Ein kleines Plus bei den Aufträgen klingt zunächst nach Entspannung. Im Bauhauptgewerbe zeigt sich im Mai 2026 aber nur auf den ersten Blick ein freundlicheres Bild: Die Nachfrage steigt zwar, doch der Wohnungsbau bleibt schwach, der Umsatz sinkt weiter und die Preise ziehen an.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamts legten die Auftragseingänge im Mai real und kalenderbereinigt um 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zu, gegenüber April sogar um 3,3 Prozent. Für die ersten fünf Monate des Jahres bleibt damit jedoch nur ein leichtes Minus von 0,2 Prozent. Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie, spricht deshalb zwar von einer grundsätzlich positiven Entwicklung, verweist aber zugleich darauf, dass vor allem der öffentliche Bau trage und der Wohnungsbau das „Sorgenkind Nummer eins“ bleibe.
Der öffentliche Bau trägt die Statistik
Das stärkste Signal kam im Mai aus dem öffentlichen Bau. Dort stiegen die Auftragseingänge nominal um 22,7 Prozent. Im öffentlichen Hochbau lag das Plus bei 27,1 Prozent, im sonstigen Tiefbau bei 40,4 Prozent. Zu diesen Bereichen zählen unter anderem Baumaßnahmen für Hochschulen, Bundeswehrbauten und der Brückenbau.
Beim Straßenbau fällt das Bild deutlich nüchterner aus. Hier steht für Mai nur ein reales Plus von 0,4 Prozent, kalenderbereinigt von 5,2 Prozent. Für Januar bis Mai ergibt sich real eine Stagnation von 0,2 Prozent und kalenderbereinigt von 0,9 Prozent. Der Verband weist darauf hin, dass der Vergleich mit dem Vorjahresmonat durch einen starken Einbruch im Mai 2025 verzerrt wird – ein typischer Basiseffekt.
Für eine breite Erholung reicht das noch nicht. Auch aus Verbandssicht spricht deshalb eher vieles für ein fragiles Bild als für eine echte Trendwende.
Wohnungsbau bleibt die Schwachstelle
Im Wohnungsbau zeigt sich der eigentliche Gegenwind. Trotz gestiegener Baugenehmigungen sank der Auftragseingang im Mai um 6,2 Prozent, arbeitstäglich bereinigt um 2,8 Prozent. Zwischen Januar und Mai steht ein Rückgang von 2,1 Prozent, arbeitstäglich bereinigt von 1,5 Prozent.
„Eine Baugenehmigung ist halt noch kein Auftrag.“
Mit diesem Satz beschreibt Müller die Lücke zwischen Planung und tatsächlichem Baubeginn. Eine Genehmigung macht ein Projekt rechtlich möglich. Gebaut wird aber erst, wenn Finanzierung, Kosten und Planung zusammenpassen.
Aus der Mitteilung geht hervor, dass die Branche weiter mit Unsicherheiten der wirtschaftlichen Lage und mit gestiegenen Baukosten rechnet. Müller nennt in diesem Zusammenhang auch den von ihm so bezeichneten Preisschock durch den Irankrieg. Das ist eine Verbandsdeutung; wie groß der konkrete Einfluss auf einzelne Vorhaben ist, lässt sich aus den vorliegenden Angaben nicht beurteilen.
Was die Zahlen wirklich sagen
Wer die Baukonjunktur im Mai verstehen will, muss zwischen mehreren Kennzahlen unterscheiden. Der Auftragseingangsindex misst nach Angaben von Destatis die preisbereinigte Entwicklung der Bestellungen im Bauhauptgewerbe; er erfasst Baubetriebe mit 20 und mehr Beschäftigten. Real bedeutet dabei um Preise bereinigt, nominal nicht. Zusätzlich gibt es kalender-, saison- und preisbereinigte Werte, damit etwa Arbeitstage, Ferien oder Preisschwankungen den Vergleich weniger verzerren.
Das erklärt auch, warum die Daten nicht überall gleich ausfallen. Im Mai meldeten die Bauunternehmen ein Umsatzminus von real 2,1 Prozent. Für den Zeitraum von Januar bis Mai liegt der Rückgang bei 2,5 Prozent. Parallel dazu zogen die Neubaupreise je nach Bauwerk um 3,9 bis 6,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat an. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht allerdings nicht für alle Bausparten reale Werte, weshalb sich die Lage nicht in jedem Bereich gleich genau abbilden lässt.
Für Leserinnen und Leser heißt das: Ein Plus bei den Aufträgen ist noch keine Entwarnung, wenn Umsatz und Preise in die andere Richtung laufen. Erst wenn mehrere Indikatoren gleichzeitig nach oben zeigen, entsteht ein belastbares Bild.
Politik und Branche stehen unter Zugzwang
Der Verband verbindet die Zahlen mit einer politischen Forderung. Nach der Sommerpause soll aus seiner Sicht ein Konzept für den Gebäudetyp E vorliegen – also für ein politisch diskutiertes Modell für einfacheres Bauen – und die Stoßrichtung für die neue Förderlandschaft transparenter werden. Ein Statusbericht des Bundesbauministeriums führt den Gebäudetyp E derzeit als in Umsetzung und im parlamentarischen Verfahren.
Entscheidend ist deshalb nicht, ob es im öffentlichen Bau einzelne Lichtblicke gibt. Wichtig ist, ob daraus auch im Wohnungsbau und in den übrigen Sparten echte Investitionen entstehen. Solange das nicht geschieht, bleibt das Mai-Plus vor allem ein Hinweis darauf, wo der Bau gerade noch trägt – und wo nicht.
Die Zahlen zeigen Bewegung, aber noch keine Entspannung
Für die Baukonjunktur ist das Mai-Ergebnis ein gemischtes Signal. Das Auftragsplus hilft zwar, die Lage im öffentlichen Bau etwas zu stützen. Für den Wohnungsbau, der weiterhin unter Druck steht, reicht das aber nicht aus.
Für Vereine, Verbände und andere Akteure im Bauumfeld bleibt deshalb vor allem die Entwicklung der kommenden Monate wichtig. Ob aus den besseren Auftragszahlen mehr wird als ein kurzer Ausschlag, hängt davon ab, ob die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen tatsächlich nachziehen.
Im Moment spricht vieles dafür, die Mai-Daten eher als Zwischenstand zu lesen. Von einer belastbaren Erholung ist der Bau damit noch ein gutes Stück entfernt.
Quellen
- Destatis: Methode zum Auftragseingangsindex im Bauhauptgewerbe
- Destatis: GENESIS-Online-Zeitreihe zu Auftragseingängen im Bauhauptgewerbe
- Destatis: Preisindizes für Bauwerke, Mai 2026
- Destatis: Baugenehmigungen für Wohnungen, April 2026
- Bundesbauministerium: Status zum Gebäudetyp E