BUND-Studie: 95 Prozent Einwegverpackungen in deutschen Städten – Lebensmitteleinzelhandel und To-Go-Bereich als Hauptverursacher

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Anlässlich der am 21. November startenden Europäischen Woche der Abfallvermeidung hat der BUND die Ergebnisse seiner Müllsammelaktionen vorgestellt. Dabei kamen über 200 Kilogramm Abfall zusammen, der zu 95 Prozent aus Einwegverpackungen bestand. Hauptverursacher sind laut BUND der Lebensmitteleinzelhandel und der To-Go-Bereich. Der Verband fordert deshalb ein ambitioniertes Verpackungsgesetz, um Mehrweg zur neuen Norm zu machen.

Inhaltsverzeichnis

– Einwegverpackungen machen 95 Prozent des gesammelten Mülls aus.
– Lebensmitteleinzelhandel und To-Go-Bereich verursachen die Müllflut.
– Der BUND fordert gesetzliche Mehrwegquoten und eine Plastiksteuer.

Einwegverpackungen dominieren Müll in Städten und Natur

Anlässlich der am 21. November startenden europäischen Woche der Abfallvermeidung veröffentlicht der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) alarmierende Ergebnisse seiner Müllsammelaktionen. Ehrenamtliche sammelten über 200 Kilogramm Müll in Städten und Naturlandschaften – davon bestanden 95 Prozent der gefundenen Verpackungen aus Einwegmaterialien*.

Als Hauptverursacher identifiziert der BUND den Lebensmitteleinzelhandel und den To-Go-Bereich. Bei den Sammelaktionen fanden sich Verpackungen diverser großer Marken und Hersteller, darunter Aldi, Coca-Cola, Ferrero, Haribo, Lidl, McDonald's, Nestlé und Rewe*. Neben Einwegverpackungen machten Zigarettenstummel und Kronkorken einen weiteren relevanten Teil des gesammelten Mülls aus*.

Janine Korduan, BUND-Expertin für Kreislaufwirtschaft: „Unsere Stichproben bestätigen das, was wir alle täglich sehen: Einwegverpackungen, vor allem aus Plastik und Glas aus dem Lebensmitteleinzelhandel und der To-Go-Verzehr verschmutzen unsere Städte und Natur an Land und im Meer. Dabei könnte der Einzelhandel mit seinen Milliardenumsätzen etwas gegen die Vermüllung der Meere und für unser Stadtbild tun und eine Mehrweg-Infrastruktur aufbauen. Damit wäre Mehrweg und Unverpackt einfach und überall verfügbar.“

Korduan: „Die Politik kann die deutsche Recycling- und Mehrwegindustrie und gleichzeitig die Umwelt an Land und im Meer schützen, indem sie die Plastiksteuer auf die Hersteller umlegt und ein ambitioniertes Verpackungsgesetz beschließt. Wenn der Handel endlich die nötige Infrastruktur aufbaut, würde Neuplastik endlich teurer und Mehrweg zum neuen Normal und für alle verfügbar.“

Der BUND fordert von der Bundesregierung ein ambitioniertes Verpackungsgesetz, das Mehrweg zur Pflicht macht und Planungssicherheit für Investitionen in Mehrweg- und Recyclingsysteme schafft. Als Vorbilder nennt der Umweltverband andere europäische Länder wie Spanien, Italien und die Niederlande, die die EU-Plastiksteuer bereits auf die Hersteller umgelegt haben.*

Einwegverpackungen: Dimensionen eines systemischen Problems

Die Vermüllung deutscher Städte und Landschaften durch Einwegverpackungen spiegelt ein grundsätzliches Problem wider, das weit über die sichtbaren Verschmutzungen hinausreicht. Die Dimensionen dieses Einweg-Konsums zeigen aktuelle Studien und Statistiken. Im Jahr 2022 sind in Deutschland 13,6 Milliarden Einwegverpackungen für Speisen und Getränke verbraucht worden*. Gleichzeitig betrug der Mehrweganteil im selben Jahr lediglich 1 Prozent*.

Skalendaten: Einweg und Verpackungsabfall

Die Mengen an Verpackungsabfällen erreichen in Deutschland beachtliche Größenordnungen. Laut WWF betrug der Verpackungsabfall pro Kopf im Jahr 2022 rund 226 Kilogramm*. Die Materialverteilung zeigt charakteristische Muster: Papier und Pappe machten mit 41,1 Prozent den größten Anteil aus, gefolgt von Plastik mit 19,4 Prozent.

Recyclingquoten und -grenzen

Die offiziellen Verwertungszahlen erscheinen auf den ersten Blick positiv: Die Recyclingquote für Verpackungsabfälle in Deutschland lag 2022 bei 68,5 Prozent, während die Verwertungsquote inklusive energetischer Verwertung sogar 97,1 Prozent erreichte*. Diese Zahlen des Umweltbundesamtes zeigen jedoch nur einen Teil der Wahrheit. Die energetische Verwertung – also die Verbrennung zur Energiegewinnung – stellt keine echte Kreislaufwirtschaft dar, sondern führt zur endgültigen Zerstörung der Rohstoffe.

Besonders problematisch bleibt die Situation bei To-Go-Produkten, wo Einwegverpackungen dominieren und häufig in der Umwelt landen. Selbst bei hohen offiziellen Verwertungsquoten gelangen erhebliche Mengen an Verpackungsmaterial in die Natur und letztlich in die Meere. Die Lücke zwischen theoretischer Verwertbarkeit und praktischer Umsetzung wird besonders im öffentlichen Raum sichtbar, wo Einwegverpackungen als achtlos weggeworfener Müll die Städte verschmutzen und Ökosysteme belasten.

Politische Schritte und kommunale Praxis

Die Bekämpfung der Einwegflut erfordert ein Zusammenspiel verschiedener politischer Ebenen. Während die EU langfristige Ziele vorgibt, setzt die nationale Gesetzgebung konkrete Pflichten um, und Kommunen entwickeln lokale Lösungen, die unmittelbar wirken.

Regulatorik: EU und national

Die europäische Verpackungsverordnung (PPWR) schafft den übergeordneten Rahmen: Ab 2030 müssen Unternehmen mindestens 40 Prozent der Waren an Endverbraucher in Mehrwegverpackungen liefern (Stand: Februar 2025). Parallel steigen die Recyclingziele – bis Ende 2025 sollen 65 Prozent aller Verpackungsabfälle recycelt werden, ab 2030 sogar 70 Prozent (Stand: Februar 2025).

Auf nationaler Ebene trat bereits am 1. Januar 2023 die Mehrwegangebotspflicht in Kraft. Restaurants, Cafés und Lebensmittelgeschäfte müssen seither Mehrwegbehälter zum Mitnehmen zu denselben Konditionen wie Einwegbehälter anbieten. Eine Evaluation des WWF aus dem Oktober 2024 zeigt jedoch, dass diese allein nicht ausreicht: Um den Mehrweganteil spürbar zu erhöhen, sind weitere finanzielle Anreize, klare gesetzliche Rahmenbedingungen und der Ausbau lokaler Mehrwegkreisläufe notwendig.

Jahr Maßnahme/Regel Wirkung/Ziel Quelle/Stand
2023 Mehrwegangebotspflicht (Deutschland) Verpflichtung zur gleichberechtigten Mehrweg-Alternative Stand: 2023
2025 Recyclingziel 65 % (EU) Steigerung der Verwertungsquote Stand: Februar 2025
2030 PPWR-Mehrwegquote 40 % (EU) Festlegung verbindlicher Mehrweganteile Stand: Februar 2025
2030 Recyclingziel 70 % (EU) Weitere Erhöhung der Kreislaufführung Stand: Februar 2025

Kommunale Instrumente: Einwegsteuer als Hebel

Wo übergeordnete Regulierung Lücken lässt, gehen Städte und Gemeinden voran. Eine besonders wirksame Maßnahme hat sich als die kommunale Einwegsteuer erwiesen.

Folgende politische Instrumente haben sich in der Praxis als wirksam erwiesen, um Mehrweg zu fördern und Abfall zu reduzieren:

  • Mehrwegangebotspflicht: Sie schafft die grundlegende Verfügbarkeit von Alternativen und setzt einen gesetzlichen Standard.
  • Kommunale Einwegsteuer: Sie schafft einen direkten finanziellen Anreiz für Verbraucher und Gastronomie, auf Mehrweg umzusteigen, und generiert Einnahmen für kommunale Umweltprojekte.
  • Ausbau lokaler Rücknahmesysteme: Ein flächendeckendes, einfach zu nutzendes Netz von Rückgabestellen ist entscheidend für die praktische Akzeptanz und Funktionalität von Mehrwegsystemen.

    Folgen für Stadtbild, Wirtschaft und Verbraucher

Die Vermüllung durch Einwegverpackungen bleibt kein abstraktes Umweltproblem – sie verändert unser direktes Lebensumfeld. Während Ehrenamtliche des BUND bei Sammelaktionen zu 95 Prozent Einwegverpackungen in Städten und Natur dokumentieren, zeigen aktuelle Verbrauchszahlen das Ausmaß der täglichen Wegwerfmentalität. Im Jahr 2022 nutzte der Hotel-, Restaurant- und Cateringsektor in Deutschland für To-Go-Speisen und -Getränke 97,9 Prozent Einwegverpackungen, der Mehrweganteil erreichte lediglich 2,1 Prozent* Diese Zahlen verdeutlichen, wie stark Handel, Gastronomie und Verbraucherverhalten miteinander verwoben sind.

Folgen für Handel und lokale Wirtschaft

Die Einwegflut trifft nicht nur das Stadtbild, sondern beeinflusst auch wirtschaftliche Strukturen. Der Lebensmitteleinzelhandel und To-Go-Bereich tragen maßgeblich zur Müllproblematik bei, wie die BUND-Analyse belegt. Dabei verfügen gerade große Handelsketten mit ihren Milliardenumsätzen über die nötige Marktmacht, um Mehrweg-Infrastrukturen aufzubauen. Die einst erfolgreiche deutsche Mehrweg- und Recyclingindustrie sieht sich jedoch durch billiges Neuplastik und Billigimporte bedroht. Investitionen in nachhaltige Verpackungslösungen bleiben häufig aus, da der Industrie Planungssicherheit fehlt. Dabei könnten mittelständische Unternehmen wie Hersteller von Flaschenwaschanlagen oder Transportbetriebe wirtschaftlich von einer Mehrwegwende profitieren.

Was Konsumentinnen und Kommunen tun können

Verbraucherinnen und Verbraucher stehen vor der Herausforderung, im Alltag praktikable Alternativen zu finden. Die Entscheidung für Mehrwegbehälter im Café oder unverpackte Waren im Supermarkt sendet Signale an den Handel. Kommunen wiederum können mit gezielten Maßnahmen steuernd eingreifen: Die in Tübingen erfolgreich eingeführte Einwegsteuer zeigt, dass finanzielle Anreize zu saubereren Städten führen können. Politische Rahmenbedingungen wie die Ausweitung von Pfandsystemen, verbindliche Mehrwegquoten im Verpackungsgesetz oder die Umlage der Plastiksteuer auf Hersteller schaffen die nötige Verbindlichkeit. Wenn Handel und Kommunen zusammenarbeiten – etwa durch den Ausbau von Mehrwegstationen in Innenstädten – lassen sich messbare Effekte erzielen. Jeder mitgebrachte Becher zählt, doch die systemische Wende braucht verlässliche politische Weichenstellungen.

Dieser Beitrag enthält Informationen und Zitate, die auf einer Pressemitteilung des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) basieren.

Weiterführende Quellen:

13 Antworten

  1. Es ist wichtig das Thema hier zu diskutieren! Ich hoffe viele Leute lesen diesen Artikel und fangen an umzudenken.

  2. Die Menge an Verpackungsmüll ist wirklich ein ernstes Problem in Deutschland. Ich habe gelesen, dass andere Länder wie Spanien und Italien schon weiter sind mit ihren Gesetzen gegen Plastikmüll! Warum können wir nicht schneller handeln?

    1. Das ist eine gute Frage! Vielleicht liegt es an den großen Unternehmen, die oft wenig Interesse an Veränderungen zeigen…

    2. Ja genau! Und ich hoffe wirklich, dass der Druck von den Bürgern dazu führt, dass diese Firmen endlich aktiv werden!

  3. Die Einführung einer Einwegsteuer klingt nach einem interessanten Ansatz! Aber wird das wirklich helfen? Was haltet ihr von den Erfahrungen aus Tübingen?

    1. Ich finde es toll, dass Tübingen solche Erfolge erzielt hat! Vielleicht sollten mehr Städte diesem Beispiel folgen und ähnliche Maßnahmen ergreifen.

    2. Ich bin mir nicht sicher, ob Steuern alleine ausreichen werden… Wir brauchen auch eine umfassende Strategie zur Reduzierung des Verbrauchs!

  4. Die Zahlen sind echt erschreckend! 97,9% Einwegverpackungen im To-Go-Bereich sind einfach zu viel. Wie können wir das ändern? Gibt es Beispiele von Städten, die da vorangehen?

    1. Ich denke, mehr Aufklärung für die Verbraucher wäre wichtig. Viele wissen gar nicht um die Auswirkungen ihres Handelns! Was haltet ihr von Schulprojekten dazu?

    2. Auf jeden Fall sollten wir auch die Gastronomie stärker in die Pflicht nehmen. Vielleicht könnten sie mit Rabatten für Mehrwegbehälter Anreize schaffen.

  5. Es ist wirklich alarmierend zu sehen, wie viel Einwegverpackungen unseren Müll ausmachen. Ich frage mich, ob der Lebensmitteleinzelhandel wirklich bereit ist, auf Mehrweg umzusteigen? Gibt es dazu schon Initiativen?

    1. Ich glaube nicht, dass die großen Supermärkte schnell handeln werden. Aber ich finde es toll, dass der BUND auf dieses Problem aufmerksam macht! Was denkt ihr über die vorgeschlagene Plastiksteuer?

    2. Vielleicht könnten wir auch selbst etwas tun und weniger Einwegprodukte kaufen? Das wäre ein guter Anfang!

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