Antimikrobielle Resistenzen bekämpfen: Warum Infektionsprävention jetzt oberste Priorität hat

Modernes blau beleuchtetes News-Studio mit runden LED-Podesten und großem Bildschirm mit Schriftzug ‚Verbands‑Monitor eins zu eins‘.
Anlässlich der World AMR Awareness Week 2025 fordert der BVMed, Infektionsprävention zur obersten Priorität im Gesundheitswesen zu machen. Der Verband verweist auf geschätzt über 700.000 betroffene Patient:innen jährlich in Deutschland durch antimikrobielle Resistenzen. Zentrale Forderungen sind unter anderem verbindliche Antibiotic-Stewardship-Programme, verbesserte Hygienestrukturen und mehr Anreize für die Forschung zu präventiven Maßnahmen.

Inhaltsverzeichnis

– Infektionsprävention hat oberste Priorität gegen antimikrobielle Resistenzen.
– Jährlich sterben 1,14 Millionen Menschen direkt durch bakterielle AMR.
– AMR verursachen in der EU jährlich Kosten von etwa 11,7 Milliarden Euro.

Infektionsprävention als oberste Priorität im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen

Anlässlich der World AMR Awareness Week 2025 positioniert der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) die Infektionsprävention als zentralen Baustein im Kampf gegen antimikrobielle Resistenzen (AMR). Die Bedrohung durch resistente Erreger nimmt global dramatische Ausmaße an: Eine Lancet-Studie aus dem Jahr 2024 beziffert die weltweite Mortalitätsrate mit 4,71 Millionen Betroffenen, die mit bakterieller AMR in Verbindung gebracht werden – davon waren 1,14 Millionen Fälle direkt auf eine bakterielle AMR zurückzuführen (Stand: 14.11.2025). In Deutschland schätzt die Deutsche Gesellschaft für Allgemeine und Krankenhaus-Hygiene (DGKH) die Zahl der jährlich betroffenen Patient:innen auf über 700.000 (Stand: 14.11.2025).

Der BVMed fordert ein verstärktes und sektorübergreifendes Vorgehen. Dr. Ingrid Wanninger, Mitglied des BVMed-Fachbereichs, betont: „Infektionsprävention und der konsequente Einsatz präventiver Therapien sind zwei Seiten derselben Medaille. Denn Vorsorge verringert die Krankheitslast, reduziert den Antibiotikaeinsatz und schwächt damit den Selektionsdruck für Resistenzen. Jetzt müssen Politik, Forschung und Gesundheitswesen gemeinsam handeln.“

Die Fachbereichsgruppe „Infektionsprävention und -kontrolle“ des BVMed hat sechs zentrale Forderungspunkte formuliert:

  • Prävention prioritär fördern durch verbesserte Hygienestrukturen und Zugang zu Dekolonisationsmaßnahmen
  • Antibiotic-Stewardship konsequent umsetzen mit verbindlichen Programmen in Kliniken
  • Anreize für Forschung und Entwicklung im Präventionsbereich schaffen
  • Surveillance und Daten-Transparenz durch Ausbau nationaler Meldesysteme stärken
  • Öffentlichkeitsarbeit und Ausbildung für Patient:innen und Gesundheitsfachkräfte intensivieren
  • One-Health-Ansatz rigoros umsetzen mit koordinierten Maßnahmen zwischen Human-, Tier- und Umweltgesundheit

Die wirtschaftliche Dimension unterstreicht die Dringlichkeit: Laut Prognos-Studie verursachen AMR in der EU und dem Europäischen Wirtschaftsraum jährliche Kosten von etwa 11,7 Mrd. Euro, wovon 6,6 Mrd. Euro auf Behandlungskosten resistenter Infektionen entfallen (Stand: 14.11.2025)*.

Hintergründe und Zusammenhänge verstehen

Um die Bedeutung der Forderungen im Kampf gegen antimikrobielle Resistenzen zu begreifen, lohnt sich ein Blick auf die zugrundeliegenden Konzepte und Wirkmechanismen. AMR beschreibt die Fähigkeit von Mikroorganismen, Wirkstoffen wie Antibiotika zu widerstehen, was Behandlungserfolge zunehmend gefährdet. Dieser komplexen Herausforderung begegnet die Medizin mit mehreren strategischen Ansätzen.

Infection Prevention and Control (IPC) umfasst alle Maßnahmen zur Verhinderung von Infektionen in medizinischen Einrichtungen – von Hygienestandards bis zu strukturellen Vorkehrungen. Antibiotic Stewardship zielt hingegen auf den verantwortungsvollen Einsatz antimikrobieller Medikamente ab, um Resistenzentwicklungen zu vermeiden. Beide Konzepte ergänzen sich und bilden gemeinsam mit präventiven Therapien ein wirksames Dreigestirn gegen AMR.

Was bedeutet One-Health für AMR?

Das One-Health-Konzept betrachtet Gesundheit nicht isoliert, sondern als vernetztes System zwischen Mensch, Tier und Umwelt. Bei antimikrobiellen Resistenzen zeigt sich diese Verbindung besonders deutlich: Resistente Erreger kennen keine Grenzen zwischen Humanmedizin, Tierhaltung und Ökosystemen. Antibiotikarückstände in der Umwelt, resistente Keime in der Nutztierhaltung und deren Übertragung auf Menschen demonstrieren die Notwendigkeit eines sektorübergreifenden Ansatzes. Nur durch koordinierte Maßnahmen in allen drei Bereichen lässt sich der Selektionsdruck für Resistenzen wirksam reduzieren.

Warum präventive Therapien die Resistenzausbreitung bremsen

Präventive Therapien – darunter Impfungen, Antikörperbehandlungen und Dekolonisationsmaßnahmen – wirken gleich mehrfach gegen die Resistenzproblematik:

  • Sie verringern die Anzahl von Infektionen und damit den Bedarf an Antibiotikatherapien
  • Sie reduzieren den Selektionsdruck, der durch Antibiotikaeinsatz entsteht
  • Sie unterbrechen Übertragungsketten resistenter Erreger

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfiehlt in einer Stellungnahme wirtschaftliche Anreize wie Subskriptionsmodelle und Markteintrittsprämien, um Forschung und Entwicklung im Präventionsbereich zu fördern (Stand: 16. Januar 2024)*. Diese wissenschaftliche Empfehlung unterstreicht die Forderungen des BVMed nach gezielten Förderinstrumenten für präventive Lösungen.

Die aktuelle Diskussion um AMR-Bekämpfung verschiebt sich zunehmend von rein reaktiven zu präventiven Strategien. Während traditionelle Ansätze vor allem auf die Behandlung bereits eingetretener resistenter Infektionen abzielen, setzen moderne Konzepte früher an: bei der Verhinderung von Infektionen insgesamt. Dieser Paradigmenwechsel erklärt, warum Politik und Wissenschaft präventiven Maßnahmen heute eine so hohe Priorität einräumen.

Daten, Monitoring und Surveillance

Die systematische Erfassung von Antibiotikaresistenzen bildet die Grundlage für wirksame Gegenmaßnahmen. In Deutschland betreibt das Robert Koch-Institut (RKI) zwei zentrale Surveillance-Systeme: ARS (Antibiotika-Resistenz-Surveillance) und AVS (Antibiotika-Verbrauchs-Surveillance). Das Tool ARVIA ermöglicht zudem die Analyse des Zusammenhangs zwischen Resistenzen und Antibiotikaverbrauch (Stand: 2025)*.

Sektorübergreifende Systeme in Deutschland

Die deutschen Surveillance-Systeme erfassen Daten aus verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens. Während ARS Resistenzdaten sammelt, dokumentiert AVS den Antibiotikaverbrauch in Kliniken und medizinischen Einrichtungen. Die Kombination beider Datensätze durch ARVIA liefert wichtige Erkenntnisse für die Steuerung von Präventionsmaßnahmen und unterstützt Antibiotic-Stewardship-Programme.

Aktuelle Befunde zu Resistenzraten in Europa

Die europäischen Zahlen zeigen eine alarmierende Entwicklung: Bei E. coli war 2023 in mehr als 40% der Stämme eine Behandlung mit gängigen Antibiotika nicht mehr wirksam; bei K. pneumoniae betrug dieser Anteil sogar 55%. Zudem verursacht jede sechste laborbestätigte bakterielle Infektion einen resistenten Erreger (Stand: 2023)*.

Eine Analyse des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) weist auf einen signifikanten Anstieg der Antibiotika-Resistenzen in Deutschland seit 2022 hin (Stand: Oktober 2025)*.

Jahr Beobachtung/Wert Thema Quelle/Stand
2023 >40 % Resistenz bei E. coli Resistenzraten Europa 2023*
2023 55 % Resistenz bei K. pneumoniae Resistenzraten Europa 2023*
2025 ARS, AVS, ARVIA im Einsatz Surveillance-Systeme Deutschland 2025*
2025 Signifikanter Resistenzanstieg seit 2022 DZIF-Analyse Oktober 2025*

Diese Daten unterstreichen die Dringlichkeit, bestehende Surveillance-Systeme weiter auszubauen und international zu vernetzen, um der wachsenden Bedrohung durch antimikrobielle Resistenzen wirksam begegnen zu können.

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen

Antimikrobielle Resistenzen belasten nicht nur die Gesundheitssysteme, sondern verursachen auch erhebliche wirtschaftliche Schäden. Die direkten und indirekten Kosten wirken sich auf Versicherungen, Steuerzahler und die gesamte Volkswirtschaft aus.*

Die jährlichen Kosten durch AMR in der EU und dem Europäischen Wirtschaftsraum belaufen sich auf etwa 11,7 Milliarden Euro. Davon entfallen 6,6 Milliarden Euro allein auf die Behandlung resistenter Infektionen. Diese Summen verdeutlichen die wirtschaftliche Dimension des Problems – Mittel, die an anderer Stelle im Gesundheitswesen fehlen.*

Langfristige Projektionen zeigen noch dramatischere Folgen auf: Ohne zusätzliche Gegenmaßnahmen sind zwischen 2025 und 2050 weltweit 39 Millionen Todesfälle direkt auf bakterielle AMR zurückzuführen (Stand: August 2025). Diese Zahlen des Healthdata-Instituts unterstreichen die Dringlichkeit verstärkter Präventionsinitiativen.*

Die wirtschaftlichen Belastungen durch Behandlungskosten, Arbeitsausfälle und verlorene Produktivität betreffen letztlich alle Gesellschaftsbereiche. Gleichzeitig zeigen die hohen Kosten und Mortalitätsprojektionen, dass Investitionen in Infektionsprävention nicht nur gesundheitlich, sondern auch ökonomisch sinnvoll sind.*

Ausblick: Maßnahmen und Kontroversen

Die Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen erfordert konkrete politische Weichenstellungen und wirksame Anreizsysteme. Die aktuelle Antibiotika-Resistenzstrategie der Bundesregierung bildet einen Rahmen*.

Welche Anreize forscherseitig empfohlen werden

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfiehlt in ihrer Stellungnahme vom 16. Januar 2024 wirtschaftliche Anreize wie Subskriptionsmodelle und Markteintrittsprämien, um die Erforschung neuer Antibiotika und präventiver Therapien zu fördern. Diese Vorschläge unterstützen die Forderung des BVMed nach gezielten Förderinstrumenten und regulatorischen Beschleunigern für Impfstoffe, Antikörper und weitere Lösungen im Präventionsbereich*.

Politische Weichenstellungen bis 2030 und darüber hinaus

Die bestehende Strategie der Bundesregierung bildet aktuell den zentralen Handlungsrahmen. Der BVMed fordert jedoch eine Weiterentwicklung und Verstärkung dieser Strategie über das Jahr 2030 hinaus. Besondere Bedeutung kommt dabei der konsequenten Umsetzung des One-Health-Ansatzes zu, der Human-, Tier- und Umweltgesundheit verbindet*.

Künftige politische Entscheidungen müssen mehrere Ebenen adressieren. Gleichzeitig gilt es, die öffentliche Aufklärung und Fachkräfteausbildung zu intensivieren, um präventive Maßnahmen nachhaltig in der Versorgungspraxis zu verankern*.

Die aktuelle politische Debatte konzentriert sich darauf, wie bestehende Ansätze verstetigt und sektorübergreifend ausgebaut werden können.

Die nachfolgenden Informationen basieren auf einer Pressemitteilung des Bundesverbands Medizintechnologie e.V. (BVMed) zur Thematik antimikrobieller Resistenzen.

Weiterführende Quellen:

7 Antworten

  1. „Ich finde es wichtig, dass die Öffentlichkeit mehr informiert wird! Vielleicht sollten Medien auch häufiger über solche Themen berichten? Wir müssen alle zusammenarbeiten gegen AMR.“

  2. Die One-Health Perspektive ist super wichtig! Ich frage mich jedoch, wie wir den Tierbereich besser einbeziehen können. Wer hat Ideen oder Beispiele aus anderen Ländern? Das könnte helfen.

    1. „Das wäre interessant zu wissen! In einigen Ländern gibt es schon Initiativen für eine bessere Zusammenarbeit zwischen Human- und Tiermedizin. Es wäre toll, wenn Deutschland da auch nachziehen könnte.

  3. Ich finde es gut, dass der BVMed auf die Wichtigkeit von Antibiotic Stewardship hinweist. Aber wie können Kliniken das wirklich umsetzen? Es braucht ja auch Schulungen für das Personal. Wer hat dazu Erfahrungen?

    1. Ja genau! Ohne Schulung wird das nix! Ich habe gehört, dass einige Kliniken schon tolle Programme haben. Vielleicht sollten wir mehr darüber berichten und Erfahrungen austauschen.

  4. Die Zahlen zu den jährlichen Kosten durch AMR sind wirklich erschreckend. Es ist wichtig, dass wir alle mehr über Infektionsprävention lernen. Wie können wir als Gesellschaft dazu beitragen, diese Resistenzen zu verringern? Ich finde die Forderungen des BVMed sehr sinnvoll!

    1. Ich stimme dir zu, Anke! Die Prävention sollte echt Priorität haben. Gibt es spezielle Hygienemaßnahmen, die jeder im Alltag umsetzen kann, um die Verbreitung resistenter Erreger zu verhindern?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Über den Autor

Die Redaktion von Verbandsbüro besteht aus vielen unterschiedlichen Experten aus der Verbands- und Vereinswelt. Alle Beiträge beruhen auf eigene Erfahrungen. Damit wollen wir Ihnen unsere professionellen Leistungen für Ihre Organisation präsentieren. Wollen Sie mehr zu diesem Thema erfahren? Nehmen Sie doch einfach mit uns Kontakt auf.​