Antibiotikaresistenz in der Geflügelmast: Wiesenhof-Proteste entfachen Debatte um Tierschutz und Gesundheit

VIER PFOTEN hat in der Nacht zum Dienstag mit einer großflächigen Projektion auf die Zentrale der PHW-Gruppe (Wiesenhof) auf die Risiken durch antibiotikaresistente Keime in der Geflügelmast hingewiesen. Unabhängige Labortests zeigen, dass in 39,5 % aller Wiesenhof-Proben ESBL-Bakterien, in über 18 % multiresistente Erreger und sogar Resistenzen gegen das Reserveantibiotikum Colistin nachgewiesen wurden, während das Robert-Koch-Institut für 2019 etwa 9.600 Todesfälle in Deutschland auf Antibiotikaresistenzen zurückführt. Die Tierschutzstiftung fordert von Wiesenhof, durch artgerechte Haltung den flächendeckenden Einsatz von Antibiotika zu reduzieren und so Mensch und Umwelt besser zu schützen.
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– Reserveantibiotika-resistente Keime in Wiesenhof-Fleisch- und Schlachtabwasserproben gefunden
– 39,5 % Proben mit ESBL-Bakterien, 18 % multiresistente Keime inklusive Colistin-Resistenzen
– VIER PFOTEN fordert artgerechte Geflügelhaltung zur Reduktion des Antibiotikaeinsatzes

Protestaktion gegen Wiesenhof: Gesundheitsgefahr durch Antibiotikaresistenzen in der Geflügelmast

In der Nacht zum Dienstag hat die Tierschutzorganisation VIER PFOTEN mit einer groß angelegten Projektion an der Visbeker Zentrale der PHW-Gruppe, zu der auch Wiesenhof gehört, auf die Gesundheitsrisiken durch antibiotikaresistente Keime in der Geflügelproduktion aufmerksam gemacht. Die Botschaft „Billigfleisch von Wiesenhof – teuer bezahlt mit unserer Gesundheit“ prangte großflächig an dem Firmensitz. Anlass der Aktion sind alarmierende Laborergebnisse, die von einem unabhängigen Institut im Auftrag von VIER PFOTEN an Wiesenhof-Hühnchenfleisch und Schlachthof-Abwässern aus Betrieben in Bayern, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ermittelt wurden. Die globale Tierschutzstiftung fordert, dass Wiesenhof als Deutschlands größter Geflügelproduzent Verantwortung übernimmt und durch artgerechtere Haltung den Einsatz von Antibiotika deutlich reduziert.

Zentrale Zahlen und Fakten zur Gefahr antibiotikaresistenter Keime:

  • Im Jahr 2019 sind in Deutschland laut Robert Koch-Institut 9.600 Menschen an Antibiotikaresistenzen gestorben.
  • In 39,5 Prozent der untersuchten Wiesenhof-Proben wurden ESBL-produzierende Bakterien nachgewiesen. Diese Keime können viele Antibiotika unwirksam machen.
  • Über 18 Prozent der Proben enthielten multiresistente Bakterien, die gegen mindestens drei wichtige Antibiotikaklassen resistent sind.
  • Besonders besorgniserregend: Resistenzen gegen Colistin, ein Reserveantibiotikum, das von der WHO als kritisch für die Humanmedizin eingestuft wird, wurden ebenfalls gefunden.

Ladina Bissinger, Campaignerin bei VIER PFOTEN Deutschland, betont die systematische Problematik:
„**Diese Ergebnisse sind keine Einzelfälle: Die grauenvolle Tierhaltung und die Antibiotikaresistenzen haben in der Geflügelindustrie System. Wiesenhof hat einen riesigen Marktanteil und muss endlich Verantwortung übernehmen und durch eine artgerechte Haltung den flächendeckenden Einsatz von Antibiotika reduzieren – für die Hühner und für die Gesundheit von Millionen Menschen.**“

Die Bedrohung durch resistente Keime ist nicht nur lokal, sondern global gravierend. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt, dass bis zum Jahr 2050 weltweit jährlich bis zu 10 Millionen Todesfälle auf Antibiotikaresistenzen zurückzuführen sein könnten.

VIER PFOTEN stellt klare Forderungen zur Verbesserung der Tierhaltung und damit zur Verringerung des Antibiotikaeinsatzes:

  • Verbot von Qualzuchten; Einsatz von Zweinutzungslinien mit einer Lebensdauer von 14 bis 20 Wochen
  • Reduzierung der Tierzahl in Ställen auf maximal 4.800 Hühner
  • Maximal 21 Kilogramm Lebendgewicht pro Quadratmeter, regelmäßiger Auslauf mit mindestens 4 Quadratmetern Grünfläche pro Tier, ausreichend erhöhte Sitzplätze und Beschäftigungsmöglichkeiten
  • Schlachtungen ausschließlich an nächstgelegenen Schlachthöfen; Transporttemperaturen zwischen 5 und 25 Grad Celsius, maximale Transportdauer von 4 Stunden, maximale Verweildauer in Transportboxen von 6 Stunden, Mindesthöhe der Boxen 35 bis 40 Zentimeter

Mit der Protestaktion macht VIER PFOTEN den Zusammenhang zwischen der aktuellen Geflügelhaltung und der wachsenden Bedrohung durch resistente Keime sichtbar. Die Entwicklung fordert eine dringende Anpassung der Standards in der Geflügelmast, um sowohl das Tierwohl zu schützen als auch die öffentliche Gesundheit zu sichern.

Warum Antibiotikaresistenzen weit über den Tierschutz hinausgehen

Antibiotikaresistenzen sind heute eine der größten Bedrohungen für die öffentliche Gesundheit – und sie betreffen nicht nur die Tierhaltung. Zwar steht der massive Einsatz von Antibiotika in der industriellen Geflügelmast oft im Fokus der Kritik, doch die Folgen reichen deutlich weiter und betreffen die gesamte Gesellschaft, Verbraucher:innen und das Gesundheitssystem gleichermaßen. Antibiotikaresistente Bakterien können von Tieren auf Menschen übertragen werden, vor allem über belastetes Fleisch, und erschweren die Behandlung lebensbedrohlicher Infektionen. Deutschland verzeichnet allein mehrere Tausend Todesfälle jährlich, die direkt auf resistente Keime zurückzuführen sind. Die Dimensionen des Problems sind global: Experten warnen davor, dass bis zum Jahr 2050 weltweit bis zu 10 Millionen Menschen jährlich an Antibiotikaresistenzen sterben könnten.

Hinter der breiten Nutzung von Antibiotika in der Geflügelzucht steckt eine komplexe Dynamik. Ställe mit hoher Besatzdichte und engen Haltungsbedingungen erhöhen das Risiko für Krankheitsausbrüche unter den Tieren. Um diese zu verhindern oder zu behandeln, werden häufig Antibiotika eingesetzt – nicht selten auch prophylaktisch. Dies fördert die Bildung resistenter Keime, die sich sowohl im Tierbestand als auch in der Umwelt ausbreiten können. Die Verfügbarkeit von sogenannten Reserveantibiotika, die eigentlich nur als letztes Mittel in der Humanmedizin eingesetzt werden sollten, macht die Lage besonders ernst. Werden diese Medikamente in der Landwirtschaft verabreicht, steigt die Gefahr, dass selbst schwerste Infektionen beim Menschen nicht mehr behandelbar sind.

Politisch steht das Thema auf vielen Ebenen auf der Tagesordnung, aber oft bleiben Forderungen nach strengeren Regeln und besserer Kontrolle hinter den Erwartungen zurück. Verbraucher:innen sehen sich verunsichert, da sie durch den Kauf von Geflügelfleisch unbeabsichtigt zur Verbreitung antibiotikaresistenter Keime beitragen können. Gleichzeitig wächst der Druck auf die Landwirtschaft, Produktionskosten niedrig zu halten und hohe Mengen zu liefern. Diese wirtschaftlichen Anreize stehen häufig im Konflikt mit dem notwendigen Umstieg auf artgerechtere Haltungssysteme, die den Antibiotikaeinsatz reduzieren könnten.

Internationale Beispiele und Lösungsansätze

Der Umgang mit Antibiotikaresistenzen ist kein rein deutsches Problem. Länder weltweit suchen nach Wegen, um dieser Gesundheitskrise entgegenzuwirken und die Ausbreitung resistenter Keime einzudämmen:

  • Dänemark hat mit einem teilweise Verbot von vorbeugendem Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung den Verbrauch deutlich gesenkt und dabei demonstriert, dass Tiergesundheit und Produktivität nicht widersprüchlich sein müssen.
  • Niederlande setzen auf ein umfassendes Monitoring von Resistenzentwicklungen und fördern aktiv die Umstellung auf alternative Haltungsformen.
  • Japan investiert stark in Forschung für neue Antibiotika und Präventionsmethoden, kombiniert mit strengen gesetzlichen Vorgaben für den Antibiotikaeinsatz in der Landwirtschaft.

Solche Strategien zeigen: Das Problem ist lösbar, wenn Politik, Wirtschaft und Verbrauchende gemeinsam handeln. Denn Antibiotikaresistenzen sind kein Tierschutzproblem allein – sie sind eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die verantwortungsbewusstes Handeln auf allen Ebenen erfordert.

Die in diesem Beitrag verwendeten Fakten und Zitate stammen aus der Pressemitteilung der Tierschutzstiftung VIER PFOTEN – Stiftung für Tierschutz.

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8 Kommentare

  1. „Billigfleisch“ hat seinen Preis! Es ist wichtig darüber zu reden, wie unser Essen produziert wird und welche Konsequenzen das hat. Welche Informationen braucht man denn noch um bewusster einzukaufen?

    1. „Billigfleisch“ klingt immer gut aber was kostet es uns wirklich? Ich bin für nachhaltige Lösungen! Wie seht ihr das mit den Alternativen wie Pflanzenprotein? Ist das eine Lösung für die Zukunft?

  2. Ich bin auch für artgerechte Tierhaltung! Die Tiere leiden unter den Bedingungen und wir Menschen auch durch die Folgen des Antibiotikaeinsatzes. Wie könnte man das System ändern? Gibt es schon Ansätze?

  3. Die Zahlen sind wirklich alarmierend! Ich wusste nicht, dass so viele Menschen an Resistenzen sterben. Was haltet ihr von den Forderungen von VIER PFOTEN? Glaubt ihr, dass die Politik da reagieren wird?

    1. Es ist schwer zu sagen, ob die Politik wirklich etwas unternimmt. Oft wird nur geredet und nichts getan. Vielleicht sollten wir mehr Druck aufbauen? Was denkt ihr über Petitionen oder Boykotte?

  4. Ich finde es erschreckend, wie viele Antibiotikaresistenzen in der Geflügelproduktion vorkommen. Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft diese Themen ansprechen. Was denkt ihr über die Rolle der Verbraucher in diesem Problem?

    1. Das stimmt, Mmerkel! Ich habe auch darüber nachgedacht, wie sehr wir durch unsere Kaufentscheidungen Einfluss nehmen können. Glaubt ihr, dass mehr Bio-Fleisch-Käufe tatsächlich etwas bewirken könnten?

    2. Ich finde es traurig zu sehen, wie das alles so zusammenhängt. Wenn wir nicht aufpassen, gefährden wir unsere Gesundheit. Wie können wir uns besser informieren und was könnten Alternativen sein?

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