Wenn Frachtschiffe auf dem Rhein weniger laden können, spürt die Wirtschaft das oft schneller als in der Statistik. Höhere Transportkosten, Verzögerungen in Lieferketten und Belastungen für einzelne Branchen sind dann meist die ersten Folgen. Genau in diesem Umfeld hebt der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) seine Wachstumserwartung für 2026 an.
Der Verband rechnet für 2026 nun mit einem preisbereinigten Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,0 Prozent. Zuvor hatte der BVR nur 0,5 Prozent erwartet. Für 2027 bleibt die Prognose bei 1,3 Prozent. Es handelt sich um eine Verbandsprognose, nicht um eine amtliche Vorhersage.
Warum der BVR seine Prognose anhebt
Nach Einschätzung des BVR hat sich die wirtschaftliche Aktivität in Deutschland in den vergangenen Monaten spürbar belebt – trotz geopolitischer Spannungen und klimatischer Belastungen. Als Gründe nennt der Verband verbesserte Frühindikatoren und eine Aufwärtsrevision früherer BIP-Daten. Außerdem verweist er darauf, dass die deutsche Wirtschaft inzwischen seit drei Quartalen in Folge wächst.
Für die Konjunktureinschätzung des Verbands ist das ein wichtiger Unterschied: Nicht nur die jüngsten Daten fallen etwas besser aus, auch der Blick auf die kommenden Monate wirkt vorsichtig optimistisch. Entscheidend ist dabei, dass die erwartete Erholung nicht gleichmäßig verläuft.
„Das Niedrigwasser im Rhein und die Hitzewelle bremsen die Erholung der Wirtschaft nur vorübergehend. […] Im dritten Quartal dürfte es aufgrund des Niedrigwassers allerdings zu einer kurzen Wachstumspause kommen.“
Dr. Andreas Bley, Chefvolkswirt des BVR, ordnet die Lage damit bewusst vorsichtig ein. Die Erholung ist aus seiner Sicht vorhanden, bleibt aber anfällig für kurzfristige Störungen.
Was den erwarteten Aufschwung stützen soll
Der BVR sieht mehrere Faktoren, die das Wachstum in den kommenden Quartalen tragen könnten. Genannt werden steigende Exporte, eine allmähliche Belebung der Industrie und mehr Dynamik im Baugewerbe. Hinzu kommen nach Einschätzung des Verbands staatliche Investitionsprogramme in den Bereichen Verteidigung, Infrastruktur und Klimaschutz.
Gleichzeitig betont der Verband, dass solche Impulse nur dann voll wirken, wenn die Rahmenbedingungen planbar bleiben. Aus Sicht der Verantwortlichen sind deshalb verlässliche Regeln und gute Bedingungen für private Investitionen wichtig. Das ist vor allem für Unternehmen relevant, die über längere Zeiträume planen und auf stabile Kostenstrukturen angewiesen sind.
Die Prognose stützt sich also nicht auf einen einzelnen Treiber, sondern auf mehrere Entwicklungen gleichzeitig. Ob daraus tatsächlich ein stabilerer Aufschwung wird, hängt jedoch davon ab, wie belastbar diese Signale im Alltag bleiben.
Niedrigwasser trifft Lieferketten und einzelne Branchen
Dass die Lage fragil bleibt, zeigt sich besonders an den Wasserstraßen. Niedrigwasser auf dem Rhein und anderen Strecken belastet die Logistik unmittelbar. Wenn Schiffe weniger Fracht transportieren können, steigen die Kosten pro Tonne – und zwar nicht nur für Reedereien, sondern auch für die Unternehmen, die auf diese Transporte angewiesen sind.
Der BVR verweist darauf, dass die geringeren Transportkapazitäten der Binnenschifffahrt zu höheren Logistikkosten führen und einzelne Branchen beeinträchtigen, darunter die Chemieindustrie. Für Betriebe, die Rohstoffe oder Vorprodukte per Schiff beziehen, kann das schnell zu Engpässen führen. Besonders betroffen sind oft Lieferketten, die ohnehin eng getaktet sind.
Als zusätzlicher Kontext gilt: In Berichten wird darauf hingewiesen, dass Niedrigwasser die Transportkapazitäten der Binnenschifffahrt teils auf rund ein Drittel der normalen Fracht senken kann. Forschungshinweise nennen außerdem, dass ein Monat Niedrigwasser im Rhein die industrielle Produktion in Deutschland um etwa 1 Prozent senken könnte. Das Kiel Institut schätzt, dass anhaltend niedrige Rheinpegel die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal um bis zu 0,2 Prozent mindern könnten. Solche Zahlen sind jedoch Szenarien und keine sichere Vorhersage für die aktuelle Lage.
Für Unternehmen bedeutet das vor allem zusätzliche Unsicherheit. Wenn Transportwege belastet sind, kommen Lieferungen später an oder müssen teurer umgeleitet werden. Im Alltag kann sich die Entwicklung deshalb nicht nur an den Häfen, sondern auch in Produktion und Einkauf bemerkbar machen.
Welche Risiken die Erholung weiter bremsen können
Auch über das Niedrigwasser hinaus sieht der BVR Risiken. Genannt werden eine längere Störung wichtiger Handelsrouten, erneute Verschärfungen in der US-Handelspolitik und ein deutlicher Anstieg der Energiepreise. Solche Faktoren könnten den Aufschwung abbremsen, selbst wenn sich die Binnenkonjunktur weiter verbessert.
An seiner Inflationsprognose hält der Verband fest: Für 2026 erwartet der BVR eine Teuerungsrate von 2,8 Prozent, für 2027 von 2,5 Prozent. Vorübergehend könnte die Inflation allerdings zum Jahresende 2026 wieder über 3 Prozent steigen, vor allem wegen höherer Energie- und Transportkosten. Für Haushalte und Betriebe wäre das vor allem dann spürbar, wenn sich die Kosten entlang der Lieferketten weiter nach oben schieben.
Im Ergebnis zeichnet der BVR damit ein zweigeteiltes Bild: mehr Wachstum als zuletzt erwartet, aber weiterhin empfindlich gegenüber äußeren Störungen. Die Erholung ist sichtbar – nur eben noch nicht stabil genug, um sich ganz von Wetter, Handel und Energiepreisen abzukoppeln.
Mehr Wachstum, aber keine Entwarnung
Für die Wirtschaft ist das eine vorsichtig positive Nachricht. Der Verband rechnet mit mehr Dynamik als noch im Frühjahr, weist aber zugleich auf mehrere Faktoren hin, die den Aufschwung jederzeit bremsen können.
Für Leserinnen und Leser heißt das: Die Konjunktur erholt sich zwar, bleibt aber anfällig für äußere Einflüsse. Gerade dort, wo Unternehmen auf verlässliche Transportwege, stabile Energiepreise und planbare Rahmenbedingungen angewiesen sind, dürfte diese Verwundbarkeit weiter eine Rolle spielen.
Wie groß die tatsächlichen Auswirkungen ausfallen, lässt sich anhand der vorliegenden Angaben noch nicht sicher beurteilen. Klar ist aber schon jetzt: Der erwartete Aufschwung hängt an mehreren Bedingungen zugleich.
Quellen
- BVR: BIP-Wachstumsprognose für Deutschland 2026 auf 1,0 Prozent angehoben
- FONA: Forschungshinweis zu Niedrigwasser im Rhein und Auswirkungen auf die Industrie
- tagesschau: Niedrigwasser und Folgen für die Binnenschifffahrt
- DW: Einschätzung des Kiel Instituts zu möglichen Folgen niedriger Rheinpegel