– Der Börsenverein fordert eine Regulierung generativer KI und mehr Medien- und Lesekompetenz als demokratische Grundlage.
– Kritik wird an der Streichung von Buchhandlungen beim Deutschen Buchhandlungspreis und dem Stopp des DNB-Erweiterungsbaus geübt.
– Die Buchbranche sieht sich als unverzichtbares Rückgrat der Demokratie gegen Desinformation und digitale Machtkonzentration.
Leipziger Buchmesse: Börsenverein verknüpft Buchbranche mit der Stabilität der Demokratie
Zum Auftakt der Leipziger Buchmesse am 18. März 2026 in Leipzig und Frankfurt am Main hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Rolle der Branche weit über den Kulturbetrieb hinaus politisch aufgeladen. Der Verband warnt vor wachsendem Druck auf demokratische Strukturen, vor der Macht großer Digitalplattformen und vor kulturpolitischen Fehlentscheidungen – und verbindet das mit konkreten Forderungen an die Politik.
Hauptgeschäftsführer Peter Kraus vom Cleff sagte zur Eröffnung: „Die Demokratie gerät in Deutschland zunehmend unter Druck. In diesem Superwahljahr mit fünf Landtagswahlen werden auch die Weichen dafür gestellt, welchen Einfluss antidemokratische Strömungen künftig haben werden. Zudem formt die Machtkonzentration der Digitalplattformen immer mehr unser Denken – und das ist brandgefährlich“. Daraus leitet der Verband einen politischen Handlungsauftrag ab. „Demokratie braucht die Buchbranche als starkes Rückgrat“, sagte Kraus vom Cleff weiter.
Der Börsenverein stellt die Buchbranche dabei als Ort von Vielfalt und verlässlicher Information dar, macht aber zugleich auf ihre wirtschaftliche Verwundbarkeit aufmerksam. In der Pressemitteilung verweist der Verband ausdrücklich auf eine „sehr engagierte, aber margenarme Branche“. Verlage, Buchhandlungen und Buchlogistik bräuchten, so die Position des Verbands, bessere Rahmenbedingungen, damit sie diese Funktion weiter erfüllen könnten. Genannt werden vor allem Regeln für generative KI sowie eine stärkere Förderung von Medien- und Lesekompetenz. Die politische Zuspitzung zielt dabei nicht nur auf den Schutz von Kultur, sondern auch auf die Frage, wer künftig Öffentlichkeit, Informationszugang und Meinungsbildung prägt.
KI-Regeln, Urheberrecht und digitale Macht
Im Zentrum der Forderungen steht die Regulierung generativer KI. Der Börsenverein verbindet damit zwei Ebenen: den Schutz kreativer Arbeit und die Begrenzung der Marktmacht großer Technologiekonzerne. Aus Sicht des Verbands geht es nicht nur darum, wie KI in der Branche genutzt wird, sondern auch darum, unter welchen Bedingungen Inhalte für KI-Systeme verwendet werden und wer davon profitiert.
Kraus vom Cleff formuliert das so: „Wir brauchen mehr Schutz schöpferischer Leistung vor KI-Anbietern und stärkere, durchsetzbare Leitplanken durch die Bundespolitik und die EU. Nur so kann Big-Tech-Unternehmen Einhalt geboten werden und haben europäische Alternativen eine Chance.“
Konkret verlangt der Börsenverein von Bundespolitik und EU wirkungsvolle Transparenzpflichten für Anbieter generativer KI. Aus Sicht des Verbands soll nachvollziehbar sein, auf welcher Grundlage Systeme trainiert werden. Hinzu kommen Anreize für den Aufbau eines Lizenzmarktes sowie die aus Verbandssicht selbstverständliche Vergütung von Kreativen und Rechteinhabern. Dahinter steht die Sorge, dass sich technologische Innovationsgewinne einseitig bei Plattformunternehmen konzentrieren, während die Urheberinnen und Urheber sowie die Verwerter ihrer Inhalte geschwächt werden.
Die Forderung ist damit kulturpolitisch und wirtschaftspolitisch zugleich: Kreative Leistungen sollen nicht entwertet werden, und europäische Anbieter sollen im digitalen Wettbewerb überhaupt eine Chance behalten. Der Verband versteht Regulierung hier ausdrücklich als Voraussetzung für fairen Wettbewerb und für den Erhalt einer vielfältigen publizistischen Infrastruktur.
Lesekompetenz als demokratische Grundfrage
Eng damit verknüpft der Börsenverein die Forderung nach mehr Medienbildung. Kraus vom Cleff sagte: „Medienkompetenz sollte Pflichtfach im Unterricht werden. Dazu zählt ganz elementar die Leseförderung, denn Lesefähigkeit ist Grundlage jeder reflektierten Mediennutzung und gesellschaftlicher Teilhabe.“ In der Pressemitteilung nennt der Verband dabei ausdrücklich auch einen besonnenen Umgang mit Deepfakes, Fake News und auf KI-Algorithmen basierenden Informationsblasen als Ziel. Er argumentiert also nicht nur bildungspolitisch, sondern demokratiepolitisch: Wer Informationen nicht sicher einordnen kann, ist anfälliger für Desinformation, Deepfakes und algorithmisch verstärkte Informationsblasen.
Recherchehinweise unterstreichen die Dringlichkeit dieser Forderung. So wurden in Deutschland über 3 Millionen Kinder und Jugendliche nicht ausreichend beim Lesen unterstützt (Stand: 2021), wie das Fachportal Jugendhilfeportal unter Berufung auf entsprechende Befunde berichtet. Ebenfalls aus dem Jahr 2021 stammt der Hinweis, dass laut JIM-Studie immer weniger Jugendliche Bücher lesen, worauf das Familienhandbuch aufmerksam macht.
Beide Befunde weisen in dieselbe Richtung: Leseförderung ist nicht nur eine Frage kultureller Teilhabe, sondern auch eine Voraussetzung dafür, dass junge Menschen Informationen prüfen, Zusammenhänge erfassen und sich in digitalen Öffentlichkeiten orientieren können. Die Recherche liefert damit den Hintergrund für die Verbandsforderung, Medienkompetenz im Unterricht verbindlicher zu verankern.
Kulturpolitik unter Druck: Streit um Preis und Nationalbibliothek
Neben KI und Bildung richtet der Börsenverein den Blick auf zwei aktuelle kulturpolitische Konflikte. Zum einen kritisiert er die nachträgliche Streichung dreier Buchhandlungen von der Liste der Preisträger des Deutschen Buchhandlungspreises. Der Verband wendet sich dabei ausdrücklich gegen das eingesetzte Verfahren. Kraus vom Cleff sagte: „Wir halten die Anwendung des umstrittenen Haber-Verfahrens für vollkommen inakzeptabel und appellieren dringend, diese Praxis in keinem Bereich der Kulturförderung mehr einzusetzen. Außerdem fordern wir, dass der Kulturstaatsminister den Ausschluss der drei Buchhandlungen zurücknimmt“.
Zum anderen wendet sich der Börsenverein gegen den bekanntgewordenen geplanten Stopp des Erweiterungsbaus der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig. Der Verband kritisiert nicht nur die Entscheidung selbst, sondern auch die damit verknüpfte Begründung, Medien künftig nur noch digital zu archivieren. Kraus vom Cleff sagte dazu: „Eine Modernisierung des Sammelauftrags der DNB im Sinne des Bürokratieabbaus sollte diskutiert und über den gesetzlich vorgegebenen Weg angegangen werden. Völlig falsch ist es, einen bereits geplanten und dringend nötigen Erweiterungsbau aus schieren Kostengründen handstreichartig zu stoppen – obendrein mit dem Hinweis, dass Medien künftig nur noch in digitaler Form archiviert werden sollen. Das gedruckte Buch ist ein Kulturgut und als beständige und langlebige Form der Wissensübermittlung unabdingbar.“
Beide Vorgänge verbindet aus Sicht des Verbands ein grundsätzliches Signal: Kulturpolitik dürfe nicht über kurzfristige Verfahren oder Sparargumente die Infrastruktur schwächen, auf der literarische Vielfalt, Sichtbarkeit und kulturelles Gedächtnis beruhen. Im Streit um die Nationalbibliothek kommt dabei noch ein weiterer Punkt hinzu: die Frage, welchen Stellenwert das gedruckte Buch in einer zunehmend digitalen Archivlogik künftig behalten soll.
Warum die Debatte über Wahrheit weitergeht
Dass diese Auseinandersetzungen nicht mit dem Messestart enden, zeigt auch das Programm des Börsenvereins in Leipzig. Am Donnerstag, 19. März 2026, soll zunächst um 11 Uhr im Forum Die Unabhängigen, Halle 5, über „Zwischen Algorithmus und Aufklärung: Unabhängige Verlage und die Zukunft der Demokratie in Zeiten von KI und Desinformation“ diskutiert werden. Um 15 Uhr folgt im Forum Offene Gesellschaft, Halle 5 die Veranstaltung „Grenzenlose Meinungsfreiheit?“ mit Ronen Steinke und Helga Frese-Resch. Am Abend steht dann um 19.30 Uhr im Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli die Diskussion „Was ist wahr und wann kann das gefährlich sein?“ mit Boualem Sansal, Irina Scherbakowa, Katajun Amirpur und Thea Dorn auf dem Programm.
Der thematische Faden reicht über die Messe hinaus. Die Woche der Meinungsfreiheit findet vom 3. bis 10. Mai 2026 unter dem Motto „Was ist wahr?“ statt, wie BuchMarkt am 28. Januar 2026 berichtete. Damit bleibt die Kernfrage, die der Börsenverein zum Messestart aufgeworfen hat, auch nach Leipzig auf der Agenda: Wie eine demokratische Öffentlichkeit geschützt werden kann, wenn sich Informationsräume, technische Macht und politische Konflikte zugleich verschärfen.
Dieser Artikel enthält Informationen aus einer Pressemitteilung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.
Weiterführende Quellen:
- „Über 3 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland werden nicht ausreichend beim Lesen unterstützt (Stand: 2021).“ – Quelle: https://jugendhilfeportal.de/artikel/lesekompetenz-von-kindern-und-jugendlichen-staerken
- „JIM-Studie 2021 zeigt: Immer weniger Jugendliche lesen Bücher (Stand: 2021).“ – Quelle: https://www.familienhandbuch.de/aktuelles/neue/50890/
- „Woche der Meinungsfreiheit findet vom 3. bis 10. Mai 2026 unter dem Motto ‚Was ist wahr?‘ statt (Stand: 28.01.2026).“ – Quelle: https://buchmarkt.de/2026/01/28/woche-der-meinungsfreiheit-findet-vom-3-bis-10-mai-2026-unter-dem-motto-was-ist-wahr-statt/




10 Kommentare
Schöner text, aber mir fehlt konkretes zu wie die Medienbildung in Schulen eingeführt werdn soll. Leseförderung als Pflichtfach klingt gut aber Lehrpläne sind voll, wer zahlt dafür? Gibt es Modelle die funktionier(t)en, z.b. Kooperation mit Buchhandlungen oder Bibliotheken siehe /lesekompetenz und /buchhandelspreis, fragt doch mal eure lehrer hier
Der Artikel macht klar das Buchhandel und verlage als Rückgrad der Demokratie wichtig sind, aber ich fühl mich unsicher ob die Forderungen reell werden. KI-Regeln ok, aber wie vermeidet man das Big-Tech wieder Schlupflöchern nutzt? Brauchen wir transparente Trainingsdaten, lizensen und echte Vergütung, siehe /ki-regulierung, was meint ihr, reichet das?
Tbaumann, ja genau, transparente Trainingsdaten klingt gut, aber wer kontrolliert das? Und wie wird das umgesetzt, EU oder Bund? Ich hab wenig Ahnung von recht, aber das fühlt sich wichtig an. Vielleicht mehr info auf /ki-regulierung oder eine faq währe gut.
Ich bin derselben meinung, Vergütung für Urheber muss klar sein, sonst werden Kreative ausgenutzt und das schade der Demokratie. Kleine Verlage sind margenaerm wie der Artikel sagt, sie braucht unterstützung. Hat jemand Beispiele für erfolgreiche Förderung, link bitte /kulturpolitik
Ich find die Kritik am Stopp der Deutsche Nationalbibliothek Ausbau zwar nachvollziehbar, aber manche Argumente wirken übertrieben. Das gedruckte Buch ist wichtig, doch digitalisierung hat auch vorteile, wie zugriff und sparsamkeit. Kann man nich beides machn? siehe /dnb-erweiterung und /kulturpolitik, was denkt ihr, sind hybride Lösungen möglich oder nicht?
Andre, gute Frage, ich glaube man kann beides haben, aber politiker redet oft von kosten sparen und vergessen wertes wie langlebigkeit. Wer bezahlt die lagerung, wer sorgt das archiv bleibt zugreifbar? Mehr infos würd gern hören, hat jemand daten oder link zu /dnb-erweiterung?
Ich finde auch hybrids ist logish, aber die Umsetzung fehlt. Lesekompetenz wird zu wenig gefördert, viele Kinder lesen nicht, link /lesekompetenz sollte mehr attention kriegen, warum kommt da kein Pflichtfach? Frage an lehrer hier, was würdet ihr vorschlagen?
Guter Beitrag, ja Demokratie braucht Info vertrauen, aber warum gleich alles regulieren? Generative KI ist neu und macht sachen schneller, aber verhältnismäßig ist wichitg. Was meint ihr, bringt eine starke Regelung fairmente oder stoppt sie innovation? Schaut auch mal /woche-der-meinungsfreiheit für Termine, und bitte antwortet, ich will wissen eure meinung.
Die Sache mit generative KI und Lesekompetenz is wichtig, das seh ich auch, aber ich versteh nicht ganz wie die Politik das machtn soll. Börsenverein sagt viel, doch wie wird die Förderung konrekt, wer bezahlt, und bleibt das Buch als Kulturgut erhalten? Mehr infos auf /lesekompetenz und /ki-regulierung währen hilfreich.
Stimmt Marian, ich find das thema wichtig aber es klingt so kompliziert, die Wörter wie Transparenzpflichten und Lizenzmarkt versteh ich kaum, kann mir jemand auf /buchhandelspreis oder /dnb-erweiterung kurz erklären wie das für kleine buchläden wirkt? Ich bin besorgt das kleine Läden verlohren geh’n