– Foodwatch untersuchte 22 ASC-zertifizierte norwegische Lachsprodukte; nur in zwei Fällen Rückverfolgung möglich.
– Bei 85 % der untersuchten Produkte blieb die Herkunft unklar.
– Norwegische Lachsaquakulturen verzeichnen hohe Todesraten, ASC-Siegel verhindert Missstände offenbar nicht.
Intransparenz bei ASC-zertifiziertem Lachs aus Supermärkten entlarvt
Das weit verbreitete ASC-Siegel für Fisch aus Aquakultur verspricht Transparenz und Rückverfolgbarkeit über die gesamte Lieferkette – ein Versprechen, das bei norwegischem Lachs offensichtlich nicht gehalten wird. Eine Recherche von foodwatch zeigt, dass von 22 getesteten ASC-zertifizierten Lachsprodukten aus großen Supermarktketten in 85 Prozent der Fälle die konkrete Herkunft des Fisches unklar bleibt. Die Verbraucherorganisation schickte Anfragen an die Hersteller, doch nur zwei Firmen gaben offen die Namen der Zuchtfarmen preis. Sechs weitere antworteten entweder nicht oder verweigerten Auskünfte, während bei 13 Produkten die Hersteller überhaupt nicht reagierten.
„Das ASC-Siegel wirbt mit Rückverfolgbarkeit, doch wer die Herkunft des zertifizierten Lachses erfahren will, fischt im Trüben,“ kritisierte Dr. Rebekka Siegmann von foodwatch. „Wer mit Transparenz wirbt, muss auch Transparenz liefern. Die Verbraucher:innen haben ein Recht darauf zu erfahren, unter welchen Umständen der Lachs produziert wird.“
Die Untersuchung umfasste Lachsprodukte mit ASC-Siegel, darunter Filet, Sushi und Wrap, die bei den Händlern Kaufland, Rewe, Edeka, Lidl, Netto und Penny eingekauft wurden. Bei Aldi und Netto-Markendiscount hingegen konnten keine ASC-zertifizierten Lachsprodukte gefunden werden. Lediglich Mowi Germany für den „Signature Fjord Räucherlachs“ und Timea für „Meine Lieblinge Lachs“ gaben die Namen ihrer jeweiligen Farmen bekannt, während Escal für seine „Edel-Lachs-Filetportionen“ zwei mögliche Farmen nannte.
Die mangelnde Transparenz steht im Kontrast zu den hohen Zertifizierungsquoten: Nach Angaben von foodwatch deckt das ASC-Siegel 42 Prozent, das gelbe GGN-Siegel sogar 90 Prozent der norwegischen Lachsaquakultur ab. Trotz dieser großen Abdeckung sterben in den norwegischen Zuchtkäfigen immer noch enorme Lachsbestände – aktuell sterbe etwa jeder vierte junge und jeder sechste größere Lachs vor der Schlachtung. Im Jahr 2024 wurden mehr als 100 Millionen tote Tiere registriert, ein neuer Höchststand. Hauptursache seien Infektionskrankheiten.
foodwatch hatte die ASC Foundation bereits im Dezember 2024 mit der unzureichenden Rückverfolgbarkeit konfrontiert. Die Organisation versprach damals die Entwicklung eines digitalen Tools, das künftig eine Verlinkung zwischen Produkt und Zuchtfarm ermöglichen soll. Diese Verbesserung lässt allerdings auf sich warten: „Sieben Monate später warteten Verbraucher:innen jedoch immer noch auf eine Veröffentlichung,“ bemängelte foodwatch. Das hindere ASC nicht daran, weiterhin mit Begriffen wie Transparenz und Rückverfolgbarkeit zu werben.
Die Debatte um die Glaubwürdigkeit des ASC-Siegels erhält mit dem Kandidaten „Atlantischer Norwegischer Räucherlachs“ von Fish Tales zusätzliche Brisanz. Dieses Produkt ist nominiert für den Goldenen Windbeutel 2025 – eine Auszeichnung, für die bis zum 13. Juli Verbraucher:innen online abstimmen können (www.goldener-windbeutel.de). Der Preis von foodwatch steht für die dreisteste Werbelüge des Jahres und richtet den Fokus auf irreführende Labelversprechen, die erheblich zur Verunsicherung der Kundschaft beitragen.
Wie viel Transparenz steckt wirklich im Supermarkt-Lachs?
Transparenz bei Lebensmittelsiegeln ist für Verbraucherinnen und Verbraucher heute wichtiger denn je. Wer beim Einkauf ein Produkt mit einem Nachhaltigkeits- oder Tierschutzsiegel wählt, erwartet, dass die Angaben nachvollziehbar und glaubwürdig sind. Gerade bei Fisch aus Aquakulturen wie Lachs stehen Umwelt- und Tierwohlaspekte zunehmend im Fokus. Die Rückverfolgbarkeit – also die Möglichkeit, Herkunft und Produktionsbedingungen entlang der Lieferkette genau zu überprüfen – spielt dabei eine entscheidende Rolle. Nur so können Konsument:innen ihre Kaufentscheidungen auf verlässliche Informationen stützen und zu einem nachhaltigeren Konsum beitragen.
Doch die Realität sieht oft anders aus. Untersuchungen etwa von foodwatch zeigen, dass die Rückverfolgbarkeit bei mit dem ASC-Siegel gekennzeichnetem Supermarkt-Lachs lückenhaft bleibt. Bei einem Marktcheck mit 22 ASC-zertifizierten Lachprodukten konnten Hersteller nur in zwei Fällen eine konkrete Zuchtfarm nennen. In 85 Prozent der Fälle blieb die Herkunft unklar. Diese Erkenntnis wirft grundlegende Fragen zur Glaubwürdigkeit von Lebensmittelsiegeln auf und untergräbt das Vertrauen der Verbraucher:innen in geprüfte Nachhaltigkeitsversprechen.
Glaubwürdigkeit von Lebensmittelsiegeln
Das ASC-Siegel (Aquaculture Stewardship Council) gilt als eines der bekanntesten Gütesiegel für nachhaltigen Fischfang und Aquakultur. Auf seiner Webseite wirbt die Organisation mit „Transparenz von der Zucht bis auf den Teller“ und einer Rückverfolgbarkeit „über die gesamte Lieferkette“. In der Praxis gelingt es jedoch oft nicht, diese Versprechen einzulösen. Hersteller antworten nur selten auf Anfragen zur genauen Herkunft ihrer Fische, und interne Kontrollen greifen offenbar nicht immer ausreichend.
Das Problem ist nicht nur bei ASC-zertifizierten Produkten zu beobachten. Grundsätzlich leiden viele Lebensmittelsiegel unter einer gewissen Intransparenz, fehlenden Kontrollen oder uneinheitlichen Standards. Besonders bei Fisch und Aquakulturprodukten erschweren komplexe Lieferketten und international verteilte Produktionsstätten die lückenlose Rückverfolgung. Das Ergebnis sind Verbrauchertäuschung und eine mangelhafte Orientierungshilfe beim nachhaltigen Einkauf.
Verbraucherschutz und Verantwortung
Für Verbraucher:innen hat mangelnde Transparenz weitreichende Folgen: Ohne verlässliche Informationen fehlt die Basis für verantwortungsbewusste Kaufentscheidungen. Wer auf Nachhaltigkeit und Tierwohl Wert legt, wird mit unsicheren oder irreführenden Siegeln vor den Kopf gestoßen. Zudem geraten ehrliche Produzenten, die höhere Standards einhalten, durch die fehlende Differenzierbarkeit ins Hintertreffen. Nicht zuletzt droht die Aushöhlung ganzer Nachhaltigkeitsinitiativen, wenn Siegel ihre Kontroll- und Transparenzversprechen nicht erfüllen.
Deutschland steht dabei vor regulatorischen Herausforderungen. Im europäischen Vergleich gibt es zunehmend Forderungen nach verbindlicheren Vorgaben und schärferen Kontrollen bei der Produktherkunft und Kennzeichnungspflicht. Die bisherigen Selbstregulierungssysteme stoßen an Grenzen. Digitale Nachverfolgungssysteme wie Blockchain oder spezielle Registrierungstools könnten künftig mehr Transparenz ermöglichen. Der ASC selbst kündigte bereits an, an einem digitalen Rückverfolgbarkeitstool zu arbeiten, dessen Veröffentlichung allerdings noch aussteht.
Die branchenweiten Probleme im Überblick:
- Unsichere Rückverfolgbarkeit: Viele Fische lassen sich nicht bis zur genauen Zuchtfarm zurückverfolgen
- Mangelnde回应 auf Verbraucheranfragen: Hersteller geben selten konkrete Auskünfte
- Große Verluste in Aquakulturen: Hohe Sterberaten beeinträchtigen das Tierwohl, trotz hoher Zertifizierungsquoten
- Unzureichende Kontrollen: Regelmäßige Prüfungen reichen oft nicht aus, um Missstände zu verhindern
- Fehlende staatliche Regulierung: Abhängigkeit von freiwilligen Standards und Siegeln
Die Kombination aus diesen Faktoren erschwert es, den Lachs im Supermarkt wirklich transparent und nachhaltig zu machen.
Verbraucherinnen und Verbraucher, Politik wie Industrie müssen die Herausforderungen ernst nehmen. Ohne eine deutliche Verbesserung der Kontrollmechanismen drohen weitere Vertrauensverluste, die nicht nur ökologische und ethische Ziele gefährden, sondern auch den Markt für nachhaltige Lebensmittel. Künftig könnten strengere staatliche Eingriffe, verbesserte digitale Kontrollsysteme und klare Informationspflichten wichtige Werkzeuge sein, um die Transparenz entlang der Fischlieferketten zu erhöhen und so nachhaltiges Konsumverhalten zu fördern.
Dieser Beitrag basiert auf der Pressemitteilung der Verbraucherorganisation foodwatch e.V. zu ihrem Marktcheck des ASC-Siegels bei Supermarkt-Lachs.
9 Antworten
„Ich bin total überrascht von den Ergebnissen der Studie! Ich kaufe regelmäßig Lachs im Supermarkt und habe nie darüber nachgedacht. Woher weiß ich jetzt, was ich kaufen soll?“
„Das geht mir genauso! Vielleicht sollten wir alle gemeinsam einen Aufruf starten für mehr Transparenz in der Fischindustrie?“
Das ist wirklich schockierend! Ich kaufe oft Lachs mit dem ASC-Siegel in der Hoffnung auf Qualität. Es wäre hilfreich zu wissen, welche Marken tatsächlich transparent sind und ihre Herkunft klar kommunizieren.
‚Was können wir tun?‘ ist eine gute Frage! Vielleicht sollten wir mehr nachfragen und Unternehmen direkt kontaktieren? Ich habe das Gefühl, dass viele Verbraucher nicht genug tun.
„Ich finde auch, dass Transparenz wichtig ist! Wäre es nicht sinnvoller für die Einzelhändler, mehr über die Herkunft ihrer Produkte offen zu legen? Das würde uns Verbrauchern helfen.“
Die hohe Sterberate in den Aquakulturen ist erschreckend. Das ASC-Siegel scheint nicht genug zu sein. Wie steht es um andere Zertifikate? Gibt es bessere Optionen für nachhaltigen Fisch?
Ich stimme zu, die Intransparenz bei ASC-zertifiziertem Lachs ist besorgniserregend. Wenn man sich für nachhaltigen Fisch entscheidet, sollte man auch sicher sein können, woher er kommt. Ist es an der Zeit für gesetzliche Regelungen?
Ja, ich denke auch. Vielleicht sollten wir uns als Verbraucher zusammenschließen und die Unternehmen auffordern, bessere Informationen zur Verfügung zu stellen? Das könnte helfen!
Ich finde das Thema sehr wichtig, aber wie können wir sicherstellen, dass die Hersteller wirklich transparent sind? Es ist erschreckend zu hören, dass 85% der Produkte keine klare Herkunft haben. Was können Verbraucher tun, um Druck auszuüben?