– BVA feiert 75-jähriges Jubiläum mit gesundheitspolitischem Schwerpunkt in Hörsaalruine der Charité.
– Forderung nach Erhalt stationärer Strukturen und ambulanter augenärztlicher Notdienste vor Ort.
– Ausnahme der Augenheilkunde vom Überweisungsvorbehalt zur Entlastung der Patientensteuerung gefordert.
75 Jahre Berufsverband der Augenärzte: Jubiläumsfeier mit klaren gesundheitspolitischen Forderungen
Der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA) hat sein 75-jähriges Bestehen in der prächtigen Kulisse der Hörsaalruine der Berliner Charité gefeiert. Rund 60 geladene Gäste aus Politik, Berufsverbänden und der Selbsthilfe kamen zusammen, um diesen bedeutenden Meilenstein zu würdigen und zugleich wichtige Weichen für die Zukunft der Augenheilkunde zu stellen. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen nicht nur Rückblicke, sondern vor allem die aktuellen Herausforderungen und Forderungen der Fachgruppe.
Daniel Pleger, erster Vorsitzender des BVA, prägte die Debatte mit deutlichen Worten zur aktuellen Struktur der Gesundheitsversorgung: „Die Augenheilkunde ist ein Vorreiter der ambulanten Versorgung. Doch die voranschreitende, forcierte Ambulantisierung führt dazu, dass wir uns gegenwärtig mehr Sorgen denn je um den Erhalt stationärer Versorgungsstrukturen machen müssen.“ Für Pleger darf über ambulante und stationäre Leistungen nicht allein anhand von OPS-Codes und kalkulierten Liegezeiten entschieden werden, vielmehr sollen medizinischer Sachverstand sowie versorgungsrelevante Kriterien im Mittelpunkt stehen. Daher fordert der BVA die Verstetigung ophthalmologischer und sozialer Kontextfaktoren beim AOP-Vertrag und den Hybrid-DRGs, um das Abrechnungssystem an den tatsächlichen Bedürfnissen der Patienten auszurichten.
Ein weiterer gesundheitspolitischer Schwerpunkt war der Schutz ambulanter augenärztlicher Notdienste: Pleger machte unmissverständlich klar, dass der BVA sich bundesweit für den Erhalt des direkten Zugangs zur augenärztlichen Notfallversorgung einsetzt. „Wir lassen uns von der Politik nicht in 24/7 telemedizinische Projekte, die parallel zu den Praxisöffnungszeiten zusätzlich Ressourcen verschwenden, pressen. Im Falle von ophthalmologischen Notfällen sind die erforderlichen Therapien je nach Krankheit gravierend unterschiedlich und erfordern eine unmittelbare und zielgerichtete Behandlung. Die korrekte medizinische Versorgung entscheidet dann unter Umständen über den Verlust oder Erhalt der Sehkraft!“
Auch die Debatte um die Patientensteuerung nahm einen breiten Raum ein. Pleger argumentierte klar gegen weitergehende Einschränkungen für die Augenheilkunde: „Augenheilkundliche Diagnostik erfordert zum einen weitere, hochtechnisierte Geräte, zum anderen tiefgehendes Fachwissen. Darüber hinaus leisten die Kolleginnen und Kollegen bereits jetzt Höchstarbeit bei über 34 Millionen Behandlungsfällen pro Jahr. Es wäre schlichtweg nicht leistbar und medizinischer Unsinn; nicht ohne Grund gibt es auch den eigenen augenärztlichen Notdienst.“ Die Forderung des BVA lautet, die Augenheilkunde vom Überweisungsvorbehalt auszunehmen, um eine schnelle und qualifizierte Versorgung sicherzustellen.
Prominente Videogrüße bestätigten die Bedeutung des Fachgebiets: Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, würdigte die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem BVA und lobte die medizinische Expertise in der Weiterbildung. Dr. Andreas Gassen, Erster Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, zeigte sich beeindruckt von der Bandbreite der Augenheilkunde – von der Versorgung von Kindern bis hin zur hochqualifizierten operativen Behandlung – und bezeichnete den BVA als einen verlässlichen politischen Ansprechpartner.
Zukunftsforscher Professor Dr. Ulrich Reinhardt lenkte den Blick der Gäste auf die ethische Dimension des Fortschritts: „Wichtiger als die Frage Wie werden wir morgen leben ist die Frage Wie wollen wir morgen leben – denn vieles mag – gerade technisch – durchaus möglich sein, die Frage muss jedoch stets lauten Wollen wir das?“
Im Rahmen der Feierlichkeiten erhielt der langjährige Chefredakteur der Ophthalmologischen Nachrichten, Dieter Kaulard, den BVA-Medienpreis, eine Auszeichnung für seine langjährige Vermittlungsarbeit im Bereich der Augenheilkunde.
Diese Jubiläumsveranstaltung verband Tradition, fachliche Debatten und visionäre Impulse, um die Augenheilkunde auch künftig als unverzichtbaren Teil der Gesundheitsversorgung zu positionieren.
Neuausrichtung im Gesundheitssystem: Warum die Augenheilkunde den Wandel prägt
Die Diskussion um die Ambulantisierung im deutschen Gesundheitssystem gewinnt zunehmend an Fahrt. Immer mehr Leistungen sollen aus Krankenhäusern in den ambulanten Bereich verlagert werden, um Kosten zu senken und die Versorgung wohnortnah zu gestalten. Diese Entwicklung wirft grundlegende Fragen auf: Welche Rolle spielen spezialisierte Fachbereiche dabei, und wie beeinflussen neue Versorgungsmodelle die Patienten? Besonders die Augenheilkunde gilt hier als ein Schlüsselbereich, weil sie bereits heute vorbildlich ambulante Versorgung anbietet und gleichzeitig vor erheblichen Herausforderungen steht. Die Verbindung von technischer Komplexität, hohem Patientenaufkommen und präziser Notfallversorgung macht das Fach zum Prüfstein für die medizinische Transformation.
Patienten profitieren prinzipiell von der Verlagerung ambulanter Leistungen, da sie häufig Zeit und Wege sparen und Behandlungen schneller erhalten können. Doch gleichzeitig verlangt die fortschreitende Ambulantisierung genaue medizinische Differenzierung. In der Augenheilkunde sind Behandlungserfolge stark von schnellen, zielgerichteten Interventionen abhängig – das gilt insbesondere bei augenärztlichen Notfällen, deren Versorger vor Ort bleiben müssen. Daniel Pleger, Erster Vorsitzender des Berufsverbands der Augenärzte Deutschlands, warnt davor, dass „OPS-Codes und kalkulierte Liegezeiten nicht ohne medizinischen Sachverstand über eine weitere Ambulantisierung befinden“. Dies verdeutlicht, wie essenziell medizinisches Fachwissen bei den politischen Weichenstellungen ist.
Die dynamischen Veränderungen stellen auch die Integration neuer Technologien wie Telemedizin vor Herausforderungen. Zwar ermöglicht die Telemedizin in vielen Bereichen den schnellen Austausch von Informationen und eine bessere Erstversorgung. Doch bei der Augenheilkunde zeigt sich, dass telemedizinische Konzepte im Notdienst nicht ohne Weiteres für 24/7-Versorgung taugen: Dort sind je nach Notfall sehr unterschiedliche und oft sofortige Therapien nötig. Pleger mahnt: „Wir lassen uns von der Politik nicht in 24/7 telemedizinische Projekte, die parallel zu den Praxisöffnungszeiten zusätzlich Ressourcen verschwenden, pressen.“ Die akute augenärztliche Behandlung erfordert vor Ort verfügbare Spezialisten, um Sehverlust zu verhindern.
Darüber hinaus ist die Augenheilkunde mit einer enormen Fallzahl konfrontiert: Über 34 Millionen Behandlungsfälle pro Jahr sprechen für sich. Diese Menge bringt Herausforderungen bei Kapazitäten und Qualitätssicherung mit sich, zugleich stellt sie aber auch gesellschaftliche Chancen dar, da immer mehr Menschen von Diagnostik und Therapie profitieren können. Die Frage der Patientensteuerung wird hier besonders brisant. Anders als viele andere Fachbereiche soll die Augenheilkunde vom Überweisungsvorbehalt ausgenommen bleiben, um den unmittelbaren Zugang für Patient:innen zu gewährleisten – ein Schritt, der auch mit Blick auf die notwendige Spezialisierung sinnvoll erscheint.
Chancen und Risiken der Ambulantisierung
Die Verlagerung von Leistungen in den ambulanten Bereich kann das Gesundheitssystem entlasten und Wartezeiten verkürzen, zugleich birgt sie Risiken, insbesondere in spezialisierten Fachgebieten mit kritischem Notfallangebot. Die zentralen Herausforderungen sind:
- Sicherstellung der medizinischen Qualität bei gleichzeitigem Kostendruck
- Erhalt der augenärztlichen Notdienste vor Ort, um akute Fälle angemessen zu versorgen
- Vermeidung von Doppelstrukturen durch parallele telemedizinische und praxiseigene Versorgung
- Anpassung der Vergütungssysteme an fachliche und soziale Kontextfaktoren (z. B. AOP-Vertrag, Hybrid-DRGs)
- Bewältigung des hohen Behandlungsvolumens und Sicherung der personalen Ressourcen
- Integration neuer Technologien ohne Qualitätseinbußen
Die Augenheilkunde illustriert damit exemplarisch, wie komplex der Spagat zwischen Patientennahe, Effizienz und medizinischer Sicherheit ist.
Ausblick: Wie bleibt Versorgung zukunftsfähig?
Die Gestaltung einer nachhaltigen Versorgung erfordert eine differenzierte Steuerung durch Politik und Gesundheitsakteure, die medizinische Expertise in den Mittelpunkt stellt. Die Augenheilkunde kann als Vorbild dienen, wie technisches Know-how, spezialisierte Diagnostik und patientennahe Strukturen verknüpft werden. Gleichzeitig zeigt der Bereich, wie wichtig es ist, bestehende Versorgungsangebote – etwa den augenärztlichen Notdienst – zu bewahren und auf technologische Entwicklungen orientiert weiterzuentwickeln, ohne die Qualität zu gefährden.
Die aktuelle Debatte um Ambulantisierung und Digitalisierung verdeutlicht die zentrale Rolle der Fachbereiche, die mit hohen Patientenzahlen und differenzierten Behandlungspfaden auf die neuen Herausforderungen reagieren müssen. Dabei steht der Anspruch an eine sichere, gut steuerbare und bedarfsgerechte Versorgung für alle Patient:innen im Fokus. Die Augenheilkunde beweist, dass Fortschritt nur durch fachkundige Begleitung und konsequente Ausrichtung auf den Nutzen für die Menschen im Gesundheitssystem gelingt.
Die Informationen und Zitate in diesem Beitrag basieren auf einer Pressemitteilung des Berufsverbands der Augenärzte Deutschlands e.V.
11 Antworten
Die Auszeichnung für Dieter Kaulard war sehr verdient! Es zeigt wie wichtig gute Kommunikation in der Medizin ist. Welche Rolle spielt Medienarbeit eurer Meinung nach für die Zukunft der Augenheilkunde?
Ich denke Medienarbeit kann viel bewirken und das Bewusstsein für bestimmte Themen erhöhen.
Es war interessant zu hören, wie sich die Augenheilkunde entwickeln soll! Aber ich mache mir Sorgen um die medizinische Qualität bei Kostendruck. Wie können wir sicherstellen, dass das nicht passiert?
Cacilia, das ist eine berechtigte Sorge! Vielleicht sollten wir mehr in Schulungen für Ärzte investieren? Das könnte helfen.
Genau! Und vielleicht könnten auch Patientenorganisationen mehr Einfluss auf Entscheidungen nehmen?
Ich finde es gut, dass beim Jubiläum so viele wichtige Themen angesprochen wurden! Vor allem der Punkt zur Qualitätssicherung ist entscheidend. Was denkt ihr über den Einsatz von Telemedizin in der Augenheilkunde?
Heinzpeter, ich glaube Telemedizin kann hilfreich sein, aber sie darf nicht die persönliche Behandlung ersetzen. Oft braucht man einfach einen Arzt vor Ort!
Die Forderungen des BVA sind wirklich notwendig! Eine Ausnahme vom Überweisungsvorbehalt könnte viele Patienten entlasten und schneller helfen. Wer hat Erfahrungen mit den aktuellen Wartezeiten bei Augenärzten?
Ja, Fdorr! Die Wartezeiten sind oft unerträglich lang. Ich frage mich, wie andere Fachrichtungen mit dieser Herausforderung umgehen und ob es Lösungen gibt.
Ich fand die Diskussion über die Ambulantisierung sehr interessant. Es ist wichtig, dass wir auch die stationären Strukturen in der Augenheilkunde schützen. Wie können wir sicherstellen, dass Notdienste vor Ort bestehen bleiben?
Das stimmt, Ehrenfried. Ich denke, es wäre sinnvoll, wenn mehr Patienten auf die Wichtigkeit von Notdiensten aufmerksam gemacht werden. Vielleicht sollte auch mehr über Telemedizin diskutiert werden.