigen Gesamtmarktphasen Wachstum möglich ist.
Die politischen Handlungsspielräume reichen von der Nutzung temporärer Handelsabkommen über gezielte Standortkostenentlastungen bis hin zur Förderung innovationsstarker Teilsegmente. Ob diese Maßnahmen rechtzeitig greifen, um die anhaltende Talfahrt der Branche zu stoppen, bleibt die entscheidende Frage für das kommende Jahr.
Die vorliegenden Informationen und Zitate stammen aus einer Pressemitteilung des Verbands der Chemischen Industrie e.V. (VCI).
Weiterführende Quellen:
- „Im ersten Halbjahr 2025 sank der Umsatz in der chemisch-pharmazeutischen Industrie um 0,5 Prozent auf 107 Milliarden Euro.“ – Quelle: https://www.finanzen.ch/nachrichten/aktien/vci-lage-der-chemie-und-pharmabranche-verschlechtert-sich-weiter-1035540134
- „Pharmaindustrie: Produktion +1,8 %, Erzeugerpreise +2,0 %, Gesamtumsatz +4,9 % im ersten Halbjahr 2025 gegenüber Vorjahr. Auslandsumsatz stieg um 2,8 %.“ – Quelle: https://www.wir-hier.de/politik-und-wirtschaft/nachrichten-aus-der-chemie/pharmaindustrie-mit-erstem-halbjahr-2025-zufrieden/
- „Chemieproduktion lag im Juli 2025 rund 7 % unter Vorjahr; Auftragseingang sank um 10 %.“ – Quelle: https://www.chemieindustrie-online.de/branchennews/vci-chemieindustrie-zeigt-september-2025-stagnation-trotz-reformversprechen
- „Konzernumsatz Alzchem Group im 3. Quartal 2025 um 6 % gestiegen (Vorjahresquartal); EBITDA-Anstieg 19 %; Nachfrage in Spezialchemie-Segmenten wächst.“ – Quelle: https://www.alzchem.com/fileadmin/Investor_Relations/Finanzberichte/Alzchem_Quartalsmitteilung_3-2025s.pdf
- „Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Chemiebranche betrug Ende Juni 2025 rund 556.000 Personen, im Vergleich zu 559.500 Personen im Juni 2024.“ – Quelle: https://www.iwkoeln.de/studien/jurek-tiedemann-gero-kunath-paula-risius-dirk-werner-fachkraeftecheck-chemie.html
- „Der Strompreisindex für die Industrie lag in Deutschland im August 2025 bei 129 Punkten (2015=100) – etwa 13 % über dem Stand von 2023; Frankreich (88), USA (64), China (41).“ – Quelle: https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Preise/Energiepreise/Tabellen/industriepreise-stromgas.html
- „USA und EU verständigten sich Ende Juli 2025 auf temporäre Zollaussetzung für ausgewählte Pharma- und Chemieprodukte; Diskussionen über US-Preisregulierung dauern an.“ – Quelle: https://www.wir-hier.de/politik-und-wirtschaft/nachrichten-aus-der-chemie/pharmaindustrie-mit-erstem-halbjahr-2025-zufrieden/
8 Antworten
„Lichtblicke in spezialisierten Segmenten“ klingt ja vielversprechend! Es wäre gut zu erfahren, welche Nischenmärkte besonders stark sind und wie sie das schaffen.
„Die Alzchem Group hat gute Zahlen präsentiert“ – da sollte man vielleicht mal genauer hinschauen! Was machen sie anders als andere Firmen?
Die rückläufige Beschäftigung ist alarmierend! Wir sollten mehr über die langfristigen Folgen dieser Krise nachdenken. Wie kann der Staat helfen? Gibt es Initiativen zur Förderung von Fachkräften?
Ein weiterer Punkt ist die hohe Energiepreise! Das macht es doch noch schwieriger für die Unternehmen hierzulande wettbewerbsfähig zu bleiben!
Es ist erschreckend, dass die Produktion so stark sinkt. Die Zahlen sprechen für sich und zeigen, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Wie können wir als Gesellschaft dazu beitragen, diese Branche zu unterstützen?
Ich denke, wir sollten mehr über nachhaltige Lösungen nachdenken. Es wäre interessant zu wissen, welche alternativen Ansätze in anderen Ländern verfolgt werden.
Das klingt alles sehr negativ. Gibt es denn keine positiven Entwicklungen in der Branche? Vielleicht sollten wir uns auch auf die Unternehmen konzentrieren, die wachsen.
Die Situation der Chemie- und Pharmaindustrie ist wirklich besorgniserregend. Ich frage mich, was für Maßnahmen die Regierung plant, um die Lage zu verbessern. Es ist schade zu sehen, wie viele Arbeitsplätze betroffen sind.