– Die AWO fordert zum Internationalen Tag des Ehrenamts politischen Schutz für das Engagement.
– Ehrenamt darf nicht zum dauerhaften Ersatz für erodierende staatliche Infrastrukturen werden.
– Ein Demokratiefördergesetz soll verlässliche Förderung für Engagement und soziale Infrastruktur schaffen.
Engagement schützen, Demokratie stärken: AWO fordert politische Weichenstellung
Am Internationalen Tag des Ehrenamts richtet die Arbeiterwohlfahrt (AWO) einen klaren Appell an die Politik: Freiwilliges Engagement braucht verlässlichen Schutz und darf nicht zum Lückenbüßer für eine erodierende öffentliche Infrastruktur werden. In einer Pressemitteilung vom 5. Dezember 2025 würdigt der Verband die immense gesellschaftliche Leistung der Ehrenamtlichen und warnt gleichzeitig vor deren wachsender Überlastung. Die zentrale Forderung lautet, die Rahmenbedingungen für zivilgesellschaftliches Handeln durch ein Demokratiefördergesetz endlich zu verbessern.
Die AWO unterstreicht die fundamentale Rolle von Vereinen und Verbänden als Orte gelebter Demokratie und sozialen Zusammenhalts. Die AWO selbst wird von einer breiten Basis getragen: rund 300.000 Mitgliedern, mehr als 72.000 Ehrenamtlichen und etwa 242.000 hauptamtlichen Mitarbeiter*innen (Stand: 5. Dezember 2025)*.
Die Kernbotschaften der AWO-Präsidentin Kathrin Sonnenholzner im Originalwortlaut:
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„Zu diesem Tag gilt unser Dank allen ehrenamtlich Engagierten. Ihr Einsatz hält im wahrsten Sinne unsere Gesellschaft zusammen. Wo Menschen sich einbringen, Verantwortung übernehmen und vor Ort gemeinsam Lösungen entwickeln, wird Demokratie konkret erlebbar. Verbände und Vereine bleiben dafür trotz aller gesellschaftlicher Krisen und Veränderungen zentrale Orte. Sie fördern Teilhabe und gegenseitiges Vertrauen – so machen sie unsere Gesellschaft widerstandsfähiger gegen Krisen und demokratiefeindliche Hetze.“
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„Bei der AWO erleben wir täglich, wie tragend soziales Engagement ist“, so Sonnenholzner, „Zugleich sehen wir mit Sorge, dass die Belastungen für Engagierte wachsen, besonders dort, wo staatliche Daseinsfürsorge bröckelt – zum Beispiel im ländlichen Raum. Das Ehrenamt darf nicht zum dauerhaften Ersatz für erodierende öffentliche Infrastruktur werden. Wenn freiwilliges Engagement staatliche Aufgaben auffangen muss, überfordert das die Menschen und gefährdet langfristig die Stabilität des Ehrenamts. Wir brauchen deshalb endlich ein Demokratiefördergesetz für eine verlässliche, starke Förderung von Engagement und sozialer Infrastruktur, denn eine resiliente Demokratie braucht starke Engagementstrukturen.“
Als Impuls für die notwendige Weiterentwicklung der Engagementstrukturen verweist die AWO auf die gemeinsam mit NABU und dem Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) erarbeitete Studie „Jenseits der Gewohnheit. Mitgliedschaft, Macht und Wandel neu denken“.
Studie analysiert Hürden und Impulse für Vereine und Verbände
Die Studie „Jenseits der Gewohnheit. Mitgliedschaft, Macht und Wandel neu denken“ untersucht die Herausforderungen und Chancen von Engagement in Verbänden und zeigt wichtige Impulse für mehr Vielfalt im Engagement auf (Stand: 2025). Diese gemeinsame Untersuchung der Arbeiterwohlfahrt (AWO), des Naturschutzbundes (NABU) und des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) richtet den Blick auf die inneren Strukturen von Mitgliederorganisationen. Sie fragt danach, welche eigenen Mechanismen und Gewohnheiten tiefgreifende Veränderungsprozesse behindern und welche neuen Wege möglich sind.
Was die Studie untersucht
Im Kern geht es um eine kritische Selbstreflexion. Die Analyse identifiziert konkrete Hürden, die innerhalb von Vereinen und Verbänden einer echten Öffnung und einer breiteren Beteiligung im Wege stehen. Dabei stehen nicht nur formale Strukturen im Fokus, sondern auch kulturelle und machtdynamische Aspekte, die oft unbewusst wirken. Ziel ist es, Perspektiven zu wechseln und Raum für neue Formen des Mitmachens zu schaffen, die über traditionelle Mitgliedschaftsmodelle hinausgehen. Die Studie versteht sich damit als ein Impulsgeber für Organisationen, die auch in Zukunft attraktiv, handlungsfähig und offen bleiben wollen.
Engagement als Lückenbüßer? Die politische Dimension einer Überforderung
Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) positioniert sich mit ihrer Forderung nach einem Demokratiefördergesetz in einer aktuellen politischen Debatte. Es geht um mehr als nur eine neue Finanzierungsquelle. Die Forderung ist eine direkte Reaktion auf eine beobachtete und als riskant eingeschätzte Entwicklung: die schleichende Überlastung des Ehrenamts durch staatliche Rückzüge. Die AWO-Präsidentin Kathrin Sonnenholzner betont, dass eine resiliente Demokratie starke Engagementstrukturen braucht*. Ein Gesetz soll hierfür die verlässliche Grundlage schaffen und verhindern, dass freiwilliges Engagement zur dauerhaften Stütze für eine erodierende öffentliche Daseinsvorsorge wird.
Die Warnung der AWO ist konkret. Wenn Engagierte staatliche Aufgaben auffangen müssen, überfordert das die Menschen und gefährdet langfristig die Stabilität des Ehrenamts selbst. Dies ist kein hypothetisches Szenario, sondern eine bereits spürbare Realität, die sich regional sehr unterschiedlich auswirkt.
Folgen für ländliche Regionen
Besonders deutlich wird die Problematik im ländlichen Raum. Wo Buslinien eingestellt, Schwimmbäder geschlossen oder Dorfläden aufgegeben werden, springen oft Vereine und Initiativen ein. Sie organisieren Fahrdienste, halten Gemeinschaftstreffs offen oder bieten Nachbarschaftshilfe an. Diese Arbeit ist wertvoll und unverzichtbar. Doch sie kompensiert einen Rückzug des Staates. Die AWO sieht hier die Gefahr, dass das Ehrenamt zum dauerhaften Ersatz für eine bröckelnde öffentliche Infrastruktur wird. Diese zusätzliche Belastung trifft auf eine ohnehin oft schmale personelle Basis in den Vereinen. Die Folge kann eine Abwärtsspirale sein: Überforderte Engagierte hören auf, Nachwuchs findet sich schwerer, und die letzten verbliebenen sozialen Angebote vor Ort stehen auf der Kippe. Die Stabilität des gesamten Gemeinwesens wird so an die Belastbarkeitsgrenze freiwillig Helfender geknüpft – ein riskantes Modell.
Vor diesem Hintergrund diskutiert die AWO politische Stellschrauben, die über ein Demokratiefördergesetz hinausweisen. Mögliche Maßnahmen, um die beschriebenen Risiken zu adressieren, liegen auf verschiedenen Ebenen:
- Eine langfristig gesicherte Finanzierung nicht nur für Projekte, sondern für den Erhalt der sozialen Infrastruktur selbst.
- Konkrete Entlastungsangebote für Engagierte, etwa durch administrative Unterstützung oder Aufwandsentschädigungen.
- Die gezielte Stärkung sozialer Infrastruktur in unterversorgten Regionen, um Ehrenamt von Aufgaben zu entlasten, die in staatliche Verantwortung gehören.
Die Forderung nach dem Gesetz ist somit ein politischer Appell, die Rahmenbedingungen für zivilgesellschaftliches Engagement neu und nachhaltig zu justieren. Es geht darum, die freiwillige Arbeit zu schützen, zu würdigen und zu ermöglichen – und sie gleichzeitig davor zu bewahren, systemisch überfordert zu werden.
Blick nach vorn: Engagement bleibt auf der Agenda
Die Diskussion um die Zukunft des Ehrenamts ist noch lange nicht abgeschlossen. Bleiben Sie aufmerksam für die Entwicklungen vor Ort und die Veröffentlichung weiterer Studien – denn starke lokale Engagement-Strukturen sind eine wichtige Grundlage für eine widerstandsfähige Gesellschaft.*
Die Inhalte und Aussagen in diesem Beitrag basieren auf einer Pressemitteilung des AWO Bundesverband e. V.
Weiterführende Quellen:
- „Der aktuelle Freiwilligensurvey zeigt, dass mehr als die Hälfte aller Engagierten in einem Verein oder Verband aktiv sind, besonders im sozialen Bereich (Stand: 2025).“ – Quelle: https://www.awo-nr.de/awo/aktuelles/detail/mitgliederverbaende-im-wandel-neue-publikation-jetzt-verfuegbar
- „Die Studie ‚Jenseits der Gewohnheit. Mitgliedschaft, Macht und Wandel neu denken‘ untersucht die Herausforderungen und Chancen von Engagement in Verbänden und zeigt wichtige Impulse für mehr Vielfalt im Engagement auf (2025).“ – Quelle: https://www.awo-nr.de/awo/aktuelles/detail/mitgliederverbaende-im-wandel-neue-publikation-jetzt-verfuegbar
- „AWO-Präsidentin Kathrin Sonnenholzner betont, dass Ehrenamt nicht zum dauerhaften Ersatz für staatliche Infrastruktur werden darf, und fordert ein Demokratiefördergesetz zur verlässlichen Förderung von Engagement und sozialer Infrastruktur (2025).“ – Quelle: https://www.awo-nr.de/awo/aktuelles/detail/mitgliederverbaende-im-wandel-neue-publikation-jetzt-verfuegbar
7 Antworten
Ich finde den Aufruf von der AWO gut! Ehrenamt sollte nicht nur als Lückenfüller gesehen werden. Wie könnte man das Engagement langfristig sichern? Welche Rolle spielen da die Schulen und Bildungseinrichtungen?
Ehrenamt ist wirklich wichtig für unsere Gesellschaft! Aber ich frag mich, wie die AWO plant, mehr Menschen zum Mitmachen zu motivieren? Gibt es Ideen oder Konzepte dazu?
Nicolas, das wäre echt spannend zu erfahren! Vielleicht durch Workshops oder Infoveranstaltungen? So könnten mehr Leute verstehen, wie wertvoll ihr Engagement ist und was sie bewirken können.
Die AWO hat recht mit ihrer Warnung über die Belastungen im Ehrenamt! Wenn der Staat zurückzieht, bleibt oft nichts anderes übrig als selbst aktiv zu werden. Was denkt ihr über mehr Unterstützung für ländliche Regionen?
Ich stimme zu, Ernestine! Gerade ländliche Gegenden leiden stark unter dem Rückzug des Staates. Es wäre wichtig, dass dort mehr Fördermittel fließen und lokale Projekte gefördert werden!
Ich find die Idee von einem Demokratiefördergesetz sehr wichtig. Es kann wirklich helfen, die Ehrenamtliche zu unterstütze. Aber wie kann man sicherstelle, dass das Geld auch richtig verwendet wird? Ich hoffe, da gibt es gute Kontrollen!
Das ist ein guter Punkt, Meinhard! Vielleicht könnte man eine Art Berichtssystem einführen, wo Vereine ihre Ausgaben dokumentiere. So bleibt alles transparent und ehrenamtliche Arbeit wird gewürdigt.