– Untersuchung in Bayern, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt findet Reserveantibiotika-resistente Keime bei Wiesenhof.
– In 39,5 % der Proben ESBL-Produzenten, in über 18 % multiresistente Bakterien inklusive Colistinresistenzen.
– VIER PFOTEN fordert artgerechte Haltung, um flächendeckenden Antibiotikaeinsatz bei Wiesenhof deutlich zu reduzieren.
Antibiotikaresistente Keime bei Wiesenhof: Alarmierende Befunde und Forderungen von VIER PFOTEN
Eine aktuelle Untersuchung der Tierschutzorganisation VIER PFOTEN hat in der Produktionskette einiger Wiesenhof-Schlachthäuser in Bayern, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt erhebliche Mengen antibiotikaresistenter Keime nachgewiesen. Die Analyse eines unabhängigen Labors umfasste 54 Proben aus Fleisch und Schlachtabwasser, wovon über 39 Prozent sogenannte ESBL-produzierende Bakterien enthielten. Diese Erreger sind besonders gefährlich, da sie Enzyme produzieren, die viele Antibiotika unwirksam machen. Noch besorgniserregender ist, dass mehr als 18 Prozent der Proben multiresistente Bakterien enthielten, die gegen mindestens drei wichtige Antibiotikaklassen resistent sind. Besonders alarmierend sind auch Nachweise von Resistenzen gegen Colistin, ein als Reserveantibiotikum geltendes Mittel, das laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) von hoher Bedeutung für die Humanmedizin ist.
Die Untersuchung dokumentiert eine direkte Gefährdung der öffentlichen Gesundheit, denn der Verzehr von Geflügelfleisch kann so zum Überträger multiresistenter Keime werden. Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts starben allein in Deutschland im Jahr 2019 etwa 9.600 Menschen aufgrund von Antibiotikaresistenzen. In ihrem Statement betont VIER PFOTEN die dringende Notwendigkeit, den flächendeckenden Einsatz von Antibiotika in der industriellen Geflügelmast konsequent zu reduzieren. „Nur durch eine deutliche Verbesserung der Haltungsbedingungen und der Tiergesundheit kann der Einsatz von Antibiotika und vor allem Reserveantibiotika stark reduziert werden. Als größter Geflügelproduzent Deutschlands muss sich Wiesenhof seiner Verantwortung bewusst werden und die Massentierhaltung, die eine Entwicklung der multiresistenten Keime begünstigt, beenden“, erklärt Vanessa Schilke, Campaignerin bei VIER PFOTEN Deutschland.
Bereits vor Aufnahme der Probenentnahme lagen VIER PFOTEN Dokumente eines anonymen Vertragsmästers vor, die zeigen, dass Küken mit antibiotikaresistenten Keimen aus Brütereibetrieben ankommen. Damit wird klar, dass das Problem bereits sehr früh in der Produktionskette beginnt.
Diese Entwicklung hat durchaus globale Dimensionen: Die WHO warnt davor, dass jährlich bis zum Jahr 2050 weltweit bis zu 10 Millionen Menschen an den Folgen von Antibiotikaresistenzen sterben könnten (WHO 2023). Reserveantibiotika gelten dabei als letztes Mittel in der Humanmedizin und müssen daher besonders zurückhaltend eingesetzt werden. Die breite Verfügbarkeit und der häufige Einsatz von Antibiotika in der Geflügelmast fördern jedoch genau die Resistenzentwicklungen, die diese Medikamente unwirksam machen.
VIER PFOTEN fordert daher grundlegende Änderungen in der Geflügelproduktion bei Wiesenhof:
- Keine Qualzuchten mehr, stattdessen Nutzung von Zweinutzungslinien mit einer Lebensdauer von 14 bis 20 Wochen
- Begrenzung der Stallgröße auf maximal 4.800 Hühner und eine maximale Besatzdichte von 21 kg pro Quadratmeter
- Ermöglichung von regelmäßigem Auslauf auf Grünflächen mit mindestens 4 Quadratmetern pro Tier sowie Zugang zu Beschäftigungsmöglichkeiten
- Strengere Regeln für Transport und Schlachtung, inklusive maximaler Transportdauer von 4 Stunden bei Temperaturen zwischen 5 und 25 Grad Celsius und einer maximalen Verweildauer von 6 Stunden in den Transportkisten mit einer Mindesthöhe von 35 bis 40 cm
Das zugrundeliegende Factsheet zur Untersuchung ist auf der Webseite von VIER PFOTEN einsehbar (Factsheet).
Diese Zahlen und Forderungen verdeutlichen die dringende Notwendigkeit, die industrielle Geflügelproduktion in Deutschland verantwortungsvoll zu verändern, um die Verbreitung antibiotikaresistenter Keime einzudämmen und so die Gesundheit von Mensch und Tier wirksam zu schützen.
Antibiotikaresistente Keime im Geflügel: Eine wachsende Gefahr für Gesundheit und Gesellschaft
Die Verbreitung von antibiotikaresistenten Keimen im Geflügelbereich stellt ein ernstzunehmendes Problem für die öffentliche Gesundheit dar. Besonders in der Intensivtierhaltung, wie sie in der Geflügelmast verbreitet ist, fördert der häufige Einsatz von Antibiotika die Entstehung und Verbreitung resistenter Bakterien. Diese Keime können sich über Fleisch, Abwässer und Umwelt auf Menschen übertragen und die Behandlung bakterieller Infektionen erheblich erschweren. Insbesondere die sogenannten Reserveantibiotika sind dabei von großer Bedeutung: Sie gelten als letztes Mittel in der Humanmedizin, wenn andere Antibiotika versagen. Werden auch gegen diese Substanzen Resistenzen aufgebaut, drohen lebensbedrohliche Behandlungslücken.
Weltweit zeichnet sich ein alarmierender Trend ab. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt, dass bis 2050 jährlich bis zu zehn Millionen Todesfälle durch Antibiotikaresistenzen verursacht werden könnten. In Deutschland starben 2019 bereits etwa 9.600 Menschen in Folge solcher Resistenzen, wie aktuelle Schätzungen des Robert Koch-Instituts zeigen. Dabei spielt die Landwirtschaft, insbesondere die Nutztierhaltung, eine zentrale Rolle: Hier werden Antibiotika oft vorbeugend oder zur Förderung des Tierwachstums eingesetzt, was den Druck auf Bakterien erhöht, Resistenzen zu entwickeln.
Was bedeutet das für Verbraucher?
Für Verbraucherinnen und Verbraucher ergibt sich durch antibiotikaresistente Keime in Geflügelfleisch ein gesundheitliches Risiko. Beim Verzehr oder der Verarbeitung von Fleischprodukten können resistente Bakterien auf den Menschen übertragen werden – direkt oder über Kreuzkontamination in der Küche. Solche Infektionen lassen sich häufig schwerer behandeln und erhöhen das Risiko für längere Krankenhausaufenthalte oder sogar tödliche Verläufe. Besonders bedenklich ist der Fund multiresistenter Keime, die gegen mehrere wichtige Antibiotikaklassen gewappnet sind. Ebenso alarmierend ist die nachgewiesene Resistenz gegen Colistin, ein Reserveantibiotikum, das von der WHO als besonders wichtig für die Humanmedizin eingestuft wird.
Die Resistenzbildung beginnt oft bereits sehr früh: Untersuchungen zeigen, dass Küken mit Antibiotikaresistenzen aus den Brütereien zu den Mastbetrieben gelangen. Dort begünstigen enge Stallhaltung, hohe Tierdichten und Stress die Ausbreitung solcher Keime zusätzlich. Folglich stehen Verbraucher mit der Frage vor der Herausforderung, wie sie sich vor diesen Risiken schützen können und welchen Beitrag Landwirtschaft und Politik leisten müssen, um den Antibiotikaeinsatz zu reduzieren.
Wege aus der Antibiotika-Krise
Die Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes in der Geflügelhaltung erfordert eine grundlegende Veränderung der Produktions- und Haltungsbedingungen. Eine artgerechte Tierhaltung mit mehr Platz, besserer Belüftung und Zugang zu Auslauf kann Infektionen vorbeugen und damit den Bedarf an Antibiotika senken. Die Umstellung von Massehaltung auf kleinere, überschaubarere Betriebe mit weniger Tieren pro Stall reduziert den Ansteckungsdruck erheblich. Darüber hinaus spielen präventive Gesundheitsmaßnahmen und der Einsatz genetisch robusterer Geflügelrassen eine wichtige Rolle.
Neben technischen und tiermedizinischen Maßnahmen ist auch ein strengeres Monitoring der Antibiotikaresistenzen essenziell. Nur so lässt sich die Wirkung von Reduktionsprogrammen überprüfen und neue Resistenzmuster frühzeitig erkennen. Gleichzeitig müssen Reserveantibiotika besonders geschützt und ihr Einsatz streng kontrolliert werden, um ihre Wirksamkeit zu bewahren.
Mögliche Lösungsansätze lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
- Umstieg auf Zweinutzungslinien und Verzicht auf Qualzuchten, um die Tiergesundheit zu verbessern
- Begrenzung der Tierzahl pro Stall und Reduzierung der Besatzdichte
- Einführung regelmäßiger Auslaufmöglichkeiten und Strukturierung der Stallumgebung zur Stressminderung
- Umsetzung von Transport- und Schlachtstandards zur Minimierung von Infektionsrisiken und Leid
- Förderung von nachhaltigen Haltungssystemen und transparenter Kommunikation gegenüber Verbraucherinnen und Verbrauchern
Diese Maßnahmen können dazu beitragen, die Verbreitung antibiotikaresistenter Keime einzudämmen und langfristig die Gefahr für Verbraucher und Gesellschaft zu verringern. Die Verantwortung dafür liegt nicht allein bei der Landwirtschaft, sondern erfordert ein koordiniertes gesellschaftliches, politisches und wirtschaftliches Handeln – weltweit und lokal zugleich.
Die Informationen und Zitate in diesem Beitrag basieren auf einer Pressemitteilung von VIER PFOTEN – Stiftung für Tierschutz.
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