Manchmal sitzen wir im Team zusammen, schauen auf die Zahlen einer Spendenaktion – und irgendwas fühlt sich merkwürdig an. Viel Aufwand, hübsche Prämien, nette Dankesgeschenke… aber der Effekt? Meh.
Genau darum geht’s hier: Peer-to-Peer-Fundraising, automatisierte Mails und die Frage, wann Incentives helfen – und wann sie Motivation kaputtmachen.
Peer-to-Peer-Fundraising: Mehr als „Lauf gegen XY“
Wir reden von all den Aktionen, bei denen Menschen für euren Verein sammeln, nicht ihr selbst:
- Spendenläufe der Jugendabteilung
- Geburtstagsaktionen für den Tierschutzverein
- Spendenchallenges in der Kirchengemeinde
- Online-Spendenaktionen nach dem Motto „Statt Geschenke bitte spenden“
Das Grundprinzip: Eure Unterstützer:innen werden zu Mini-Fundraiser:innen. Sie machen die eigentliche Überzeugungsarbeit in ihrem Umfeld. Unsere Erfahrung: Wenn das gut gemacht ist, schlägt das jede klassische Fundraising-Mail.
Aber: Genau hier wird es heikel, wenn wir anfangen, mit Prämien und Belohnungen zu spielen.
Automatisierte Mails: Kleine Nachrichten mit großer Wirkung
Technisch ist das inzwischen alles machbar. P2P-Tools (z. B. Altruja, betterplace, eigene Fundraising-Software) können:
- automatisch Mails verschicken,
- basierend auf Schwellenwerten:
z. B. „Hat 50 € gesammelt“, „Hat das Profil seit 10 Tagen nicht geteilt“.
Wir sehen vor allem drei Typen von Trigger-Mails, die sinnvoll sind:
1. Aktivierungs-Mails
Für alle, die gerade gestartet sind oder noch zögern:
- „Super, dass du dabei bist – hier sind drei Textideen, die du posten kannst.“
- „Dein Spendenziel wirkt gerade noch etwas abstrakt – magst du es in eine konkrete Geschichte übersetzen?“
Das ist Hilfe, kein Druck. Und das funktioniert ziemlich gut.
2. Motivations-Mails
Für die, die schon gut unterwegs sind:
- „Du hast schon 150 € gesammelt – Hammer! Viele hören an der Stelle auf. Wenn du deinen Link diese Woche nochmal teilst, sind 250 € absolut drin.“
Solche Mails können einen richtigen zweiten Schub auslösen – vor allem, wenn sie persönlich klingen und konkret sind.
3. Reaktivierungs-Mails
Für die, deren Seite online ist, aber… na ja… eher Staub ansetzt:
- „Deine Aktion schläft noch – magst du sie wieder aufwecken? 3 kurze Ideen, wie du heute starten kannst.“
Hier sehen wir in der Praxis oft: besser kleine, machbare Schritte, statt Schuldgefühle.
Jetzt wird’s spannend: Prämien, T-Shirts & der Motivations-Knick
Das heikle Thema: Incentives.
Viele Kampagnen arbeiten damit:
- T-Shirt ab 100 € eingesammelten Spenden
- Medaille oder Urkunde ab 250 €
- Goodie-Bag oder exklusive Einladung ab 500 €
Klingt harmlos. Ist ja nett.
Unser Bauchgefühl war lange auch: „Bisschen Belohnung schadet doch nicht.“
Dann sind wir tiefer in die Verhaltensökonomie eingestiegen – und plötzlich ergaben einige komische Effekte in P2P-Kampagnen erschreckend viel Sinn.
„Insufficient Justification“ – wenn der Anreiz die gute Tat kleiner macht
In der Psychologie gibt es ein Konzept mit dem sperrigen Namen „insufficient justification“ – grob übersetzt: „zu wenig Rechtfertigung“.
Die Kurzversion:
- Menschen tun gerne Dinge aus innerer Überzeugung:
„Ich sammle Spenden, weil mir das Thema wichtig ist.“ - Wenn wir eine kleine externe Belohnung einführen, kann das Gehirn plötzlich umschalten auf:
„Ich mache das ja auch wegen des Geschenks.“ - Passt die Belohnung nicht zur Größe des Engagements, wird sie zur Beleidigung statt zur Anerkennung:
- „Für 200 € eingesammelte Spenden ein billiges T-Shirt? Ernsthaft?“
Das Perfide:
Damit untergräbt die Prämie die innere Motivation, ohne wirklich als echte Belohnung zu wirken.
Wir haben also mehr Aufwand, weniger Herzblut.
Wir kennen Vereine, bei denen genau an dieser Stelle etwas gekippt ist:
- Früher: Leute haben aus Überzeugung gesammelt und Geschichten erzählt.
- Nach Einführung von kleinen Prämien:
„Ach so, das ist ja ein Wettbewerb. Nee, dafür hab ich keine Zeit.“
oder: „Ich fühle mich irgendwie wie eine Außendienstlerin – dafür reicht mir ein Beutel wirklich nicht.“
Was wir in Kampagnendaten immer wieder sehen
Wenn wir Fundraising-Kampagnen auswerten, sehen wir bestimmte Muster:
Die meisten Einnahmen kommen von wenigen sehr engagierten Personen.
10–20 % der Fundraiser:innen bringen oft 60–80 % der Einnahmen.Diese Top-Leute sind selten wegen der Prämien dabei.
Sie machen’s, weil sie betroffen sind, ein Herzensthema haben oder ein starkes Teamgefühl.Kleine, materielle Prämien wirken vor allem auf die „Mittelschicht“ – und oft nur kurz.
Ein paar Leute legen sich etwas mehr ins Zeug, aber der Effekt ist meist nicht nachhaltig.Incentives können Kommunikations-Fokus verschieben.
Plötzlich geht es in E-Mails und auf Aktionsseiten ständig um „Belohnungen“, nicht mehr um Wirkung, Geschichten und Menschen.
Wir haben sogar schon Kampagnen gesehen, bei denen nach dem Entfernen von Prämien:
- weniger Budget verbrannt wurde
- die durchschnittlichen Einnahmen pro Fundraiser:in gestiegen sind
- und das Team berichtet hat: „Die Gespräche mit Unterstützer:innen wurden viel persönlicher.“
Worauf reagieren Menschen wirklich? (Spoiler: selten auf Kugelschreiber)
Unsere Erfahrung aus Beratungen, Analysen und etlichen Vereinsprojekten:
Im Peer-to-Peer-Kontext funktionieren andere „Anreize“ viel besser als Zeug.
Gut funktionieren:
Sichtbarkeit & Wertschätzung
Öffentliche Dankesposts, Namensnennung auf der Website, kleine Porträts:
„Das ist Jana. Sie hat mit ihrer Spendenaktion 1.200 € für unsere Jugendfreizeit eingesammelt.“Erleben & Gemeinschaft
Gemeinsames Abschlussevent, digitales Dankes-Meetup, Foto-Collage, kurze Videobotschaft vom Vorstand oder Projektteam.Bedeutung & Wirkung
„Deine 500 € haben konkret ermöglicht, dass…“
Je konkreter, desto stärker.Coole, sinnvolle Benefits (wenn unbedingt materiell)
Wenn schon Incentive, dann bitte: hochwertig, selten, sinnstiftend (z. B. exklusive Projekteinblicke, Besuch vor Ort, 1:1-Gespräch mit dem Projektteam).
Das ist die eigentliche Pointe:
Wertschätzung schlägt Ware.
Recht & Datenschutz: Trigger-Mails mit Gehirn UND DSGVO
Ein kurzer Realitäts-Check, bevor wir in den Praxis-Teil gehen.
Wenn ihr einkommensgetriggerte E-Mails einsetzen wollt, müsst ihr:
- Sicherstellen, dass ihr eine gültige Einwilligung für E-Mail-Kommunikation habt (Double-Opt-In, klare Zweckbeschreibung).
- In eurer Datenschutzerklärung transparent machen,
dass ihr Verhalten im Rahmen einer Spendenaktion (z. B. gesammelte Summe) nutzt, um passende Kommunikation auszulösen. - Mit Dienstleistern Auftragsverarbeitungsverträge schließen (DSGVO).
- Nur so viele Daten wie nötig verarbeiten – kein Data-Mining fürs gute Gewissen.
Das klingt bürokratisch, ist aber machbar.
Und es zwingt uns gleichzeitig zu Klarheit:
Welche Informationen brauchen wir wirklich, um sinnvoll zu motivieren – und was ist nur Neugier?
Unser Praxisleitfaden: Wie Vereine Anreize klug einsetzen
1. Erst Motivation verstehen, dann Belohnung basteln
Im Team ehrlich klären:
- Warum machen Menschen typischerweise bei euren P2P-Aktionen mit?
- persönliche Betroffenheit?
- Spaß am Event?
- Vereinsverbundenheit?
- Gemeinschaft?
Dann die Frage: Was verstärkt diese Gründe – und was würde sie verwässern?
Wenn jemand aus tiefer Überzeugung sammelt, ist ein Stoffbeutel eher Störgeräusch als Verstärker.
2. Klare Ziele & KPIs festlegen
Bevor ihr Incentives einbaut:
- Was wollt ihr konkret verbessern?
- durchschnittlicher Spendenbetrag pro Fundraiser:in?
- Anzahl der aktiven Fundraiser:innen?
- Wiederholungsrate in der nächsten Kampagne?
Dann passende Kennzahlen definieren, z. B.:
- Ø Spendenvolumen je Fundraiser:in
- Quote „Profil angelegt → tatsächlich um Spenden gebeten“
- Anteil der Fundraiser:innen mit mind. 5 Spenden
Nur dann könnt ihr später ehrlich sagen:
„Die Prämien bringen was“ – oder eben nicht.
3. E-Mail-Trigger bauen, die helfen statt nerven
Wenn ihr Trigger-Mails aufsetzt, achtet darauf, dass sie:
- konkret sind: „Teile heute noch mal deinen Link mit diesem beispielhaften Text.“
- ermutigend, nicht beschämend: kein „Du hast ja noch gar nichts gemacht…“
- kurz und persönlich formuliert: weg von Standardblasen, hin zu echter Sprache.
Sinnvolle Triggerpunkte sind z. B.:
- X Tage nach Registrierung ohne Spende
- beim Erreichen von 30/50/80 % des Ziels
- kurz vor Aktionsende
4. Incentives eher „nach oben“ als „nach unten“
Wenn ihr unbedingt mit Prämien arbeiten wollt, dann:
- nicht für jeden Kleinstbetrag (das verstärkt den „Ich mache es wegen der Belohnung“-Gedanken),
- sondern eher als besondere Anerkennung für sehr hohes Engagement.
Zum Beispiel:
- ab 1.000 € eingesammelten Spenden: exklusive Projektführung
- für die engagiertesten 10 Fundraiser:innen: ein Treffen mit dem Team, eine besondere Erwähnung oder ein tiefer Einblick hinter die Kulissen
Also: wenige, wertige Incentives, statt „Tasse für jede:n“.
5. Testen, messen, anpassen – ohne Ideologie
Unser Tipp aus der Praxis:
- Startet mit einer Veränderung (z. B. keine T-Shirts mehr, dafür eine kleine Spotlight-Serie auf euren Kanälen).
- Messt die Auswirkung auf:
- Gesamterlös
- Ø Erlös pro Fundraiser:in
- Rückmeldungen aus der Community
Und dann sprechen die Zahlen.
Wir haben schon oft erlebt:
Das Loslassen von „klassischen“ Incentives war weniger gefährlich – und viel befreiender – als befürchtet.
Ein kleiner Blick in unser eigenes Aha-Moment-Archiv
Es gab diesen einen Workshop mit einem Sportverein.
Jahre lang: Spendenlauf mit Preisen für die erfolgreichsten Sammler:innen – Pokale, Sporttaschen, Gutscheine.
Wir haben gemeinsam Zahlen angeschaut.
Es stellte sich heraus:
- Die Top-3-Sammler:innen wären sowieso mitgelaufen.
- Die Preise waren teuer.
- Niemand erinnerte sich an die Tasche vom letzten Jahr – aber alle wussten noch, wie sich der gemeinsame Zieleinlauf angefühlt hatte.
Ein Jahr später:
- Keine Sachpreise mehr.
- Stattdessen:
Gemeinsames großes Mannschaftsfoto, Ehrungsabend, persönliche Geschichten auf Social Media.
Ergebnis:
- Einnahmen: leicht gestiegen
- Aufwand für Prämien: massiv gesunken
- Feedback: „Es ging endlich wieder um unseren Zweck – nicht ums Gewinnen.“
Solche Momente prägen uns.
Sie erinnern uns daran: Menschen machen Fundraising für Menschen. Nicht für Merch.
Unser Fazit: Anreize ja – aber bitte emotional, nicht materiell
Wenn wir auf all die Kampagnen blicken, die wir begleitet, analysiert oder verflucht haben, bleibt:
- Peer-to-Peer-Fundraising lebt von Beziehungen, Geschichten und Sinn.
- Automatisierte, einkommensgetriggerte Mails können richtig gut helfen – wenn sie unterstützen statt drängeln.
- Materielle Prämien sind heikel:
Zu klein – und sie zerstören Motivation.
Zu groß – und sie machen eure Arbeit unnötig teuer und unfair. - Emotionale, soziale und inhaltliche „Incentives“ (Anerkennung, Einblicke, Gemeinschaft) schlagen Tasse und T-Shirt fast immer.
Wenn sich etwas komisch anfühlt in eurer Kampagne – wenn ihr plötzlich mehr über Goodies als über Wirkung redet – lohnt sich ein ehrlicher Blick:
Brauchen wir hier wirklich ein Geschenk?
Oder braucht es schlicht mehr echte Verbindung zu den Menschen, die für uns sammeln?
8 Antworten
. Der Artikel hat viele gute Anregungen gegeben! Besonders die Idee mit den Dankespostings gefällt mir gut. Was denkt ihr über digitale Events zur Förderung von Gemeinschaftsgefühl unter Fundraisern?
Ich fand die Argumentation über interne Motivation sehr spannend. Es wäre interessant zu sehen, wie andere Organisationen mit dem Thema umgehen. Nutzt jemand hier vielleicht schon diese Art von Mails?
! Ich habe in meiner Organisation ähnliche Ansätze ausprobiert und die Rückmeldungen waren positiv. Es wäre hilfreich zu wissen, welche weiteren Strategien angewendet werden können.
Ein sehr aufschlussreicher Beitrag! Besonders die Erklärungen zu Trigger-Mails haben mir gefallen. Wie genau kann man sicherstellen, dass diese Mails nicht als aufdringlich wahrgenommen werden? Gibt es da Best Practices?
Der Text spricht viele wichtige Punkte an. Ich habe auch das Gefühl, dass Prämien manchmal eher ablenken als motivieren. Was haltet ihr von der Idee, mehr auf persönliche Geschichten zu setzen? Das könnte doch wirklich helfen, oder?
Ich stimme zu! Persönliche Geschichten berühren die Leute mehr als ein T-Shirt. Hat jemand Beispiele für erfolgreiche Kampagnen ohne materielle Anreize?
Genau! Die emotionale Verbindung ist entscheidend. Ich denke, wir sollten unsere Ansätze überdenken und weniger Wert auf materielle Dinge legen.
Ich finde den Artikel sehr anregend und er regt zum Nachdenken an. Die Idee, dass Incentives manchmal kontraproduktiv sein können, ist interessant. Wie könnte man die Motivation der Fundraiser erhöhen ohne materielle Anreize? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?