40 Jahre Tschernobyl: BUND und Ecoaction warnen vor neuem Atomkurs in der EU

Am 40. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wenden sich der BUND und die ukrainische Organisation Ecoaction gegen neue Atomprojekte in der EU und die deutsche Debatte um einen Wiedereinstieg. Sie bezeichnen Atomkraft als hochgefährliche Technologie und kritisieren die Kooperation mit Russland, die aus ihrer Sicht die Abhängigkeit von Moskau verlängert. Stattdessen fordern die Verbände einen konsequenten Ausbau der erneuerbaren Energien, deren Anteil an der Stromerzeugung in Deutschland heute bei rund 60 Prozent liegt.

Inhaltsverzeichnis

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– BUND und Ecoaction lehnen Atomkraft am 40. Jahrestag von Tschernobyl ab.
– Keine sicheren, günstigen oder kleinen Reaktoren – Scheindebatte beenden.
– Erneuerbare Energien erreichen 60 Prozent; Energiewende als Erfolgsgeschichte.

40 Jahre nach Tschernobyl: BUND und Ecoaction warnen vor neuer Atomoffensive in Europa

Zum 40. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wenden sich der BUND und die ukrainische Umweltorganisation Ecoaction gegen neue Atomprojekte in Europa, gegen die Debatte über eine Rückkehr zur Atomkraft in Deutschland und gegen eine weitere nukleare Zusammenarbeit mit Russland.

Für die beiden Organisationen ist die Erinnerung an Tschernobyl nicht nur historisch, sondern eine aktuelle energie- und sicherheitspolitische Mahnung. Sie sehen in der neu aufflammenden Debatte um neue Reaktoren, Small Modular Reactors und mögliche deutsche AKW-Rückkehr einen gefährlichen Kurswechsel.

Tschernobyl als bleibende Warnung

Am 26. April 1986 explodierte das Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine. Über 300.000 Menschen verloren ihre Heimat, Tausende wurden verstrahlt, viele starben. Aus Sicht des BUND zeigt gerade dieses Ereignis, warum eine Rückkehr zur Atomkraft nicht infrage kommt.

BUND-Vorsitzender Olaf Bandt sagt: „Die Tschernobyl-Katastrophe war ein brutaler Einschnitt in das Leben vieler Menschen und sie wirkt bis heute nach. Vor dem Hintergrund des enormen Gefahrenpotentials ist es grotesk, dass über neue Atomprojekte diskutiert wird. Die Technologie ist und bleibt hochgefährlich.“

Der Verband richtet seine Kritik nicht nur gegen große Neubauten, sondern auch gegen die Vorstellung, neue oder kleinere Reaktortypen könnten die grundsätzlichen Probleme der Nukleartechnik lösen. Auch die Diskussion über ein mögliches Wiederhochfahren deutscher Anlagen bewertet der BUND als politisch fehlgeleitet.

Bandt kritisiert: „Die Union verschwendet mit der Atomkraft-Scheindebatte unnötig Zeit und Ressourcen. Söder, Spahn und Co. lenken von dem ab, was ökonomisch sinnvoll ist und zum Wohl von Mensch und Umwelt notwendig: dem naturverträglichen Ausbau Erneuerbarer Energien. Die Energiewende ist eine deutsche Erfolgsgeschichte, die es gilt fortzuschreiben.“

Als Beleg verweist der BUND auf die Entwicklung der Stromerzeugung in Deutschland: Lag der Anteil erneuerbarer Energien vor 20 Jahren bei etwa 12 Prozent, liegt er heute bei 60 Prozent.

EU-Kommission setzt neue Signale für Atomkraft

Die Kritik von BUND und Ecoaction fällt in eine Phase, in der sich die europäische Energiepolitik spürbar verändert. Am 10. März 2026 bezeichnete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Abkehr von der Atomkraft als strategischen Fehler. Zugleich kündigte sie laut Stern 200 Millionen Euro Bürgschaften für Investitionen in neue Atomtechnologien an.

Damit gewinnt die Debatte über den künftigen Atomkurs der EU an Gewicht. Im Zentrum stehen neben klassischen Reaktoren vor allem Small Modular Reactors (SMR). Nach europäischer Strategie sollen diese Anlagen bis Anfang der 2030er Jahre einsatzbereit werden. Vorgesehen sind einheitliche Genehmigungen, standardisierte Baupläne und eine europäische Lieferkette.

Aus Sicht der Kritiker droht diese politische Aufwertung der Atomkraft, Kapital, Planungskapazitäten und politische Aufmerksamkeit vom Ausbau der erneuerbaren Energien abzuziehen. Genau hier sehen BUND und Ecoaction einen zentralen Konflikt der kommenden Jahre.

Kritik an Brennelementefabrik in Lingen und Zusammenarbeit mit Rosatom

Ein Schwerpunkt der gemeinsamen Kritik betrifft die geplante Erweiterung der Brennelementefabrik Lingen in Niedersachsen. Nach Darstellung der Organisationen will der französische Betreiber dort über eine Unternehmenskooperation mit dem russischen Staatskonzern Rosatom auch Brennelemente sowjetischen Typs herstellen.

Für den BUND ist das nicht nur eine industriepolitische, sondern auch eine geopolitische Frage. Olaf Bandt verbindet das Vorhaben direkt mit dem russischen Krieg gegen die Ukraine: „Während in der Ukraine das AKW Saporischschja in Geiselhaft genommen wird, duldet die deutsche Bundesregierung, dass die gleichen Leute auf deutschem Boden Brennelemente für sowjetische AKW herstellen. So wird von deutschem Boden aus die russische Kriegskasse mitfinanziert und die EU bleibt weiter vom nuklearen Tropf Russlands abhängig. Die Bundesregierung muss dieses Projekt stoppen und die Urananlagen in Lingen und Gronau endlich schließen.“

Damit rückt für den Verband auch die Frage nach nuklearen Abhängigkeiten von Russland in den Mittelpunkt. Aus seiner Sicht widerspricht eine solche Kooperation den sicherheits- und energiepolitischen Interessen Europas.

Ukrainische Perspektive auf Atomkraft im Krieg

Besonderes Gewicht erhält die Stellungnahme durch die ukrainische Perspektive von Ecoaction. Geschäftsführer Olexi Pasyuk erlebte die Katastrophe von Tschernobyl als Zwölfjähriger in Kiew. Seine Erinnerung verbindet die Folgen des Unfalls mit den aktuellen Erfahrungen eines Landes im Krieg.

Pasyuk sagt: „Ich erinnere mich, wie wir auf dem Schulhof mit Klassenkameraden überlegten, ob der Regen, der uns gerade auf den Kopf fällt, wohl radioaktiv sei. Alle hatten Verwandte und Freunde, die vor ihrer Zeit an den Folgen der Reaktorkatastrophe starben. Einerseits sieht die ukrainische Gesellschaft mehrheitlich Atomkraft als notwendiges Übel. Andererseits sehen wir gerade, wie das zentralisierte Stromsystem in Kriegszeiten angegriffen wird und die Menschen sprechen sich gegen AKW-Zubau in Kriegszeiten aus.“

Aus Sicht von Ecoaction zeigt der Krieg, dass Atomkraftwerke in bewaffneten Konflikten zu einem dauerhaften Verwundbarkeitsrisiko werden. Das gelte besonders mit Blick auf das weiterhin von russischen Soldaten besetzte Atomkraftwerk Saporischschja. Hinzu kommt der Hinweis auf Berichte der Internationalen Atomenergiebehörde Ende 2025, wonach der Schutzmantel um die Tschernobyl-Atomruine durch massive russische Drohnenangriffe seine wichtigste Sicherheitsfunktion verloren habe.

Zweifel an Kosten, Bauzeiten und Verlässlichkeit neuer Reaktoren

Der europäische Atomkurs bleibt aus Sicht der Kritiker nicht auf politische Ankündigungen beschränkt. Nach einem Bericht von Stromzeit plante Frankreich mit Stand 8. April 2026 sechs bis 14 neue EPR2-Reaktoren sowie einen SMR-Prototyp. Großbritannien baut demnach an Sizewell C und Bradwell B und verfolgt zudem das SMR-Projekt Wylfa. Auch Estland und Norwegen prüfen Standorte für SMR.

Für BUND und Ecoaction unterstreichen diese Projekte, dass die Auseinandersetzung um die künftige Energieinfrastruktur längst konkret geworden ist. Zugleich verweisen sie auf massive Kostenüberschreitungen, technische Probleme, lange Projektlaufzeiten und extreme Verzögerungen bei europäischen Atomprojekten. Aus ihrer Sicht spricht auch das gegen eine neue Priorisierung der Nukleartechnik.

Damit verbindet sich für die Organisationen eine grundsätzliche Frage der energiepolitischen Schwerpunktsetzung: Soll Europa auf langwierige und risikobehaftete Atomprojekte setzen oder den Ausbau der Erneuerbaren weiter vorantreiben?

Klare Forderung gegen die Rückkehr zur Nukleartechnik

Für BUND und Ecoaction ist die politische Konsequenz aus dem 40. Jahrestag von Tschernobyl eindeutig. Die Debatte über eine Rückkehr zur Atomkraft soll aus ihrer Sicht beendet werden, statt unter neuen technischen und politischen Vorzeichen wieder an Fahrt zu gewinnen.

Olexi Pasyuk sagt: „Es ist frustrierend, dass durch Pro-Atomkraft-Aussagen die enormen gesellschaftlichen, menschlichen und finanziellen Kosten der Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima heruntergespielt werden. Es ist extrem wichtig, dass Europa nicht vergisst, welche schrecklichen Folgen solche Reaktorkatastrophen wie in Tschernobyl und Fukushima haben können. Es gibt keinen realistischen Weg zurück in die Nuklearindustrie – die Alternativen sind da.“

Der BUND verweist zudem auf ein Bündnis mit über 30 Sozial-, Umwelt- und Anti-AKW-Initiativen in Deutschland, das die Ablehnung der Atomkraft erneut bekräftigt hat. Aus Sicht der Organisationen markiert der Jahrestag deshalb nicht nur ein Erinnern an die Katastrophe von 1986, sondern auch eine aktuelle Warnung vor einem energiepolitischen Kurs, der nach ihrer Auffassung an den Lehren von Tschernobyl und Fukushima vorbeigeht.

Dieser Beitrag basiert auf einer Pressemitteilung des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Weiterführende Quellen:

Update: Warum das Thema wichtig bleibt

Teil 1: Einordnung

Der Beitrag ordnet Tschernobyl nicht als abgeschlossenes Kapitel ein, sondern als aktuelle Warnung vor politischen Kurswechseln hin zu neuen Atomprojekten, einschließlich Small Modular Reactors und möglichen AKW-Rückkehrdebatten. Gleichzeitig zeigt er einen energiepolitischen Konflikt: Ausbau der Erneuerbaren versus Investitionen in Nukleartechnik.

Für die Gesellschaft, insbesondere für Umwelt- und Sicherheitsinteressen, folgt daraus: Debatten über Europas Energieversorgung sind zugleich Fragen von Risiko, Abhängigkeiten und Prioritäten. BUND und Ecoaction machen dabei auch deutlich, dass Kooperationen mit Russland und die Verwundbarkeit von Atomstandorten im Krieg sicherheitspolitisch relevant bleiben können.

Teil 2: Leserhilfe

Was Leserinnen und Leser jetzt wissen sollten

Warum warnen BUND und Ecoaction speziell vor neuen Reaktoren und SMR?
Weil sie die grundsätzlichen Probleme der Nukleartechnik als nicht lösbar ansehen und die Debatte als Ablenkung vom Ausbau der Erneuerbaren kritisieren.

Was steckt hinter der Kritik an der Brennelementefabrik Lingen und Rosatom?
Der Beitrag nennt die Sorge, dass dort auch Brennelemente sowjetischen Typs hergestellt werden sollen – mit Bezug auf russische Kriegskontexte und Abhängigkeiten.

Welche Rolle spielt der Krieg aus Sicht der Ukraine?
Ecoaction ordnet ein, dass ein zentrales Stromsystem im Krieg angegriffen wird und viele sich gegen AKW-Zubau in Kriegszeiten aussprechen.

Wer kann helfen, wenn man sich zu Atomkraft-Politik informieren oder einordnen will?
Eine passende Anlaufstelle können Fachstellen, Beratungsstellen oder zuständige Behörden sein.

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9 Kommentare

  1. Interessant und traurig zugleich, die erinnerung an tschernobyl ist wichtig, aber ich frage mich ob die öffent lichkeit genug informiert ist über smrs und epr2, die artikel nennt fr an kreich und GB projekte, kann man das vergleichen mit den deutschen erneuer baren zahlen, mehr links zu /vergleich/euenergie und /dossier/atomprojekte waeren hilfreich

  2. Der beitrag stellt wichtige punkte, aber mir fehlt ein klares bild was mit vorhandenen AKW passiert wenn wieder hochgefahren wird, gibt es pläne fuer stilllegung oder entsorgung, die kosten und risiko frage wird oft nebenbei genannt, bitte verlink zu detail seiten wie /wissen/entsorgung oder /faq/abwikr

  3. Neutral betrachtet ist es schwierig, die argumente ab zu wiegen, Tschernobyl warnung ist klar, aber auch die EU macht politik wegen versorgungssicherheit, wer hat vorschläge wie man investitionen besser lenken kan, gibts konkrete modelle fuer den fokus auf wind solar und speicher siehe /projekte/solarwind oder /falls/energiespeicher

    1. Danke Bernard für die frage, ich glaub an mehr dezentrale lösungen, kleiner kraftwerke nah am verbraucher, und mehr einspeise management, aber ich hab wenig fach wissen, kann jemand erklär en wie SMR da rein passt oder warum die EU standardisier ung anstrebt, link zu /erklärer/smr waere toll

    2. Ich finde man sollte auch die geopolitik im auge behalten, lingen und gronau sind mehr als industrie, da gehts um abhängigkeiten, wer stoppt die zusammenarbeit mit rosatom, und was bedeutet das fuer arbeitsplätze lokal, infos dazu auf /politik/rosatom und /lokal/wirtschaft

  4. Der text macht aufmerk sam aber auch verwirrend, es wird viel von SMR und EPR2 gerede doch wie realistisch sind die zeitpläne, kann jemand quellen zu kosten und bauzeit verlinken /blog/atomkosten oder /analysen/smr bitte, ich seh nicht ganz wie das mit russland kooperati on sich auswirkt auf die sicherheit

    1. Gute frage Ilse, ich denk die plaene sind oft optimistisch und die firma sagen anders, die bauzeit werdn länger sein, und die kosten steige, hat jemand aktuelle zahlen von /studien/atompreise oder /news/lengen, ausserdem klingt die sache mit lingen und rosatom nicht sauber, kann man das genauer prüfen?

    2. Ich will noch ergänzen das die ukrainische sicht wichtig ist, Pasyuk erlebt das ja selber, aber meiner meinung nach muss man auch pragmatisch reden über netz stabilität und erneuer baren ausbau, seiten wie /ratgeber/erneuerbare haben gute tipps wie kommun en das orga nisieren könnnen

  5. ich find gut das bund und ecoaction dran erinnert an tschernoby, aber gibt es daten zu der 60 prozent aussage bei den Erneuer baren? die energiewende wird ja gelobt, trotzdem frage ich mich wie speicherprobleme gelöst werdn, gibts mehr infos auf /politik/energiewende oder /themen/tschernobyl bitte link posten

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