Aktive Schulwege: Warum immer weniger Kinder zu Fuß oder mit dem Rad zur Schule kommen

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Der ADFC warnt vor einem Rückgang aktiver Schulwege und startet 2026 in der Region Stuttgart das Pilotprojekt „Bike2School“. Das Projekt soll Kindern durch Fahrtrainings und Radchecks sicheres Radfahren vermitteln. *„Je mehr Kinder mit dem Rad oder zu Fuß zur Schule kommen, desto sicherer wird der Straßenverkehr für alle“*, so ADFC-Landesvorsitzender Dr. Matthias Zimmermann.

Inhaltsverzeichnis

– Immer weniger Kinder kommen aktiv mit Fahrrad oder zu Fuß zur Schule, was gesundheitliche und soziale Folgen hat.
– Der ADFC startet 2026 in Stuttgart ein Pilotprojekt, um Kindern sicheres Radfahren beizubringen.
– Für die Finanzierung läuft bis zum 19. Dezember 2025 eine dringende Spendenkampagne.

Alarm vor dem Schultor: Immer weniger Kinder kommen aktiv zur Schule

Das Verkehrschaos vor Unterrichtsbeginn gehört an vielen Schulen inzwischen zum Alltag. Während in den 1970er Jahren nicht mal fünf Prozent der Grundschulkinder mit dem Auto zur Schule gefahren wurden, sind es heute rund ein Fünftel* – ein Trend, der trotz besserer Infrastruktur anhält. Der ADFC Baden-Württemberg warnt vor den gesundheitlichen und sozialen Folgen dieser Entwicklung und startet mit dem Projekt Bike2School eine Gegeninitiative. Für die Finanzierung des mehrwöchigen Pilotprojekts im Großraum Stuttgart ab 2026 läuft bis zum 19. Dezember eine Spendenkampagne.

Aus Sicht des Fahrradclubs ist die Lösung klar: „Je mehr Kinder mit dem Rad oder zu Fuß zur Schule kommen, desto sicherer wird der Straßenverkehr für alle. Erst wenn Kinder selbstverständlich am Straßenverkehr teilnehmen können, ist er wirklich sicher“, so ADFC-Landesvorsitzender Dr. Matthias Zimmermann.

Schulwege im Wandel: Eine Bestandsaufnahme

Die Aussage, immer weniger Kinder kämen aktiv zur Schule, wirft die Frage nach der tatsächlichen Entwicklung auf. Ein Blick auf verfügbare Studien zeigt ein differenziertes Bild mit regionalen Unterschieden und langfristigen Verschiebungen. Die Daten deuten nicht auf einen einfachen Abwärtstrend, sondern auf komplexe Veränderungen hin.

Langfristige Entwicklung aktiv zurückgelegter Schulwege

Betrachtet man bundesweite Erhebungen, zeigt sich für die vergangenen zwei Jahrzehnte eine leichte positive Entwicklung. Laut der Studie „Mobilität in Deutschland“ stieg der Anteil aktiver Schulwege – also zu Fuß oder mit dem Fahrrad – von 42 Prozent im Jahr 2008 auf 47 Prozent im Jahr 2017 (Stand: 2008 bzw. 2017)*. Der Anteil der zu Fuß gehenden Kinder erhöhte sich in diesem Zeitraum von 31 auf 34 Prozent, der Radanteil von 11 auf 13 Prozent.

Eine andere Perspektive bietet die Motorik-Modul-Studie (MoMo). Sie zeigt, dass in der Altersgruppe der 6- bis 10-Jährigen in den Jahren 2014 bis 2017 noch sehr hohe Anteile aktiv unterwegs waren: 81,0 Prozent der Mädchen und 78,4 Prozent der Jungen nutzten aktive Wege (Stand: 2014–2017)*. Dies unterstreicht, dass insbesondere bei jüngeren Kindern das Zu-Fuß-Gehen noch stark verbreitet ist.

Stadt-Land- und Regionalbeispiele

Ein lokales Beispiel aus Nordrhein-Westfalen unterstreicht die Komplexität. In Lünen lag der Anteil aktiver Schulwege 2017 morgens bei 49,9 Prozent und nachmittags bei 50,5 Prozent (Stand: 2017). Interessant ist der saisonale Effekt: Im Sommer stieg der Anteil in Lünen auf 65,3 Prozent (Stand: Sommer 2017). Dies deutet darauf hin, dass Wetter und Tageslicht einen erheblichen Einfluss auf die Wahl des Verkehrsmittels haben.

Die folgende Tabelle fasst die zentralen Daten zur Entwicklung zusammen:

Jahr/Zeitraum Anteil aktiv (%) Anteil zu Fuß (%) Anteil Rad (%) Quelle/Stand
2008 42 31 11 Mobilität in Deutschland*
2014–2017 (6–10 J.) 81,0 (Mädchen) k.A. k.A. MoMo-Studie*
2017 47 34 13 Mobilität in Deutschland*
2017 (Lünen, Sommer) 65,3 k.A. k.A. Lüner Regionalbefund*

Die Daten zeigen kein einheitliches Bild eines stetigen Rückgangs. Stattdessen wird sichtbar, dass sich die Mobilität auf Schulwegen in den letzten 15 Jahren auf einem bestimmten Niveau stabilisiert oder sogar leicht verbessert hat. Die aktuelle Diskussion muss daher weniger einen generellen Abwärtstrend beklagen, sondern vielmehr die Frage stellen, wie die bereits positiven regionalen Beispiele zum bundesweiten Standard werden können.

Schulwege: Zwischen realen Unfallzahlen und elterlichen Ängsten

Die Diskussion um sichere Schulwege wird von zwei zentralen Faktoren geprägt: den tatsächlichen Unfallstatistiken und der subjektiven Gefahrenwahrnehmung der Eltern. Aktuelle Daten der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) zeigen eine Entwicklung, die Anlass zur Sorge gibt, während eine parallel laufende Elternbefragung die Gründe für elterliche Vorsicht offenlegt.

Unfallzahlen im Zeitvergleich

Die Entwicklung der Schulwegunfälle zeigt einen klaren Aufwärtstrend. Im Jahr 2020 verzeichneten Grundschüler in Deutschland 14.547 Schulwegunfälle (Stand: 2020). Nach DGUV-Angaben stieg die Zahl der Schulwegunfälle im ersten Halbjahr 2024 auf 40.416 und im gleichen Zeitraum 2025 auf 42.303 – eine Zunahme von etwa 5 Prozent (Stand: erstes Halbjahr 2025). Diese chronologische Abfolge von 2020 über das erste Halbjahr 2024 bis zum ersten Halbjahr 2025 verdeutlicht eine anhaltende Problematik.

Diese statistische Realität trifft auf eine besorgte Elternschaft. Die gefühlte Unsicherheit steht in einem komplexen Verhältnis zum tatsächlichen Mobilitätsverhalten.

Die Daten legen nahe, dass die elterliche Sorge nicht unbegründet ist, aber auch nicht zwangsläufig in einer vollständigen Aufgabe der aktiven Mobilität mündet. Stattdessen fordern Eltern und Experten konkrete Maßnahmen. Es geht weniger darum, Kinder aus dem Verkehr zu ziehen, als vielmehr darum, den Verkehr so zu gestalten, dass er für Kinder sicher wird.

Warum Kinder sich unsicher fühlen — Meinungen und Empfehlungen

Die Entscheidung für das Elterntaxi ist selten eine reine Bequemlichkeitsfrage. Sie spiegelt vor allem Sorgen wider. Laut einer ADAC-Umfrage aus dem Jahr 2023 nennen 42 % der Eltern die Sicherheit ihres Kindes als Hauptgrund für die Automitnahme auf dem Schulweg*. Diese Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen. Eine gemeinsame Studie des Deutschen Kinderhilfswerks, des VCD und des VBE zeigt, dass sich 18 % der Kinder bundesweit auf ihrem Schulweg unsicher fühlen*. In Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern steigt dieser Anteil auf 24 % (Stand: 2024). Der Schulwege-Index 2025 bestätigt dieses Bild: Nur 5 % der untersuchten Wege gelten als sicher, rund ein Drittel wird als mangelhaft eingestuft.

Eltern- und Kinderbefragungen

Die Befunde zeichnen ein klares Bild der Ursachen. Eltern sehen sich in der Pflicht, ihre Kinder vor einem als bedrohlich empfundenen Verkehrsumfeld zu schützen. Gleichzeitig fehlt vielen Kindern das Vertrauen, sich in diesem Umfeld eigenständig zu bewegen. Dieser Teufelskreis aus elterlicher Sorge und kindlichem Unsicherheitsgefühl verfestigt das Verkehrschaos vor den Schultoren. Der ADFC stellt fest, dass sich Deutschlands Verkehrssystem bis heute primär am Auto orientiert – mit direkten Nachteilen für Kinder und Familien. „Unsichere Wege, große Distanzen und fehlende Alternativen führen dazu, dass viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto kutschieren“, heißt es in der Pressemitteilung vom Dezember 2025.

Empfohlene Maßnahmen für Kommunen

Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, empfehlen Verkehrsverbände und Experten einen mehrgleisigen Ansatz. Er zielt darauf ab, einerseits die objektive Sicherheit zu erhöhen und andererseits Kindern wie Eltern die notwendige Erfahrung und das Vertrauen für aktive Mobilität zu vermitteln. Die Empfehlungen reichen von infrastrukturellen Veränderungen bis zu pädagogischen Programmen.

Konkret fordern und fördern Verbände unter anderem diese Maßnahmen:

  • Die Einrichtung von Tempo-30-Zonen an und um Schulen (Quelle: DGUV, Stand: 2025)*.
  • Die Schaffung von Elternhaltestellen und geordneten Bringzonen, um das Gedränge direkt vor dem Schultor zu entzerren (Quelle: DGUV, Stand: 2025)*.
  • Begleitprogramme und eine schrittweise Entwöhnung vom Elterntaxi, bei denen Kinder zunächst begleitet und später eigenständig unterwegs sind (Quelle: VBE/Deutsches Kinderhilfswerk/VCD, Stand: 2024)*.
  • Den Ausbau sicherer Radwege sowie lokale Trainingsangebote wie das Projekt „Bike2School“, das Kindern praxisnahes Radfahren vermittelt (Quelle: Springer Medizin/ADFC-Projekt Bike2School, PM-Stand: Dezember 2025)*.

Diese Schritte sollen nicht nur die Sicherheit erhöhen, sondern auch die Perspektive der Kinder in den Mittelpunkt rücken. „Nur wer die Perspektive von Kindern einnimmt, weiß, wo es im Straßenverkehr wirklich sicher ist und wo nachgebessert werden muss“, betont der ADFC. Letztlich profitieren alle von sicheren Schulwegen: Die Kinder gewinnen an Selbstständigkeit, die Straßen werden entlastet und der Verkehr insgesamt sicherer.

Ausblick: Was jetzt passieren sollte

Die Entwicklung aktiver Schulwege braucht klare Ziele und eine konsequente Umsetzung. Für Kommunen und Schulen bieten sich konkrete Ansatzpunkte: Tempo-30-Zonen vor Bildungseinrichtungen, gut platzierte Elternhaltestellen und gezielte Fahrradtrainings für Kinder. Um den Fortschritt zu messen, können Indikatoren als Monitoringinstrumente dienen.

Die nachfolgenden Informationen und Zitate basieren auf einer Pressemitteilung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs e. V. (ADFC), Landesverband Baden-Württemberg.

Weiterführende Quellen:

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