– DGB fordert mehr bezahlbaren Wohnraum in öffentlicher Hand
– Bodenpolitik soll mit Vorkaufsrechten und Preisdämpfung gestärkt werden
– Sozialwohnungen sinken trotz steigender Investitionen und hoher Mietbelastung
DGB fordert entschlossene Schritte für bezahlbaren Wohnraum
Vor dem am Mittwoch stattfindenden Spitzengespräch zur Bau- und Wohnungspolitik des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen fordert der Deutsche Gewerkschaftsbund entschlossene Schritte für mehr bezahlbaren Wohnraum. DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell sagte am Dienstag in Berlin: „Auch wenn die Zahl der Baugenehmigungen erfreulicherweise steigt, bleibt viel zu tun, damit es beim Wohnungsbau wirklich vorangeht. Entscheidend ist nicht nur, dass gebaut wird, sondern auch was und in wessen Eigentum – wir brauchen dringend mehr bezahlbaren Wohnraum in öffentlicher und gemeinnütziger Hand.“
Die Wohnkostenbelastung zeigt sich besonders deutlich bei einkommensschwachen Gruppen. Trotz steigender Investitionen sinkt die Gesamtzahl der Sozialwohnungen weiterhin – während immer mehr Menschen durch hohe Wohnkosten überlastet sind.*
Körzell betonte: „Wenn wir den Trend steigender Wohnkosten brechen wollen, brauchen wir eine soziale Boden- und Wohnungspolitik, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert – nicht am Höchstgebot von renditeträchtigen Kapitalgebern.“ Als zentralen Hebel nannte er die Bodenpolitik und forderte wirksame Schritte zur Dämpfung der Bodenpreise in der geplanten Novelle des Baugesetzbuches.*
Hintergrund: Bauland, Preise, Bauzahlen
Die deutsche Wohnungsmarktkrise hat strukturelle Ursachen, die sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten entwickelt haben. Bodenpreise und Baukosten bilden das Fundament für die aktuelle Situation – und ihre Entwicklung zeigt, warum bezahlbarer Wohnraum zur Mangelware wurde.
In Berlin explodierten die Bodenpreise von 200 Euro pro Quadratmeter (Stand: 2008) auf 1.733 Euro pro Quadratmeter (Stand: 2022). Bundesweit stieg der durchschnittliche Preis für baureifes Land von 76 Euro pro Quadratmeter (Stand: 2000) auf 236 Euro pro Quadratmeter (Stand: 2022). Diese Entwicklung macht Bauprojekte besonders in Ballungsräumen zunehmend unwirtschaftlich.
Boden- und Grundstückskosten: Entwicklung (alt → neu)
Die Preissteigerungen bei Grundstücken übertreffen die allgemeine Teuerungsrate bei weitem. Während sich der Bundesdurchschnitt innerhalb von 22 Jahren mehr als verdreifachte, verzeichnete Berlin im gleichen Zeitraum einen fast neunfachen Anstieg. Diese Diskrepanz zwischen Metropolen und dem Bundesgebiet verdeutlicht die regionale Zuspitzung des Problems.
Bauzahlen: Genehmigt vs. Fertiggestellt
Die aktuellen Bauzahlen zeigen eine ambivalente Entwicklung: 251.900 Wohnungen wurden 2024 fertiggestellt – der niedrigste Wert seit 2015. Gleichzeitig stieg die Zahl der neu gebaut oder genehmigten Wohnungen im Zeitraum Januar bis Juli 2025 auf 131.800, was einem Plus von 6,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Diese gegenläufigen Trends verdeutlichen die komplexe Dynamik am Wohnungsmarkt.
Der Fehlbestand an Wohnungen beläuft sich Schätzungen zufolge auf 550.000 Einheiten (Stand: 2024). Parallel dazu schrumpft das Angebot an Sozialwohnungen kontinuierlich: von 1,13 Millionen (Stand: 2020) auf etwa 970.000 (Stand: Ende 2023). Diese Entwicklung trifft besonders Haushalte mit niedrigem Einkommen, die auf preisgebundenen Wohnraum angewiesen sind.
| Jahr | Indikator | Wert | Einheit | Quelle/Stand |
|---|---|---|---|---|
| 2000 | Preis baureifes Land | 76 | €/qm | Initiative Klimaneutral (2022)* |
| 2022 | Preis baureifes Land | 236 | €/qm | Initiative Klimaneutral (2022)* |
| 2008 | Berliner Bodenpreise | 200 | €/qm | Tagesspiegel (2022)* |
| 2022 | Berliner Bodenpreise | 1.733 | €/qm | Tagesspiegel (2022)* |
| 2020 | Sozialwohnungen | 1,13 | Mio. | Böckler-Stiftung (2023)* |
| 2023 | Sozialwohnungen | 0,97 | Mio. | Böckler-Stiftung (2023)* |
| 2024 | Fertigstellungen | 251.900 | Wohnungen | ZDF (2024)* |
| 2025 | Genehmigungen (Jan-Jul) | 131.800 | Wohnungen | ZDF (2025)* |
Die Daten belegen eine doppelte Herausforderung: Während die Baupreise explodieren, sinkt gleichzeitig das Angebot an bezahlbarem Wohnraum. Diese Entwicklung unterstreicht die Dringlichkeit politischer Maßnahmen, die sowohl die Bodenpreise dämpfen als auch den sozialen Wohnungsbau stärken.
Wer ist betroffen? Soziale Folgen und Mietbelastung
Sarah öffnet den Brief ihres Vermieters und atmet tief durch. Wieder eine Mieterhöhung – die dritte in vier Jahren. Als Alleinerziehende mit zwei Kindern in München bedeutet jeder Euro mehr bei der Miete weniger Geld für gesunde Ernährung, Bildungsangebote oder Freizeitaktivitäten. Ihre Geschichte ist kein Einzelfall, sondern spiegelt eine gesellschaftliche Realität wider, die viele Haushalte in Deutschland betrifft.
Wer trägt die Last?
Die Zahlen zeigen: Viele Mieterinnen und Mieter tragen eine hohe Wohnkostenbelastung.* Besonders hart trifft es dabei bestimmte Bevölkerungsgruppen:
- Geringverdiener und Alleinerziehende
- Auszubildende und Studierende
Diese Gruppen sehen sich mit der paradoxen Situation konfrontiert, dass sie zwar über ein regelmäßiges Einkommen verfügen, aber dennoch jeden Monat neu kalkulieren müssen, ob ihre Miete noch bezahlbar bleibt.
Regionale Unterschiede bei Mieten
Die Belastung verteilt sich nicht gleichmäßig über das Bundesgebiet. Während in einigen Regionen die Mieten moderat steigen, zeigen Großstädte und Ballungsräume dramatische Entwicklungen. Seit 2020 sind die Angebotsmieten im Schnitt um 8,6 Prozent gestiegen (Quelle: PwC Deutschland, Stand: 2025).* München bildet mit besonders hohen Kaltmieten die Spitze dieses Trends.*
Die sozialen Folgen dieser Entwicklung gehen weit über finanzielle Aspekte hinaus. Wenn Menschen einen Großteil ihres Einkommens für Wohnkosten aufwenden müssen, bleibt weniger Spielraum für andere Lebensbereiche. Die Sorge um die Bezahlbarkeit der Wohnung führt zu psychischen Belastungen und schränkt die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ein. Die hohen Mieten in Ballungsräumen zwingen viele Beschäftigte dazu, lange Pendelstrecken in Kauf zu nehmen oder auf Wohnqualität zu verzichten. Ein Teufelskreis, der die Lebensqualität ganzer Bevölkerungsgruppen beeinträchtigt.
Debatte und politische Optionen
Während die DGB-Forderungen nach mehr bezahlbarem Wohnraum in öffentlicher und gemeinnütziger Hand auf dem Tisch liegen (siehe Dokumentation der Gewerkschaftsforderungen im ersten Kapitel), konkurrieren verschiedene politische Ansätze um die Lösung der Wohnungskrise. Die Debatte bewegt sich zwischen sozialpolitischen Interventionen und marktorientierten Reformen – mit unterschiedlichen Umsetzungsständen und praktischen Hürden.
Empfehlungen der Baulandkommission
Die Baulandkommission empfiehlt als zentrale politische Maßnahme eine stärkere Reaktivierung von Brachflächen kombiniert mit gezielten Steueränderungen. Dieser Ansatz zielt darauf ab, zusätzliche Baugrundstücke zu erschließen und gleichzeitig die Bodenpreisdynamik zu dämpfen. Allerdings steht die Umsetzung dieser Empfehlungen Stand: 2025 noch aus, was die politischen Verhandlungsprozesse und praktischen Implementierungsschwierigkeiten widerspiegelt. Die Verzögerung zeigt die komplexen Abwägungsprozesse zwischen verschiedenen Interessengruppen und die Herausforderungen bei der Integration solcher Maßnahmen in bestehende rechtliche Rahmenbedingungen.
Wirtschaftliche Perspektive
Aus wirtschaftlicher Sicht unterstreicht eine Analyse von PwC die gesamtwirtschaftlichen Folgen der Wohnungsnot. Laut der Untersuchung belastet die angespannte Wohnungslage in Großstädten den Arbeitsmarkt signifikant. Seit 2020 sind die Angebotsmieten in Deutschland im Schnitt um 8,6 Prozent gestiegen, mit Spitzenwerten insbesondere in München*. Diese Entwicklung beeinträchtigt die Mobilität von Arbeitskräften und verschärft den Fachkräftemangel in wirtschaftlichen Ballungszentren.
Die Gegenüberstellung der politischen Optionen offenbart unterschiedliche Vor- und Nachteile: Während die Baulandkommission-Empfehlungen auf langfristige strukturelle Veränderungen abzielen, adressieren die DGB-Forderungen unmittelbare soziale Hürden. Praktische Herausforderungen zeigen sich insbesondere bei der Koordination zwischen Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene sowie bei der Finanzierung der vorgeschlagenen Maßnahmen. Die Bodenpreisdämpfung steht dabei im Spannungsfeld zwischen Eigentumsschutz und Gemeinwohlorientierung.
Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung stehen vor der Aufgabe, diese unterschiedlichen Ansätze zu einer kohärenten Gesamtstrategie zu verbinden. Sie müssen sowohl die dringende Entlastung von Mieterhaushalten im Blick behalten als auch nachhaltige strukturelle Reformen vorantreiben, ohne dabei die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aus dem Blick zu verlieren.
Die nachfolgenden Informationen und Zitate stammen aus einer Pressemitteilung vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).
Weiterführende Quellen:
- „In Berlin sind die Bodenpreise seit 2008 von 200 Euro auf 1.733 Euro pro Quadratmeter im Jahr 2022 gestiegen.“ – Quelle: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/ausgebaut-berlins-explodierende-bodenpreise-machen-wohnungsbau-unbezahlbar/
- „Der durchschnittliche Preis für baureifes Land in Deutschland ist zwischen 2000 (76 €/qm) und 2022 (236 €/qm) auf das Dreifache gestiegen.“ – Quelle: https://initiative-klimaneutral.de/publikationen/kostensteigerung-im-neubau/
- „Von Januar bis Juli 2025 wurden bundesweit 131.800 Wohnungen neu gebaut oder genehmigt, rund 6,6 % mehr als im Vorjahreszeitraum; 2024 wurden insgesamt 251.900 Wohnungen fertiggestellt, der niedrigste Wert seit 2015.“ – Quelle: https://www.zdfheute.de/wirtschaft/wohnen-preise-anstieg-immobilien-eigentumswohnung-bau-turbo-100.html
- „Im Jahr 2024 fehlten in Deutschland schätzungsweise 550.000 Wohnungen; das Defizit an bezahlbaren Wohnungen ist besonders in Großstädten und Metropolregionen kritisch.“ – Quelle: https://mieterbund.de/app/uploads/2025/04/Endbericht_Wohnungsbau-2025-_Quo-vadis_Stand-01.04.2025.pdf
- „Die Zahl der Sozialwohnungen in Deutschland ist 2023 unter 1 Million gefallen, von 1,13 Millionen im Jahr 2020 auf etwa 970.000 Ende 2023.“ – Quelle: https://www.boeckler.de/de/auf-einen-blick-17945-20782.htm
- „Seit 2020 sind die Angebotsmieten in Deutschland im Schnitt um 8,6 Prozent gestiegen; München liegt 2025 an der Spitze mit 22 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete.“ – Quelle: https://www.pwc.de/de/pressemitteilungen/2025/trend-setzt-sich-fort-wohnungsnot-in-grossstaedten-belastet-den-arbeitsmarkt.html
- „Rund 6 Millionen Mieter:innen (13,2 %) waren 2024 in Deutschland von extremer Wohnkostenbelastung betroffen, d.h. sie geben einen erheblichen Teil ihres Nettoeinkommens für die Miete aus.“ – Quelle: https://mieterverein-heidelberg.de/mietenreport-2025-wohnungskrise-erreicht-mitte-der-gesellschaft/
- „Die Baulandkommission hat bundespolitisch u. a. die stärkere Reaktivierung von Brachflächen und Steueränderungen empfohlen; deren Umsetzung steht aber (Stand: 2025) noch aus.“ – Quelle: https://www.dielinkebt.de/themen/a-z/detailansicht/bauland-boden/
7 Antworten
Die DGB-Forderungen sind ein Schritt in die richtige Richtung, aber ich habe das Gefühl, dass die Umsetzung schwierig sein wird. Gibt es Beispiele von Städten, wo ähnliche Maßnahmen erfolgreich waren?
Die Zahlen zum Wohnungsbau sind erschreckend. Wenn wir nicht schnell handeln, wird es noch schlimmer werden. Es ist traurig zu sehen, wie viele Sozialwohnungen verloren gehen. Was können wir tun, um mehr Menschen eine Stimme zu geben?
Das ist ein guter Punkt! Vielleicht sollten wir uns mehr für lokale Initiativen einsetzen und die Politik stärker unter Druck setzen, damit sie aktiv wird.
Ich denke auch, dass die Menschen sich mehr engagieren sollten. Es reicht nicht aus zu klagen; wir müssen konkret handeln!
Ich finde es sehr wichtig, dass der DGB sich für bezahlbaren Wohnraum einsetzt. Die steigenden Bodenpreise sind ein großes Problem, besonders in Großstädten. Was denkt ihr über die Vorschläge zur Bodenpolitik? Glaubt ihr, dass diese Maßnahmen wirklich helfen können?
Ja, ich stimme dir zu! Die Situation ist wirklich ernst. Aber wie lange wird es dauern, bis wir echte Veränderungen sehen? Ich mache mir Sorgen um die Familien mit niedrigem Einkommen.