– Großbritannien plant mit einer Roadmap den Ausstieg aus Tierversuchen bis 2030.
– Deutschland hinkt bei tierversuchsfreier Forschung im internationalen Vergleich hinterher.
– Kritik: Die Roadmap betrifft nur einen kleinen Teil aller Tierversuche.
Britische Regierung veröffentlicht konkreten Ausstiegsplan für Tierversuche
Die britische Regierung hat eine umfassende Strategie veröffentlicht, mit der der Einsatz von Tierversuchen in Forschung und Testung schneller zurückgefahren werden soll. Ziel dieser sogenannten Roadmap ist es, moderne und wissenschaftlich fundierte humanbasierte Methoden stärker zu etablieren und schrittweise Tests an Tieren zu ersetzen. Mit dieser Strategie unterstreicht Großbritannien seine Ambition, nicht nur nationale Tierschutzziele zu verfolgen, sondern zugleich eine internationale Führungsrolle im Bereich der Entwicklung tierversuchsfreier Testmethoden einzunehmen.
Der Plan benennt konkrete Zeitziele: Bis Ende 2026 sollen Tierversuche zur Bewertung von Haut- und Augenreizungen sowie Sensibilisierung beendet werden. Ab 2027 sollen für Botulinumtoxin (Botox) und einen bestimmten Test zur Qualitätskontrolle etwa von Impfstoffen ausschließlich tierversuchsfreie Verfahren eingesetzt werden. Bis 2030 plant die Regierung außerdem, den Einsatz von Hunden und Affen in der Wirkstoffforschung zu senken.
Zur Finanzierung dieser Initiative stellt der Staat rund 60 Millionen britische Pfund (über 68 Mio. Euro) bereit, ergänzt durch zusätzliche 15,9 Millionen Pfund (über 18 Mio. Euro) aus Forschungsförderprogrammen (Stand: 11.11.2025)*.
Dr. med. vet. Corina Gericke, Vizevorsitzende von Ärzte gegen Tierversuche, kommentiert: „Konkrete Jahreszahlen für das Ende bestimmter Tierversuche zu nennen, ist ein wegweisender Schritt.“
Internationale Ausstiegsstrategien im Vergleich
Während Großbritannien sich mit seiner Roadmap für den Ausstieg aus Tierversuchen positioniert, reiht es sich in eine wachsende internationale Bewegung ein. Verschiedene Länder und Institutionen haben bereits vergleichbare Initiativen gestartet, die den Übergang zu humanbasierten Forschungsmethoden beschleunigen sollen.
Internationale Ausstiegspläne: EU, Niederlande, USA
Die Europäische Union positionierte sich bereits früh für einen Wandel in der Forschung. Am 16. September 2021 stimmte das EU-Parlament für einen Aktionsplan zum perspektivischen Ausstieg aus Tierversuchen (Stand: 16. September 2021)*. Dieser Beschluss markierte einen wichtigen politischen Meilenstein und unterstrich die Notwendigkeit, tierversuchsfreie Methoden stärker zu fördern.
Die Niederlande gingen noch einen Schritt weiter und kündigten ein gesetzliches Ende bestimmter Giftigkeitstests bis 2025 an (Stand: 2022/2025)*. Damit gehörten sie zu den ersten Ländern, die verbindliche Fristen für die Abschaffung konkreter Testverfahren festlegten.
Aktuell arbeitet die EU an der konkreten Umsetzung: Im Oktober 2024 veröffentlichte die Europäische Kommission einen Fahrplan für die Sicherheitsbewertung von Chemikalien, der den schrittweisen Ersatz von Tierversuchen durch moderne Methoden vorsieht (Stand: Oktober 2024)*.
Politische Meilensteine und Zeitachsen
Die Entwicklung internationaler Ausstiegsstrategien folgt einer klaren chronologischen Abfolge:
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- September 2021: EU-Parlament beschließt Aktionsplan für perspektiven Ausstieg
- 2022/2025: Niederlande verkünden gesetzliches Ende bestimmter Giftigkeitstests
- Oktober 2024: EU-Kommission legt Fahrplan für Chemikalienbewertung vor
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- November 2025: Großbritannien veröffentlicht eigene Roadmap mit konkreten Jahreszielen*
Diese zeitliche Entwicklung zeigt, wie sich der politische Wille zur Ablösung von Tierversuchen international verstärkt. Während die frühen Initiativen noch allgemeine Absichtserklärungen darstellten, werden die Pläne zunehmend konkreter mit verbindlichen Fristen und spezifischen Zielvorgaben.
Die britische Roadmap fügt sich damit in einen internationalen Trend ein, geht jedoch mit ihrer detaillierten zeitlichen Staffelung und der klaren Benennung konkreter Ersatzzeitpunkte für bestimmte Testverfahren über viele bestehende Initiativen hinaus. Die britische Regierung stellt dafür rund 60 Millionen britische Pfund (über 68 Millionen Euro) bereit, ergänzt durch zusätzliche 15,9 Millionen Pfund (über 18 Millionen Euro)*.
Alternative Methoden: Stand der Technik und Validierung
Die wissenschaftliche Landschaft tierversuchsfreier Methoden entwickelt sich dynamisch. Moderne Ansätze wie Organ-on-a-Chip-Systeme, Multi-Organ-Modelle und KI-gestützte Analyseverfahren bieten zunehmend präzisere Alternativen zu Tierversuchen. Laut aktuellen Studien liefern Organ-on-a-Chip-Technologien für bestimmte Fragestellungen Ergebnisse, die besser auf den Menschen übertragbar sind als klassische Tierversuche (Stand: 2024)*. Diese humanbasierten Verfahren ermöglichen es, komplexe physiologische Vorgänge im Miniaturformat nachzubilden und damit gezieltere Forschungsergebnisse zu generieren.
Organ-on-a-Chip & Multi-Organ-Modelle
Organ-on-a-Chip-Systeme sind miniaturisierte, künstliche Organe in einem mikrofluidischen Chip, die menschliche Gewebefunktionen simulieren. Funktionierende Organ-on-a-Chip-Modelle existieren heute für Niere, Lunge, Haut, Leber und das weibliche Fortpflanzungssystem und kommen bereits bei der Medikamentenentwicklung zum Einsatz (Stand: 2024)*. Diese Technologien erlauben präzisere Untersuchungen von Medikamentenwirkungen und Krankheitsmechanismen als tierbasierte Modelle. Multi-Organ-Chips verbinden verschiedene Organmodelle miteinander und können so komplexe Wechselwirkungen im menschlichen Körper nachbilden.
Die wichtigsten tierversuchsfreien Technologien im Überblick:
- Organ-on-a-Chip: Mikrochips mit menschlichen Zellen, die Organfunktionen nachahmen (Quelle: PETA, Stand: 2024)*
- Multi-Organ-Chips: Verbundsysteme mehrerer Organmodelle für systemische Untersuchungen (Quelle: facellitate, Stand: 2024)*
- KI-basiertes Toxizitäts-Screening: Künstliche Intelligenz zur Vorhersage von Giftwirkungen ohne Tierversuche*
- Digitale Zwillinge: Computermodelle, die individuelle Patienten oder physiologische Prozesse simulieren (Quelle: NC3Rs, Stand: 2024)*
Regulatorische Validierung und NC3Rs
Das internationale Zentrum NC3Rs (National Centre for the Replacement, Refinement and Reduction of Animals in Research) arbeitet an standardisierten Validierungsverfahren für alternative Methoden (Stand: 2024)*. Die Validierung neuer Testverfahren durchläuft mehrstufige Prozesse, bei denen Zuverlässigkeit, Reproduzierbarkeit und menschliche Relevanz nachgewiesen werden müssen.
Internationale Initiativen wie die britische Roadmap zeigen, dass sich die Integration humanbasierter Verfahren in regulatorische Entscheidungsprozesse zunehmend verstärkt.
Auswirkungen, Kritik und die deutsche Debatte
Die britische Roadmap zum Ausstieg aus Tierversuchen hat nicht nur in Fachkreisen für Diskussionen gesorgt, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf die unterschiedlichen Positionen in der deutschen Forschungslandschaft. Während die Strategie aus Großbritannien international Beachtung findet, zeigen sich hierzulande deutliche Differenzen in der Bewertung.
Der Verein Ärzte gegen Tierversuche begrüßt die Entwicklung grundsätzlich, übt aber fundamentale Kritik: "Der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche begrüßt die Entwicklung und kritisiert, dass Deutschland in dieser internationalen Entwicklung weit abgeschlagen ist." Diese Einschätzung verdeutlicht die Wahrnehmung einer wachsenden Kluft zwischen den Forschungsnationen.
Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die wissenschaftliche Fundierung der britischen Strategie. Die Organisation bemängelt, dass "die fehlende Übertragbarkeit von Tierversuchsergebnissen auf den Menschen nicht als Haupttriebfeder für die britische Strategie benannt wird". Damit bleibt aus ihrer Sicht das entscheidende wissenschaftliche Argument für einen Paradigmenwechsel unberücksichtigt – die mangelnde Vorhersagekraft tierexperimenteller Studien für menschliche Physiologie und Krankheitsverläufe.
In Deutschland sieht die Situation anders aus. Die Kritik richtet sich hier vor allem auf die aktuelle Regierungspolitik: „Statt einen Paradigmenwechsel einzuleiten, bei dem der Tierversuch nicht mehr der Standard ist, drohen mit der jetzigen Bundesregierung sogar Erleichterungen für die Genehmigung von Tierexperimenten“, sagt Gericke in Hinblick auf den Koalitionsvertrag, demzufolge ein eigenes Tierversuchsgesetz geschaffen werden soll, was nach Ansicht von Ärzte gegen Tierversuche ein dramatischer Rückschritt für die humanrelevante Forschung, Patienten und Tiere wäre.
Während die britische Roadmap als Schritt in die richtige Richtung gewertet wird, bleibt die Skepsis gegenüber der Umsetzung bestehen. Die Diskussion um Transferierbarkeit und Validierung neuer Methoden – bereits im vorangegangenen Kapitel thematisiert – zeigt sich hier als zentraler Streitpunkt zwischen Befürwortern eines radikalen Wandels und jenen, die auf evolutionäre Veränderungen setzen. Die deutsche Debatte bewegt sich damit zwischen technologischer Aufgeschlossenheit und regulatorischer Zurückhaltung.
Ausblick: Chancen, offene Fragen, Handlungserfordernisse
Der britische Fahrplan zeigt deutlich, welche konkreten Schritte für einen erfolgreichen Übergang zu tierversuchsfreier Forschung notwendig sind. Die Roadmap macht klar, dass technologische Innovationen allein nicht ausreichen – entscheidend sind regulatorische Anpassungen, ausreichende Finanzierung und systematische Fortbildung.
Wie in Kapitel 2 dargestellt, haben bereits mehrere Länder Ausstiegspläne etabliert, doch Großbritannien geht mit konkreten Jahreszielen voran. Die Erfahrungen aus diesen internationalen Beispielen zeigen: Die Validierung neuer Methoden erfordert Zeit und systematische Zusammenarbeit zwischen Forschung, Industrie und Behörden. Die in Kapitel 3 beschriebenen Technologien wie Organ-on-a-Chip-Systeme und KI-gestützte Analysen bieten zwar vielversprechende Alternativen, benötigen jedoch regulatorische Anerkennung, um Tierversuche tatsächlich ersetzen zu können.
Die britische Roadmap adressiert diese Herausforderungen durch gezielte Maßnahmen: Standards für neue Verfahren werden definiert, der Austausch zwischen den Akteuren gestärkt und spezifische Fortbildungsprogramme für wissenschaftlichen Nachwuchs etabliert. Diese ganzheitliche Herangehensweise verdeutlicht, dass ein erfolgreicher Wandel nur durch koordinierte Anstrengungen auf mehreren Ebenen gelingen kann.
Für Deutschland ergeben sich daraus klare Handlungserfordernisse: Neben der Förderung technologischer Entwicklungen müssen regulatorische Rahmenbedingungen angepasst und Bildungsangebote ausgebaut werden. Der Übergang zu humanbasierten Forschungsmethoden erfordert somit nicht nur wissenschaftlichen Fortschritt, sondern auch politische Weichenstellungen und strukturelle Veränderungen im Forschungs- und Bildungssystem.
Die nachfolgenden Inhalte basieren auf einer Pressemitteilung von Ärzte gegen Tierversuche e.V.
Weiterführende Quellen:
- „Am 16.09.2021 stimmte das EU-Parlament für einen Aktionsplan zum perspektivischen Ausstieg aus Tierversuchen; mehrere Länder, darunter die Niederlande, USA und Norwegen, haben nationale Ausstiegspläne, wobei die Niederlande bis 2025 gesetzlich vorgeschriebene Giftigkeitstests beenden will.“ – Quelle: https://www.tierrechte.de/2022/07/12/tierversuche-haben-keine-zukunft-fuer-eine-moderne-wissenschaft/
- „Organ-on-a-Chip- und Multi-Organ-Chip-Technologien können giftige Substanzen oder Medikamentenwirkungen simulieren und liefern laut aktuellen Studien für bestimmte Fragestellungen Ergebnisse, die besser auf den Menschen übertragbar sind als klassische Tierversuche (Stand: 2024).“ – Quelle: https://www.peta.de/themen/tierversuche-alternativen/
- „In den USA wurde erstmals die behördliche Zulassung für den klinischen Test eines Medikaments erteilt, dessen Entwicklung ausschließlich mit Multi-Organ-Chip-Methoden und ohne Tierversuche erfolgte (Stand: 2024).“ – Quelle: https://www.peta.de/themen/tierversuche-alternativen/
- „In der EU wird aktuell (Stand: Oktober 2024) ein Fahrplan zur Abschaffung von Tierversuchen bei der Sicherheitsbewertung von Chemikalien entwickelt, mit klaren Empfehlungen und Beteiligung von Kommissionsdienststellen, Mitgliedstaaten, Industrie und Wissenschaft.“ – Quelle: https://www.peta.de/neuigkeiten/empfehlungen-eu-ausstiegsstrategie-tierversuche/
- „Funktionierende Organ-on-a-Chip-Modelle existieren heute für Niere, Lunge, Haut, Leber und das weibliche Fortpflanzungssystem und kommen bereits bei Medikamentenentwicklung zum Einsatz; Computersimulationen gelten als schneller, effektiver und kostengünstiger als Tierversuche (Stand: 2024).“ – Quelle: https://facellitate.com/de/the-alternatives-to-animal-testing/
- „In der biomedizinischen Forschung werden innovative Methoden wie Affimer Proteins, Multi-Organ-Chips, digitale Zwillinge und KI-basiertes Toxizitäts-Screening eingesetzt; laut aktuellen Studien können damit bisherige Tiermodelle in Bereichen wie Immunreaktionen, Pharmakologie und Toxikologie substituiert werden (Stand: 2024).“ – Quelle: https://www.peta.de/themen/tierversuche-alternativen/
- „Das britische Zentrum NC3Rs (National Centre for the Replacement, Refinement and Reduction of Animals in Research) arbeitet international an wissenschaftlichen Standards zur Reduktion und zum Ersatz von Tierversuchen, ist an der Validierung und Akzeptanz neuer Methoden beteiligt und fördert regulatorischen Wandel (Stand: 2024).“ – Quelle: https://www.uni-wuerzburg.de/verwaltung/agtu/aufgaben/tierschutz/alternativ-und-ersatzmethoden-zu-tierversuchen/
- „Gemäß Umfrage sind im Jahr 2025 rund 70 % der britischen Bevölkerung für ein Verbot medizinischer Tierversuche bis 2035, 75 % unterstützen die konsequente Umverteilung öffentlicher Mittel in tierversuchsfreie Forschung.“ – Quelle: https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/wissen/tierversuche/statistiken/umfragen-mehrheit-gegen-tierversuche
8 Antworten
‚Alternative Methoden‘ müssen dringend gefördert werden. Ich bin neugierig: Welche neuen Technologien haben sich in den letzten Jahren als besonders vielversprechend erwiesen? Gibt es dazu aktuelle Studien oder Berichte?
‚Organ-on-a-Chip‘ klingt nach einer spannenden Technologie! Wie lange wird es dauern, bis solche Methoden weit verbreitet sind? Können sie wirklich Tierversuche vollständig ersetzen?
Die britische Strategie zur tierversuchsfreien Forschung ist wirklich beeindruckend! Aber ich frage mich, ob die finanziellen Mittel ausreichen werden, um diese Ziele zu erreichen. Welche weiteren Schritte sollten unternommen werden?
Das sind wichtige Fragen! Es braucht sicherlich auch eine breite Unterstützung der Öffentlichkeit und von Wissenschaftlern. Wie könnte man mehr Menschen für dieses Thema sensibilisieren?
Genau! Und was passiert mit den bereits bestehenden Tierversuchen? Sollten diese nicht auch sofort überdacht werden? Ich denke, jeder Schritt zählt!
Ich finde es großartig, dass Großbritannien einen Plan hat, um Tierversuche zu reduzieren. Aber was ist mit den anderen Ländern wie Deutschland? Warum tun sie nicht mehr? Es ist wichtig, dass auch andere Länder ihre Verantwortung wahrnehmen.
Ja, genau! Deutschland sollte sich mehr anstrengen. Gibt es denn Initiativen oder Pläne hierzulande? Ich habe oft das Gefühl, dass wir hinterherhinken.
Ich stimme zu! Die britische Roadmap ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber ich mache mir Sorgen über die wissenschaftlichen Argumente, die nicht beachtet werden. Wie können wir sicherstellen, dass neue Methoden validiert werden?