– 51 % der befragten Neurolog*innen erleben mindestens monatlich belastende Ereignisse im Arbeitsalltag.
– 26 % der Teilnehmenden zeigen wahrscheinliche Burnout-Merkmale, Resilienzförderung und Debriefings fehlen oft.
– DGN fordert strukturierte Nachbesprechungen, Personal-Schlüssel-Anpassung und weniger Dokumentationsaufwand zur Burnout-Prävention.
Belastende Ereignisse im ärztlichen Alltag: Umfrage offenbart Handlungsbedarf und Lösungsansätze
Eine aktuelle Umfrage von knapp 500 Ärzten, darunter 318 in der Weiterbildung, zeigt deutlich, wie häufig belastende Situationen im ärztlichen Alltag auftreten und welche Folgen sie haben. 51 Prozent der Teilnehmenden berichteten von solchen Ereignissen mindestens einmal im Monat, bei 15 Prozent sind sie sogar wöchentlich oder häufiger zu erleben. Besonders betroffen sind jene, die in der Notaufnahme (85 %) und auf Intensivstationen (54 %) arbeiten.
Dr. Johannes Piel, Sprecher der Jungen Neurologie und Erstautor der Studie, erklärt dazu: „Resilienz ist ein großes Thema in der Medizin. Belastende Ereignisse gehören zur ärztlichen Tätigkeit dazu, der Umgang mit ihnen kann jedoch unterschiedlich aussehen.“ Insbesondere junge Ärztinnen und Ärzte in der Weiterbildung stehen oft frühzeitig vor anspruchsvollen Situationen, etwa nachts oder an Wochenenden, und sind häufig nur telefonisch beraten. Die fehlende strukturierte Nachbesprechung und eine weitgehend abwesende offene Fehlerkultur erhöhen die Belastung zusätzlich. „Dieses Problem ist ein systemisches, das über die Fächergrenzen hinausgeht und in anderen kritischen Berufen wie der Luftfahrt oder Organisationen mit Sicherheitsaufgaben so nicht vorstellbar ist“, betont Piel.
Die Auswirkungen dieser Überlastung verdeutlichen auch die Bewältigungsstrategien der Befragten. 20 Prozent greifen zu Alkohol, 9 Prozent zu Medikamenten, um mit dem Druck umzugehen. Vor diesem Hintergrund fordert die Studie, die Atmosphäre im medizinischen Alltag grundlegend zu verändern: „Wir müssen eine Atmosphäre schaffen, in der das Sprechen über kritische Ereignisse und die eigene Belastung nicht mit Schwäche assoziiert wird, sondern mit dem Willen zur Weiterentwicklung und Verbesserung, auch im Sinne der Patientensicherheit.“
Prof. Dr. Daniela Berg, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und Letztautorin der Studie, sieht in den Ergebnissen einen klaren Handlungsauftrag: „Wir brauchen mehr Ärztinnen und Ärzte und können es uns nicht leisten, dass Kolleginnen und Kollegen durch den Job krank werden.“ Sie schlägt unter anderem eine strukturierte Einarbeitung, regelmäßige Nachbesprechungen und eine offene Fehlerkultur als wichtige Maßnahmen vor, um die Resilienz der Ärztinnen und Ärzte zu stärken und die Burnout-Rate zu senken.
Die Umfrage macht auch deutlich, dass es sich bei der Überlastung um ein gesellschaftliches Problem handelt. Angesichts des großen Fachkräftemangels im Gesundheitssystem ist es notwendig, den Arztberuf attraktiver zu gestalten und die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Nur so lassen sich die Leistungsfähigkeit im Gesundheitswesen langfristig sichern und die Belastungen für medizinisches Personal mindern.
Warum der ärztliche Burnout uns alle betrifft: Bedeutung, Herausforderungen und Perspektiven
Die hohe Belastung von Ärztinnen und Ärzten ist kein rein inneres Fachproblem, sondern hat weitreichende Folgen für das gesamte Gesundheitssystem und damit für die Gesellschaft. Burnout, Überforderung und psychische Belastungen bei Medizinerinnen und Medizinern wirken sich direkt auf die Qualität der Patientenversorgung aus und verschärfen den Fachkräftemangel in der Medizin. Eine aktuelle Studie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) zeigt eindrücklich, wie häufig belastende Ereignisse im ärztlichen Berufsalltag sind und welche strukturellen Veränderungen dringend notwendig sind, um die Situation zu verbessern.
Über 50 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte gaben an, mindestens einmal im Monat belastenden Situationen ausgesetzt zu sein, 15 Prozent sogar wöchentlich oder öfter. Besonders häufig treten diese Stressfaktoren in der Notaufnahme oder auf Intensivstationen auf. Ursachen sind neben hohem Patientenaufkommen vor allem eine belastende Fehlerkultur, organisatorische Mängel und das sogenannte Second-Victim-Phänomen – die psychische Belastung, die Ärztinnen und Ärzte nach schweren Patientenschicksalen erleben. Solche Herausforderungen wirken sich nicht nur auf das Wohlbefinden der Medizinberufe aus, sondern sie beeinflussen auch unmittelbar die Patientensicherheit und Versorgungsqualität.
Lernen von anderen Branchen
Der Umgang mit Belastungen und Fehlern ist in medizinischen Einrichtungen oft noch nicht mit der Offenheit und Professionalität verankert, wie es in anderen sicherheitskritischen Bereichen üblich ist. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Luftfahrt, die seit Jahrzehnten eine ausgeprägte Fehlerkultur pflegt und systematisch mit belastenden Ereignissen umgeht. Dort hat die institutionalisierte Nachbesprechung von kritischen Situationen, sogenannte Debriefings, dazu beigetragen, dass sich Fehler nicht wiederholen und die psychische Belastung der Mitarbeitenden reduziert wird.
In der Studie wird deutlich, dass 69 Prozent der Teilnehmenden sich auf belastende Ereignisse nicht ausreichend vorbereitet fühlten und nur 23 Prozent während dieser Situationen Supervision erhielten. Das Fehlen strukturierter Nachbesprechungen und offener Fehlerkommunikation führt dazu, dass Ärztinnen und Ärzte häufig allein mit ihren Erfahrungen bleiben. Im Gegensatz zu Luftfahrt und anderen sicherheitsrelevanten Berufen ergibt sich hier ein dringender Bedarf an einer systemischen Veränderung.
Konsequenzen für Patienten und Versorgung
Die Belastung und der daraus resultierende Burnout haben direkte Auswirkungen auf die Versorgungssituation. Etwa ein Viertel der befragten Ärztinnen und Ärzte zeigte Merkmale eines wahrscheinlichen Burnouts. Dies ist nicht nur ein individuelles Gesundheitsproblem, sondern beeinträchtigt auch die Leistungsfähigkeit im Beruf. Dysfunktionale Bewältigungsmechanismen wie der vermehrte Konsum von Alkohol (20 %) oder Medikamenten (9 %) verdeutlichen, wie groß die Notwendigkeit ist, den Arbeitsalltag zu entlasten und die psychische Widerstandsfähigkeit (Resilienz) zu stärken.
Eine übersehene Folge ist der Fachkräftemangel: Wer unter dauerhafter Überforderung leidet und keine angemessenen Unterstützungsangebote hat, fällt häufiger aus oder verlässt früher den Beruf. Damit entsteht Druck auf das Gesundheitssystem, der letztlich die gesamte Versorgungssicherheit gefährdet – von den Notaufnahmen bis zur spezialisierten neurologischen Behandlung.
Wie kann ein Kulturwandel aussehen?
Für eine nachhaltige Verbesserung muss sich die Fehlerkultur in medizinischen Einrichtungen grundlegend wandeln – weg von Schuldzuweisungen, hin zu Offenheit, gegenseitiger Unterstützung und systematischer Reflexion. Die Studie unterstreicht die Bedeutung von Maßnahmen wie:
- Strukturierten Einarbeitungsprogrammen für junge Ärztinnen und Ärzte, die gezielt auf belastende Situationen vorbereiten
- Regelmäßigen, qualifizierten Debriefings nach kritischen Ereignissen, um Belastungen zu verarbeiten und psychische Folgen zu mildern
- Förderung einer offenen Kommunikationskultur, in der über Fehler und Belastungen gesprochen wird, ohne Scham oder Angst vor Konsequenzen
- Anpassung der Personalbesetzung an das Patientenaufkommen zur Vermeidung von Überlastung
- Reduktion unnötiger Bürokratie und Dokumentationspflichten, damit Ärztinnen und Ärzte mehr Zeit für die direkte Patientenversorgung haben
- Fächerübergreifende Supervisionen und Coaching-Angebote, die den Umgang mit Stress und Unsicherheit erleichtern
- Integration von Resilienz- und Fehlerkulturthemen bereits im Medizinstudium, um zukünftige Medizinerinnen und Mediziner frühzeitig zu stärken
Diese Ansätze sind keine Versprechen, sondern werden bereits in Branchen mit hoher Verantwortung umgesetzt und zeigen dort nachweislich positive Effekte. Die Herausforderung liegt darin, sie systematisch und flächendeckend in das Gesundheitswesen zu übertragen.
Der Wandel des ärztlichen Berufsalltags hin zu mehr Unterstützung und offener Fehlerkultur ist nicht nur wichtig für die Gesundheit der Medizinberufe, sondern auch für die langfristige Sicherung einer qualitativ hochwertigen Patientenversorgung. Indem das Gesundheitssystem die psychischen Belastungen der Ärztinnen und Ärzte anerkennt und aktiv bewältigt, kann es die Attraktivität des Berufs erhöhen, Burnout-Raten senken und die Versorgung für alle verbessern.
Dieser Artikel stützt sich auf eine Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) zur Studie über Belastungen und Burnout bei Neurologinnen und Neurologen.